Die publizistische Kontroverse um ein Holocaust-Mahnmal


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
54 Seiten, Note: 1,3 (noch sehr gut)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. AUFBAU UND GLIEDERUNG

3. DRAMATIS PERSONAE

4. CHRONOLOGISCHER ABRISS

5. ANALYSE DER PUBLIZISTISCHEN KONTROVERSE
5.1 STATTFINDEN IN DEN MASSENMEDIEN
5.2 LANGFRISTIGER PROZESS
5.3 BEGINN HÖHEPUNKT UND ABKLINGEN SIND ERKENNBAR
5.4 RÜCKKOPPLUNGEN
5.5 TEILKONFLIKTE
5.5.1 Soll ein Mahnmal gebaut werden?
5.5.2 An welchem Ort soll das Mahnmal stehen?
5.5.3 Wie soll das Mahnmal aussehen?
5.5.4 Welche Alternativen gibt es zu einem Mahnmal?
5.5.5 Wem soll das Mahnmal gewidmet werden?
5.5.6 Wer soll die Entscheidung treffen?
5.5.7 Wie soll mit den authentischen Orten umgegangen werden?
5.6 MASSENMEDIEN SIND ORGAN UND SPIEGEL DES KONFLIKTES
5.7 WERTKONFLIKT
5.8 FUNKTIONEN DER PUBLIZISTISCHEN KONTROVERSE
5.8.1 kognitive Funktion
5.8.2 individuelle Funktion
5.8.3 soziale Funktion
5.8.3.1 Reduktionsleistung
5.8.3.1.1 Personalisierungen
5.8.3.1.1.1 Lea Rosh
5.8.3.1.1.2 Walter Jens
5.8.3.1.1.3 Eberhard Diepgen
5.8.3.1.2 Reduktion des Wertkonfliktes
5.8.3.2 Konsensvorbereitung

6. SCHLUSS

7. LITERATURVERZEICHNIS:

1. EINLEITUNG

Im Sommer 2001 wird vor dem Gebäude der DG-Bank am Pariser Platz in Berlin ein Plakat aufgehängt. Darauf ist vor dem Hintergrund einer idyllischen Gebirgslandschaft in riesigen Lettern zu lesen: "Den Holocaust hat es nie gegeben".[1] Dabei handelt es sich aber nicht etwa um den Versuch der Volksverhetzung,[2] sondern um Werbung für die Spendenaktion des Förderkreises zur Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, deren Vorsitz zu diesem Zeitpunkt Lea Rosh innehat. Dass Werbung schockieren darf ist seit den Plakataktionen der Bekleidungsfirma Benetton nicht nur bekannt, sondern sogar verfassungsgerichtlich legitimiert.[3] In kleineren Lettern steht auf dem Plakat: "Es gibt immer noch viele, die das behaupten. In 20 Jahren könnten es noch mehr sein. Spenden Sie deshalb für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas."

Dennoch schlagen die Wellen hoch, die Aktion wird schließlich auf massiven Druck[4] hin vorzeitig abgebrochen.[5] Gegen den Förderkreis wird von KZ-Überlebenden Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet.[6] Der damalige Sprecher der CSU- Landesgruppe in Berlin, Wolfgang Zeitlmann, bezeichnet die Aktion als "komplett misslungen" und weist darauf hin, dass hier ein Tabu gebrochen werde und dass, wer diese Lüge künftig äußere sich darauf berufen könne "ebenfalls provozieren zu wollen."[7] Im August entrollt Neonazi Manfred Roeder am Brandenburger Tor Plakate auf denen neben "den Holocaust hat es nie gegeben" steht: "Wehrmachtsverbrechen auch nicht."[8] In einem Interview äußert Michel Friedman, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Frau Rosh habe sich mit dieser Aktion disqualifiziert.

Die Publizistin Lea Rosh ist 1988 diejenige, die den wohl entscheidenden Anstoß für die Errichtung eines zentralen Holocaust-Denkmals in Deutschland gibt, oder jedenfalls zur diesbezüglichen Debatte.[9] Sie ist es auch, die während der gesamten Zeitdauer sich unermüdlich an herausgehobener Position für die Errichtung eines solchen Denkmals einsetzt.

Dass die Resonanz auf diese Aktion so groß ist, scheint auf einige zentrale Punkte hinzuweisen: Über den Umgang mit der deutschen Vergangenheit besteht nach wie vor kein Konsens, gleichzeitig ist das Interesse daran sehr groß. Die Debatte um das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" ist in ihrem Kern eine Debatte über die deutsche Vergangenheit und den heute angemessenen Umgang mit ihr.

Die Kontroverse um das Holocaust-Mahnmal ist zwar formal beendet, indem beschlossen ist, dass, wo und was gebaut wird. Jedoch entzündet sie sich neu, sobald ein Anlass dazu gegeben wird.[10] Insofern handelt es sich bei dieser Diskussion um ein Versatzstück. Dennoch oder gerade deswegen soll die Debatte hier als eigenständige Kontroverse untersucht werden. Auf übergeordnete Konflikte wird dabei an geeigneter Stelle einzugehen sein.

2. AUFBAU UND GLIEDERUNG

Um die Analyse der publizistischen Debatte von der Darstellung der äußeren Ereignisse zu entlasten wird deren Verlauf zuerst chronologisch wiedergegeben. Nur wo es unvermeidlich ist soll darin bereits auf die in den Medien geführte Auseinandersetzung Bezug genommen werden.[11] Zuvor werden zugunsten der Übersichtlichkeit die wichtigsten Beteiligten Personen aufgeführt.

Es folgt die Analyse der Struktur der publizistischen Kontroverse. Darin enthalten ist eine inhaltliche Darstellung der Linien dieser Kontroverse anhand der einzelnen Teilkonflikte. Dabei sollen die Hauptlinien, an denen entlang sich die Debatte bewegte, freigelegt und nachvollzogen werden. Diese Darstellung ist nicht an zeitliche Abläufe gebunden, sondern an inhaltliche Zusammenhänge, da so eine Offenlegung der Struktur der Debatte ermöglicht wird.

Schließlich soll auch gefragt werden, ob die Debatte ein Ende gefunden hat, und ob es sich dabei um einen Konsens handelt.

Diese Arbeit geht dabei auch der These nach, dass es sich bei der Debatte um das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" nicht nur um eine Debatte um dieses Denkmal in allen ihren Facetten handelt, sondern mindestens auch um eine Debatte über den Holocaust und den Umgang der Deutschen mit dieser Vergangenheit.[12]

3. DRAMATIS PERSONAE

Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Eberhard Diepgen, regierender Bürgermeister von Berlin.

Peter Eisenman, Architekt, Entwürfe für ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas, mehrfach abgeändert, darunter der letztlich realisierte.

Eberhard Jäckel, Mitinitiator des Förderkreises für ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Jurymitglied im ersten Wettbewerb.

Walter Jens, Schriftsteller, Übersetzer, Literaturkritiker, Präsident der Akademie der Künste bis 1997, Juryvorsitzender im ersten Wettbewerb.

Helmut Kohl, Bundeskanzler, CDU, "Machtwort" gegen den Bau des Siegerentwurfs von Jackob-Marks et al. aus dem ersten Wettbewerb, eine das gesamte Gelände bedeckende "Grabplatte", in die sukzessive die Namen der sechs Millionen Holocaust-Opfer eingraviert werden sollen.[13]

György Konrád, Vorsitzender der Akademie der Künste ab 1997.

Salomon Korn, Architekt, Gedenkstättenbeauftragter des Zentralrats der Juden in Deutschland, Jurymitglied im ersten Wettbewerb.

Wolfgang Nagel, Senator für Bauund Wohnungswesen in Berlin, Mitglied der SPD

Michael Naumann, Kulturstaatsminister, Stellungnahmen für Museum statt eines Mahnmals, schließlich im Kompromiss Befürworter einer Lösung eines Mahnmal mit Museum, Anstoß für weitere Überarbeitungen der Eisenman'schen Entwürfe.

Peter Radunski, Berliner Kultursenator, Mitglied der CDU.

Lea Rosh, Publizistin, Vorsitzende der Bürgerinitiative "Perspektive Berlin e. V.", Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas e. V., mit einigem Recht als eigentliche Initiatorin des Denkmals für die ermordeten Juden Europas zu bezeichnen.

Richard Schröder, Theologe, MdB, SPD, kurz vor der entscheidenden Bundestagsdebatte Vorschlag ein sehr einfaches Denkmal zu bauen (statt dem Eisenmans), dass die Inschrift "nicht morden" in großen hebräischen Lettern trägt .

Richard Serra, Bildhauer und Architekt, maßgeblich am ersten Eisenman-Entwurf beteiligt, Rückzug vom Projekt nach dessen Abänderungen.

Christoph Stölzl, Berliner Kultursenator, Mitglied der CDU.

Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident, Vorsitzender der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Martin Walser, Schriftsteller, 1998 ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.[14]

4. CHRONOLOGISCHER ABRISS

1988

Lea Rosh und Eberhard Jäckel reisen für die Arbeit an einem Dokumentarfilm nach Israel.[15] Dort besuchen sie die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.[16] Sie stellen fest, dass in Deutschland, dem Land der Täter, ein zentrales Denkmal für die ermordeten Juden fehlt.[17] Zurück in Berlin wird die Idee eines solchen Denkmals in Berlin zum Thema einer Mitgliederversammlung der Bürgerinitiative "Perspektive Berlin" gemacht und stößt dort auf Zustimmung.

1989

In der Folge werden Aufrufe an den Berliner Senat, die Regierungen der Bundesländer und die Bundesregierung verfasst, die mit den Unterschriften prominenter Zeitgenossen aus Politik, Kunst und Kultur aufwarten können. Zu den Unterzeichnern der ersten beiden Aufrufe[18] gehören neben Willy Brandt, Otto Schily, Christa Wolf, Hanns Joachim Friedrichs, Udo Lindenberg und Konstantin Wecker u. a. auch Günter Grass, Alfred Hrdlicka, Walter Jens und Eberhard Jäckel.[19]

Dagegen fordert im April 1989 der Zentralrat deutscher Sinti und Roma in einem Aufruf ein gemeinsames Denkmal für alle Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes.[20]

Am 7. November 1989 wird der Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas gegründet, Vorsitzende wird Lea Rosh.

1990-1992

Im März 1990 wird die Errichtung eines solchen Denkmals auf dem Prinz-Albrecht-Gelände durch die "Fachkommission zur Erarbeitung von Vorschlägen für die künftige Nutzung des 'Prinz-Albrecht-Geländes'" abgelehnt, dort wird später die Ausstellung Topographie des Terrors aufgebaut.[21] Nach dem Fall der Mauer soll das Denkmal auf dem nun zur Verfügung stehenden Gelände der ehemaligen Reichskanzlei gebaut werden. Damit sollen sich laut Rosh "die Opfer über die Täter erheben".[22]

1993

Im November 1993 wird die Neue Wache, umgestaltet nach einer Idee von Helmut Kohl - versehen mit einer vierfach vergrößerten Replik der Käthe-Kollwitz-Skulptur "Mutter mit totem Sohn" (Pietà) und der Widmung "Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft" - als zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland eingeweiht. Die Einrichtung einer solchen zentralen Gedenkstätte geht zurück auf einen Vorschlag Helmut Kohls aus dem Jahr 1985.[23] Gegen die Gestaltung mit der Pietà und die Inschrift wird scharfe Kritik, insbesondere vom Zentralrat der Juden in Deutschland, laut; daraufhin wird ergänzend eine Tafel am Eingang angebracht, auf der die verschiedenen Opfergruppen, derer gedacht werden soll aufgeführt sind. Zudem verspricht Kohl Ignatz Bubis, sich für ein ausschließlich den ermordeten Juden Europas gewidmetes Mahnmal einzusetzen.[24] Dafür stellt die Bundesregierung ein 20.000 m² großes Gelände an der Ebertstraße in der Nähe des Brandenburger Tors in den ehemaligen Ministergärten zur Verfügung. Ganz in der Nähe der früheren Reichskanzlei und des "Führerbunkers".

1994

Nach Einigung über die Modalitäten[25] wird im April 1994 ein offener künstlerischer Wettbewerb für ein "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" durch Bund, das Land Berlin und den Förderkreis für das nun zur Verfügung stehende Areal ausgelobt. Abgabetermin ist der 28. Oktober 1994, bis dahin werden 528 Arbeiten eingereicht, die Wettbewerbsunterlagen waren 2600-mal angefordert worden. Der Wettbewerb ist auf deutsche Künstler beschränkt, zwölf weitere ausländische Künstler werden zusätzlich eingeladen, müssen ihre Arbeiten aber ebenfalls anonym einreichen. In der Ausschreibung heißt es zur Wettbewerbsaufgabe: "Heutige künstlerische Kraft soll die Hinwendung in Trauer, Erschütterung und Achtung symbiotisch verbinden mit der Besinnung in Scham und Schuld. Erkenntnis soll erwachsen können [...]. Die Kunst soll ihre Form der Auseinandersetzung selbst bestimmen."[26]

1995

Das Ergebnis des Wettbewerbs gibt die Jury am 16. März 1995 bekannt. Es werden zwei erste Preise vergeben: an Simon Ungers (Köln) und an die Gruppe Christine Jackob-Marks, Hella Rolfes, Hans Scheib, Reinhard Stangel (Berlin).[27]

Das Denkmal des Ungers-Entwurfs ist eine 85 x 85 m große Stahlskulptur, gebildet aus überdimensionalen Doppel-T-Trägern, die ein Quadrat bilden, das an den Ekken auf vier weißen Betonblöcken aufliegt und in dessen Inneren ein über umlaufende breite Treppenstufen zugängliches um 2,50 m angehobenes Plateau liegt. Aus der Substanz des Stahls sind die Namen der Konzentrationsund Vernichtungslager herausgeschnitten, so dass sie von außen spiegelbildlich erscheinen, vom umschlossenen Plateau aus erst sind sie richtig zu lesen.[28]

Der Jakob-Marks-Entwurf ist eine als sieben Meter dicke Betonplatte ausgebildete Gedenktafel, die das Gelände bedeckt. Sie eckt an die Grundstückskanten und ragt schräg aus dem Boden, an der östlichen Seite 11 m hoch, an der anderen Seite 1 m bzw. 7 m, an der Ebertstraße 30 cm in den Boden hinein. Auf der Platte werden auf Feldern, die durch Wege begrenzt sind, die Namen der ermordeten Juden eingeschrieben, wobei der Platz für ca. 1,5 Millionen unbekannter Namen frei bleibt. Als Symbol für die europäischen Länder, in denen Deportation und Mord erfolgten werden 18 Steine aus dem Nationalpark Massada auf der Platte aufgestellt.[29]

Am 8. Juni 1995 spricht sich Bubis für den Ungers-Entwurf aus und lehnt den Jackob-Marks-Entwurf entschieden ab, insbesondere kritisiert er die Idee, das Mahnmal zu finanzieren, indem Spender Namen von Ermordetem in Patenschaft erwerben als "Ablasshandel".30

Am [30]. Juni 1995 erklärt Helmut Kohl, der Jackob-Marks-Entwurf, auf dessen Realisierung sich Bund, Land Berlin und Förderkreis sich zwei Tage zuvor geeinigt hatten, sei nicht akzeptabel und die Diskussion solle erneut aufgenommen werden. Der Berliner Senat verschiebt seine Entscheidung wegen der bevorstehenden Wahl zum Abgeordnetenhaus auf 1996.

1996

Im Januar 1996 erklärt Wolfgang Nagel, ein weiterer Wettbewerb werde nicht stattfinden, dagegen fordern führende SPD-Politiker, darunter Peter Conradi, Otto Schily und Wolfgang Thierse, das Thema im Deutschen Bundestag zu diskutieren.[31] Im Mai 1996 befasst sich der Deutsche Bundestag erstmals in einer Debatte mit dem Mahnmal. Von dem knappen Drittel überhaupt anwesender Abgeordneter sprechen sich Vertreter aller Parteien gegen den Jackob-Marks-Entwurf aus, Beschlüsse werden nicht gefasst.

1997

Im Januar 1997 findet in Berlin auf Einladung Peter Radunskis ein dreiteiliges Kolloquium mit 90 Experten statt. Es werden drei Themen erörtert: "Warum braucht Deutschland das Denkmal?", "Der Standort, sein historischer und politischer Kontext, seine zukünftige stadträumliche Einbindung.", "Typologie und Ikonographie des Denkmals, Wege zur Realisierung."

Im Juli 1997 erfolgt die Ausschreibung zu einem zweiten Wettbewerb.[32] Eingeladen werden die Künstler, die im ersten Wettbewerb die Preise 1 bis 9 erhielten und 16 weitere Künstler.[33] In der Ausschreibung wird darauf hingewiesen, dass es neben den Juden auch andere Opfergruppen der systematischen Verfolgung durch die Nazis gibt, der Massenmord an den Juden jedoch ein Verbrechen sui generis sei und dass die Einzigartigkeit des Mordes an den Juden Europas den Grund für ein gesondertes Denkmal darstelle.[34] Zur gestalterischen Aufgabe gehört, dass die Gestalt des Denkmals eine Antwort auf die Konzeption sein solle und zugleich die Frage zu beantworten sei, welche Fassung das Areal als ein zukünftiger neuer Platz im Stadtgefüge Berlins erhalten solle.[35] Zur Jury gehören diesmal neben Vertretern von Bund, Berlin und Förderkreis unter anderen Christoph Stölzl und Ignatz Bubis. Im November 1997 nimmt die Jury vier Entwürfe, darunter keiner von Künstlern aus dem ersten Wettbewerb, in die engere Wahl, im Januar werden die Künstler zu ihren Entwürfen gehört. Gleichzeitig dringt an die Öffentlichkeit, Helmut Kohl habe sich für den Entwurf von Eisenman/Serra ausgesprochen. Der Entwurf Eisenmans und Serras sieht ein Feld von über viertausend Betonstelen vor, die verschieden hoch aus dem Boden ragen und in geometrischer Ordnung das gesamte Gelände bedekken.

1998

Im Februar 1998 fordern 19 prominente Intellektuelle den Verzicht auf ein Holocaust-Mahnmal. Zu den Unterzeichnern dieses offenen Briefes gehören mit Günter Grass und Walter Jens zwei frühere Befürworter, die schon den ersten Aufruf der "Perspektive" für ein Mahnmal unterschrieben haben, mit Jens sogar der Juryvorsitzende des ersten Wettbewerbs.[36]

Die Jury vertagt eine endgültige Entscheidung im April mehrfach.

Helmut Kohl regt in einem Gespräch mit Eisenman und Serra Überarbeitungen an. Wegen dieser Überarbeitungen am ursprünglichen Entwurf zieht sich Richard Serra im Juni 1998 von dem gemeinsamen Entwurf mit Peter Eisenman zurück (der Entwurf wird in der weiteren Diskussion Eisenman II genannt).

Schließlich wird die Entscheidung auf die Zeit nach der anstehenden Bundestagswahl im September 1998 vertagt, obwohl Helmut Kohl eine Entscheidung noch im August herbeiführen will. Insbesondere Eberhard Diepgen positioniert sich zunehmend gegen die Errichtung eines Mahnmals.[37]

Nach der Bundestagswahl, aus der SPD und Bündnis 90/Die Grünen als Sieger hervorgehen, schreiben diese im Koalitionsvertrag fest, dass der Bundestag über das Denkmal entscheiden soll.

Michael Naumann schlägt vor, auf ein Denkmal zugunsten eines Museums oder einer Niederlassung der Shoa-Foundation zu verzichten.

Im Oktober 1998 hält Martin Walser seine Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, darin spricht er sich unter anderem gegen das Denkmal für die ermordeten Juden Europas aus.[38]

1999

Naumann und Eisenman verständigen sich im Januar 1999 auf ein neues Konzept, das ein verkleinertes Stelenfeld mit einem "Haus des Erinnerns" (Museum) verbinden soll (Eisenman III).

Im März setzt der Berliner Senat den Wettbewerb aus, der Bundestag soll nun entscheiden.

Richard Schröder schlägt vor, ein schlichtes Mahnmal mit der Inschrift "nicht morden" in hebräischen Lettern, zu bauen.[39] Diesem Vorschlag schließen sich die beiden großen Kirchen in Deutschland an sowie mehrere Bundestagsabgeordnete, hauptsächlich aus den Reihen der CDU/CSU-Fraktion.

Am 25. Juni 1999 entscheidet der Bundestag über das Denkmal. Erst kurz vor der Sitzung legt eine Gruppe von 58 Unionsabgeordneten einen Antrag auf völligen Verzicht auf ein Denkmal vor.[40] Schließlich werden die Anträge auf Umsetzung des Schröder-Vorschlags und der Ablehnungsvorschlag abgelehnt. Es wird die Umsetzung des Entwurfs Eisenman II mit einem zusätzlichen Ort der Information beschlossen.[41] Es soll eine Stiftung gegründet werden, die auch über die Ausgestaltung eines solchen Ortes zu entscheiden hat.

2000ff.

Am 27. Januar 2000, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, werden auf dem Mahnmalsgelände in einem feierlichen Akt Tafeln enthüllt, die über das Bauvorhaben informieren, auf ihnen sind Bilder des Entwurfs Eisenman II zu sehen, zudem ist als Baubeginn Sommer 2001 angegeben. Eberhard Diepgen bleibt der Veranstaltung demonstrativ fern.

Am 29. Januar 2000 demonstrieren Altund Neonazis am Brandenburger Tor gegen das Denkmal. In der Folge werden Demonstrationen der NPD immer wieder verboten.[42]

Im März wird die "Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas" gegründet. Im Juli 2000 beschließt die Stiftung, dass der Ort der Information unterirdisch angelegt werden soll, unterhalb der südöstlichen Ecke des Denkmals.

Im November 2000 verpflichtet sich der Bund, für den Bau des Denkmals bis zum Jahr 2005 insgesamt € 27,6 Millionen bereitzustellen.[43]

Vom früheren Vorhaben, das Projekt zu je einem Drittel durch den Bund, das Land Berlin und den Förderkreis (Spenden) zu finanzieren wird damit abgerückt, unter anderem wohl, weil zu Beginn mit einem völlig anderen Kostenrahmen gerechnet wurde.[44] Der Förderkreis will zusätzlich rd. € 2,5 Millionen an Spenden einwerben; das Land Berlin hat bereits die beiden Wettbewerbe mit rd. 3 Millionen DM finanziert.[45]

Am 1. April 2003 beginnt der Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas und des unterirdischen Orts der Information.[46] Bis Ende 2004 soll das gesamte Stelenfeld errichtet sein; mit der Eröffnung des Orts der Information wird im Frühjahr 2005 gerechnet.[47]

[...]


[1] SZ vom 18.07.01, S. 10; SZ vom 10.08.01, S. 9.

[2] wie die Berliner Staatsanwaltschaft später ausdrücklich feststellte, vgl.. SZ vom 24.08.01, S. 11.

[3] BVerfGE 102, 347.

[4] SZ vom 06.08.01, S. 8.

[5] SZ vom 08.08.01, S. 9; der Slogan der neuen Aktion lautet: "Zukunft braucht Vergangenheit".

[6] SZ vom 02.08.01, S. 10

[7] SZ von 23.07.01, S. 10, Focus zitierend.

[8] SZ vom 07.08.01, Bezug nehmend auf Angaben des ZDF.

[9] vgl. Haardt, S. 13.

[10] auch wenn es zu diesem Zeitpunkt um bisher unbeachtete Aspekte geht.

[11] zu Wechselwirkungen siehe in Abschnitt 5.4.

[12] vgl. dazu Kittsteiner 96, S. 69.

[13] vgl. Haardt, S. 20; Cullen, S. 285.

[14] eine umfassende, differenzierte Chronik zum Verlauf liegt mit Stavginski vor, eine kurze Chronologie auch in Haardt, S. 15ff. sowie in Cullen, S. 279ff. sowie als subjektiver Bericht Rosh 99, S. 15- 152.

[15] Rosh 99, S. 18.

[16] Ebd.

[17] Rosh 99, S. 18; Haardt, S. 13.

[18] erster Aufruf am 29./30.01.1989, zweiter Aufruf vom 02.04.1989, abgedruckt in Rosh 99, S. 20f.

[19] wobei die letzteren hier benannt werden, weil sie im Verlauf der Debatte noch eine Rolle spielen.

[20] Haardt, S. 17; vgl. auch den Aufruf selbst, abgedruckt in Stavginski, S. 311.

[21] Stavginsky, S. 42.

[22] Cullen, S. 280.

[23] Haardt, S. 15; Kohl hatte sich 1985 für ein Deutsches Historisches Museum in Berlin, ein "Haus der Geschichte" (in Bonn) eine Kunsthalle, sowie ein "Mahnmal zur Ehrung der Toten" in Bonn ausgesprochen.

[24] Haardt, S. 18; Cullen, S. 283.

[25] im Einzelnen zu diesem Prozess lesenswert Rosh 99, S. 43ff.

[26] Kurzdoku, S. 17.

[27] Presseerklärung der Senatsverwaltung für Bau und Wohnungswesen abgedr. in Kurzdoku, S. 48.

[28] Kurzdoku, S. 54f. (Beurteilung der Jury und Bewerbungstext).

[29] Kurzdoku, S. 56f. (Beurteilung der Jury und Bewerbungstext).

[30] Cullen, S. 285, Haardt, S. 20

[31] SZ vom 07.02.96, S. 13.

[32] der aus politischen Gründen als "engeres Auswahlverfahren" bezeichnet wird, haben doch sowohl Nagel, als auch Radunski erklärt, einen weiteren Wettbewerb werde es nicht geben; vgl. Cullen, S. 286, 288f; Haardt, S. 23.

[33] Ausschreibungstext, in: Cullen, S. 272f.

[34] vgl. Ausschreibungstext, in: Cullen, S. 266f.

[35] Ausschreibungstext, in: Cullen, S. 268.

[36] Cullen, S. 290; SZ vom 05.02.98, S. 19.

[37] zu den parteiinternen Streitigkeiten zwischen Kohl und Diepgen siehe insbes. Rosh 99, S. 98f.

[38] näher dazu siehe unten, unter 5.8.3.1.1.

[39] ein solcher Entwurf war bereits im ersten Wettbewerb eingegangen, aber bereits im ersten Rundgang ausgeschieden (Haardt, S. 26).

[40] SZ vom 07.05.99, S. 8.

[41] Haardt, S. 27.

[42] schließlich verbietet das Bundesverfassungsgericht im Januar 2001 Nazi-Demonstrationen am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus grundsätzlich, die Debatte um ein Verbot der NPD schließt sich an (vgl. Haardt, S. 31).

[43] Tätigkeitsbericht der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas 2000-2002, S. 46.

[44] vgl. SZ vom 19.05.94, S. 10, wo von Gesamtkosten von 16 Mio. DM die Rede ist.

[45] SZ vom 28.10.00, S. 8.

[46] Internetlink

[47] Ebd.; hier auch ständig aktuelle Informationen zum Fortschritt.

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Die publizistische Kontroverse um ein Holocaust-Mahnmal
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Zentrum für interdisziplinäre Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Publizistische Kontroversen in Deutschland nach 1945 I
Note
1,3 (noch sehr gut)
Autor
Jahr
2003
Seiten
54
Katalognummer
V14882
ISBN (eBook)
9783638201681
ISBN (Buch)
9783638699105
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontroverse, Holocaust-Mahnmal, Publizistische, Kontroversen, Deutschland
Arbeit zitieren
M.A. Holger Ihle (Autor), 2003, Die publizistische Kontroverse um ein Holocaust-Mahnmal, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14882

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