Hyperkommunikation: Schrift-Um-Steller statt Schriftsteller


Essay, 1999

14 Seiten


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Prolog: Technologie - Von der Zählmaschine zur Erzählmaschine

2 Hypertext: Neue Schläuche für alten Wein

3 Text: Artefakt

4 Hypertexter: Leser - Autor

5 Hyper-Kommunikation: Text jenseits von Mitteilungen

6 Hyperfiction: Neue Schläuche für autorisierte Schriftsteller

7 Hyper-Kunst: Ein weiterentwickelteres Kunstverständnis

8 Epilog: primitive Technologie

Literaturverzeichnis

Alles, was ich tue, tue ich, um besser zu verstehen, was ich tue

Abstract

Neue Werkzeuge werden gemeinhin zuerst für alte Zwecke eingesetzt. Werkzeuge werden meistens unter diesem Gesichtspunkt entwickelt und oft auch entsprechend gestaltet. Selten weiss der Erfinder, was er erfunden hat. Das Telefon war als Rundfunk gedacht. Der Computer - nomen est omen - sollte beim Rechnen helfen. Das Internet wurde als Faxsystem konzipiert, das WWW als Datenbank. Meistens erfüllen die neuen Werkzeuge die alten Zwecke gut, viele Erfindungen könnten sonst gar nicht überleben.

Auch die Erfinder von Hypertext hatten ganz praktische Anliegen. Der CIA-Agent Vannevar Bush versuchte damit, seine Mikrofiche wiederzufinden. Ted Nelson - der den Begriff Hypertext prägte - wollte Ordnung in der Archivierung von Literatur schaffen. An das Internet konnten beide nicht denken, weil diese Technologie noch nicht vorhanden war. Vernünftigerweise sollte ich natürlich keine Erfinder von Hypertext erfinden, weil das, was die Erfinder erfunden haben, sehr spezifische Probleme lösen sollte, die mit dem, was Hypertext als neue Technologie darstellt, relativ wenig zu tun hatten (vgl. Todesco 1998:267). Neue Zwecke für die neuen Werkzeuge müssen sich erst entwickeln. Beim Telefon waren es nachgewiesenermassen die Hausfrauen der Manager, die das Chatten entdeckten und zeigten, was das Telefon eigentlich ist - denn Symphoniekonzerte hören wir am Telefon erst seit jüngster Zeit, wenn wir durch eingespielte Konserven zum Warten animiert werden sollen. Und dass ich heute alles mittels eines Computers schreibe, den ich nur ganz selten zum Rechnen benutze, hat sehr viel damit zu tun, dass viele Programmierer merkten, dass man auf den Programmeditoren auch Liebesbriefe schreiben kann. Als sogenannte Textverarbeitungssysteme wurden diese Editoren erst verkauft, nachdem sie bereits tausendfach als solche benutzt wurden. Wirklich erfunden wird Hypertext erst allmählich - in der Reflexion dessen, was wir mit Hypertext jenseits von Datenbankapplikationen, die die Erfinder im Auge hatten, tun.

1. Prolog: Technologie - Von der Zählmaschine zur Erzählmaschine

Ich liebe Maschinen, sie sind Instanzen der Technologie[1]. Ich sehe in jeder Tech­nologiestufe eine Erklärung für das, was zuvor jenseits dieser Technologie ge­macht wurde. Ein Webstuhl zeigt mir, was Handweber mach(t)en, ein automa­tischer Webstuhl zeigt, was Weber am mechanischen Webstuhl noch arbeite(te)n. Die Schreibmaschine "erklärt" mir den Bleistift, respektive, wie ich beim Schrei­ben mit dem Bleistift mechanisierbar Graphitfiguren produziere. Inte­res­sant sind die Funktionen eines neuen Werkzeuges für mich, nicht weil sie irgend­etwas erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen, sondern weil sie mir zei­gen, was ich zuvor getan habe oder gerne getan hätte. Neue Technologien ma­chen explizit, was ich zuvor als Aufgabe oder Fähigkeit in mir hatte, sie geben mir Auskunft über mich.

Ich nehme von mir nicht an, dass ich in irgendeiner Weise entwickelter bin, als Men­schen es je zuvor waren. Was wir entwickeln ist unsere Technik. Was ich mehr kann, als Menschen früherer Epochen, das kann ich, weil wir entwickeltere Werk­zeuge haben. In dem Sinne wie neuere Technologien jeweils ent­wickelter oder expliziter sind als ihre Vorgänger, mache ich auch etwas Enwickelteres, wenn ich Produkte der neuen Technologien entsprechend neu einsetze.

Viel­leicht kennen Sie den Instinkt des althergebrachten Schriftstellers, der sich wei­gert, seine Literatur mit einem Textbearbeitungssystem zu schreiben. "Wahre Literatur" fliesst aus der Feder. Weshalb oder inwiefern ich diese Ansicht - auch als Schriftsteller, der mit der Feder gar nicht mehr schreiben kann - teile, will ich hier ebenfalls erläutern. Ich schreibe dazu vorerst einige grundlegende Be­merkungen über Text und Kommunikation.

2. Hypertext: Neue Schläuche für alten Wein

Neue Werkzeuge werden gemeinhin zuerst für alte Zwecke eingesetzt. Werkzeu­ge werden meistens unter diesem Gesichtspunkt entwickelt und oft auch ent­sprechend gestaltet. Selten weiss der Erfinder, was er erfunden hat. Das Tele­fon war als Rundfunk gedacht. Der Computer - nomen est omen - sollte beim Rech­nen helfen. Das Internet wurde als Faxsystem konzipiert, das WWW als Da­tenbank. Meistens erfüllen die neuen Werkzeuge die alten Zwecke gut, viele Er­findungen könnten sonst gar nicht überleben.

Auch die Erfinder von Hypertext hatten ganz praktische Anliegen. Der CIA-Agent Vannevar Bush versuchte damit, seine Mikrofiche wiederzufinden. Ted Nel­son - der den Begriff Hypertext prägte - wollte Ordnung in der Archivierung von Literatur schaffen. An das Internet konnten beide nicht denken, weil diese Tech­nologie noch nicht vorhanden war. Vernünftigerweise sollte ich natürlich kei­ne Erfinder von Hypertext erfinden, weil das, was die Erfinder erfunden haben, sehr spezifische Probleme lösen sollte, die mit dem, was Hypertext als neue Technologie darstellt, relativ wenig zu tun hatten (vgl. Todesco 1998:267). Neue Zwecke für die neuen Werkzeuge müssen sich erst entwickeln. Beim Tele­fon waren es nachgewiesenermassen die Hausfrauen der Manager, die das Chat­ten entdeckten und zeigten, was das Telefon eigentlich ist - denn Symphonie­konzerte hören wir am Telefon erst seit jüngster Zeit, wenn wir durch eingespiel­te Konserven zum Warten animiert werden sollen. Und dass ich heute alles mit­tels eines Computers schreibe, den ich nur ganz selten zum Rechnen be­nutze, hat sehr viel damit zu tun, dass viele Programmierer merkten, dass man auf den Programmeditoren auch Liebesbriefe schreiben kann. Als sogenannte Tex­t­verarbeitungssysteme wurden diese Editoren erst verkauft, nachdem sie be­reits tausendfach als solche benutzt wurden. Wirklich erfunden wird Hypertext erst allmählich - in der Reflexion dessen, was wir mit Hypertext jenseits von Da­tenbankapplikationen, die die Erfinder im Auge hatten, tun.

[...]


[1] Ich setze einige Begriffe kursiv, die ich in einem Hypertext als Links auf Explikationen in ei­nem Hy­per-Lexikon ausprägen würde. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass sich solche Explika­tionen ganz selten mit dem intuitiven Verständnis dieser Begriffe decken würden. Vergl. dazu Todesco 1995

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Details

Titel
Hyperkommunikation: Schrift-Um-Steller statt Schriftsteller
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V148607
ISBN (eBook)
9783640602582
ISBN (Buch)
9783640602421
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hyperkommunikation, Schrift-Um-Steller, Schriftsteller, Hypertext, Konstruktivismus, Kommunikation
Arbeit zitieren
Rolf Todesco (Autor:in), 1999, Hyperkommunikation: Schrift-Um-Steller statt Schriftsteller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148607

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