Diese Erzähltextanalyse aus dem Seminar "Gegenwartsliteratur" untersucht das Werk „Glasscherben im Objekt 95“ von Clemens Meyer in Hinblick auf die Fokalisierung, Satzbau und Sprache sowie den Aspekt der interkulturellen Kommunikation. Außerdem werden Aspekte der sog. "Gegenwartsliteratur" herausgearbeitet und in die Analyse mit einbezogen.
Die besondere Sprache Clemens Meyers in seinem Werk Glasscherben im Objekt 95, eine Erzählung, die 2017 in dem Buch Die stillen Trabanten erschienen ist, bildet das Zentrum dieser Arbeit. Meyer schafft es, wie kaum ein anderer Autor der Gegenwart, dem Leser durch seine Sprache intensive Emotionen und Stimmungen zu vermitteln, und diesen somit seine Erzählungen nicht vergessen zu lassen. Ganz gleich welches seiner Werke man liest, sei es Die stillen Trabanten oder Glasscherben im Objekt 95, noch lange nach dem Ende der Erzählung lässt die behandelt Thematik einen nicht los, sodass die Geschehnisse noch lange nachhallen. Fakt ist, dass Clemens Meyers Erzählungen den interessierten Leser nicht unberührt lassen können. Mit dieser besonderen Erzählweise gehen sicherlich auch Probleme einher, welche es genauer zu beleuchten gilt. Durch Meyers komplexe Erzähltechniken gewinnen seine Werke zwar an Gehalt und Qualität, doch zeitgleich wird auch bei so manchem Leser für Irritationen gesorgt, welche beispielhaft an der zu untersuchenden Kurzgeschichte veranschaulicht werden können: Gerade im Hinblick auf die variierenden Zeitdimensionen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, welche innerhalb der Erzählung für den Leser schwer voneinander zu differenzieren sind, bietet die vorliegende Kurzgeschichte eine interessante Basis für Interpretationsansätze. Auch die Dialoge zwischen den beiden Protagonisten sind auf eine besondere Art und Weise dargestellt, was vor allem daher rührt, dass es sich bei diesen um eine Form der interkulturellen Kommunikation handelt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse und Interpretation
2.1 Grundlegendes – Profilierung des Erzählers (Fokalisierung)
2.2 Spezifika der Erzählweise Clemens Meyers – Satzbau und Sprache
2.3 die Figurenrede – der Aspekt der interkulturellen Kommunikation
3. Vergangenheit und Gegenwart
3.1 Gegenwärtigkeit in der Gegenwartsliteratur
3.2 Die Wirkung der Zeitdimensionen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die spezifische Erzählweise von Clemens Meyer in der Kurzgeschichte „Glasscherben im Objekt 95“ aus dem Erzählband „Die stillen Trabanten“. Ziel ist es zu analysieren, wie der Autor durch komplexe Erzähltechniken, eine melancholische Sprache und die bewusste Aufhebung von Zeitgrenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit auf den Leser wirkt und welche Rolle dabei die interkulturelle Kommunikation in der Figurenrede spielt.
- Die Profilierung und Fokalisierung des autodiegetischen Erzählers
- Stilistische Besonderheiten von Satzbau und Sprache
- Interkulturelle Kommunikation als Ausdruck von Einsamkeit
- Die Verschränkung von Zeitdimensionen durch Analepsen und Prolepsen
- Die literaturwissenschaftliche Einordnung in die Gegenwartsliteratur
Auszug aus dem Buch
2.2 Spezifika der Erzählweise Clemens Meyers – Satzbau und Sprache
Clemens Meyers sanfter Schreibstil ist im Hinblick auf die Satzstruktur von Besonderheiten geprägt und unterstützt die durch seine Erzählungen vermittelten Inhalte und die dadurch beim Leser ausgelösten Emotionen maßgeblich. Bereits unmittelbar zu Beginn der Erzählung findet sich ein komplexer Satz mit mehreren Teilsätzen, welche allesamt asyndetisch, bzw. zusätzlich syndetisch, durch nebenordnende Konjunktionen wie beispielsweise und oder aber, miteinander verbunden sind. Dieser Satzbau spiegelt unter anderem den Inhalt gekonnt wieder, denn der Protagonist erzählt an dieser Stelle von seinen endlos langen, öden Nächten auf seiner Arbeit, und davon, dass er diesen Beruf schon seit Jahrzehnten ausübe. Diese Passage berichtet also von einer nicht enden wollenden Monotonie im Leben des Erzählers, welche durch die lange Satzperiode mit kurzen Teilsätzen unfassbar gut veranschaulicht wird.
Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass der komplexe Satz, obgleich er so lang ist, keineswegs unübersichtlich erscheint. Dies lässt sich unter anderem darin begründen, dass die Teilsätze in sich geschlossen und einfach gestaltet sind, wodurch der Leser das Gefühl bekommt, durch eine Art Zeitraffung einen kurzen Überblick über die letzten Lebensjahre des Protagonisten sowie den gegenwärtigen Alltag zu erlangen. Diese zeitraffende Wirkung der von Meyer gewählten Satzstruktur trägt zusätzlich zu einer von Nostalgie und Melancholie geprägten Stimmung bei, welche sich durch die gesamte Kurzgeschichte zieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Werks und der thematischen Ausrichtung der Analyse auf Sprache und interkulturelle Kommunikation.
2. Analyse und Interpretation: Untersuchung der erzählerischen Mittel, der Satzstruktur und der Dialoge der Protagonisten.
2.1 Grundlegendes – Profilierung des Erzählers (Fokalisierung): Analyse der homodiegetischen Erzählrolle und deren Bedeutung für die Leserbindung.
2.2 Spezifika der Erzählweise Clemens Meyers – Satzbau und Sprache: Erläuterung des Schreibstils und der emotionalen Wirkung durch komplexe Satzperioden und Wiederholungen.
2.3 die Figurenrede – der Aspekt der interkulturellen Kommunikation: Analyse der sprachlichen Hürden zwischen deutscher und russischer Sprache innerhalb der Figurenkonstellation.
3. Vergangenheit und Gegenwart: Theoretische und praktische Auseinandersetzung mit der zeitlichen Gliederung und dem Begriff der Gegenwartsliteratur bei Meyer.
3.1 Gegenwärtigkeit in der Gegenwartsliteratur: Begriffsbestimmung und kritische Reflexion des Epochenbegriffs anhand von Beispielen aus dem Werk.
3.2 Die Wirkung der Zeitdimensionen: Analyse der Zeitgestaltung durch Anachronien wie Analepsen und Prolepsen.
4. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der untersuchten Erzählmittel und deren Wirkung auf die Vermittlung von Nostalgie und Einsamkeit.
Schlüsselwörter
Clemens Meyer, Glasscherben im Objekt 95, Die stillen Trabanten, Erzählanalyse, Gegenwartsliteratur, interkulturelle Kommunikation, Figurenrede, Homodiegese, Zeitdimensionen, Analepse, Prolepse, Melancholie, Nostalgie, Satzbau, Erzählweise
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Erzählweise von Clemens Meyer in der Kurzgeschichte „Glasscherben im Objekt 95“. Dabei steht vor allem die sprachliche Gestaltung und die Wirkung der Erzählung auf den Leser im Mittelpunkt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themenfelder sind die Analyse des autodiegetischen Erzählers, die Besonderheiten von Satzbau und Sprache, die Darstellung interkultureller Kommunikation sowie der Umgang mit komplexen Zeitdimensionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Clemens Meyer durch seine spezifischen Erzähltechniken Emotionen wie Melancholie erzeugt und wie die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart innerhalb der Erzählung verschwimmen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es werden Methoden der Erzähltextanalyse verwendet, unter anderem die Profilierung des Erzählers (nach Quintilian), die Untersuchung der Fokalisierung (nach Genette) sowie die Analyse interkultureller Interaktionen (nach Bolten und Maletzke).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der erzählerischen Mittel, die Charakterisierung der Figurenrede und eine kritische Auseinandersetzung mit den Begriffen Gegenwart und Zeit in Meyers Literatur.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Erzählweise, interkulturelle Kommunikation, Anachronie, Nostalgie und Gegenwärtigkeit definieren.
Wie wirkt sich die Sprachbarriere in der Erzählung aus?
Die sprachlichen Differenzen zwischen dem deutschsprachigen Protagonisten und der russischsprachigen Marika unterstreichen das zentrale Motiv der Einsamkeit, da eine Kommunikation auf Augenhöhe durch die vorhandenen Barrieren erschwert wird.
Warum spielt die Zeitgestaltung eine so wichtige Rolle für das Verständnis von Meyer?
Durch unangekündigte Analepsen und Prolepsen wird die chronologische Ordnung durchbrochen. Dies spiegelt das menschliche Denken wider und verleiht der Erzählung ein hohes Maß an Realitätsnähe und Nostalgie.
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- Lale Fröhlich (Author), 2021, Sprache erzählen zu Clemens Meyers "Glasscherben im Objekt 95", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1485048