Ez was ein küneginne gesezzen über sê
Ir gelîche einheine man wesse ninder mê.
Diu was unmâzen scoene, vil michel was ir kraft.
Sie scôz mit snellen degenen umbe minne den scaft.1(326)
Ein für das Mittelalter ungewöhnliches Frauenbild begegnet uns in dieser ersten
Erwähnung Brunhilds im Nibelungenlied. Scoene und kraft, höfische und
„urtümliche“2, archaische Dimensionen verbinden sich in dieser Figur und werden
im Fortlauf des Textes weiter ausdifferenziert. Autonomie und die sonst das
männliche Geschlecht charakterisierende Gewaltbereitschaft kontrastieren in dem
dargestellten Frauenbild mit der konventionellen Weiblichkeit der Literatur des
Mittelalters. Die mythischen Elemente der Brunhild aus Isenstein, ihre heroische
Kraft wirken zunächst als Bedrohung der feudalen, höfischen Weltordnung.
Ziel dieser Arbeit soll sein, diese Abweichungen der Figur Brunhilds von
gängigen Konzepten mittelalterlicher Dichtung aufzuzeigen und zu untersuchen.
Hierzu soll zunächst der Begriff hövescheit näher betrachtet und eine Annäherung
an dessen Dimensionen und Bedeutungen erreicht werden – was bedeutet überhaupt
hövescheit? Was prägt höfisches Verhalten und Hofkonzepte, wie werden diese in
Literatur verarbeitet? Inwiefern ist hövescheit im Bezug auf das Nibelungenlied
relevant, wenn in der Forschung wiederholt von höfischer Überformung der
ursprünglichen Quellen die Rede ist?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die Dimension von hövescheit
I.1 Was bedeutet hövescheit?
I.1.1 hövescheit als Wertekodex
I.1.2 Das Idealkonzept der höfischen Frau um 1200
I.2 Der Nibelungenstoff und dessen höfische Überformung
II. Frauenbilder im Nibelungenlied
II.1 Kriemhild – die ideal-höfische Frau?
II.2 Brunhild – der anti-höfische Frauentypus?
II.2.2 Werbungsbedingungen und Betrug auf Isenstein
II.2.3 Brautnacht in Worms
II.3 Höfische Weiblichkeit als Bedrohung?
III. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch das literarische Frauenbild um 1200, wobei der Fokus insbesondere auf der Figur Brunhild im ersten Teil des Nibelungenlieds liegt, um zu analysieren, inwiefern ihre unhöfischen Charakterisierungen sie als anti-höfischen Frauentypus definieren.
- Analyse des Begriffs hövescheit und dessen Bedeutung für den mittelalterlichen Wertekodex.
- Gegenüberstellung der ideal-höfischen Rolle Kriemhilds und der abweichenden Darstellung Brunhilds.
- Untersuchung der höfischen Überformung des Nibelungenstoffs.
- Deutung unhöfischer Elemente als Bedrohung für die höfisch-feudale Ordnung.
Auszug aus dem Buch
II.2 Brunhild – der anti-höfische Frauentypus?
Wie schon eingangs erwähnt, fällt in dieser Vorstellung Brunhilds das Erscheinen der Charakterisierungen scœne und kraft auf. Blickt man auf ihre sagengeschichtliche Überlieferung ist in der Liederedda ausschließlich von einer rüstungsgepanzerten Frau die Rede, sie trägt in der Völsungasaga erstmals den Namen Brynhild – Freierprobe und Frauenstreit werden problematisiert – und auch die Thiðrekssaga erscheint als eine Variante, in der das Brunhildmotiv auftaucht. Das Vorkommen und die archaischen Elemente der Figur lassen sich in diesen Sagenkreisen nachweisen.
Im Nibelungenlied liegen die Dinge anders: höfische Schönheit und heroische Stärke verbinden sich nun in ihrem Körper. Diese Stärke betont Siegfried in Worms, jedoch wird der Rezipient bei Ankunft auf Isenstein zunächst abweichend von dessen Prognosen mit einem höfischen Begrüßungszeremoniell und der Beschreibung von Brunhilds Schönheit einzuordnen in das höfische Frauenbild um 1200 und Zeichen ihrer adligen Abstammung, konfrontiert. Selbst der Beginn der Kampfspiele, unter den gegebenen Bedingungen das anti-höfische Moment schlechthin, wird eingeführt mit einer ausführlichen Beschreibung Brunhilds und deren „minneclîchiu varwe“ (242) – das Höfische strahlt schon jetzt, wenn auch noch unter den Zeichen des Heroischen. Ihre Rüstung ist mit Brünne, Waffenhemd und Waffenrock die des Ritters, doch sie ist aus Seide geschneidert – Extreme Abweichungen vom Konzept der hövescheit und Zeichen für „courtoise Qualitäten“ stehen sich in der Figur der Brunhild immer wieder gegenüber.
Diese Alterität, die Andersartigkeit der heroichen Körper, ist im Rahmen der höfischen Repräsentation problematisch, da courtoisie und höfische Repräsentation auf einem eindeutigen und einheitlichen Körperkonzept basieren. Körper, welche vom courtoisen Körperkonzept divergieren und nach anderen Gesetzen kodiert sind, erweisen sich potentiell als gefährlich: Sie stellen die Ordnung und Gesetzmäßigkeit des Hofes [...] in Frage.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der mittelalterlichen Frauenbilder und die zentrale Forschungsfrage bezüglich der Figur Brunhild.
I. Die Dimension von hövescheit: Untersuchung des Begriffs hövescheit, seiner Etymologie sowie seiner Bedeutung als prägender Wertekodex der höfischen Gesellschaft.
I.1 Was bedeutet hövescheit?: Theoretische Annäherung an den schwer definierbaren Begriff der hövescheit und seine Abgrenzung zu einfachen Übersetzungen wie „Höflichkeit“.
I.1.1 hövescheit als Wertekodex: Analyse der höfischen Werte wie diemüte, triuwe und mâze im Kontext der Literatur um 1200.
I.1.2 Das Idealkonzept der höfischen Frau um 1200: Beschreibung der normativen Vorstellungen von Schönheit und korrektem Verhalten für Frauen in der höfischen Literatur.
I.2 Der Nibelungenstoff und dessen höfische Überformung: Diskussion über die Entstehung und Anpassung des Nibelungenstoffs an zeitgenössische höfische Standards.
II. Frauenbilder im Nibelungenlied: Anwendung der erarbeiteten theoretischen Grundlagen auf die weiblichen Hauptfiguren des Epos.
II.1 Kriemhild – die ideal-höfische Frau?: Untersuchung von Kriemhild als Verkörperung der idealen höfischen Frau und ihrer Position innerhalb der männlich dominierten Ordnung.
II.2 Brunhild – der anti-höfische Frauentypus?: Analyse der Figur Brunhild unter besonderer Berücksichtigung ihrer abweichenden Charakteristika.
II.2.2 Werbungsbedingungen und Betrug auf Isenstein: Analyse der Kampfspiele und des Bruchs mit höfischen Konventionen durch Siegfrieds Eingreifen.
II.2.3 Brautnacht in Worms: Untersuchung der Konfliktsituation in der Brautnacht als Zusammenbruch der höfischen Ordnung zwischen Mann und Frau.
II.3 Höfische Weiblichkeit als Bedrohung?: Reflexion über die Rolle Brunhilds als Störfaktor im höfischen System und ihr Verschwinden aus der Handlung.
III. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Einordnung Brunhilds in ihrer Komplexität jenseits einseitiger Kategorisierungen.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Brunhild, Kriemhild, hövescheit, Mittelalter, Frauenbild, höfische Literatur, Isenstein, Heldenepos, höfische Ordnung, Minne, Geschlechterrollen, Heroik, courtoisie, Feudalgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das literarische Frauenbild in der Zeit um 1200 anhand des Nibelungenlieds, wobei ein Fokus auf die Differenz zwischen höfischen Idealen und der konkreten Darstellung der Figur Brunhild liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind das Konzept der hövescheit, der höfische Wertekodex, die literarische Konstruktion von Weiblichkeit und die Spannung zwischen heroischen Traditionen und höfischer Überformung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu ergründen, ob die Bezeichnung Brunhilds als „anti-höfischer Frauentypus“ gerechtfertigt ist oder ob diese Interpretation die Komplexität der Figur zu stark vereinfacht.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Begriffe begriffsgeschichtlich herleitet und anhand ausgewählter Textstellen im Nibelungenlied kritisch interpretiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erarbeitung des Begriffs hövescheit und die anschließende Anwendung auf die Frauenfiguren Kriemhild und Brunhild, inklusive spezieller Szenen wie der Werbung auf Isenstein und der Brautnacht.
Was sind die charakterisierenden Schlüsselwörter der Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Nibelungenlied, hövescheit, höfisches Frauenbild, Heroik, höfische Überformung und Geschlechterrollen beschreiben.
Inwiefern unterscheidet sich Kriemhild in ihrer Darstellung von Brunhild?
Kriemhild wird weitgehend als ideal-höfische Frau charakterisiert, die sich in die männlich dominierte Struktur einfügt, während Brunhild durch ihre Stärke und Autonomie das höfische Ideal herausfordert.
Welche Rolle spielen die Kampfspiele auf Isenstein für die Deutung Brunhilds?
Die Kampfspiele werden als anti-höfisches Element identifiziert, in dem Brunhilds heroische Stärke mit den höfischen Konventionen kollidiert und durch Betrug gewaltsam in das bestehende System integriert werden muss.
- Quote paper
- Sarah Pfeffer (Author), 2007, Brunhild als anti-höfischer Frauentypus im "Nibelungenlied"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148712