Sucht man nach Vergleichen der politischen Systeme sowie der Wahl- oder Parteiensysteme der USA und Deutschland, so fällt die Erststimme für die Direktmandate in der Bundesrepublik nicht besonders ins Gewicht. Dabei sind es gerade die Direktmandate die, schon aufgrund des Wahlmodus, den Mandaten für das US-Repräsentantenhaus und den US-Senat auf den ersten Blick am stärksten ähneln. Dementsprechend könnte auch der Wahlkampf Ähnlichkeiten aufweisen. Es ist zu vermuten, dass die Bedeutung der Erststimme in Deutschland aufgrund der Erosion der großen Parteien in Zukunft zunimmt. Die Zweitstimme wird aufgrund der Konstruktion des deutschen Wahlsystems ihre grundsätzliche Bedeutung für die Zusammensetzung des Bundestages nicht verlieren.
Wahlkämpfe laufen in den USA und in der Bundesrepublik grundsätzlich ähnlich ab. Die Unterschiede gehen auf das politische System zurück. Entsprechend stellen US-Wahlkämpfe stark auf die Kandidaten ab, Sachthemen werden zugespitzt, Parteien dienen lediglich als eine Informations- und Dienstleistungsbasis. Anders hingegen in Deutschland, weitestgehend werden hier die Wahlkampfthemen durch die Parteien besetzt. Entscheidend für die Zusammensetzung des Deutschen Bundestages bleibt die Zweitstimme, die Erststimme kann aber gerade bei knappen Zweitstimmenergebnissen zu einer Vergrößerung der Mandatsmehrheit im Bundestag beitragen, „jedoch nicht zu einem grundsätzlichen Außerkraftsetzen des Proporzprinzips“ (Nohlen 2009: 329 und Schmidt 2007: 49) führen. Bedingt durch die unterschiedlichen Voraussetzungen der politischen Systeme findet auch der Wahlkampf um Erststimmen in Deutschland unter dem Einfluss der Parteien statt. Denn auch die Direktkandidaten sind der bundespolitischen Gesamtstimmungslage unterworfen. Teils signifikante Abweichungen in den Ergebnissen von Erst- und Zweitstimme zeigen, dass die Personalisierung der Wahl in Form der Erststimme als Personenstimme den Ausschlag für die Wahlentscheidung geben kann. Der Einfluss der Personenstimme wird im Zuge einer weiteren Erosion der beiden großen deutschen Parteien CDU und SPD sowie der Erstarkung der kleineren Parteien zunehmen. Wie in der Vergangenheit mehrfach geschehen, werden Überhangmandate zur Mehrheitsbildung beitragen. Das Wahlergebnis werden und können Direktmandate nicht negieren, sie werden es aber zugunsten der Mehrheit verzerren und noch stärker als bisher zum Zünglein an der Waage der Mehrheitsbildung werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vergleich der politischen Systeme
2.1 Das politische System der USA
2.2 Das politische System der Bundesrepublik Deutschland
3. Das Wahl- und Parteiensystem in den USA und der Bundesrepublik Deutschland
3.1 Das Wahlsystem der USA
3.2 Das Parteiensystem der USA
3.3 Das Wahlsystem der Bundesrepublik Deutschland
3.4 Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland
4. Einflussgrößen und ihre Bedeutung für das Wahlgeschehen
4.1 Rechtliche Stellung der Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der Mitglieder des US-Kongresses im jeweiligen politischen System anhand des Grundgesetzes und der US-Verfassung
4.2 Einfluss des Wahl- und Parteiensystems in Deutschland und den USA auf die Kandidatur und den Wahlkampf
4.3 Finanzierung der Wahlkämpfe von Kandidaten und Parteien
4.4 Die Medien im Wahlkampf
4.5 Taktisches Wählen und Stimmensplitting
5. Vergleich der Wahlkämpfe
5.1 Kongresswahlkampf in den USA – ein Überblick
5.2 Bundestagswahlkampf in Deutschland – ein Überblick
5.3 Bundestagswahlkampf am Beispiel des Wahlkreises 70 zur Bundestagswahl 2009
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht vergleichend die Wahlkampfstrukturen in Deutschland und den USA, wobei ein besonderer Fokus auf der Bedeutung der Erststimme in Deutschland und ihrem Einfluss auf den Wahlverlauf liegt. Es wird analysiert, wie politische Rahmenbedingungen, Wahlsysteme und Parteienfinanzierung das Wahlkampfgeschehen sowie die taktischen Wahlentscheidungen beeinflussen.
- Vergleichende Analyse der politischen Systeme von USA und Deutschland
- Einfluss der Wahl- und Parteiensysteme auf die Kandidatur und den Wahlkampf
- Untersuchung der Parteienfinanzierung und Medienrolle im Wahlkampf
- Analyse des Phänomens "Taktisches Wählen" und "Stimmensplitting"
- Fallstudie: Bundestagswahlkampf im Wahlkreis 70 zur Wahl 2009
Auszug aus dem Buch
4.1 Rechtliche Stellung der Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der Mitglieder des US-Kongresses im jeweiligen politischen System anhand des Grundgesetzes und der US-Verfassung
In diesem Abschnitt möchte ich die rechtliche Stellung der einzelnen Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der Mitglieder des US-Kongresses kurz darstellen und vergleichen. Dies ist wichtig, da sich an der Stellung im politischen System auch die Eingriffsmöglichkeiten in politische Entscheidungen verdeutlichen lassen. Für die Einordnung möchte ich diejenigen Grundgesetzartikel und Verfassungsartikel beziehungsweise Zusatzartikel der US-Verfassung heranziehen, die dem einzelnen Abgeordneten, Repräsentanten oder Senator Rechte und Pflichten auferlegen.
Im Artikel 38 des Grundgesetzes sind Wahlgrundsätze und Rechtsstellung der Bundestagsabgeordneten verankert. So vertritt jeder Abgeordnete im Sinne des Repräsentationsprinzips nicht einen bestimmten Wahlkreis oder eine bestimmte Klientel, sondern er ist vielmehr „dem ganzen Volk gegenüber verantwortlich“ (Jarras/Pieroth 2009: 682). So soll verhindert werden, dass Klientelinteressen nicht im Übermaß durch die Abgeordneten in den Bundestag getragen werden (vgl. Sachs 2009: 1188). Dies steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zum Artikel 21 des Grundgesetzes. In diesem Sinne kann nur der Bundestag als Ganzes die Staatsgewalt ausüben (vgl. Jarras/Pieroth 2009: 682). Die Abgeordneten sind weiterhin in ihren Entscheidungen frei und keinen Weisungen unterworfen, sondern lediglich ihrem Gewissen verantwortlich. Dementsprechend haben Entscheidungen der Fraktion eher Empfehlungscharakter (vgl. Sachs 2009: 1189f). Dies soll die Unabhängigkeit der Abgeordneten gewährleisten.
In diesem Sinne ist das Mitglied des Bundestages nur Teil des Ganzen. Deshalb kann der Anspruch einen bestimmten Wahlkreis zu vertreten nicht aufrechterhalten werden. Der Bundestagsabgeordnete kann sich in Ausübung seines Amtes zwar um einen bestimmten Wahlkreis beziehungsweise eine bestimmte Klientel kümmern, den Anspruch ihn beziehungsweise sie zu vertreten kann er nicht erheben. Dies begründet auch eine relativ schwache Stellung der jeweils einzelnen Bundestagsabgeordneten. Insbesondere hebt dies die direkt gewählten Abgeordneten nicht gegenüber den Listenkandidaten heraus, es verhindert somit Mandate Erster und Zweiter Klasse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Wahlkämpfe unter Berücksichtigung von Personalisierung und Sachthemen im deutsch-amerikanischen Vergleich.
2. Vergleich der politischen Systeme: Darstellung der institutionellen Rahmenbedingungen der USA und der Bundesrepublik Deutschland sowie deren historische Entstehung.
3. Das Wahl- und Parteiensystem in den USA und der Bundesrepublik Deutschland: Analyse der grundlegenden Wahlmodi und Strukturen der Parteiensysteme beider Staaten.
4. Einflussgrößen und ihre Bedeutung für das Wahlgeschehen: Untersuchung von rechtlichen Stellungen der Abgeordneten, Finanzierungsmethoden, Medieneinfluss und taktischem Wählen.
5. Vergleich der Wahlkämpfe: Detaillierter Vergleich der Wahlkampfmethoden inklusive einer Fallstudie zum Wahlkreis 70 bei der Bundestagswahl 2009.
6. Fazit: Zusammenfassende Gegenüberstellung der Ergebnisse und Bewertung der Erststimmenbedeutung.
Schlüsselwörter
Erststimme, Bundestagswahl, US-Kongresswahl, Wahlsystem, Parteiensystem, Stimmensplitting, Wahlkampf, Parteienfinanzierung, Direktmandat, Personalisierung, Demokratie, Wahlbeteiligung, Taktisches Wählen, Repräsentantenhaus, politischer Vergleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen vergleichenden Überblick über Wahlkampfstrukturen in Deutschland und den USA, wobei insbesondere die Rolle der Erststimme in Deutschland kritisch beleuchtet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die politischen Systeme, die jeweiligen Wahl- und Parteiensysteme, die Finanzierung von Wahlkämpfen sowie die Rolle der Medien und das strategische Wählerverhalten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Bedeutung der Erststimme für das deutsche Wahlsystem zu ergründen und aufzuzeigen, inwieweit diese durch taktische Erwägungen bei gleichzeitigem Stimmensplitting an Bedeutung gewinnt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse auf Basis politikwissenschaftlicher Literatur, ergänzt durch eine empirische Fallstudie des Wahlkampfes im Wahlkreis 70 (Bundestagswahl 2009).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die politischen Systeme skizziert, Parteiensysteme analysiert und spezifische Einflussfaktoren auf Wahlkämpfe – wie rechtliche Stellung der Abgeordneten und Finanzierungsmodelle – erarbeitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Erststimme, Wahlkampf, Stimmensplitting, Demokratievergleich und politisches System geprägt.
Warum ist das Stimmensplitting laut Autor so relevant?
Der Autor sieht im Stimmensplitting ein wichtiges Instrument für Wähler, um koalitionstaktische Ziele zu verfolgen und das Kräfteverhältnis zwischen den Parteien über die reine Personenstimme hinaus zu beeinflussen.
Welche Rolle spielt die Erststimme im Vergleich zur Zweitstimme?
Während die Zweitstimme das Kräfteverhältnis im Bundestag bestimmt, bietet die Erststimme die Möglichkeit zur Personalisierung, wobei sie bei knappen Ergebnissen zur Stabilisierung von Mehrheiten oder zur Verzerrung des Wahlergebnisses beitragen kann.
- Quote paper
- Alexander Schröder (Author), 2010, Vergleich von Wahlen zum US-Kongress mit den Bundestagswahlen in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Erststimme, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148833