„Und der Brunnen war so tief, so tief, daß man keinen Grund sah“. Dies ist der Wortlaut des ersten Märchens der Brüder Grimm. Es weist dem Brunnen eine zentrale Stellung zu und steht als erster Text in der weit verbreiteten und viel gelesenen Sammlung.
Auch in anderer Literatur kann man dem Brunnenmotiv begegnen. So sitzt Gretchen in Goethes Faust am Brunnenrand voller Trauer oder es begegnet Joseph in der Bibel seiner zukünftigen Frau Rachel. Oder liest man die ersten Worte in Thomas Manns Joseph-Romanen, welche mit „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ beginnen.
Das Motiv des Brunnens stellt sich in den Märchen als sehr vielschichtig dar. Es kann für Leben oder für Wiedergeburt stehen, es reflektiert das Seelenleben eines Menschen, es kann formen oder es steht für den Tod.
Ob nun Taufwasser vom Brunnen geholt werden soll oder das Wasser, das einem durstigen Jungen Erquickung spenden soll, verwünscht wurde, oder etwas in den Brunnen fällt, er erfüllt in diesem Fall viele Funktionen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung des Brunnenmotivs in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, die erstmals 1812 erschienen und heute zu den meist gelesenen und bekanntesten Werken der deutschen Literatur gezählt werden können.
Nach einem kurzen Abriss über das Wesen des Volksmärchen sowie der Geschichte der Überlieferung der Kinder- und Hausmärchen, werden einzelne Märchen untersucht, in denen das Motiv des Brunnens auftaucht. Zuvor wird der Brunnen als Symbol untersucht, wobei hier eine Beschränkung auf dem Symbol des Lebens und des Todes liegt. Natürlich stellt der Brunnen im Märchen auch die Pforte zu einem magischen Reich dar, zu einer Zauberwelt, die typisch für das Märchen ist. Dies könnte daran liegen, dass ein Brunnen, vor allem ein tiefer Brunnen, dessen Schacht dunkel und unergründlich zu sein scheint, einen gewissen Sog ausübt, der magisch wirken kann.
Den heutigen Menschen mag die immense Bedeutung des Brunnens verloren gegangen sein, doch jeder, der in brütender Hitze einmal einen Trunk vom Brunnen genommen hat, wird sich der wichtigen Bedeutung wohl wieder bewusst.
Inhaltsverzeichnis
1. Prolog
2. Die Märchen der Brüder Grimm
2.1 Das Volksmärchen
2.2 Die Überlieferung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
3. Das Motiv des Brunnens
3.1 Brunnen als Symbol
3.1.1 Symbol des Lebens
3.1.2 Symbol des Todes
4. Die Darstellung des Brunnenmotivs in den Märchen der Brüder Grimm
4.1 Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich
4.2 Der Wolf und die sieben jungen Geißlein
4.3 Brüderchen und Schwesterchen
4.4 Frau Holle
4.5 Die sieben Raben
4.6 Der goldene Vogel
4.7 Die Wassernixe
4.8 Hans im Glück
4.9 Das Wasser des Lebens
4.10 Die beiden Wanderer
4.11 Der Eisenhans
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die vielschichtige Symbolik des Brunnenmotivs in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie der Brunnen als ambivalentes Symbol für Leben, Tod, Wiedergeburt, Erkenntnis und als Schwelle zu magischen Welten innerhalb der Erzählungen fungiert.
- Wissenschaftliche Einordnung des Volksmärchens und der Grimmschen Überlieferung
- Symbolische Analyse des Brunnens als Lebensquelle und Ort des Todes
- Untersuchung der psychologischen und schicksalhaften Bedeutung von Brunnenbegegnungen
- Analyse des Brunnenmotivs anhand ausgewählter Märchenbeispiele wie "Der Froschkönig" oder "Frau Holle"
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Symbol des Lebens
Der Brunnen, der durch die Form an den Geburtskanal erinnert, wird oft als Ort der Wiedergeburt beschrieben. Oft werden daher Brunnen und Quellen mit Geburtsszenen in Verbindung gebracht. Die ungeborenen Kinder werden laut Volksglauben aus dem Brunnen gebracht, oft ist hierbei die Rede vom Kinderbrunnen. Auch sprachlich gesehen kann bezeugt werden, dass Quelle und Mutterschoß gleichgesetzt wurden. Schliephacke erwähnt hierzu: „Schon in Sumer vor 5000 und mehr Jahren bedeutete das Wort „buru“ dasselbe wie Quelle und Mutterscheide, ebenso ist es mit dem babylonischen Wort „pu“. Im Hebräischen ist das Wort für Quelle „nagbu“ verwandt mit „nequebu“, das heißt Weibchen.“ Ebenso findet sich das Motiv in den meisten Religionen, in der christlichen Religion werden die Kinder durch die Taufe, bei der das Taufwasser aus dem Brunnen stammt, zu Kindern Gottes.
Brunnen und Quellen wurden von den altertümlichen Menschen als magischer Ausgang aus dem Leib der Mutter Erde angesehen und wurden als besonders geweihte Orte betrachtet. Der Glaube an ein unterirdisches Wasserreich rührt daher, dass die altertümliche Vorstellung der Erdgeburt daher kommt, dass man glaubte, durch einen Blitz in die Erde sprudelte Wasser. Auch Diesseits und Jenseits sind durch den Brunnen verbunden, wobei der Brunnen im Märchen als Eintritt in eine Zauberwelt dienen kann, wie beispielsweise in Frau Holle (KMH 24). Als das Mädchen die Zauberwelt verlässt, kann diese Szene mit einer Wiedergeburt verglichen werden, da sie das erhält, was sie sich verdient hatte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Prolog: Einführung in das zentrale Brunnenmotiv in der Literatur und Darstellung der Aufgabenstellung sowie der Zielsetzung der Arbeit.
2. Die Märchen der Brüder Grimm: Definition des Volksmärchens und historische Einordnung der Überlieferungsgeschichte der Kinder- und Hausmärchen.
3. Das Motiv des Brunnens: Theoretische Untersuchung der Symbolik des Brunnens, insbesondere in seiner Dualität als Symbol des Lebens und des Todes.
4. Die Darstellung des Brunnenmotivs in den Märchen der Brüder Grimm: Analyse der konkreten Ausprägungen des Brunnenmotivs in elf ausgewählten Märchen der Brüder Grimm.
5. Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Analyseergebnisse und Bestätigung der Vielschichtigkeit des Brunnenmotivs als zentrales, ambivalentes Element im Märchen.
Schlüsselwörter
Märchen, Brüder Grimm, Brunnenmotiv, Symbolik, Volksmärchen, Leben, Tod, Wiedergeburt, Kinder- und Hausmärchen, Zauberwelt, Seelenleben, Reifeprozess, Erlösung, Archetyp, Wasser.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das literarische Motiv des Brunnens in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Symbolik des Brunnens (Leben/Tod), der psychologischen Bedeutung im Reifeprozess und der Funktion des Brunnens als Schwelle zur Zauberwelt.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Vielschichtigkeit und die zentralen Funktionen des Brunnenmotivs in der Grimmschen Sammlung wissenschaftlich zu interpretieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär auf Motivdeutung und der Einbeziehung der einschlägigen Märchenforschung basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Symbolanalyse und eine detaillierte Untersuchung des Brunnenmotivs in konkreten Märchenbeispielen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Märchen, Symbolik, Brunnenmotiv, Leben und Tod, Wiedergeburt sowie das Unterbewusstsein.
Warum wird der Brunnen oft als Symbol der Wiedergeburt gesehen?
Aufgrund seiner Form und Tiefe erinnert der Brunnen an den Geburtskanal und dient im Märchen häufig als Ort, an dem Protagonisten eine transformierende Erfahrung durchlaufen.
Inwiefern unterscheidet sich die Bedeutung in "Der Froschkönig" von "Der Wolf und die sieben jungen Geißlein"?
Während der Brunnen beim Froschkönig eher die Lebensquelle und Erlösung symbolisiert, fungiert er im Wolf-Märchen als Ort der Strafe und des Todes.
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- Julia Fluck (Author), 2009, Das Motiv des Brunnens in den Märchen der Brüder Grimm, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148844