Kriemhild und ihre Emotionen im Nibelungenlied


Seminararbeit, 2005
13 Seiten

Leseprobe

1. Kriemhild und ihre Emotionen im Nibelungenlied

Im Burgundenland in Worms am Rhein regiert König Gunther zusammen mit seinen Brüdern Gernot und Giselher. Sie haben eine Schwester namens Kriemhild, die wie ihre Mutter Ute nach dem Tod ihres Vaters Dankrat am Hof lebt. Viele Helden werben um die schöne Kriemhild, doch sie weist alle ab, weil sie nach einer Offenbarung in einem Traum beschließt, dass ihr durch ihre Liebe niemals Leid widerfahren soll. Kriemhild zählt zu den wichtigsten Figuren im Nibelungenlied und wird als Erste in der zweiten Strophe (in der Fassung von Karl Bortsch und Helmut de Boor) folgendermaßen eingeführt:

Ez wuohs in Búrgónden ein vil édel magedîn,

daz in allen landen niht schœners mohte sîn,

Kriemhilt geheizen: si wart ein scœne wîp.

dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp. (2)

Schon in dieser Strophe wird ihre überragende Schönheit herausgestellt, die sich nicht nur auf ihr Äußeres stützt, sondern auch auf ihre Besitzverhältnisse und ihr Inneres bezieht. Das äußere Erscheinungsbild und das Seelenleben eines Menschen müssen nach mittelalterlichen Vorstellungen im Einklang stehen.

Kriemhild entpuppt sich als eine der widersprüchlichsten Persönlichkeiten, die im Nibelungenlied vorkommen. Um diese Divergenz genauer darlegen zu können wird im Folgenden auf verschiedene Passagen (meist Schlüsselstellen) und die damit verbundenen Emotionen eingegangen.

2. Besondere Bedeutung der Träume

Im Nibelungenlied werden zwei Träume Kriemhilds erwähnt, die die Schicksalhaftigkeit der Geschichte näher beleuchten und in gewisser Weise auch einen Blick auf Kriemhilds Emotionalität gestatten. Dies ist zum einen der Falkentraum zu Beginn des Nibelungenliedes (Aventiure 1), und zum anderen der Ebertraum, in Aventiure 16. Beide Träume weisen auf den Tod Siegfrieds hin und können als Vorboten von Kriemhilds Leid betrachtet werden.

2.1 Der Falkentraum

Bereits in der ersten Aventiure wird dem Zuhörer von einem Traum Kriemhilds berichtet, der als Falkentraum bezeichnet wird.

„In disen hôhen êren tróumte Kriemhíldè,

wie si züge einen valken, starc, scœn` und wíldè,

den ir zwêne arn erkrummen. daz si daz muoste sehen,

ir erkúnde in dirre werlde leider nímmér gescehen.“ (13)

Ihre Mutter, der sie den Traum erzählt, gibt ihr Aufschluss über die Bedeutung des Geschehnisses. Dabei erwidert sie, dass „`der valke`“ (14,3), den sie aufzieht, „daz ist ein edel man“(14,3). Wenn Gott ihn nicht beschützt, wird sie ihn schnell verlieren müssen (14,4). Aufgrund dieser Ausführung erteilt Kriemhild der Minne eine Absage:

„âne recken mínne sô wil ich immer sîn.

sus scœn` ich wil belîben unz an mînen tôt,

daz ich von mannes minne sol gewinnen nimmer nôt.“ (15,2-4)

Kriemhild scheint sich aber nicht vor der Minne an sich zu fürchten, sondern vor dem Leid, das die Liebe in sich birgt. Der Verlust des Geliebten bedeutet für sie auch, dass sie ihrer Schönheit beraubt wird. Nach dem mittelalterlichen Verständnis verliert sie aber nicht nur ihr vollkommenes Äußeres, sondern auch ihre innere Makellosigkeit.

2.2 Der Ebertraum

In Aventiure 16 versucht Kriemhild Siegfried davon abzuhalten, mit ihren Verwandten auf die Jagd zu gehen. Kurz zuvor hat ihr Hagen das Geheimnis der Unverwundbarkeit Siegfrieds abgerungen. Sie wagt es allerdings nicht, Siegfried vor seiner Abreise darüber in Kenntnis zu setzen. Als sie in Tränen ausbricht, und Siegfried sie nach dem Grund ihrer Niedergeschlagenheit fragt, erzählt sie ihm von den Begebenheiten ihres Traumes:

„(...)lât iuwer jagen sîn.

mir troumte hînte leide, wie iuch zwei wildiu swîn

jageten über heide, dâ wurden bluomen rôt.“ (921,1-3)

Obwohl Kriemhild mit ihrer gesamten Redegewandtheit versucht, ihn zum Bleiben zu überreden, lässt sich Siegfried nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er möchte sie beruhigen, indem er sie darauf hinweist, dass er „hie niht der liute, die mir iht hazzes tragen“ (923,2) kennt. Dass dies ein Trugschluss ist, zeigt sich wenige Strophen später, als er für die Schmach, die seine Frau Brünhild zugefügt hat, büßen muss, indem er von Hagen hinterhältig ermordet wird. Wie es zu dem Streit zwischen den beiden Königinnen kommt (der als Auslöser des Todes Siegfrieds und somit auch des ganzen Konflikts gilt), wird im nächsten Punkt detaillierter geschildert.

Hier soll aber nicht nur der vorausdeutende Charakter und die Symbolhaftigkeit der Träume angesprochen werden, sondern auch die darin enthaltenen Emotionen. Im Falkentraum wird ihre spätere Liebe zu Siegfried deutlich, die, wie sich als richtig erweisen wird, negativ überschattet ist. Auch der plötzliche Tod Siegfrieds und ihr damit verbundenes Leid, sowie ihre unermessliche Trauer deuten sich bereits in diesem Traum an. „Daz si daz muoste sehen, ir enkúnde in dirre werlde leider nímmér gescehen.“ (13,3-4) Noch eindringlicher erlebt sie diese Gefühle im Ebertraum. Vermutlich deshalb, weil der ’valke’, der in ihrem ersten Traum vorgekommen ist, jetzt eine konkrete Gestalt angenommen hat: Er kommt Siegfried gleich. Ihre Liebe zu Siegfried äußert sich in ihren Tränen, die sie wegen Siegfrieds bevorstehenden Tod vergießt: „daz ich sô sêre weine, des gêt mir wærlîche nôt“ (921,4). Immer wieder betont sie ihre große Liebe zu Siegfried, die nur in ihren Worten zum Ausdruck kommt. „belîbet, lieber herre: mit triuwen rât’ ích iu daz.“ (922,4) „will du von mir scheiden, daz tuot mir an dem herzen wê“. Die Wildscheine in ihrem Traum, die Hagen und Gunther entsprechen, fügen ihrem Ehemann und dadurch auch ihr enormes Leid zu. Es fällt außerdem auf, dass ihr in beiden Träumen jeweils von zwei Angreifern Leid zugefügt wird.

3. Der Streit der Königinnen

Auch diese Begebenheit ist sehr emotionsreich. Dem Streit kommt deshalb ein besonderer Stellenwert zu, weil der spätere Tod Siegfrieds damit verknüpft ist und bei Kriemhild eine Veränderung ihrer Emotionen bewirkt. Vor allem der gegenseitige Zorn Kriemhilds und Brünhilds wird offenkundig, aber auch Neid und übermuot treten an vielen Stellen eindeutig hervor.

Bereits sehr früh -in der 12. Aventiure- werden Anspielungen darauf gemacht, dass Brünhild seit dem Abschied Kriemhilds und Siegfrieds aus Worms, die tatsächliche Rechts- und Rangstellung Siegfrieds hinterfrägt. Bei der Werbung Gunthers wurde ihr nämlich mitgeteilt, dass Siegfried lediglich ein Vasall Gunthers sei, was der so genannte Steigbügeldienst zudem noch unterstreichen sollte. Da aber die adelige Kriemhild Siegfried zur Frau gegeben wurde, und sie darauf sehr stolz zu sein scheint, hegt Brünhild Zweifel an der Glaubhaftigkeit dieser Geschichte:

„nu gedáht` ouch alle zîte daz Guntheres wîp:

wie treit et alsô hôhe vrou Kriemhilt den lîp?

Nu ist doch unser eigen Sífrit ir man:

er hât uns nu vil lange lützel díensté getân.“ (724)

Sie beschließt der Frage genauer auf den Grund zu gehen und unterbreitet König Gunther den Vorschlag, Kriemhild und Siegfried nach Worms einzuladen. Darum gibt Brünhild vor, ihre Schwägerin sehr zu vermissen. Gunther, der diesem Vorschlag bereitwillig nachkommt, übersieht das eigentliche Motiv seiner Ehefrau.

Als Siegfried und Kriemhild am Wormser Hof eintreffen, werden sie gemäß der höfischen Etikette empfangen. Brünhild tritt Kriemhild gegenüber bis zu einem gewissen Zeitpunkt gut gesonnen entgegen. Doch mit Beginn der 14. Aventiure wandelt sich der Zustand des Wohlwollens abrupt in Feindseligkeit und der Konflikt kommt nun nach und nach zum Tragen, bis er schließlich an die Öffentlichkeit dringt. Die Situation vor dem Münster erweist sich als sehr emotionsreich, wobei auf nît und zorn noch in der Arbeit eingegangen wird.

[...]

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Details

Titel
Kriemhild und ihre Emotionen im Nibelungenlied
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V148817
ISBN (eBook)
9783640602605
ISBN (Buch)
9783640602032
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriemhild und ihre Emotionen im Nibelungenlied, Besondere Bedeutung der Träume, Der Streit der Königinnen, Kriemhilds Liebe zu Siegfried und dessen Tod, Zorn, Leit, Die arme Königin (herzen jâmer, gotes armiu), Resümee, Bibliographie, Mittelhochdeutsch
Arbeit zitieren
Tanja Hanöffner (Autor), 2005, Kriemhild und ihre Emotionen im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148817

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