Das Soziale Ehrenamt - Eine Form der Sinnfindung im Alter

Sozialpädagogische Möglichkeiten der Motivation, Beratung und Begleitung


Diplomarbeit, 1996

169 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Einleitung

1. Was bedeutet „alt sein“ beim Menschen?
1.1 Der Altersbegriff
1.1.1 Die Brauchbarkeit des Begriffs
1.1.2 Altern als ein lebenslanger Prozess
1.2 Älterwerden
1.2.1 Medizini sche Aspekte
1.2.2 Psychologische Aspekte
1.2.3 Soziologische Aspekte
1.3 Die „Alten“ - eine heterongene Gruppe
1.3.1 Junge Alte als „Senioren“
1.3.2 „Hochbetagte“
1.3.3 Die Notwendigkeit einer begrifflichen Differenzierung des Alters
1.4 Individuelles Altern vor dem Hintergrund der eigenen Biographie
1.5. Altwerden im 20. Jahrhundert: Atomzeitalter und Multimedia-Entwicklung
1.6. Altern ein Stigma. Zwei Sichtweisen: Fremdbild und Selbstbild
1.7. Frauen altern anders als Männer
1.7.1 Feminisierung und Singularisierung des Alters
1.7.2 Altern vor dem Hintergrund unterschiedlicher Sozialisation
1.7.3 Differenzierende Daseinsbewältigung im Alter: Ein unterschiedliches Rollenfach
1.7.4 Ökonomische Situation
1.7.5 Kooperation der Geschlechter
1.8. Demographische Entwicklung
1.8.1 Der Alterbaum: V on der Pyramide zum Pilz
1.8.2 Auswirkungen auf den Generationen
1.9. Alternstheorien
1.9.1 Soziologische Ansätze
1.9.1.1 Aktivitätstheorie
1.9.1.2 Disengagementtheorie
1.9.1.3 Relevanz
1.9.2 Aufgabenorientierte Ansätze
1.9.2.1 Altern als Hindurchgehen durch Krisen
1.9.2.2 Altern als Bewältigung von Entwicklungsaufgaben
1.9.2.3 Relevanz
1.9.3 Theorie des „erfolgreichen Alterns“
1.10 Die „ewige Fehlbarkeit“: Die Theorie

2. Hilfe als Urkategorie menschlichen Handelns
2.1 Das Ehrenamt
2.2 Das soziale Ehrenamt: Ein Definitionsversuch
2.2.1 Abgrenzung des sozialen Ehrenamtes von anderen Formen ehrenamtlicher Tätigkeit
2.2.2 Ehrenamtliches Engagement und Geschlechterrollen
2.2.3 Veränderungen in den Geschlechterrollen führt zum Wandel des sozialen Ehrenamtes
2.3 Begriffsverwirrung:
Klassisches Ehrenamt, Selbsthilfe und „Neues Ehrenamt“
2.4. Historische Eckpunkte
2.4.1 Der „Barmherzige Samariter“
2.4.2 Die christlichen Gemeinden und die Nächsten
2.4.3 Das „Elberfelder System“ (1852)
2.4.4 Das „Straßburger System“ (1907)
2.4.5 Das ehrenamtliche soziale Engagement und die erste Frauenbewegung
2.4.6 Weimarer Republik und Drittes Reich
2.4.7 Jüngere Vergangenheit und derzeitiger Diskussionsstand

3. Ein soziales Ehrenamt innehaben: Bedeutung für ältere Menschen
3.1 Persönliche Voraussetzungen für die Übernahme eines Ehrenamtes
3.1.1 Gesundheit
3.1.2 Mobilität
3.1.3 Kompetenz
3.2 Ressourcen des Alters: Besondere „Schätze“
3.2.1 Flexible s Zeitbudget
3.2.2 Erfahrungswissen: „Man muß lange leben, um ein Mensch zu werden“
3.3 Zur Motivationslage älterer Menschen
3.3.1 Die „Alten der Zukunft“
3.3.2 Was sich die Senioren heute wünschen: Tätigsein auch im Alter
3.3.3 „Das Recht auf Faulheit“
3.3.4 Produktivität des Alters
3.3.5 Spaß muss sein
3.4 Die Frage nach dem Sinn des Lebens
3.4.1 Das Thema Lebenssinn in Religion, Wissenschaft und Literatur
3.4.2 Viktor Frankl: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn
3.4.3 Sinnfindung und Alter
3.4.4 Geben und Nehmen: Das soziale Ehrenamt im Alter

4. Sozialpädagogische Möglichkeiten der Motivation, Beratung und Begleitung ehrenamtlich tätiger älterer Menschen
4.1 Beispiel: Altentagesstätte
4.2 Herausforderung Alter
4.3 „Ohne Nachwuchs läuft nichts“
4.4 Sozialpädagogisches Handeln vor dem Hintergrund eines bestehenden Menschenbildes
4.5 Die Bedeutung von Planung für sozialpädagogisches Handeln
4.6 Die Elemente eines Konzeptes
4.6.1 Konzept-Modelle
4.6.2 Die drei Teile eines Konzepts

5. Das Zielgruppen-Konzept
5.1 A-Teil: Theoretische Überlegungen
5.2 B-Teil: Konzeptionelle Überlegungen
5.2.1 Was ist los? Bedingungsanalyse
5.2.1.1 Organisationsstruktur: Rahmenbedingungen
5.2.1.2 Zielgruppenanalyse
5.2.1.2.1 Individuelle Voraussetzungen
5.2.1.2.2 Sozio-kulturelle Voraussetzungen
5.2.1.3 Lehr-Lern-Situation
5.2.1.4 Anthropologische Überlegungen
5.2.2 Was will ich erreichen? Ziele
5.2.2.1 Soll-Zustand: Zielvorstellungen der Altenhilfe gemäß § 73 des Bundessozialhilfegesetzes
5.2.2.2 „Jeder Mensch verfolgt Ziele“
5.2.2.3 Formulierung von Zielen
5.2.2.4 Ordnung der Ziele: Richt-, Grob- und Feinziele
5.2.2.5 Zeitperspektive
5.2.3 Wie will ich mich verhalten? Methoden
5.2.4 Ausarbeitung der Punkte 5.2.2 und 5.2.3 meiner Diplomarbeit anhand der Gegebenheit einer städtischen Altentagesstätte
5.2.4.1 Didaktisch-methodische Überlegungen
5.2.4.1.1 Richtziel-Ebene
5.2.4.1.2 Grobziel-Ebene
5.2.4.1.3 Feinziel-Ebene
5.3 C-Teil: Überlegungen zur Auswertung
5.3.1 Auswertung des ersten Treffens (GZ 5)

6. Langfristiges Lernziel (LZ 6= GZ 6)
6.1 Einforderung von kommunalen sozial-politischen Rahmenbedingungen durch die Sozialarbeit
6.1.1 Räumlichkeiten
6.1.2 Personalausstattung
6.1.3 Öffentliche Anerkennung der Ehrenamtlichkeit älterer Menschen durch die Kommune
6.2.1.1 Fortbildung, Seminare für Ehrenamtliche
6.2 Sozialpädagogische Rahmenbedingungen: Motivation durch qualifizierte Praxisbegleitung
6.2.1 Einzelfallarbeit
6.2.1.1 Definition von Beratung
6.2.1.2 Beratung und Psychotherapie
6.2.1.3 Beratung sziele
6.2.1.4 Informations- und Entscheidungsberatung
6.2.1.5 Begleitende soziale Beratung
6.2.2 Gruppenarbeit
6.2.2.1 Gesprächskreis
6.2.2.2 Probleme bei der Gruppenarbeit

7. Ausblick

8. Literaturverzeichnis

Vorwort

Wozu ein Vorwort? Mein Vorwort soll dazu dienen, all jenen Menschen zu danken, die mich während meines Studiums begleitet, beraten, mir Mut zugesprochen haben, die mir zu einem gerechten Lohn Arbeit vermittelt oder Arbeit gegeben haben. Ohne sie wäre mein Weg nicht möglich gewesen.

Ingolstadt im Mai 1996

Susanne Zuber

Einleitung

In den letzten Jahrzehnten war das Wort „Wertewandel“ in aller Munde. Ein Teil der Bevölkerung verbindet damit vorwiegend positive Vorstellungen, da es um Moderni­sierung und Reformierung unserer Gesellschaft geht. Andere dagegen sehen im Wer­tewandel eine Abkehr von bewährten und traditionellen Tugenden und Normen. Inzwischen hat sich das Blatt nahezu vollständig zugunsten der Skeptiker gewendet, die in den Tenor der Klage über den „Werteverfall“ mit einstimmen. Noch scheint aber Einverständnis darüber zu herrschen, dass es bei dem Verfall nicht um das Wer­tegerüst an sich geht, sondern um die Menschen in der Bevölkerung, die sich in ihren individuellen Wertorientierungen und in ihrem Verhalten immer weiter vom offiziel­len Wertesystem entfernen, das allerdings immer noch als positiv und verbindlich an­gesehen wird.

„Dominierten in den 50er Jahren die sogenannten Sekundärtugenden ,Ordnungsliebe und Fleiß’ im Verein mit dem autoritären Wert ,Gehorsam und Unterordnung’, so übernahm seit den 60er Jahren die individualistische Vorstellung Selbständigkeit und freier Wille’ die Führung." (Gensicke, 1994, S 117).

Sind diese Daten nun ein Indiz für den „Werteverfall" in der Bundesrepublik? Ulrich Beck gar versteht Individualisierung nicht als Chance der positiven Veränderung, son­dern er sieht darin das Brüchigwerden von tradierten Werten. (vgl Beck, 1986, S. 161 ff).

Glaubt man aktuellen Berichten, so unterliegt auch das soziale Ehrenamt einem „Wer­tewandel“, der dem gesellschaftlichen Trend folgt. Auch hier vollzieht sich ein Indivi­dualisierungsprozess, innerhalb dessen die Eigenständigkeit und Eigenverantwortlich­keit des menschlichen Individuums zur obersten kulturellen Leitgröße erklärt wurde. Hier jedoch gleich von einem „Werteverfall“ zu sprechen, wäre verfehlt. Wirklich verfallen im Wertesystem des sozialen Ehrenamtes ist lediglich die bedingungslose Bereitschaft zur Unterordnung, Gehorsam, reiner Altruismus und Anpassung - mitt­lerweile auch bei der Gruppe der älteren Menschen, die zum Teil noch in ihrer Erzie­hung von den tradierten Werten „Gehorsam und Untererordnung“ geprägt wurden.

Auch bei ihnen macht mittlerweile das Schlagwort von der „Neuen Ehrenamtlichkeit“ die Runde. Wenn Erwerbsarbeit und Familie nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens stehen, bietet dies dem Einzelnen vermehrt die Chance, sich im sozialen Bereich zu engagieren, Verantwortung für Andere zu übernehmen und so dem eigenen Leben Sinn zu geben.

Das Interesse am sozialen Ehrenamt ist weit verbreitet, doch viele ältere Menschen setzen ihre Vorhaben und Wünsche nicht in die Tat um. Dieses Verhalten kann vielfäl­tige Gründe haben, z. B fehlende Information und mangelnde Beratung über die viel­fältigen Möglichkeiten der Mitarbeit.

Da der demographische Trend - eine alternde Gesellschaft - vorgegeben und durch Politik - jedenfalls kurz- und mittelfristig - kaum zu verändern ist, müssen die Älteren im Interesse der Gesellschaft insgesamt für soziale Aufgaben gewonnen werden.

Dass auch eine Altentagesstätte sich dieser Entwicklung stellen muss und somit neue Wege in der Altenhilfe zu beschreiten hat, möchte ich in meiner Diplomarbeit aufzei­gen. Dabei soll im Mittelpunkt die Überlegung stehen, ob das Tun für Andere auch eine Form der Sinnfindung im Alter sein kann.

Ich möchte die Antwort schon vorwegnehmen: Soziales Ehrenamt im Alter kann eine Form der Sinnfindung sein. Voraussetzung ist m.E. jedoch die gezielte sozialpädago­gische Beratung und Begleitung der ehrenamtlich tätigen älteren Menschen, um sie zu motivieren, sie vom „Rückzug aufs Altenteil" abzuhalten und sie zu ermutigen, ihre Lebenserfahrungen und Kenntnisse für Andere einzusetzen.

In meiner Diplomarbeit habe ich dabei die Gruppe der sogenannten „jungen Alten“ im Auge. Durch mein Praktikum in einer kommunalen Altentagesstätte erhielt ich kon­krete Informationen über ihre Nutzer. Die Gruppe der „jungen Alten" gehört generell nicht dazu. Gerade dieser Gruppe aber wird eine hohe latente Bereitschaft zu sozialem Engagement attestiert. Sie gilt es zu aktivieren, denn es mangelt in der Kommune an vernetzten Aktivitäten in Bezug auf Lebenshilfen für ältere Menschen. Beratung, technische Hilfen und mitmenschliche Teilnahme für hilfebedürftige alte Menschen, organisiert durch die Gruppe „junger Alter", ist in der Altentagesstätte nicht zu finden. Diese Konstellation „Älter hilft Alt“ habe ich in meiner Diplomarbeit als Fokus ge­wählt, denn in Zukunft wird dies das Modell sein, das sich etabliert.

Das soziale Ehrenamt wurde und wird hauptsächlich von Frauen aller Altersgruppen ausgeübt. Obwohl ich auf diesen Sachverhalt in meiner Arbeit eingehe, möchte ich kein generelles „Konfrontationsthema“ herausarbeiten. Soziales Ehrenamt geht alle an und kann langfristig nur durch eine Kooperation der Geschlechter und der Generatio­nen erfolgreich sein

In der folgenden Zusammenschau möchte ich jene Punkte erläutern. auf die sich meine Arbeit stützt:

Im ersten Kapitel werden generelle Aspekte zum Thema „Altern“ aufgeführt. Ver­schiedene Alternstheorien werden diskutiert. Darüber hinaus wird auf das unterschied­liche Altern von Frauen und Männern eingegangen.

Im zweiten Abschnitt stehen Überlegungen zum Ehrenamt im Mittelpunkt. Gewagt wird sowohl ein Definitionsversuch des sozialen Ehrenamtes als auch ein Abgren­zungsversuch des sozialen Engagements von anderen Formen ehrenamtlicher Tätig­keit. Der Abschnitt 2 bietet zudem einen Überblick über historische Eckpunkte des sozialen Ehrenamtes.

Im dritten Teil werden grundsätzliche Überlegungen angestellt, ob ein soziales Ehren­amt im Alter eine Form der Sinnfindung sein kann. und wenn ja, welche Vorausset­zungen für die Übernahme eines solchen Amtes gegeben sein sollten.

Die Kapitel 4, 5. und 6. befassen sich mit sozialpädagogischen Möglichkeiten der Mo­tivation, Begleitung ehrenamtlich tätiger älterer Menschen.

Ich habe meinen Überlegungen dabei den Konzept-Gedanken von Johannes Schilling zugrunde gelegt. Diese praxisnahe Konzept für eine Zielgruppe dient dazu, sozialar- beiterisches Handeln zu planen um zielgerichtet arbeiten zu können. Wichtig ist dabei einerseits die Analyse der Zielgruppe, andererseits auch eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation. in der ich mich als Sozialarbeiterin/Sozialarbeiter befinde. Des weiteren müssen in die Planung die Ziele, Methoden und Verfahren der Vorgehens­weise eingearbeitet werden. Als Abschluss der Planung ist ein Auswertungsteil vorge­sehen Hierin werden die Weichen für neue Aktivitäten gestellt, da letztlich erst die Reflexion meiner getätigten Handlung neue Erkenntnisse für das weitere Vorgehen bringt.

Der „Ausblick“ am Ende meiner Arbeit zeigt auf, welche Formen von Initiativen Älte­rer möglich sind, bringt aber auch zum Ausdruck, dass zwar vorn guten Tun geredet werden soll, handeln jedoch wirkungsvoller ist.

In meiner Diplomarbeit verwende ich folgende Begriffe synonym

- Sozialarbeit - Sozialpädagogik
- Sozialarbeit - Sozialpädagogik
- Sozialarbeiterin/Sozialarbeiter - Sozialpädagogin/Sozialpädagoge
- ehrenamtliche Tätigkeit - bürgerschaftliches Engagement - freiwilliges soziales Engagement.

1.0 Was bedeutet „alt sein“ beim Menschen?

„Alterwerden heißt, selbst ein neues Geschäft antreten, alle Verhältnisse verändern sich, und man muß entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen.“ Johann Wolfgang von Goethe Maximen und Reflexionen (3.465)

,,Eine begrenzte Zukunft, eine erstarrte Vergangenheit ... ". (Beauvoir, 1970, S. 324) Bedeutet das wirklich alt? Simone de Beauvoir zeichnet in ihrem Werk ,,Das Alter" ein düsteres Bild von der Situation alter Menschen. Seit dessen Erscheinen 1970 hat sich in unserer modernen Gesellschaft gerade in Bezug auf dieses Thema vieles zum Besseren gewandt. Doch hat Simone de Beauvoir mit einigem Recht darauf hingewie­sen, dass über die Notzustände alter Menschen oft beschönigend hinweggeredet wird (vgl. Beauvoir, 1970, S.240).

Wann ist der Mensch alt? Der Begriff ist relativ: Für den 17jährigen ist der 40jährige alt. Für den 40jährigen ist der 60jährige alt. Alt sind immer noch die noch älteren; alt werden nur die anderen. Simone de Beauvoir meint über das Alter: Das Tragische dar­an ist, dass man sich selbst jung fühlt. (ohne Quellenangabe ).

1.1 Der Altersbegriff

„Über die Geschichte des Alterns ... , des Lebenslaufs und der Lebensphase Alter wird seit etwa zwei Jahrzehnten intensiv gearbeitet." (Conrad/Kondratowitz, 1993, S. 1).

Der Vorgang des Altems, diese unumkehrbare Richtung des Lebens von der Geburt bis zum Tod, ist bisher in jeder Gesellschaft Objekt von Beobachtungen und Interpretatio­nen gewesen. Jede Zeit und jede Kultur gab darauf erstaunlich unterschiedliche Ant­worten. Beispielsweise Hippokrates " ... war der erste, der die Etappen des menschli­chen Lebens mit den vier Jahreszeiten verglich und das Alter mit dem Winter." (Beau­voir, 1970, S. 17). Während sich der Begriff "Alter" auf eine Spanne im individuellen Lebenslauf bezieht, kennzeichnet der Begriff "Altem" einen Veränderungsprozess (vgl. Faltermaier u.a., 1992, S. 141), " ... letztlich eine gar nicht bis zum Ende analy­sierbare Einheit von Natur und Geschichte, Physiologie und gesellschaftlicher Situati­on (Rahner, 1993, S.36).

1.1.1 Die Brauchbarkeit des Begriffs

„In den letzten 20 Jahren haben die meisten Gerontologen die äußerst eingeschränkte Brauchbarkeit eines einfachen globalen Altemsbegriffes erkannt. Anstatt einen einheit­lichen oder monokausalen Altemsprozess anzunehmen, hat die Forschung die Not­wendigkeit eingesehen, die gegenseitigen Einflüsse biologischer Prozesse, psychologi­scher Faktoren, von sozialen und ökologischen Kräften und der einzigartigen gesund­heitsrelevanten Verhaltensweisen und Belastungen der Individuen in Betracht zu zie­hen Anstelle eines einzigen zugrunde liegenden Mechanismus wird Altem heute als Ausdruck einer ganzen Anzahl von Prozessen angesehen, die teils unabhängig vonein­ander, teil [sie!] im Konzert mit anderen die Veränderungen im Individuum bewirken, die wir als Altem bezeichnen ...“. (Lehr, 1991, S. 34 f).

1.1.2 Altern als lebenslanger Prozess

Altern ist ein lebenslanger Prozess. Der Beginn des Alters kann - zumindest aus psy­chologischer Sicht - nicht ausschließlich durch ein kalendarisches Datum definiert werden. Zu unterschiedlich sind die Fähigkeiten und Fertigkeiten, Interessen und Nei­gungen, das Erleben und Verhalten von Menschen der gleichen Altersgruppe. (vgl. Fiederle u.a., 1994, Alter-native 3, S. 13). „Angesichts der mit den Lebensjahren in vielen Dimensionen zunehmenden Differenzierung erscheint es Gerontologen und manchmal den betroffenen älteren Menschen selbst als sehr problematisch, eine be­stimmte, allgemein verbindliche Grenze für das Eintreten in ,das Alter’ zu bestim­men." (Reimann/Reimann, 1994, S. 4).

Altern wird heute als mehrdimensionales Schicksal gesehen, das von den verschie­densten Gegebenheiten beeinflusst wird; „... zu diesen gehört nicht nur das soziale Umfeld, sondern auch epochale, kulturelle, politische, gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Faktoren." (KruselLehr, 1989, S. 30ft).

1.2 Älterwerden

Was bedeutet nun Älterwerden? „Das Wissen, daß ein Erwachsener 65, 70 oder 75 Jahre alt ist, erwies sich als ein dürftiger Indikator des gesundheitlichen und funktio­nellen Status, der intellektuellen Leistungen, der sozialen Integration und der erfolgrei­chen Anpassung an Veränderungen in der sozialen Umwelt (Lehr, 1991, S. 35). „Von den an der Alter(n)sforschung partizipierenden wissenschaftlichen Disziplinen (wie z.B. Biologie, Medizin, Psychologie, Soziologie, ...) wurden [deshalb, S.Z.] Mo­dellvorstellungen über das Alter(n) entwickelt." (Faltermaier u.a., 1992, S. 145).

1.2.1 Medizinische Aspekte

„Aus den traditionellen Spezialdisziplinen innerhalb der Medizin haben sich zuneh­mend Subspezialitäten herauszubilden begonnen mit dem Ziel, jeweils die besonderen Probleme in der Behandlung alter Menschen (...), zu berücksichtigen. So thematisiert die Geriatrie innerhalb der Inneren Medizin z.B. die Besonderheiten der medikamentö­sen Behandlung von Krankheiten, der Ernährung und der körperlichen Rehabilitation ...“ (Fiederle u.a., 1994, Alter-native 2, S. 3).

Älterwerden ist u.a. ein körperlich-biologisches Geschehen, das einerseits akzeptiert werden muss, andererseits aber auch als beeinflussbar gilt. „Vom vierzigsten Lebens­jahr an macht sich (...) der Alterungsprozess des Körpers eindeutig bemerkbar: Die Anfälligkeit für Krankheiten steigt.“ (Berg, 1994, S. 58). Altern aber ist - entgegen früherer Ansicht - keine Krankheit. ,,Mit den Jahren aber sinkt die Widerstandskraft des Körpers; Krankheiten haben zunehmend leichteres Spiel.“ (Berg, 1994, S. 58).

Es werden dabei drei Gruppen von krankhaften Prozessen unterschieden: „... Alternde Krankheiten, d.h. solche, die ein Individuum von früheren Lebensabschnitten ins hohe Alter begleiten (wie z.B. eine chronisch gewordene Bronchitis). Eine zweite Gruppe bilden die ,primären Alternskrankheiten’, die am häufigsten im Alter zum ersten Mal auftreten wie z.B. die Arteriosklerose, deren Anfänge bis ins mittlere Erwachsenen­alter zurückreichen, z. T. auch schon manifest werden können. Schließlich werden noch die allgemeinen Krankheiten unterschieden, welche im Alter einen spezifischen Verlauf nehmen können wie z.B. eine Appendizitis ( ... )." (Lehr, 1991, S. 309 ff)

Ein charakteristisches Phänomen des Alterns aus medizinischer Sicht ist die „Multimorbidität" auch „Polypathie" genannt. „Damit wird auf die Tatsache des gleichzeitigen Gegebenseins mehrerer Erkrankungen verwiesen, von denen die Mehr­heit zu den "alternden", d.h. chronisch gewordenen Erkrankungen zählt." (Lehr, 1991, S. 310).

Multimorbidität muss jedoch nicht nur schicksalhaft erduldet werden. Durch Präventi­on (z.B. gesundheitsbewusste Lebensführung) und Rehabilitation lassen sich die für das Alter charakteristischen Krankheiten zwar nicht ganz verhindern, aber zumindest hinausschieben oder lindern.

Insgesamt gesehen hat das Fortschreiten der medizinischen Erkenntnisse, der Akut- und Intensivmedizin sowie der Forschungen von Molekularbiologen einen wesentli­chen Anteil daran, dass die Lebenserwartung der Menschen zunehmend steigt. Inwie­weit dies zu mehr Lebensqualität fuhrt, wird zu diskutieren sein, zumal von medizini­scher Seite in der Vergangenheit psychosomatische Zusammenhänge oftmals unter­schätzt wurden.

1.2.2 Psychologische Aspekte

„Die Beschreibung des menschlichen Lebenslaufs erfolgt auch in der Psychologie ger­ne nach verschiedenen Lebenslaufphasen: ,Kindheit’, Jugend’, ,Erwachsenenalter’ und ,Alter’ werden dabei meist als die Hauptphasen des Lebenslaufs differenzier. (...) Wann im menschlichen Lebenslauf endet also das mittlere Erwachsenenalter und wann beginnt das Alter?" (Faltermaier u.a., 1992, S. 138).

Die moderne lebensspannenbezogene Entwicklungspsychologie orientiert sich derzeit an einer differentiell-pluralistischen Entwicklungskonzeption: ,,Die Menschen erleben das Älterwerden ganz unterschiedlich, je nach gesellschaftlichen, biographischen, situ­ativen und in der Persönlichkeit liegenden Faktoren. (...) Dabei ist es vor allem wich­tig, diejenigen Lebensereignisse und kritischen Übergänge im Alter zu betrachten, die Anlaß für individuelle Prozesse der Fehl- und Weiterentwicklung sein können." (May- ring/Saup, 1990, S. 10).

Altern kann „... mit einer Verminderung von Leistungen in verschiedenen psychischen Funktionsbereichen oder mit einer Einschränkung von individuellen Kompetenzen einhergehen, ,Altern’ muß aber nicht zwangsläufig zu derartigen Verlusten fuhren, es kann auch zur Kompensation von Verlusten, Kompetenzerweiterung oder Wachstum der Persönlichkeit kommen." (Faltermaier u.a., 1992, S. 141).

„Wissenschaftliche Untersuchungen haben z.B. nachgewiesen, daß es keinen nur al­tersbedingten Abfall der geistigen Leistungsfähigkeit gibt! Nur in manchen Bereichen der Intelligenz zeigt sich mit zunehmendem Alter eine Minderleistung - z.B. wenn es darum geht, schnell eine neue Situation aufzufassen oder gewisse Fakten schnell zu kombinieren -, in anderen Bereichen jedoch fand man bis ins hohe Alter hinein eine Zunahme der geistigen Fähigkeiten. Vor allem, wenn man dem Älteren Zeit läßt, ver­mag er manche Probleme, bei denen es auf eine gewisse Übersicht und Erfahrung und einen umfangreichen Wissensschatz ankommt, genauso gut oder gar besser zu lösen als Jüngere." (Lehr, 1994, S. 212; siehe dazu auch Punkt 3.3.2 meiner Diplomarbeit: „Erfahrungswissen").

Ausschlaggebend war bei allen neueren Untersuchungen, dass das Erleben und Verhal­ten während des ganzen Lebenslaufes entscheidend ist für die spätere geistige Leis­tungsfähigkeit im Alter. „Die psychologische Forschung ist der Ansicht, daß nur weni­ge psychische Änderungen tatsächlich altersbedingt sind. Unsere Persönlichkeit bleibt im Alter stabil. Oder anders ausgedrückt: Wir werden alt und bleiben doch die alten." (Brauchbar/Heer, 1995, S. 128 ff; vgl. dazu auch Lehr, 1994, S 216).

1.2.3 Soziologische Aspekte

Ähnlich wie die Psychologie begreift die Soziologie das Altern als einen Prozess, „... der nur vor dem Hintergrund der individuellen Biographie und der gesellschaftlichen

Verhältnisse zu verstehen ist." (Fiederle u. a., 1994, Alter-native 4, S. 3). Im Mittel­punkt der Alterssoziologie steht der alte Mensch in seiner sozialen Gebundenheit; " ... nicht der alte Mensch, sondern beispielsweise die "Altersgrenze" oder das Altenheim; nicht die Verwirrtheit, sondern die sozialen Regeln, nicht die Einsamkeit vieler alter Menschen, sondern die gesellschaftlichen Strukturen ... " (Stracke-Mertes, 1994, S. 19) werden von der Soziologie beleuchtet und hinterfragt. Die Soziologie hat zum Prozess des Alterns ganz unterschiedliche Theorien entwickelt wie Z.B. die "Aktivitätstheorie" oder die „Disengagementtheorie", die in Punkten 1.9.1.1 und 1.9.1.2 dieser Diplomar­beit vorgestellt werden. In diesen zwei Theorien prallen gegensätzliche Ansichten auf­einander, welche Rolle der alte Mensch übernehmen soll oder sogar muss, um erfolg­reich, zufrieden und glücklich zu altern.

Seit 1993 liegt nun der von der Bundesregierung in Auftrag gegebene „Erste Altenbe­richt" vor. Er beschreibt die Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland. Demo­graphische Entwicklung und Bewusstseinswandel machten diesen Bericht möglich. Die Untersuchung zeigt, dass sich die heutige ältere Generation in einer Umbruchpha­se befindet. Sie unterscheidet sich stark von früheren Generationen. Stichwörter wie Altersquotient, Lebensdauer, Lebensstil oder Haushaltsgröße machen dies deutlich.

Obwohl der älteren Generation wachsende gesellschaftliche Bedeutung zukommt, ü­berwiegt immer noch das negative Bild vom Alter, das im „Ersten Altenbericht“ mit dem Begriff „Alterslast" benannt wird. (vgl. BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 81 f). Bei der Suche nach dem „Unwort des Jahres 1995" landete die „Altenplage" und der „biologische Abbau" auf dem traurigen zweiten Platz. Ein Zeichen der offensicht­lich immer noch zunehmenden Diskriminierung der älteren Generation. (vgl. Artikel im Donau Kurier, 24.01.1996: „Das Unwort des Jahres ist gefunden"). Versuche, diese Entwicklung einzudämmen, haben offensichtlich noch zu wenig bewirkt. Ziel der Al­tenarbeit muss es deshalb auch sein, die gesellschaftlichen Vorurteile über das Älter­werden „... auf der Grundlage möglichst repräsentativer Erhebungen und Beobachtun­gen ... " (BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 83) zu zerstreuen und „... den Blick auf die Individualität des Alterns, die oft durch Stereotypien ... verdeckt wird, offen zu halten " (BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 83).

1.3 Die „Alten“ - eine heterogene Gruppe

Ein zentraler Befund der Alternsforschung ist die Tatsache, dass es die „Alten und das „Alter" strenggenommen nicht gibt, weil Alternsprozesse sehr individuell ablaufen. „Das am Jahrgang ablesbare Alter sagt wenig aus. Was sich sagen läßt ist deshalb ein­zig, daß mit steigendem Lebensalter die Unterschiede in den Persönlichkeitsmerkma­len, Lebensschicksalen, Lebenslagen, Lebensplänen in einer Jahrgangsgruppe und zwischen den Jahrgangsgruppen eher zu- als abnehmen." (BrauchbarIHeer, 1995, S. 26 ff). „<Alt> wird zur Chiffre einer Bevölkerungsgruppe, die bezüglich der Lebens­merkmale Gesundheit, Einkommen und psychophysisches Wohlergehen so unter­schiedlich ist, wie keine andere gesellschaftliche Gruppe." (Ebel, 1991, S. 39)

Wer von dieser Bevölkerungsgruppe spricht, „... muß sich bewußt sein, daß es sich dabei um eine gesellschaftliche Großgruppe handelt, die mindestens zwei Generatio­nen umfasst. (...) Der Wiener Soziologe Leopold Rosenmayr hat folgende, auch von der WHO [World Health Organisation, S.Z.] verwendete Einteilung vorgeschlagen:

- ältere Menschen (60 - 75 Jahre)
- Alte (75 - 90 Jahre)
- Hochbetagte (über 90 Jahre)
- Langlebige (100 und mehr J ahre).

Inzwischen ist es vielfach üblich geworden, die Altersgruppe der 55- bis 75jährigen - die sogenannten Jung-Alten’ - von den ,alten Alten’ - den Betagten -, und diese nochmals von den Hochbetagten (Menschen über 85 Jahre) abzugrenzen." (Brauch­bar/Heer, 1995, S. 27)

Im folgenden sollen zwei Gruppen besonders beleuchtet werden: „Junge Alte" und „Hochbetagte".

1.3.1 „Junge Alte“ als „Senioren“

Die Gruppe der „jungen Alten" ist erst in den letzten Jahren in das gesellschaftliche Blickfeld und somit auch in das der Altenpolitik geraten. „Gesund sein", „aktiv", „kon­taktfreudig", „mobil", „geistig fit" und mehr wird den sogenannten „jungen Alten", „neuen Alten" oder „aktiven Alten" als Attribute zugeschrieben.

Die „jungen Alten" oder „neuen Alten" werden heute ab dem 55. Lebensjahr von Wer­bung und Wirtschaft als „Senioren" bezeichnet. Dieser Begriff wurde eingeführt, um gezielt den Begriff der „Alten" abzulösen. Hinter „... dieser gefälligen Bezeichnung ... verbirgt sich indes eine tabuisierende Haltung: Den Begriff alt vermeidet man lieber (...) Es ist schick geworden von den ,Senioren’ zu sprechen, was so ähnlich klingt wie Sponsoren, Mentoren, (...) Junioren - glatt, gefällig, positiv." (Brauchbar/Heer, 1995, S. 16). Euphemistische „Klimmzüge" also, um das zu verbergen, was man nicht sein darf, nämlich alt?

Vielfach zeigt sich ein anderes Bild: Die „neuen Alten" nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, ihre Aktivitäten kennen zunehmend weniger "altersbedingte" Grenzen. Die Alten haben heute im allgemeinen mehr, oder bessere Möglichkeiten, sich zu entfalten, weil sie zu einer neuen, nachfolgenden Kohorte gehören, die sich, wenn auch zum Teil nur gering, von der vorhergehenden unterscheidet. Sie befinden sich statistisch in günstigerer Wohlstandssituation, haben eher Haus- und Grundstücksbesitz und auch bessere Wohnverhältnisse. Häufiger verfugen sie über eine bessere Schulbildung; durch Führerschein- und Autobesitz sind sie unabhängig und mobil. Als Wähler ge­winnen die ,jungen Alten" eine zunehmend spürbare latente Macht. Selbstverwirkli­chung, Kreativität, Persönlichkeitswachstum und Aufgeschlossenheit für das Neue stehen im Zentrum ihrer Lebensansprüche. Oft werden sie zur Gruppe der „Woopies" gerechnet, den „well off older people", also zu den wohlhabenden Älteren. Von den Problemen innerhalb dieser Gruppe ist wenig die Rede. (vgl. dazu: Lehr, 1989, S. 13; Strang, 1989, S. 64; Horx, 1995, S. 83 ff; Brauchbar/Heer, 1995, S. 15 ff).

Doch speziell die Altersgruppe ab dem 55. Lebensjahr kämpft zunehmend mit dem Phänomen der „Entberuflichung". „Vorwiegend aufgrund arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen scheidet gegenwärtig die Mehrzahl der Arbeitnehmer vor dem 60. Le­bensjahr aus dem Erwerbsleben aus. Das durchschnittliche Rentenzugangsalter liegt derzeit für Männer bei 58, für Frauen bei 56 Jahren. Mit der vorzeitigen Berentung beziehungsweise Pensionierung beginnt für viele Menschen die Altersphase zu einem Zeitpunkt, an dem sie aufgrund ihrer körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit keineswegs als alt anzusehen sind. Nach ihrer subjektiven Einschätzung rechnen sie sich auch nicht zu ,den Alten’ und lassen sich in der Regel nicht von Angeboten der traditionellen Altenarbeit ansprechen" (Bechtler, 1993, S. 14 f). „Die Entwicklung des jungen Alters stellt sich [somit, S.Z.] als neue individuelle und gesellschaftspolitische Aufgabe." (Tews, 1995, S. 82)

Mit zunehmendem Alter steigt jedoch zugleich die Gefahr, dass aufgrund plötzlich eintretender Krankheits- und Gebrechlichkeitserfahrungen dieser Teilgruppe ein Iden­titätsabsturz widerfährt, der sich durch Orientierungsverlust und Depressionsneigung äußert. (vgl. BMFSFuJ, 1995, Die Alten der Zukunft, S 59). „Statistisch verändert sich zwischen dem 70. und 75. Lebensjahr, verstärkt ab dem 75. Lebensjahr - im Quer­schnitt betrachtet - einiges zum Schlechteren, z.B. im Hinblick auf Veränderungen des Gesundheitszustandes, immer abgelesen an den Vergleichen der Durchschnittswerte nach Altersdekaden." (Tews. 1995. S 82 f)

1.3.2 „Hochbetagte“

„Zu den Hochbetagten wurde früher die Gruppe der über 75jährigen gezählt, heute wird hiermit eher die Gruppe der über 80jährigen benannt. (...) Seit 1950 hat die Grup­pe der 90 bis 95jährigen um 600 % (...)“ (Biermann u.a., 1992, S. 126) zugenommen. Im Jahr 1990 hat der Bundespräsident 3.014 Glückwünsche an Hundertjährige und ältere ausgesprochen ( vgl. Lehr, 1991, S. 46); „... für das Jahr 2000 wird eine Zunah­me auf 10.000 vorausgeschätzt." (Biermann u.a., 1992, S. 126).

An dieser Stelle muss allerdings betont werden, dass geschätzte Zahlen und Modell­rechnungen von ganz bestimmten Entwicklungen ausgehen. Sie treffen nur zu, wenn die rechnerischen Annahmen auch in die Zukunft hinein konstant bleiben. Die Aussa­gen werden dann um so fraglicher, je weiter sie sich auf die Zukunft beziehen. (vgl. Stracke-Mertes, 1994, S. 54)

Fest steht jedoch schon heute, dass die Gruppe der Hochaltrigen weitgehend weiblich und alleinstehend und durch eine ausgeprägte Hilfeabhängigkeit gekennzeichnet sein wird. „Krankheiten einschließlich psychischer Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit nehmen in dieser Altersgruppe überproportional zu." (Biermann u.a., 1992, S. 126).

1.3.3 Die Notwendigkeit einer begrifflichen Differenzierung des Alters

Die Altersphase ist lang geworden. Teils durch die früh einsetzende Berentung oder Pensionierung, teils durch die steigende Lebenserwartung. Doch können die individu­ellen Merkmale und die Lebenssituation von rüstigen jüngeren Senioren " ... z.B. voll­kommen verschieden sein von den Charakteristika und Problemlagen hilfe- oder pfle­gebedürftiger Hochbetagter." (Faltermaier u.a., 1992, S. 143). „Deshalb wurde es mehr und mehr notwendig zu differenzieren: in ,junge Alte’ oder "Ältere" und ,alte Alte’ oder die eigentlich ,Alten’. Die Grenzen sind [allerdings, S.Z.] schwer auszumachen. (Reimann/Reimann, 1994, S. 6 f).

Bei der begrifflichen Differenzierung besteht jedoch die Gefahr, dass letztlich die „jungen Alten" mit ihrer Vitalität, ihrer Sportlichkeit und Mobilität das gesellschaftli­che Maß werden, Alter zu definieren. Sie werden zum Leitbild für ein erfolgreiches Leben im Alter hochstilisiert. Probleme des traditionellen, weniger positiven Alters werden „zugedeckt". Die Ängste und Nöte von pflege- und hilfsbedürftigen Alten werden verdrängt. Gesundheitlich stark beeinträchtigte Frühinvaliditätsrentner, chro­nisch Kranke und ältere Niedrig-Einkommensbezieher werden vergessen.

Auch diese Diplomarbeit befasst sich eher mit den Potentialen der älteren und alten Menschen, die noch gesellschaftlich aktiv sind und sich dem sogenannten „Neuen Eh­renamt" zuwenden, das in Punkt 2.3 meiner Diplomarbeit: „Begriffsverwirrung: Klas­sisches Ehrenamt, Selbsthilfe und <Neues Ehrenamt>" erläutert wird. Die „Komm­Struktur" meiner Praktikumstelle setzt eine gewisse Mobilität und Bereitschaft zur Kommunikation voraus, um z.B. ein soziales Ehrenamt zu übernehmen. Trotzdem darf die Gesamtgruppe der alten Menschen nicht aus den Augen verloren werden, dürfen immobile kranke und pflegebedürftige Alte nicht an den Rand gedrängt werden, wie es derzeit z.B. in der Werbung (aber nicht nur hier) geschieht. Darüber hinaus wird zu beleuchten sein, inwieweit die unterschiedlichen Lebensläufe von Frauen und Män- nem das Altern und das Alter beeinflussen - positiv wie negativ.

1.4 Individuelles Altern: Vor dem Hintergrund der eigenen Biographie

Jeder Mensch ist das „Kind seiner Zeit" (vgl. Hummel, 1991, S. 29), in die er hinein­geboren wird. Die historische Epoche, kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen, schicksalhaftes Geschehen, wie Krankheit, Partnerverlust, aber auch erworbene Fähigkeiten der Lebensführung, meistern von Krisen, Kontakte zu Ver­wandten und Freunden, Familiengründung und vieles mehr prägen den Menschen von Geburt an. Frühere Erlebnisse und Erfahrungen nehmen Einfluss auf Erleben und Ver­halten im späten Erwachsenenalter. Die Art und Weise, wie die vorangegangenen Le­bensabschnitte wahrgenommen, bewältigt und bewertet werden, entscheidet über die empfundene Situation im Alter. „Erinnerungen an persönliche wie soziale Lebenser­eignisse stimmen nicht immer mit den objektiven historischen Daten überein. Erinne­rungen sind nicht nur Rekonstruktionen, sondern oft Konstruktionen. (...) Jeder Mensch hat einen ganz persönlichen Zugang zu seinen Erlebnissen und Erfahrungen." (Stracke/Mertes, 1994, S. 149).

1.5 Altwerden im 20. Jahrhundert: „Atomzeitalter und Multimedia-Entwicklung“

Die Lebensgeschichte der heute in Deutschland lebenden älteren und alten Menschen ist - je nach Geburtsjahr - in besonderer Weise von diesem Jahrhundert geprägt: Kind­heit und Jugend im Ersten oder Zweiten Weltkrieg, Wilhelminisches Zeitalter, Welt­wirtschaftskrise, Inflation, Hunger, Weimarer Republik, Hitlerzeit, Zusammenbruch und „Stunde Null", „Neuanfang und "Wirtschaftswunder", „Kalter Krieg" und Atom­bombe, Mauerbau und die "Wende" - für den einzelnen oftmals einschneidende Erleb­nisse in den prägenden Phasen seines Lebens. Existenzbedrohung, Gefährdung, Leid, Verlust von Familienmitgliedern und Freunden, von Heimat und Besitz, aber auch Aufbau, Neugestaltung, Einflussnahme, neue soziale Beziehungen, Familiengründung begleiten den Lebenslauf dieser Menschen. (vgl. Kämmer, 1994, S. 13). Zudem durch­lief ein Menschenleben „... mit dem Weg durch dieses Jahrhundert ... die Spur der sich in einem unglaublichen Tempo verändernden Zivilisation: Vom Kerzenlicht zur Halo­genlampe, ... vom ersten ,Volksempfängerradio’ zum Farbfernseher und Videogerät." (Kämmer, 1994, S. 13). Vom Märchenbuch zur „Multimedia"- Entwicklung (vgl. Horx, 1995, S. 117) mit Hunderten von Fernsehkanälen und interaktivem Programm.

Das 20. Jahrhundert hielt ein breites Spektrum von intensiven Erfahrungen und Ereig­nissen für die heute Älteren und Alten bereit. Dazu kamen gesellschaftlicher Werte­wandel, Funktionswandel der Familie, Individualisierung und somit Pluralisierung von Lebenslagen und Lebensstilen (vgl. Beck, 1986, S. 163 t), so dass man heute auch von einem Wandel der Alterssituation sprechen kann. Es kann davon ausgegangen werden, dass heute 70jährige sich von ihren Interessen, von ihrer Beweglichkeit und auch von ihrem finanziellen Spielraum im Regelfall deutlich von denen unterscheiden, die vor 10 oder 20 und mehr Jahren 70 waren.

Gesellschaftlich wird ein neues Bild vom Alter benötigt. Doch wie sehen sich „die Alten" selbst. bzw. wie werden sie gesehen?

1.6 Altern ein Stigma. Zwei Sichtweisen: Fremdbild und Selbstbild

„... Die alten Leute sind wirklich ein dummes Volk (...) Ich bin sogar der Meinung, wenn's keine alten Leute gäbe, so gäb’s auch keine Dummheiten (...) Wenn ein alter Mensch denkt, ist' s gerade, als ob feuchtes Holz brennen würde: es gibt mehr Qualm als Feuer ..." (Pertschichin, der Vogelhändler, 50 Jahre alt. In: Maxim Gorki: „Die Kleinbürger"). „In vielen Texten zeigen Autoren, daß ihnen das Alter suspekt ist, es ist ihnen ein schlechtes Beispiel." (Göckenjan, 1993, S. 118). Doch die Einstellungen zum Alter wandelten sich im Laufe der Geschichte. Lobte Plato als fast 80jähriger das Alter jenseits der fünfzig als die Zeit, in der der Mensch in den Stand der Weisheit gelangt, so sah es sein Schüler Aristoteles genau umgekehrt Das Alter war für ihn eine Krankheit: Der Körper baut nach dem fünfzigsten Lebensjahr ab und die Persönlich­keit zersetzt sich Im Mittelalter und in der Neuzeit genoss das Alter wenig Ansehen; erst in der Aufklärung erfährt es wieder eine Aufwertung.

Im 20. Jahrhundert herrscht erneut die Ambivalenz in der Beurteilung des Alters vor, wie sie aus den Anfängen abendländischer Zivilisation bekannt ist. (vgl. Brauch­bar/Heer, 1995, S. 31 f). Immerhin ergab die erste Umfrage in Gesamtdeutschland, welche vom Institut für Demoskopie Allensbach im August 1989 (alte Bundesländer) und Januar 1991 (neue Bundesländer) durchgeführt wurde, dass in den neuen Bundes­ländern 52 % und in den alten 65 % der Befragten einen "überwiegend" günstigen Eindruck von den älteren Menschen, d.h. jenen, die 60 Jahre und älter waren., hatten. (vgl. BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 81 f). Arnold K. und Lang E. fragten 1989 in einer repräsentativen Umfrage in den alten Bundesländern nach negativen charakte­ristischen Eigenschaften, die älteren Menschen zugeschrieben werden. Davon waren immerhin 44 % der Befragten der Meinung, ältere Menschen sind "träge, unbeweg­lich". 67 % schätzen sie als "langsam" ein, 61 % halten sie für starrsinnig. (vgl. BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 82). Dabei ist das Phänomen „Alt" „... in unserer Gesellschaft nicht einheitlich negativ besetzt. Einerseits impliziert die Vorstellung von ,Alt’ verbraucht, unzweckmäßig, unmodern, unzeitgemäß ... Andererseits verbinden sich damit Vorstellungen, wie besonders wertvoll, interessant, bewährt, bedeutsam. Die Bewertung der Eigenschaft alt ist also untrennbar von der entsprechenden Person, der Gruppe oder dem Gegenstand abhängig. (...) Altern ist demnach nicht nur ein Pro­zeß physiologischer Veränderungen, sondern häufig auch ein Prozeß der öffentlichen Zuschreibung bestimmter Merkmale. Was als alt gilt, ist weniger eine bestimmte Ei­genschaft einer Person oder die Qualität eines Verhaltens, sondern vielmehr eine sozi­ale Zuschreibung und Ergebnis einer sozialen Definition." (Stracke-Mertes, 1994, S. 34). „Führt der Definitionsprozeß zu Zuschreibungen negativer Merkmale, so wird von einem Stigma gesprochen." (Biermann u.a., 1992, S. 131) In einer reinen „... Leis­tungsgesellschaft ist das Altersbild negativ; denn "Alter" bedeutet dann das Gegenteil von Leistung, Erfolg, Autonomie und Selbständigkeit. Dieses Altersbild ist für den alten Menschen ein Fremdbild, [das heißt wie er von anderen gesehen wird, S.Z.] ... und beeinflußt das Verhalten der Bevölkerung gegenüber alten Menschen." (Biermann u.a., 1992, S.131).

Davon unterschieden wird die Selbsteinschätzung des alten Menschen. Zwischen bei­den - Fremdbild und Selbstbild - besteht eine Diskrepanz. „So fühlt sich der ältere Mensch z.B. durchaus noch leistungsfähig (...), wird jedoch von der Gesellschaft mit andersgerichteten Erwartungen konfrontiert - und versucht nun nicht selten auf dem Wege der ,Anpassung an die Verhaltenserwartungen der Gesellschaft’, ... sich den Erwartungen entsprechend zu verhalten, ..." (Lehr, 1991, S. 288). „Nach und nach ü­bernimmt [der ältere Mensch, S.Z.] die an ihn herangetragene Altersrolle. [Er, S.Z.] kann sich dieser Rolle nur begrenzt entziehen und nur unter Inkaufnahme negativer Sanktionen Die Altersrolle wird also in einer Weise festgeschrieben, die jede weite­re persönliche und soziale Entwicklung sinnlos erscheinen läßt." (Voges, 1989, S.33). In ihrem Buch ,,Der Lauf der Dinge" schreibt Simone de Beauvoir: „Ich hasse mein Spiegelbild: über den Augen die Mütze, unterhalb der Augen die Säcke, das Gesicht zu voll, und um den Mund der traurige Zug, der Falten macht Ich habe die Fähig­keit verloren, das Licht von der Finsternis zu scheiden, mir um den Preis einiger Wir­belstürme einen strahlenden Himmel zu sichern. Meine Revolten sind durch das nahe Ende und die Unvermeidlichkeit des Verfalls gedämpft." (Beauvoir, 1985, S. 621). ,,Das schrieb sie mit einundfünfzig; die Aufnahmen von ihr aus dieser Zeit zeigen eine Frau, deren äußere Erscheinung ganz im Gegenteil eine straffe Haut aufweist, ein Ge­sicht ohne Furchen, keine Säcke, keine Falten. Sie wirkt beneidenswert jugendlich "' (Bair, 1990, S. 680). Hatte sich Simone de Beauvoir an die gesellschaftlichen Gege­benheiten des Jahres 1963 angepasst, die Zuschreibungen von negativen Merkmalen des Alters für sich übernommen und verinnerlicht? Schwer zu sagen. Nachgewiesen ist, dass in der Gesellschaft verankerte „Rollenvorstellungen" bei Älteren das V erhal­ten und Empfinden beeinflussen; „... darüber hinaus aber bewirken sie bei den noch etwas Jüngeren eine negative Erwartungshaltung dem Älterwerden gegenüber. Hier wird dann ein psychologisches Gesetz wirksam, demzufolge die Erwartungshaltung auf dem Wege über eine Selektion der Wahrnehmung das Erleben beeinflusst. (...) Die heutige Forschungslage über die Beziehungen von Fremd- und Selbstbild lässt sich in der Feststellung zusammenfassen, dass wir uns zwar nicht immer so erleben, wie die anderen uns sehen, wohl aber, dass wir uns häufig so sehen, wie „wir denken, daß an­dere uns sehen" (... )." (Lehr, 1991, S. 288).

Ist man also so alt wie man sich sieht und fühlt. Welche Unterschiede gibt es dabei im Leben und im Erleben des Älterwerdens von Frauen und Männern?

1.7. Frauen altern anders als Männer

„Mann und Frau schlafen auf dem gleichen Kissen; aber sie haben verschiedene Träume.

(Sprichwort aus dem Kaukasus)

1.7.1 Feminisierung und Singularisierung des Alters

„Die Lebensdauer der Frauen (und der Männer) nimmt stetig zu, jedoch nimmt die Lebensdauer der Frauen relativ stärker zu als die der Männer. Eine heute 50 Jahre alte Frau hat gegenwärtig eine durchschnittliche Lebenserwartung von 81 Jahren, ihr Part­ner eine Lebenserwartung von nur 75 Jahren [vgl. Zahlen aus dem Datenreport 1994: 71,7 Jahre Männer; 78,0 Jahre Frauen; S. 29, S.Z.;]. Der Abstand zwischen der Le­bensdauer beider Geschlechter hat sich im Laufe dieses Jahrhunderts von zwei auf etwa sechs Jahre vergrößert Die Entwicklung zeigt: Frauen werden immer älter und mit zunehmendem Alter immer zahlreicher gegenüber Männern. Am Ende sind sie mehrheitlich auf sich all eine gestellt und <unter sich>." (Fiederle u.a., 1994, Alter­native 5, S. 4). Die Erscheinung, dass Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer, nennt man „Geschlechterlücke". Verschiedene Studien konnten bislang aber keine eindeutigen Erklärungen für dieses Phänomen des 20. Jahrhunderts bieten. Fest steht nur, dass der Unterschied in der Lebenserwartung um so größer ist, je höher eine Region oder ein Land industrialisiert ist. (vgl. Artikel im Donau Kurier, 10 01. 94: „Warum leben Frauen länger? Wissenschaft sucht Antwort. „Groß und stark sein" kos­tet Kraft").

Einer Studie zufolge werden im Jahr 2030 74 % der Frauen ab sechzig alleinstehend sein. Männer über sechzig werden dagegen zu 66 % mit ihren Ehefrauen zusammen­leben. Die Zahl der Single-Haushalte in Deutschland ist weiterhin steigend. Die Fami­lienstrukturen verändern sich. So gab es zum Beispiel in Bayern 1994 1,8 Millionen allein lebende Menschen. Von diesen 1,8 Millionen waren immerhin 43 % älter als 60 Jahre (vgl. Artikel im Donau Kurier, 26.08.94: Eine Zukunft als Single und 24.04.95: Einpersonen-Haushalte sind eine starke Gruppe).

Die Singularisierung ist sowohl bei den jüngeren als auch bei den älteren Generationen mittlerweile ein durchgängig zu erwartender Trend.

Dabei ist festzustellen, dass Alleinleben nicht mit Isolation und Vereinsamung gleich­zusetzen ist. Auch Alleinlebende können ein reichhaltiges familiäres und außerfamiliä­res Kontaktnetz besitzen. Allerdings gibt es prinzipielle Unterschiede zwischen der Singularisierung als „Lebensstil", als Ausdruck stärkerer Individualisierung und der „erzwungenen" Singularisierung z.B. durch den Tod des Partners.

So ist bei den jüngeren Generationen die Zunahme der Einpersonen-Haushalte als ,,gesellschaftlicher Entwicklungstrend" zu sehen, der als Ausdruck von Wert- und Verhaltenswandel interpretiert werden kann; rückläufige Heiratszahlen, erhöhte Schei­dungsraten bei sinkenden Wiederverheiratungsquoten tragen dazu bei. Bei den Älteren dagegen sind eher die lebens- und familienzyklusbedingten Ursachen ausschlagge­bend. Vereinzelung ist hier zumeist eine Folge der Verwitwung. Und diese ist zum überwiegenden Teil Frauenschicksal. (vgl. MAGS, 1989, Ältere Menschen in NRW, S. 33 f; Kühnert, 1995, S. 5 ff).

1.7.2 Altern vor dem Hintergrund unterschiedlicher Sozialisation

Über die Geschlechterrollen sind vielerlei Untersuchungen erschienen. aber kaum be­zogen auf das Leben im Alter. Ebenso gibt es vielfältige Literatur zum Leben im Alter, aber ohne konsequente Berücksichtigung der Tatsache, dass Männer und Frauen sehr unterschiedlich sozialisiert sind. Schon in der Familie, dem ersten Sozialisationsfeld, verhalten sich Erwachsene, systematischen Beobachtungen zufolge, Säuglingen ge­genüber recht unterschiedlich, " ... je nachdem, ob sie es ... mit einem Mädchen oder Jungen zu tun haben." (BSAFuS, 1992, Frauen in Bayern, S. 123). Sobald kleine Mäd­chen anfangen sich fortzubewegen, werden sie tendenziell mehr in der Nähe der Mut­ter gehalten; Jungen dagegen werden ermutigt, sich zu entfernen. Zudem sind in den

Familien die Aufgaben noch [weitestgehend, S.Z.] nach traditionellem Muster ver­teilt: Der Vater verdient (überwiegend) den Lebensunterhalt, die Mutter kümmert sich um die Kinder." (BSAFuS, 1992, Frauen in Bayern, S. 124).

„Die heute über 50jährigen Männer und Frauen sind in [diese, S.Z.] geschlechtsspezi­fische Rollen hineingewachsen. die auf einer historisch entstandenen Arbeitsteilung beruhen. Demnach steht der Mann ,draußen’, im öffentlichen und beruflichen Leben, die Frau ,drinnen’, im häuslichen und familiären Raum. Das hat sich für den Mann so ausgewirkt, dass er durch Jahrzehnte erwerbstätig und damit ,Ernährer’ seiner Familie sein konnte, weil ihm seine Frau Zuhause den Rücken freigehalten, den Haushalt ge­führt, die Kinder großgezogen hat. Für die Frau bedeutete dies, durch die Ehe ökono­misch ,versorgt’ zu sein. An der Schwelle zum ,Dritten Lebensalter’ wenn die Kinder groß sind und die Berufstätigkeit endet - verliert diese Arbeitsteilung ihren Sinn.

Der Mann, der in Rente geht, hat Schwierigkeiten, zu Hause im ganz normalen Alltag seine Rolle zu finden. [Er erleidet einen sogenannten „Pensionsschock", S.Z.]. Verliert er plötzlich seine Partnerin, hat er gar Probleme, sich selbst im Alltag zu versorgen. Für Frauen wirkt sich die Verhaftung in den traditionellen Geschlechterrollen anders und in Anbetracht ihrer höheren Lebenserwartung nicht minder gravierend aus als für Männer. Wie soll sich die Frau im Alter oder wenn sie verwitwet ist. im kleineren oder größeren Umkreis eigenständig behaupten, wenn sie bisher nicht die Gelegenheit hatte oder nutzen konnte, jene Fähigkeiten zu entwickeln und sich jede wirtschaftlichen und sozialen Ressourcen zu sichern, die sie braucht, um unabhängig und gesund leben zu können? „Hausfrau und Mutter" zu sein, ist heute auch kein lebenslang ausfüllendes Programm mehr (MAGuS, 1992, Initiative 3. Lebensalter, S. 103), zumal wenn das „Nest leer wird" („empty nest"; vgl. ReimannlReimann, 1994, S. 349). „Dann soll die Frau plötzlich ein eigenständiges Selbstbewußtsein haben, das sich nicht von wohlge­ratenen Kindern oder einem erfolgreichen Ehemann ableitet." (MAGuS, 1992, Initiati­ve 3. Lebensalter, S. 105). Darüber hinaus werden Frauen mehr noch als Männer mit den gesellschaftlichen Leitbildern von jugendlicher Schönheit, Attraktivität und Akti­vität konfrontiert. (vgl. MAGFuF, 1991, Neue Chancen nach der Lebensmitte - Spur- wechsel0, S. 12). „Die Hauptbotschaft, die eine Frau in der westlichen weißen Indust­riegesellschaft auf der Schwelle zum 3. Jahrtausend bekommt, lautet: ,Du mußt jung bleiben’ (von der Kosmetik-Reklame ... bis zu Einstellungsvoraussetzungen für den Beruf, von allen Bildern erotischer Ausstrahlung ganz zu schweigen). Diese Botschaft beinhaltet zugleich: Du wirst alt. Ab spätestens zwanzig wird einer jungen Frau das Gefühl vermittelt, sie gehe nun auf das Alter los, ..." (BSAFuS, 1992, Frauen in Bay­ern, S. 124; vgl. dazu auch: BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 232 f).

Tritt dann mit heute ca. 50 Jahren tatsächlich das biologische Älterwerden in Form des Klimakteriums auf, wird es den Frauen durch viele Vorerwartungen und Vorurteile in unserer Gesellschaft erschwert, mit der Zurückbildung der physiologischen Funktio­nen und dem Zeitpunkt der Menopause umzugehen; die Probleme sind vorwiegend soziologisch indiziert. Das Ende der Gebärfähigkeit impliziert - zu Unrecht - das Ende eines aktiven Frauenlebens. (vgl. Fiederle u.a., 1994, Alter-native 5, S 6 f).

Wie sieht das nun bei den Männern aus? Die Frau wird alt, der Mann wird interessant? Die gesellschaftliche Toleranz älteren und alten Männern gegenüber ist ungleich grö­ßer, als die, die den Frauen entgegengebracht wird. „Männern ... wird erst, wenn sie an die Schwelle der 50 gelangen, das Gefühl vermittelt, sie würden alt in bestimmten Be­rufen noch wesentlich später. (Ein Politiker an herausragender Stelle sollte sogar mög­lichst über 50 sein, damit er ernst genommen wird)." (BSAFuS, 1992, Frauen in Bay­ern, S. 315). Darüber hinaus gewinnen die Männer Anerkennung und Selbstbewusst­sein aus ihrem Beruf; sie entwickeln aus ihrer Tätigkeit heraus ihre Fähigkeiten und bauen so ein soziales Netzwerk außerhalb des häuslichen Bereichs auf. Dann aller­dings bedeutet das Ende der Berufstätigkeit oft einen tiefen Einschnitt. Plötzlich sind sie den ganzen Tag zu Hause und haben dort keine Rolle. Sie wissen dann mit sich und ihrer Zeit wenig anzufangen. Das Sozialverhalten, das sie im Beruf antrainiert haben, stimmt zu Hause nicht. Sie merken, dass sie im Grunde die Ganzheitlichkeit des Le­bens verloren haben. (vgl. MAGuS, 1992, Initiative 3. Lebensalter, S.105f).

Die Sozialisation ist nach wie vor von den alten Bahnen bestimmt. An dieser traditio­nellen Rollenverteilung - wie oben erwähnt - ändert sich bisher kaum etwas, auch wenn die Frau berufstätig ist, denn in der Regel behält sie die Verantwortung für das Wohlergehen der Familie. Die Doppelbelastung, die für die Frauen daraus entsteht.

nötigt ihnen nach einer Studie des Statistischen Bundesamtes mit ca. 5 Stunden täglich etwa doppelt so viel Arbeitsstunden ohne Lohn ab, wie den Männern. Mit Pflegeauf­gaben von alten und kranken Angehörigen wird eine Dreifachbelastung daraus. Oft sind die pflegenden Frauen bereits selbst zwischen 50 und 70 Jahre alt und mit dem eigenen Älterwerden konfrontiert. (vgl. Artikel im Donau Kurier, 27.11.95: "Und was hast du heute den ganzen Tag gemach?". Putzen, Waschen und Kindererziehen unbe­zahlbar).

1.7.3 Differenzierende Daseinbewältigung im Alter: Ein unterschiedliches Rollen­fach

Frauen und Männer erleben den stattfindenden Umbruch beim Eintritt ins „Dritte Le­bensalter" als unterschiedliche Krisensituation.

Wer es in dieser Situation schwerer hat, sollte hierbei nicht gegeneinander aufgerech­net werden; der Mann mit seinem „Pensionsschock" oder die Frau, die zwar nicht das gewohnte Umfeld, wohl aber die bisherigen Aufgaben, und damit ihr „Sinngefühl" verliert?

Der Lebenslauf der großen Gruppe von Familienfrauen und Müttern jedenfalls ist ge­kennzeichnet von wechselnden Prozessen des Bindens und Lösens, des Neubeginns und der Beendigung der verschiedenen Rollen. Anders als bei den Männern, in deren Leben die Berufstätigkeit einen dominierenden Stellenwert einnimmt.

Dass die Biographie der Frauen durch mehrere Wechsel geprägt ist, kann sich im Alter auch als Vorteil herausstellen. Gerade weil die Frauen es gelernt haben, sich ständig den Gegebenheiten anzupassen, können sie den Einbrüchen des Älterwerdens gegen­über besser gewappnet sein als die Männer. Die Suizidzah1en bei älteren Männern scheinen dies zu bestätigen. Dagegen steht jedoch eine häufige Suchtgefahr durch Me- dikamentenabhängigkeit bei älteren Frauen als Indiz für ihre Problemlagen, die sowohl psychischer als auch ökonomischer Art sein können. (vgL BMFuS, 1992, Suizidalität im Alter, S. 11 ff).

1.7.4 Ökonomische Situation

„Der steigende Wohlstand in der Bundesrepublik geht seit zwei Jahrzehnten einher mit einer Ausbreitung von Armut. Immer mehr Menschen werden in die Hinterhöfe der Wohlstandsgesellschaft abgedrängt, und die Kluft zwischen dem Lebensstandard in den Hinterhöfen und dem allgemeinen Niveau wird immer größer." (Geißler, 1992, S. 175).

Vom Verarmungsrisiko betroffen sind heute in Westdeutschland zunehmend und stär­ker die Jungen und Familien mit mehreren Kindern sowie alleinerziehende Mütter. Die große Mehrheit der alten Bevölkerung dagegen hält nach einer Umfrage aus dem Jahr 1992 („Eurobarometer"-Umfrage; Commission of the European Communities: Ages and Attitudes; vgl. Brauchbar/Heer, 1995, S 209) ihre finanzielle Situation für gesi­chert. Noch nie ist eine so reiche Generation alt geworden. (vgl. Brauchbar/Heer, 1995, S. 208 f; Deutscher Caritasverband, 1993, S. 6).

Nach Schätzungen der Volks- und Raiffeisenbanken beträgt das frei verfügbare Mo­natseinkommen der über 65jährigen derzeit stattliche 15 Milliarden Mark. In den kommenden zehn Jahren schütten allein die Versicherungen mehr als 350 Milliarden Mark an die Senioren aus. Zudem profitieren die Frühpensionäre mit steigender Le­benserwartung von den Erbschaften der noch Älteren. Der durchschnittliche Nachlass beträgt nach Berechnung der Deutschen Bank zur Zeit 200.000 Mark und soll bis zur Jahrtausendwende auf 300.000 Mark ansteigen. (vgl. Artikel im Donau Kurier, 05.04.95: „Geschätzte 15 Milliarden Mark stehen monatlich zur freien Verfugung. Dennoch zielt die Werbung kaum auf ältere Konsumenten ab/Ansätze bei Weiterbil­dung und Tourismus").

Trotz dieses positiven Bildes ist der Ruhestand vieler Menschen mit Entbehrungen und oft auch mit Armut verbunden, denn es besteht eine Polarisierung innerhalb der Alten­generation; der Wohlstand ist ungleich verteilt. Dabei gilt unter den Geschlechtern zusätzlich: Frauen sind immer jeweils die Ärmeren. „Wer kein eigenes Vermögen be­sitzt, muß im Ruhestand voll und ganz von der Rente und von den Beiträgen der Zu- satzversorgungssysteme leben." (Brauchbar/Heer, 1995, S. 209).

Generell: Das Erreichen des Rentenalters heißt auch, dass mit Einkommenseinbußen zu rechnen ist. Nach 45 Versicherungsjahren werden nur 68 % des vergleichbaren Einkommens als Rente ausbezahlt. ,,Betrachtet man darüber hinaus den Aspekt der Alterssicherung als eine zentrale Rahmenbedingung für die Lebenslage im Alter dann stellt sich ... für Männer und Frauen die Situation unterschiedlich dar. Denn in Anbet­racht einer Vielzahl von zumeist abgeleiteter oder aber nur in geringem Ausmaß ei­genständig erworbener Alterssicherung steht fest: Armut im Alter ist weiblich." (BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 232). Dazu kommt, dass die Alterssicherung der Bundesrepublik Deutschland nicht einheitlich in einem System geregelt ist. Viel­mehr gibt es für verschiedene Personengruppen unterschiedliche Regelungen (Arbeit­nehmer, Beamte, Selbständige), die in unterschiedlichem Umfang das Versorgungs­ziel, einen angemessenen Lebensstandard zu sichern, gewährleisten sollen. Die gezahl­ten Versicherten- und Hinterbliebenenrenten aus der Gesetzlichen Rentenversicherung ermöglichen in vielen Fällen keine ausreichende eigenständige Alterssicherung. Auch deshalb, weil die abgeleiteten Hinterbliebenenrenten stets niedriger sind als die origi­nären Renten. Oft nur durch Kumulation mit anderen Einnahmequellen (z.B. Kriegs­opferrenten, Lastenausgleich, Altersgeld für Landwirte, Unfallrenten, Wohngeld, So­zialhilfe u.a.) sowie Zusatzsystemen (betriebliche Altersversorgung, Lebensversiche­rung) kann materielle Unterversorgung und Armut im Alter verhindert werden. (vgl. Reimann/Reimann, 1994, S. 177 ff und BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 155). Den „... Rentnerinnen fehlt oft [solch, S.Z.] eine Zusatzversicherung, und sie wurden auch bei gleicher Arbeit wesentlich schlechter entlohnt als ihre männlichen Kollegen. Wer weniger verdient. so die Regel, erhält auch eine niedrige Rente." (Brauch­bar/Heer. 1995, S. 209) „Mitte 1992 lag die durchschnittliche monatliche Versicher­tenrente in der Rentenversicherung der Arbeiter für Männer im früheren Bundesgebiet bei 1456 DM für Frauen bei 572 DM." (Datenreport, 1994. S.202). Auch bei der Angestelltenversicherung erhielten die Frauen nur die Hälfte der Altersversorgung der Männer (Männer: 1.989 DM: Frauen: 995 DM bezogen auf die alten Bundesländer). (vgl. Brauchbar/Heer, 1995, S. 209 und Datenreport, 1994, S. 203)

„Soziale Ungleichheiten in der Einkommenserzielung während der Erwerbsphase tau- chen [also, S.Z.] als soziale Ungleichheiten in der finanziellen Altersrealität wieder auf. (...) Wo Armut im Alter auftritt, handelt es sich auch nicht um vereinzelte Schicksale’, die Jedermann aus jeder Schicht’ treffen könnten. Im Gegenteil: Wie empirische Studien schon aus den 70er Jahren gezeigt haben, ist Armut im Alter im Regelfall die Endstation einer ,Armutskarriere’, die bereits in Form von Benachteili­gungen und Armut im elterlichen/schwiegerelterlichen Haus beginnt und sich dann später im Berufsverlauf fortsetzt, z.B. im Hinblick auf Benachteiligungen bei Zugang zu sicheren und gut bezahlten Beschäftigungsverhältnissen ..." (Naegele, 1994, S. 180 f).

Die Verteilungsstruktur der Alterseinkommen in der Bundesrepublik ist also weitge­hend ein Spiegelbild der Verteilungsverhältnisse des Erwerbslebens und damit ein Spiegelbild von Privilegien, aber auch von Diskriminierungen. (vgl. Naegele, 1994, S. 180). Benachteiligt und von sozialem Abstieg und Armut bedroht sind vor allem die älteren, geschiedenen Frauen, sowie die älteren ledigen Frauen, die schlecht ausgebil­det und nur unzureichend abgesichert sind. Ledige Männer im Alter spielen zahlenmä­ßig eine äußerst geringe Rolle dabei. (vgl. BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 234). Die Rentenreform von 1992 hat im Hinblick auf die Benachteiligung von Frauen we­nig bewirkt; sie hat die Veränderungen in den Lebenslauf- und Familienmustern nicht aufgegriffen, wie Z.B. wachsende Scheidungszahlen, rückläufige Wiederverheira­tungsquoten, Nicht-Eheliche Lebensgemeinschaften und stark gestiegene sogenannte Ein-EItern-Ehen. Sie „... hat vielmehr am herkömmlichen ,Versorgungsmodell der lebenslangen Ehe mit traditioneller Rollenverteilung’ sowie an der rentenrechtlichen Begünstigung der im Grundsatz noch immer weitgehend männerorientierten Erwerbs­biographie mit einer Vollzeittätigkeit [Ausgangspunkt ist die Eckrente, d.h. die Rente für einen Arbeitnehmer mit 45 Versicherungsjahren, S.Z.] festgehalten" (Naegele, 1994, S. 182). Die zunehmende (in Teilen erzwungene) Beschäftigung vieler Frauen in Teilzeit-, befristeten und sogenannten „ungeschützten" Beschäftigungsverhältnissen wird nach den derzeitigen Leistungsstrukturen rentenrechtlich „bestraft" (vgl. Naegele, 1994, S. 182): die Frauen werden somit wieder benachteiligt.

Für die Zukunft ist zu hoffen. dass die in den letzten Dekaden erfolgte Bildungsexpan- sion für Mädchen und Frauen und die damit einhergehende stärkere Berufsorientie­rung die ökonomische Benachteiligung von Frauen im Erwerbsleben, wie später auch im Alter, aufhebt oder doch zumindest wesentlich verringert, denn finanzielle Absi­cherung im Alter ist ein vorrangiger Wunsch älterer und alter Menschen und somit ein Faktor des Wohlbefindens. (siehe dazu auch Punkt 3.4.2: Was sich Senioren heute wünschen ...).

1.7.5 Kooperation der Geschlechter

Durch den Wandel der Familienstrukturen brechen die erwähnten eingefahrenen Rol­len von Männern und Frauen langsam auf Dies könnte durchaus ein neuer Impuls von Lebendigkeit in unserer Gesellschaft werden.

Dazu müssten die jetzt Jungen und Jüngeren in Zukunft kooperativer miteinander um­gehen, um dem düsteren Bild von Ulrich Beck entgegen zu wirken, der ein Gegenein­ander der Geschlechter auf Jahre hinaus prognostiziert. (vg1. Beck, 1986, S. 161 ff) Vielleicht sind die Männer der Zukunft eher bereit. sich an der Kindererziehung oder der Pflege von Familienangehörigen zu beteiligen. Vermutlich werden sie jedoch ihren Haushalt selbst fuhren können - auch im Alter.

Im Grunde wissen die Männer und Frauen viel zu wenig voneinander, von ihrer jewei­ligen Lebenssituation, ihren Lebensbedingungen. und die Gesellschaft weiß insgesamt zuwenig vom Alter.

1.8 Demographische Entwicklung

Nie zuvor hat es in der Geschichte der Menschheit einen so großen Anteil älterer Men­schen gegeben wie heute. Dies gilt vor allem für die modernen Industriegesellschaften. Bereits in vier Jahrzehnten wird voraussichtlich mehr als ein Drittel aller Bürger Deutschlands der Altersgruppe der über 60jährigen angehören. Erst dann - so schätzen die Experten - wird sich die derzeit stark ausgeprägte, demographische und immer wieder zitierte Umschichtung der Gesellschaft abschwächen. (vg1. Schmid, 1994, S. 39).

Bis zum Jahr 2030 ist dabei eine deutliche Zunahme von älteren Menschen mit mittleren und höheren Bildungsabschlüssen vorauszusehen. In der Konsequenz ist zu erwarten, daß die zukünftig Älteren über gute Ressourcen für eine aktive, selbstbe­stimmte Gestaltung ihres Lebens im Alter verfugen und verstärkt in der Lage sein werden, ihre Interessen zu artikulieren und durchzusetzen." (BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 5).

1.8.1 Der Altersbaum: Von der Pyramide zum Pilz

„Demographisch altert unsere Gesellschaft dreifach: Wir werden absolut und relativ mehr ältere Menschen in Zukunft haben. und zudem wird der Anteil Hochaltriger stei­gen." (Tews, 1995, S. 83)

Die Anteile der jüngeren Jahrgänge an der Gesamtbevölkerung gehen zurück, die An­teile der älteren Jahrgänge nehmen zu. Geburtenrückgang und steigende Lebenserwar­tung verwandeln den sogenannten „Altersbaum" der Bundesrepublik seit 1910 von einer Wettertanne allmählich in einen Pilz mit breiter Haube und schmalerem Stil (Prognosen für das Jahr 2030). (vgl. Geißler, 1992, S. 292).

„Ergebnisse von Bevölkerungsmodellrechnungen zeigen, daß der Altenquotient ( ... ) von rund 35 auf rund 71 bis zum Jahr 2030 zunehmen wird. Somit kommen im Jahr 2030 auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter rund 71 Senioren." (BMFuS. 1993. Erster Altenbericht, S. 5).

Allerdings träumen immer weniger Menschen in der Bundesrepublik davon „uralt" zu werden. Bei einer Erhebung des Allensbacher Institutes vor fast 40 Jahren wollten noch 55 % der Deutschen 150 Jahre alt werden. sofern es die Wissenschaft ermögli­chen könnte. 1993 waren es nur 38 % der Westdeutschen. die ein derart weitgestecktes Lebensalter als wünschenswert ansehen. Jede/r dritte meinte, es wäre besser, man lebe nicht so lange. (vgl. dazu auch Artikel im Donau Kurier, 10.01.94: "Alt, aber nicht uralt"). Die Lebenserwartung der Bundesbürger hingegen steigt ungeachtet dessen kontinuierlich an. (siehe hierzu auch: Punkt 1. 7. 1 meiner Diplomarbeit: ,,Feminisierung und Singularisierung des Alters"). Vor allem der Anteil der Hochaltri- gen nimmt rasant zu (siehe hierzu auch: Punkt 1.3.2 meiner Diplomarbeit: „Hochbe- tagte").

1.8.2 Auswirkungen auf den Generationenvertrag

Der demographische Wandel wird von der Bundesregierung als eine der größten sozi­alpolitischen Herausforderungen angesehen. der nicht ohne Auswirkungen auf die so­zialen Sicherungssysteme bleiben wird und die Generationensolidarität vor eine Be­währungsprobe stellt. (vgl. BMFuS, 1993, Erster Altenbericht, S. 5). Stehen wir gar an der Schwelle zu einem „Krieg der Jungen gegen die Alten" wie es Reimer Gronemeyer in seinem Buch „Die Entfernung vom Wolfsrudel“ so plastisch beschreibe (vgl. Gro­nemeyer, 1992, S. 21 ff). Cora Stephan schreibt im Sonderheft Nr.1/1996 der „ZEIT", dass diese Konfrontation nicht droht „Reizvoll dagegen wäre die Vorstellung von ei­nem Gemeinwesen. das nicht jugendfixiert ist." (Stephan, 1996. S 50 ft).

Fest steht, dass die Zahl der in das Erwerbsleben eintretenden Jüngeren erstmals seit vielen Generationen kleiner sein wird. als die Zahl der ausscheidenden Älteren. (vgl. BMFSFuJ. 1995, Die Alten der Zukunft, S.41). Die Verschiebungen in den Alters­gruppen werden so bei der Alterssicherung zum Problem. Der sogenannte "Generatio­nenvertrag" ist in Gefahr. Er „... ist eine Vereinbarung zwischen Jungen und Alten auf der Grundlage von Verpflichtung und Vertrauen zugleich: Für die Jüngeren die Ver­pflichtung mit ihren Abgaben den Lebensunterhalt für die Älteren zu sichern. Und das Vertrauen der Jüngeren, später einmal Rente durch die Abgaben der nachfolgenden Generation zu erhalten. Durch die absehbaren Veränderungen der Bevölkerungszahlen wird dieses Vertrauen in Frage gestellt." (Fiederle, 1994, Alter-native 1, S. 29). „Die Alterung führt dazu, daß immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner zu ver­sorgen haben eine Entwicklung, die durch längere Ausbildungszeiten und eine frühere Beendigung des Arbeitslebens noch zusätzlich verschärft wird." (Geißler, 1992, S. 294).

Eine Gesellschaft. die so vom Wandel der Altersstruktur geprägt wird, sichert ihre Zukunft nur durch gemeinsame Ideen von Jung und Alt. Eine neuartige Integration von Neuwissen und Erfahrungswissen ist zu leisten. Die alte Arbeitsteilung zwischen jung und alt hat keine Perspektive mehr. Für die Zukunft benötigen wir eine Lebens­kultur der Teilhabe aller Generationen. Je geringer der Anteil jüngerer Menschen in der Bevölkerung eines Gemeinwesens ist, um so stärker wird auch der Leistungsdruck der Älterwerdenden ansteigen. (vgl. BMFSFuJ, 1995, Die Alten der Zukunft, S. 41 f). Eine Form, diesem Druck zu begegnen, kann die Übernahme eines sozialen Ehrenam­tes im Alter sein. Dabei rückt die Gruppe der „jungen Alten" zunehmend ins Blickfeld. Allerdings darf ein soziales Ehrenamt nicht die einzige innovative Idee zur Aufrecht­erhaltung der Generationensolidarität bleiben: soziales Ehrenamt ist kein Allheilmittel.

Was ältere und alte Menschen tun oder lassen sollten, wie sie sich verhalten sollen, dies und vieles mehr hat sich in den verschiedenen theoretischen Konzepten für ein „erfolgreiches Alter" niederschlagen Unberücksichtigt blieb dabei anfänglich das indi­viduelle Empfinden und Erleben des einzelnen Menschen.

1.9 Alternstheorien

Bei der Frage, we1che Form des Alterns für den Menschen die optimale sei, die ihm ein Höchstmaß an Zufriedenheit gewährt. wurden von den verschiedenen wissen­schaftlichen Disziplinen unterschiedliche Alternsmodelle entwickelt.

1.9.1 Soziologische Ansätze

Neben der gesellschaftlichen Bewertung des Alters haben sich in der Soziologie ganz unterschiedliche soziologische Theorien zum Alter entwickelt:

1.9.1.1 Aktivitätstheorie

„Die Vertreter der Aktivitätstheorie, zu denen in Deutschland vor allem Tartler (1961) zu zählen ist, gehen von der Annahme aus. daß nur derjenige Mensch glücklich und zufrieden sei, der aktiv ist, der etwas leisten kann und von anderen Menschen ge­braucht’ wird. " (Lehr. 1991. S. 241).

„Alte Menschen sind (...) besonders lebenszufrieden, wenn sie möglichst lange in ih­ren sozialen Rollen verbleiben können und auch im Alter noch neue Rollen wahrneh­men können." (Stracke- Mertes. 1994. S. 45) Die Menschen, die optimal altern - so die Aktivitätstheorie - behalten die Aktivitäten des mittleren Erwachsenenalters so lange wie möglich bei. Sie finden geeigneten „Ersatz" für Freunde und geliebte Menschen, die sie durch Tod verloren haben. Aktivitäten, die aus Altersgründen aufzugeben sind, z.B. die Berufstätigkeit, werden durch neue ausgetauscht. (vgl. Lehr, 1991. S.241).

1.9.1.2 Disengagementtheorie

Die Disengagementtheorie geht von der gegenläufigen Annahme aus, „... daß ältere Menschen generell ein Bedürfnis nach Reduzierung der sozialen Kontakte sowie nach Aufgabe früherer Verpflichtungen zeigen. Der Wunsch ,gebraucht zu werden’ und ,nützlich zu sein’ entspreche nur einem Sicherheitsbedürfnis und sei nur aus der Angst zu erklären, andernfalls verstoßen und hilflos zu sein. Könne eine Sicherheit im Alter anderweitig garantiert werden ... , dann sei der Wunsch nach Disengagement vorherr­schend ... Der Disengagement-Theorie zufolge ist eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches, zufriedenes Altern’, daß die Gesellschaft bereit ist, den älteren Men­schen aus seinen sozialen Rollen zu entlassen und ihn von seinen Verpflichtungen zu entbinden, daß gleichzeitig aber der Betagte von sich aus ein Sich-Zurückziehen von sozialer Aktivität wünscht." (Kruse/Lehr, 1989, S. 31).

1.9.1.3 Relevanz

Für beide Theorien - sowohl für die Aktivitätstheorie als auch für die Disengage­menttheorie - gab es immer wieder Untersuchungen. die verschiedene Hypothesen bewiesen, andere widerlegten. Doch „... empirische Befunde an spezifischen Gruppen. die für die Aktivitäts- oder die Disengagementtheorie sprechen, dürfen ... nicht als generelle Bestätigung der einen oder anderen Theorie interpretiert werden." (Rosen­stiel, 1994, S. 241).

Die Kritik an der Aktivitätstheorie und ihrem Altersbild besteht darin, dass als „Zerr­bild" dieser Theorie der überaktive, alte Mensch steht, „... der sich seines Alters gar nicht bewußt werden kann, weil er sich ständig in Aktivitäten beglückt." (Ebel, 1991, S. 30). Die Aktivitätstheorie suggeriert eine klassenlose Gesellschaft, in der jeder die gleichen Chancen zu Aktivität und damit zu Lebenszufriedenheit hat. Hauptkritik­punkt aber ist die einseitige Orientierung am mittleren Lebensalter als Bezugspunkt für Zufriedenheit. „Die Aktivitätstheorie verleugne demnach das Alter als eigenständige Lebensphase." (Fiederle, 1994, Alter-native 10, S.4). Andererseits wurde in Untersu­chungen belegt, daß Aktivität in verschiedenen sozialen Rollen positive Auswirkungen auf das Selbst bild älterer Menschen hat. „Ein positives Selbstbild ( ... ) sei die wich­tigste Voraussetzung für Lebenszufriedenheit und damit für ein erfolgreiches Altern’ (Lehr. 1991. S.241).

Die Disengagementtheorie hat dazu geführt, „... daß der Abbau geistiger und körperli­cher Fähigkeiten im Alter überbetont und einseitig als Alterskriterium angenommen wurde." (Stracke-Mertes, 1994, S.44). Zudem geht die Disengagementtheorie von ei­nem „... Harmoniemodell zwischen Individuum und Gesellschaft aus. Danach wünscht sich das Individuum das, was für die Gesellschaft nützlich ist, nämlich Rückzug und Ausgliederung. So wird Deskriptives [festgestellter Rückzug, S.Z.] ohne weiteres mit Normativem [Wünschbarkeit dieser Tatsache, S.Z.] gleichgesetzt." (Ebel, 1991, S.32). Untersuchungen aus dem Bonner Psychologischen Institut zeigen, dass Disengage­ment durchaus ein bestimmtes Verhalten im Alter sein kann, jedoch nur für spezielle Lebensphasen des Alters gilt (vorübergehendes Disengagement). In vielen Fällen er­scheint nach Beendigung längerer Belastungssituationen (z.B. nach der Pensionierung) ein zeitweiliges Disengagement als erstrebenswert. Jedoch ist dieser Rückzug meist nur temporär; aus der erreichten und angemessenen Distanz heraus werden wieder neue Formen von Aktivität gesucht. (vgl. Auer. 1995, S. 40 f). Das Verdienst der Di­sengagementtheorie ist es, sozial psychologische Aspekte des Alterns in der geronto- logischen Forschung in den Vordergrund gerückt zu haben. (vgl. Fiederle, 1994, Alter­native 10, S. 5).

Den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erfüllt keine der beiden Theorien. Sie „... ent­halten zweifellos wichtige Einsichten, keine von beiden vermag totalitär vertreten - der Kritik standzuhalten." (Auer, 1995, S. 41). Darüber hinaus wird sowohl der Aktivitäts­theorie als auch der Disengagementtheorie vorgehalten, daß bei beiden die Theoriebil­dung aus Sicht der männlichen Lebensrealität entstanden ist. „Offene Diskriminierung von Frauen in der Theoriebildung läßt sich dort feststellen, wo verblüffenderweise zur Situation alter Menschen nur aus Interviews von über 70jährigen alten Männern zitiert wird ..." (Schmidbaur, 1990, S. 14).

1.9.2 Aufgabenorientierte Ansätze

Aufgabenorientierte Ansätze untergliedern den Lebenslauf in eine Folge von „Entwicklungsaufgaben" (Havighurst) oder unterteilen ihn in „psychosoziale Krisen", wie es Erikson und später Peck, erweitert, getan haben. In diesen Ansätzen rückt die Interaktion zwischen Person und Umwelt in den Vordergrund.

1.9.2.1 Altern als Hindurchgehen durch Krisen

„Altern wird von einigen Autoren als ein Hindurchgehen durch Krisen konzeptuali- siert. [Der weit über die Psychologie hinaus populär gewordene Psychoanalytiker, S.Z.] Erikson (...) vertritt die Auffassung, der gesamte Lebenslauf sei eine laufende Auseinandersetzung und Bewältigung von psychosozialen Aufgaben, Konflikten oder Krisen, die sich dem Individuum in einzelnen Lebens- oder Altersphasen stellen." (Faltermaier u.a., 1992, S. 152). Dabei ist das Individuum nicht schicksalhaft den Umweltmächten ausgeliefert, sondern kann aktiv eingreifen und sich mit den Umwelt­gegebenheiten auseinandersetzen (vgl. Lehr, 1991, S. 158). Die Krise des höheren Er­wachsenenalters zeigt sich laut Erikson in der Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit: Gewinnung von Ich-Integrität versus Verzweiflung. Die konstruktive Überwindung der Krise liegt darin, seine Lebensführung zu bejahen und zu einer posi­tiven Bilanzierung des eigenen Lebens zu kommen. Gelingt dem älteren Menschen die Lösung dieser Krise nicht, so entsteht Verzweiflung, wenn ihm deutlich wird, dass nicht mehr genügend Zeit zur Verfugung steht, um vergangene Fehler und Irrtümer in der eigenen Lebensgestaltung zu korrigieren. (vg1 Fiederle, 1994, Alter-native 11, S. 5).

[...]

Ende der Leseprobe aus 169 Seiten

Details

Titel
Das Soziale Ehrenamt - Eine Form der Sinnfindung im Alter
Untertitel
Sozialpädagogische Möglichkeiten der Motivation, Beratung und Begleitung
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
169
Katalognummer
V148544
ISBN (eBook)
9783640592524
ISBN (Buch)
9783640638864
Dateigröße
2430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Sozialpädagogik, Ehrenamt, Sinnfindung im Alter, Begleitung, Beratung, Motivation
Arbeit zitieren
Susanne Zuber (Autor), 1996, Das Soziale Ehrenamt - Eine Form der Sinnfindung im Alter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148544

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