Die italienische Identität in der gegenwärtigen Forschungsdiskussion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

20 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zäsur in der Forschung

3 Die Entstehung des Nationalbewusstseins in Italien
3.1 Die Identitätsschwierigkeiten innerhalb Italiens
3.1.1 Rom und Italien als Weltkulturerbe
3.1.2 „Fare gli italiani“
3.2 Nationale Mythen und Symbole
3.2.1 Die Lega lombarda
3.2.2 Die Sizilianische Vesper
3.2.3 Der Aufstand in Genua
3.2.4 Der Dante-Mythos
3.2.5 Das Treffen von Teano
3.3 Die italienische Identität während des Faschismus

4 Die italienische Kultur

5 „Die Wiege Europas“

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Ausblick auf eine Magisterarbeit behandelt die vorliegende Seminararbeit die Identitätsprobleme der Italiener, um die seit einigen Jahren eine neue Diskussion ausgebrochen ist. Die Seminararbeit beschäftigt sich mit den Forschungsergebnissen und Publikationen nach der Jahrtausendwende.

Bevor die Zahl der Veröffentlichungen in den 1990ern anzusteigen scheint, gab es eine Zäsur in der Forschung. Das folgende Kapitel handelt von den Gründen dieser. Kapitel 3 beschreibt die Entstehung des italienischen Nationalbewusstseins und seine Schwierigkeiten der Identitätsfindung. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die Epochen des Risorgimento und des Faschismus. Dazu wird der Status Roms und Italiens als Weltkulturerbe beleuchtet. Die Mythen und Symbole, die tatsächlich für die italienische Kultur stehen finden ebenso Beachtung. Die italienische Kultur mit ihren Merkmale und der Herkunft dieser wird in Kapitel 4 beschrieben. Das 5. Kapitel befasst sich mit den Elementen der italienischen Kultur, die ebenso, oder doch vielmehr, für die Entstehung Europas essentiell waren. Zum Schluss gibt Kapitel 6 ein Fazit der Untersuchungen zu dieser Seminararbeit.

2 Zäsur in der Forschung

Die Beschäftigung mit der nationalen Identität Italiens scheint erst ab Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts verstärkt einzusetzen.[1] Die Zeit vor dem Mauerfall und vor der politischen Krise Italiens ist gekennzeichnet durch eine wissenschaftliche Zurückhaltung hinsichtlich derartiger Untersuchungen. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs, das ebenso das Ende nationalistischer Ideologien bedeutete, kollabierte die ohnehin als schwach angesehene nationale italienische Identität. Doch welche waren die Gründe für diese Zäsur?

Morone/Gehrke (2001) geben Tullio-Altans Meinung wieder, der „vermutet, daß das Thema vor allem verdrängt wurde, weil es ideologieverdächtig mit Nationalismus in Verbindung gebracht wird“[2], der einen Teil der faschistischen Weltanschauung darstellt, welcher in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg tunlichst vermieden wurde. Derselben Meinung ist Cavazza (2006), der mit dem Untergang des Faschismus die nationalistische Einstellung des Volkes in die Krise stürzen sah. Allerdings nimmt er darin nicht den Kollaps der italienischen Identität wahr, sondern deren Neudefinition innerhalb eines neuen Wertesystems, geschaffen von dem neuen Parteiensystem.[3] Nach Cartoccis (2002) Meinung liegen die Gründe für die wissenschaftliche Tabuisierung der nationalen Identität in der Politik: „[…]guerra fredda e voglia di rimuovere ogni memoria della sconfitta, costruzione europea e antichi riflessi di universalismo cattolico e di internazionalismo proletario“[4]. Während dieser Zeit blieb kein Platz für die Bildung eines gemeinschaftlichen Bewusstseins.

Erst in den 1990ern erfuhr das Thema einen neuen Aufschwung. Die Motive hierfür finden sich vor allem im Mauerfall und der Ost-West-Öffnung, dem Voranschreiten der Europäischen Union und der Einführung des Euro. Die damit verbundene Neuorganisation der europäischen Grenzen und Identitäten hat nach Meinung von Ascoli/von Henneberg (2001) zu einer „re-evaluation of the claims and legitimacy of nation-states and national cultures”[5] geführt. Als weiteren Grund führt Patriarca (2001) die Massenimmigrationen in dieser Zeit an, die das Interesse an der eigenen nationalen Identität steigen ließen.[6]

Wetzel (2003) sieht in diesem neuerlich erstarkten Interesse eine Veralterung der althergebrachten identitätsstiftenden Merkmale, die im Risorgimento ‚entwickelt’ und unter das Volk gebracht wurden.[7] Zu den oben genannten Gründen fügt er die Meinung des französischen Historikers Pierre Nora hinzu, der von einer Beschleunigung der Geschichte sprach. Diese Meinung teilt der italienische Geschichtsschreiber Mario Isnenghi.[8] Beide halten die Schwächung der Erinnerungsorte „eher für einen Verlust denn für eine Chance, die alten durch neue zu ersetzen, anderen, neuen Gruppierungen zur Identität zu verhelfen und vielleicht neue Formen anzunehmen.“[9]

Die Krise des italienischen Parteiensystems Anfang der 1990er Jahre und die Neuordnung dessen stellt ein weiteres wichtiges Motiv der Beschäftigung mit der eigenen Identität dar.[10] Doch nicht nur der politische und der damit verbundene moralische Verfall haben

die Notwendigkeit einer geistig-moralischen Wende offensichtlich gemacht. Auch die Sezessionsbestrebungen der Lega-Bewegung haben dazu beigetragen, eine Diskussion um regionale Identitäten in Gang zu setzen. Die Situation des politischen Umbruchs hat offensichtlich dazu geführt, daß sich die Italiener stärker mit ihren eigenen kulturellen Werten auseinandersetzen.[11]

Cavazza und Tommasi (2005) sind hier unterschiedlicher Meinung. Nach Cavazza bringt die Auseinandersetzung mit der nationalen Identität die Bewegung des Regionalismus mit sich, die darauf bezogen allerdings schwächer sei.[12] Tommasi dagegen kommt zu dem Schluss, dass mit dem schwachen Gefühl der nationalen Zugehörigkeit eher das Erstarken des Lokalismus und Regionalismus einhergeht.[13]

Da die politische Einheit in Italien erst relativ spät erfolgte und sich daher das nationale Bewusstsein erst ab dem 19. Jahrhundert entwickelte, werden unter anderem der Lokalismus und der Individualismus als typische italienische Charaktereigenschaften angesehen.[14] Daraus lässt sich schließen, dass das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer lokalen oder regionalen Identität viel älter als das Nationalbewusstsein und daher in den Menschen auch stärker verwurzelt ist. Die nationale Identität mit ihren Mythen und Symbolen wurde später aus der Historie ‚entwickelt’ und mittels Schul- und Geschichtsbücher und anderer Hilfsmittel unter dem Volk verbreitet.

3 Die Entstehung des Nationalbewusstseins in Italien

Die Gründe für die verspätete Entstehung eines italienischen Nationalstaats sind vielfältig, lassen sich aber unter drei Punkten zusammenfassen. Das erste Motiv findet sich in der lange währenden Fremdherrschaft, unter der Italien jahrhundertelang litt und die den späteren Staat in verschiedene Teile spaltete. Daher rührt der fehlende bürgerliche Geist und der verstärkte Bezug auf das Nahe liegende, das heißt die Familie und das Ich. Der Staat kommt erst danach. Als zweiten Punkt lässt sich der Verlust der Vormacht im Mittelmeerraum anführen, da sich die Handelsmächte ab dem 15. Jahrhundert nach dem Atlantik und der Neuen Welt orientierten und Italien hierfür strategisch ungünstig lag. Der Verlust der intellektuellen Freiheit durch die Kontrolle der katholischen Kirche und die Größe des Kirchenstaats innerhalb des geografischen Territoriums lassen sich als drittes Argument anführen.[15] Aus den gleichen Gründen lassen sich die Probleme der Identitätsfindung des italienischen Volkes ableiten.

3.1. Die Identitätsschwierigkeiten innerhalb Italiens

Oft wird der Begriff der Identität mit dem der Mentalität verwechselt. Jedoch beschreibt die Identität das Bild, das ein Individuum oder eine Gruppe von sich selber hat. Dieses Bild ist elaboriert und vorsätzlich gebildet. Daher stellt die Identität die bewusstere Variante der Mentalität dar. Die Mentalität dagegen beruht auf einer kollektiven Schöpfung und wird eher unbewusst hergestellt. Sie ruft Verhaltensweisen vor und drückt sich in den Werten einer Gruppe aus. Das Prinzip der Kultur ist beiden übergeordnet.[16]

Die Identität eines Individuums oder einer Gruppe lässt sich jedoch nicht einseitig verkünden, sondern muss auch von Anderen anerkannt werden. Dazu ist es erforderlich über eine gewisse Macht und Autorität zu verfügen, um die identitätsstiftenden Merkmale bei Anderen durchzusetzen.[17] Italien zog während des Risorgimento diese Macht aus seiner künftigen Hauptstadt, Rom. Die translatio imperii[18] wurde dort aber auch von anderen Kaisern und Zaren und vor allem von der katholischen Kirche, die dort ihre Vormachtstellung seit der Antike hält, für sich beansprucht.

Dieser wichtige Faktor der Identitätsschwierigkeiten entsteht „dadurch daß Italien geographisch auf einem Gelände liegt, das mit dem Zentrum des Römischen Reiches identisch ist“[19]. Daher kann Italien dessen kulturelle Historie nicht für sich allein fordern und muss seine „antike Vergangenheit wegen der translatio studii et imperii mit den anderen europäische Nationen teilen.“[20] Wetzel benennt hier das größte Problem Italiens, nämlich dass seine angeblichen individuellen identitätsstiftenden Faktoren wie die antike, griechisch-römische Kultur und die katholische Kirche eben auch zur Identität der anderen europäischen Völker beitragen und daher nicht „als identitätsstiftendes Differenzmerkmal für Italiens Eigenes und Fremdes dienen“[21] können.[22]

[...]


[1] „Angesichts der Fülle existierender Italienliteratur ist es erstaunlich, daß es kaum spezifische Untersuchungen zur nationalen Identität gibt. Schon LeGoff bemängelte 1974 in seinem Aufsatz über „die Geschichte und Sitten der Italiener“, daß er kaum bibliographische Hinweise zum Thema Nationalcharakter finden konnte.“ (Morone/Gehrke 2001: 159). Cartocci (2002: 14 f.) findet in den 20 Jahren vor der politischen Krise nur vier bedeutende Beiträge zum Thema der italienischen Identität: Procacci: Storia degli italiani (1968); Bollati: Storia d’Italia (1972); Bellah/LeGoff: Caso italiano (1974); Rosario Romeo: Italia mille anni (Anfang 1980er). Siehe auch Seibt 2001: 35 f.

[2] Morone/Gehrke 2001: 159.

[3] Vgl. Cavazza 2006: 27.

[4] Cartocci 2002: 14.

[5] Ascoli/von Henneberg 2001: 5.

[6] Vgl. Patriarca 2001: 299.

[7] Vgl. Wetzel 2003: 164.

[8] Vgl. ebd.: 165. Beide Chronisten sind für ihre bedeutenden Arbeiten über ihre jeweilige Identität bekannt. Nora veröffentlichte zwischen 1984 und 1992 die Bücher über die Lieux de mémoire in Frankreich. Isnenghi folgte Mitte der Neunziger mit der italienischen Version der Luoghi della memoria. Noras Werk allerdings ist fünfmal umfangreicher als Isnenghis und auch besser recherchiert, wahrscheinlich ein weiterer Hinweis auf die Schwierigkeit der italienischen Identitätsfindung.

[9] Ebd.

[10] Vgl. Cavazza 2006: 16; vgl. auch Galsasso 2002: 95.

[11] Morone/Gehrke 2001: 159. Die Autoren führen hierbei eine Liste verschiedener Sozialwissenschaftler, Historiker und Journalisten an, die sich in den 1990ern verstärkt mit dem Thema beschäftigen (vgl. ebd.: 161 ff.).

[12] Vgl. Cavazza 2006: 18. Er bezieht sich hier auf Applegate 1999. Hierzu führt er auch eine Untersuchung einer nationalen Tageszeitung im Jahre 2002 an, die besagt, dass „l’identificazione con il proprio paese o con la propria regione fosse sostanzialmente minoritaria rispetto a quella con la grande patria”. (Cavazza 2006: 16)

[13] Vgl. Tommasi 2005: 91.

[14] Vgl. Balistreri 2003: 19.

[15] Vgl. Balistreri 2003: 18.

[16] Vgl. Tommasi 2005: 99.

[17] Vgl. Wetzel 2003: 168.

[18] Nach Vinken (2003: 185) ist die „ Translatio [...] eine geregelte, angemessene Übertragung, die einem festen Parameter folgt. Aus dieser Entsprechung zieht sie ihre Legitimität. Sie ist eine Figur der Kontinuität, nicht der Identität. Die Individuen oder die Reiche, auf die Macht oder Wissen übertragen werden (translatio imperii, studii) inkarnieren diese Macht oder dieses Wissen nicht, sie sind nicht damit identisch, sie tragen sie stellvertretend.“

[19] Wetzel 2003: 174.

[20] Ebd.: 173.

[21] Ebd.: 174.

[22] So auch Lyttleton (2001:29): „In the first instance, if Roman history lost its unique privileged status as a treasure house of examples and precepts, the fall of the Roman Empire before the barbarians and, to a lesser degree, the rise of Roman dominion over Italy were still critical for defining the sense of a national history.”

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die italienische Identität in der gegenwärtigen Forschungsdiskussion
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V148872
ISBN (eBook)
9783640594245
ISBN (Buch)
9783640594047
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italien, Identität, Nationalbewusstsein, Mythen und Symbole
Arbeit zitieren
Simone Mihm (Autor), 2010, Die italienische Identität in der gegenwärtigen Forschungsdiskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148872

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