Die Vaterschaftsfrage in Lenzens Hofmeister


Seminararbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Textanalyse - Zeitstruktur, Sprache und Kontext
2.1 Analyse der zeitlichen Struktur
2.2 Analyse der sprachlichen Gestalt
2.3 Kontextuelle Analyse - Intention vs. Inkompetenz

3 Konsequenzen fur die Interpretation
3.1 Patus = Pater?
3.2 Die unbefleckte Empfangnis

4 „Der Weisheit letzter SchluB“

Literaturverzei chni s

Eigenstandigkeitserklarung

Prufungsprotokoll zur Hausarbeit

1 Einleitung

Die Bestrebungen kommunaler Familienpolitik, dem demographischen Wandel Einhalt zu gebieten, haben bisher die „Vorteile der Privaterziehung“ vernachlassigt. Dabei ist ein „Hofmeister“ doch vermutlich die beste Methode, um eine Steigerung der Geburtenrate zu erzielen. Die Politik scheint hier aber ebenso skeptisch zu sein wie ich es bin.

Ziel dieser Seminararbeit soll es sein, den Hofmeister vor einem Kuckuckskind zu bewahren, das heiBt, die allgemeine These seiner Vaterschaft zu widerlegen. Da ein Abstammungsgutachten bei fiktiven Personen nicht moglich ist, muss der Text Lenzens „Der Hofmeister“ meine "DNA-Probe" sein. Diesen gilt es unter der Fragestellung - Kann Lauffer der Vater Gustchens Kind sein? - zu betrachten. Kann man diese Frage mit - Nein - beantworten, so ergeben sich Konsequenzen fur die Interpretation des Werkes. Dazu gehort besonders die Vaterschaftsfrage, die offen bleibt, sofern Lauffer nicht der Vater ist. Einer kritischen Analyse dieser Konsequenzen widme ich den zweiten Teil dieser Arbeit.

Im folgenden Kapitel gilt meine Aufmerksamkeit der ersten Fragestellung unter Berucksichtigung der Chronologie, der sprachlichen Gestalt und der kontextuellen Ebene.

2 Textanalyse - Zeitstruktur, Sprache und Kontext

Wie einleitend erwahnt, kann eine Untersuchung Lauffers vermeintlicher Vaterschaft nur anhand des Textes erfolgen. Eine solche Untersuchung wurde bereits 1980 von Claus O. Lappe durchgefuhrt. Er falsifiziert damit die gangige Interpretation, dass Lauffer der Vater Gustchens Kindes sei und schreibt: „ Gustchens Kind wurde nicht von Lauffer gezeugt“ (Lappe 1980, S. 15). Um diese Aussage haltbar zu machen, bedarf es schlussiger Argumente, die man bei genauerer Lekture des Textes finden kann. Dabei befinden sich die entscheidenden Kriterien, die die Vaterschaft Lauffers ausschlieBen, innerhalb der zeitlichen Struktur des „Hofmeisters“ und der sprachlichen Gestalt der Zeitangaben. (Vgl. Lappe 1980, S. 14f) Ersteres wird Schwerpunkt der Analyse des folgenden Teilkapitels sein.

2.1 Analyse der zeitlichen Struktur

Fur die Analyse der Zeitstruktur ist insbesondere die Handlung ab dem dritten Akt von Bedeutung, denn ab hier beginnen die Unstimmigkeiten hinsichtlich der Lesart, dass Lauffer der Vater von Gustchens Kind ist. Lappe hat dafur eine sehr intensive Revision der Zeitstruktur vorgenommen und dabei die Chronologie der Handlung mit den Handlungsschauplatzen verknupft. Dabei ging es ihm nicht allein darum, Lauffer ein Alibi zu verschaffen, sondern auch den leiblichen Vater Gustchens Kindes ausfindig zu machen. Letzteres soll in einem spateren Teil meiner Arbeit thematisiert werden, es sei hier nur aus Grunden der Vollstandigkeit erwahnt. (Vgl. Lappe 1980, S. 15)

Wirft man nun einen Blick auf die von Lappe entwickelte Chronologie, stellt man unweigerlich fest, dass zwischen der Flucht von Lauffer und Gustchen aus dem Hause des Majors und der Geburt des Kindes ca. 12 Monate liegen. (Vgl. Lappe 1980, S. 32ff) - Aber wie kommt Lappe auf diese zeitliche Abfolge? - In der ersten Szene des dritten Aktes fragt der Geheime Rat den Major, ob er Nachricht von Gustchen habe: ,,Geheimer Rat. Hast nicht die geringste Nachricht von deiner Tochter“. (IV, I, S.60) Darauf antwortet der „Major. Ein ganzes Jahr - Bruder geheimer Rat - ein ganzes Jahr - und niemand weifi, wohin sie gestoben oder geflogen ist?“(IV, I, S.60) In der folgenden Szene befinden sich Gustchen und Marthe, die ihr Obdach gab, in einem Dialog. Gustchen mochte ihrem Vater

Nachricht geben, dass sie noch lebt und sagt zu Marthe „(...)es ist das erstemal, dass ich euch allein lasse in einem ganzen Jahr“(IV, II, S.61). Damit ware zunachst der zeitliche Rahmen fur die Abwesenheit Gustchens von ihrem Elternhaus gesteckt. Das sagt allerdings noch nichts uber den Zeitpunkt der Geburt des Kindes aus. Doch auch dafur findet man Textbelege. Die fursorgliche Marthe, die sich spater als die GroBmutter Patus' entpuppt, liefert weitere Indizien dafur, dass Gustchens Kind nicht Lauffers Stammhalter ist. Im weiteren Verlauf des bereits erwahnten Dialoges entgegnet Marthe auf das Vorhaben Gustchens, das Haus zu verlassen, mit der Warnung:

„(...) lafit euch doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele Schmerzen, so wie ihr, Gott sei Dank! Aber einmal hab ich's versucht, den zweiten Tag nach der Niederkunft auszugehen und nimmermehr wieder;(...), wahrlich ich konnt euch sagen wie einem Toten zu Mute ist.(...)“( IV, II, S.61f)

Marthe will Augustchen vor dem Fehler bewahren, zu fruh das Kindbett zu verlassen. Aber nicht nur das, denn sie liefert gleichzeitig den kritischen Moment des Diskurses der Vaterschaftsfrage. Gustchen hat bereits im Verlauf des Gespraches gesagt, dass sie ihren Vater seit einem Jahr, also seit ihrer Flucht, nicht mehr gesehen hat. Kurz darauf wird sie von Marthe ermahnt, nicht das Haus zu verlassen, weil ihre Niederkunft erst zwei Tage zuruckliegt. Das bestatigt sie nochmals, als sie in der ersten Szene des 5. Aktes auf Lauffer trifft: „(...) die Mutter dieses Kindes war meine Leiterin; sie ging eines Tags aus dem Hause, zwei Tage nach ihrer Niederkunft.(...)“. (V, I, S.73)

Damit ist ausgeschlossen, dass Gustchen zum Zeitpunkt ihrer Flucht schwanger war, sofern fiktive Figuren, ebenso wie deren reales Pendant, nicht mehr als neun Monate schwanger sind.

Um Lauffer jedoch ganzlich als Vater auszuschlieBen, fehlt ein weiteres Indiz. Die Tatsache, dass Gustchen erst nach dem Verlassen ihrer Familie schwanger wurde, heiBt nicht, dass ihr Hofmeister an der Zeugung des Kindes unbeteiligt war. Die dritte Szene des vierten Aktes gibt Aufschluss. Der Major sturmt gemeinsam mit seinem Bruder und zwei Bediensteten in die Schule, in der Lauffer Obdach fand. Nachdem der Major auf seinen ehemaligen Angestellten geschossen hatte, verteidigt Wenzeslaus seinen „(...)Kollaborator; er ist eben ein Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger, fleifiiger Mensch(...)“ (IV, III, S.63). An dieser Stelle wird auch fur Lauffer der Zeitraum auf ein Jahr beschrankt, woraus man schlieBen kann, dass die Handlungen der ersten und dritten Szene kurz aufeinander folgen und die zweite Szene nahezu parallel zur Szene eins bzw. drei verlauft. Um den Kreis zu schlieBen, fehlt noch der Nachweis, dass der Hofmeister innerhalb dieses Jahres keinen korperlichen Kontakt zu seiner Schulerin hatte. Dies bezeugt er dem Major wie folgt: „ (,..)Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause gefluchtet bin; das bezeug ich vor Gott, vor dessen Gericht ich vielleicht balderscheinen werde.“ (IV, III, S.64) Um den Sachverhalt deutlicher zu machen, werde ich ihn kurz zusammenfassen: Lauffer und Gustchen fliehen aus dem Haus des Majors. Dabei kann sie zu diesem Zeitpunkt nicht schwanger sein, weil sie erst ein Jahr danach ihr Kind gebart. Sie findet Unterschlupf bei Marthe, Lauffer bei Wenzeslaus. Lauffer beteuert sie nicht gesehen zu haben, seitdem sie gemeinsam geflohen sind.

Ein Indiz macht noch keinen Beweis, viele aber schon. Hinsichtlich der Chronologie des Werkes kann man mit Lappes These „ Gustchens Kind wurde nicht von Lauffer gezeugt“ (Lappe 1980, S. 15) guten Gewissens konform gehen. Um jedoch ein eindeutiges Urteil fallen zu konnen, gilt es, sich genauer mit der sprachlichen Gestalt auseinanderzusetzen. Dies geschieht im folgenden Kapitel.

2.2 Analyse der sprachlichen Gestalt

Die sprachliche Gestalt der Zeitangaben ist insofern von Bedeutung, als dass sie Aufschluss uber die Intention des Autors geben kann. Besonders die Attribution der Zeitangaben sollte dabei im Fokus stehen. Aus diesem Grund werde ich im Folgenden die Zitate noch einmal aus sprachlich-stilistischer Perspektive betrachten. Zunachst zum Zitat des Majors: „(...)Ein ganzes Jahr - Bruder geheimer Rat - ein ganzes Jahr(...)“ (IV, I, S.60). Nach dem romischen Kalender hat ein Jahr 12 Monate. Dennoch ist Zeit in der subjektiven Wahrnehmung relativ. Der Zeitraum, in dem man sein Kind vermisst (wie im Falle des Majors), wird sich wohl wie eine Ewigkeit anfuhlen. Daher ist es moglich, dass die doppelte Attribution mit ganzes zur Stilisierung dient, um deutlich zu machen, wie sehr der Vater seine Tochter vermisst. Im nachsten Zitat konnte die Attribution ahnlichen Ursprung haben: „(...)es ist das erstemal, dass ich euch allein lasse in einem ganzen Jahr“(IV, II, S.61). Auch hier konnte es stilistische Grunde geben, weshalb von einem ganzen Jahr die Rede ist. Vielleicht handelt es sich lediglich um eine Ubertreibung von Gustchen gegenuber Marthe, um ihr deutlich zu machen, dass es endlich Zeit wird, ihrem Vater eine Nachricht zukommen zu lassen. Anders liegen die Verhältnisse jedoch bei der Aussage des Schulmeisters: „(...)er ist eben ein Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger, fleißiger Mensch(...)“ (IV, III, S.63) Besonders von Interesse ist das Wort eben, für das das Bertelsmann Wörterbuch drei Lesarten vorschlägt:

[...]

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Details

Titel
Die Vaterschaftsfrage in Lenzens Hofmeister
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Medium Literatur
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V148672
ISBN (eBook)
9783640592708
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lenz, Hofmeister, Vaterschaft, Tragikomödie, Jakob Michael Reinhold Lenz, Sturm und Drang
Arbeit zitieren
Peter Maring (Autor), 2009, Die Vaterschaftsfrage in Lenzens Hofmeister, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148672

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