Die Ketzer als die Anderen – Mittelalterliche Identitätsfindung durch Abgrenzung


Essay, 2009

7 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Die Ketzer als die „Anderen“ - Mittelalterliche Identitatsfindung durch Abgrenzung

Mittelalterliche Berichte uber die „Anderen“, uber Unglaubige, Ketzer und Barbaren vermitteln Informationen uber Lebensweisen, die von ihren Zeitgenossen als andersartig, als von der Norm abweichend, wahrgenommen wurden. Doch was galt als Norm und worin zeigte sich Andersartigkeit? Die Darstellungen in mittelalterlichen Quellen ermoglichen nicht nur Einblicke in die Lebensformen von „Anderen“, sondern geben im Umkehrschluss auch Ruckschlusse auf die Lebensformen und Denkweisen, die von Zeitgenossen als „normal“ angesehen wurden. Denn in der Abgrenzung von anderen und in der Ausgrenzung anderer findet Identitatsbildung statt: Es zeigt sich wer jemand ist, indem man betrachtet, wer dieser nicht ist. So reflektieren mittelalterliche Berichte uber die „Anderen“ das Identitatsspektrum der mittelalterlichen Gesellschaft. Im Folgenden soll zunachst definiert werden, was unter dem Begriff des oder der „Anderen“ gemeint ist und welche gesellschaftlichen Auswirkungen diese Kategorisierung zur Folge hatte. AnschlieBend soll beispielhaft die Gruppe der Ketzer als mittelalterliche „Andere“ naher beleuchtet werden. Dabei soll auch danach gefragt werden, wie die mittelalterliche Gesellschaft bzw. die romische Kirche sich im Spiegel dieser Gruppierungen selbst verstand und warum viele Menschen von der Andersartigkeit der Ketzer trotz kirchlicher Verfolgung angezogen wurden.

Die Kategorisierung als „Anderer“ ist im Allgemeinen eine Zuordnung, die das Gegenuber ganzlich von Wir-Gruppe ausschlieBt. Die Wir-Gruppe stellt dabei in der Regel den dominierenden Teil einer Gesellschaft dar, welche in der Lage ist, Macht uber sich selbst und „Andere“ auszuuben. Die „Anderen“ sind AuBenseiter, Personen, mit denen man nichts zu tun haben will und deren Verhalten und Lebensweisen man vielleicht nur bruchstuckhaft kennt und gar nicht genauer kennen will. Die Andersartigkeit wird beispielsweise am religiosen Glauben, an der sozialen Abstammung, der Rasse, an Sitten und Gebrauchen oder der Geschlechtszugehorigkeit festgemacht. Die „Anderen“ widersprechen (augenscheinlich) den Lebens- und Wertvorstellungen der Wir-Gruppe und konnen aus diesem Grande nicht Teil der Gruppe sein. Wird eine Person oder Gruppe erst einmal als „anders“ betrachtet, dann entwickelt sich haufig ein Feindbild, das dazu beitragt, die „Andersartigkeit“ und die AuBenseiterposition des „Anderen“ deutlich zu markieren.

Zu den „Anderen“ zahlten im Mittelalter vor allem Ketzer beziehungsweise Haretiker. Als Ketzer wurde bezeichnet, wer von der offiziell gelehrten Glaubenslehre abwich und/oder Irrlehren vertrat. Haufig wurde Ketzem vorgeworfen in teuflische Machenschaften verwickelt zu sein, was auch zum Feindbild dieser „Anderen“ gehorte. Haretische Gruppierungen waren der Uberzeugung selbst den „wahren“ Glauben zu vertreten. Sie bildeten selbst eine Wir- Gruppe, die versuchte ihre eigenen Vorstellungen zu verbreiten, wodurch sie die romische Kirche indirekt oder direkt kritisierten. Im „Handbuch der Inquisitionspraxis“ schreibt der sudfranzosische Dominikaner Bernhard Gui um 1323 uber haretische Beginen in Narbonne, die in „Hausern der Armut“ lebten und in ihren Hauschen „heimlich“ in der Volkssprache religiose Inhalte verkundeten. Zudem unterschieden die Beginen laut seinen Ausfuhrungen zwischen zwei Kirchen, namlich der fleischlichen romischen Kirche, der die Menge der „Verworfenen“ angehort und der geistlichen Kirche, welcher jene folgen, die das Leben Christi und der Apostel fuhren. Diese Darstellung verdeutlicht, dass die ketzerischen Beginen die christliche Lebensweise und ihre Lehren als weibliche Vertreter einer anderen Kirche lebten und im kleinen Kreis in der Volkssprache verbreiteten. In der Bezeichnung der romischen Kirche als fleischliche Kirche der „Verworfenen“ klingt die von vielen Ketzerbewegungen vorgebrachte Kritik an, dass die romische Kirche verweltlicht geworden ist, und in den Augen der Ketzer entsprach deren Reichtum und deren erstarrte hierarische Strukturen nicht dem Bild von Kirche und Religion, welches sie mit dem christlichen Glauben verbanden.

Die Beschreibung dieser „Anderen“ am Beispiel der Beginen verdeutlicht im Umkehrschluss, was in der mittelalterlichen Gesellschaft in Bezug auf Religion und Religionsausubung die Norm war: So folgten die meisten Zeitgenossen der romischen Kirche, in der es Tradition war, dass nur ausgebildete, mannliche Vertreter des katholischen Glaubens predigen durften, und dies in lateinischer Sprache und in offentlicher Form taten. Ein religioses Leben nach dem Vorbild Christi wurde zudem nur den Monchen zugestanden, die in abgesonderten Gemeinschaften ein geistliches Leben fuhrten. Aus Sicht der Monche durfte es keine Laienprediger geben, die unter dem Volk sogenannte Irrlehren verbreiteten und die Menschen so vom „rechten“ (katholischen) Glauben und so auch dem Einflussbereich der Kirche fernhielten. Ein bedeutender Eckpfeiler des mittelalterlichen Identitatsempfindens war also die Zugehorigkeit und Auslebung des christlichen Glaubens nach den Dogmen der romischen Kirche. Die Bekennung zu religiosen Inhalten, die offiziell von der vertretenen Glaubenslehre abwichen, schloss den Bekennenden direkt von der Wir-Gruppe aus und machte ihn oder sie zu einem „Anderen“, der verfolgt und eventuell sogar inhaftiert und getotet wurde.

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Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die Ketzer als die Anderen – Mittelalterliche Identitätsfindung durch Abgrenzung
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Mittelalterliche Geschichte)
Veranstaltung
Heiden, Ungläubige, Ketzer und Barbaren. Mittelalterliche Berichte über die Anderen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
7
Katalognummer
V148689
ISBN (eBook)
9783640604494
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
3-seitiger Essay
Schlagworte
Ketzer, Anderen, Mittelalterliche, Identitätsfindung, Abgrenzung
Arbeit zitieren
Christina Gieseler (Autor), 2009, Die Ketzer als die Anderen – Mittelalterliche Identitätsfindung durch Abgrenzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148689

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