Im Ausblick auf eine Magisterarbeit behandelt die vorliegende Seminararbeit die Identitätsprobleme der Italiener, um die seit einigen Jahren eine neue Diskussion ausgebrochen ist. Die Seminararbeit beschäftigt sich mit den Forschungsergebnissen und Publikationen nach der Jahrtausendwende.
Bevor die Zahl der Veröffentlichungen in den 1990ern anzusteigen scheint, gab es eine Zäsur in der Forschung. Das folgende Kapitel handelt von den Gründen dieser. Kapitel 3 beschreibt die Entstehung des italienischen Nationalbewusstseins und seine Schwierigkeiten der Identitätsfindung. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die Epochen des Risorgimento und des Faschismus. Dazu wird der Status Roms und Italiens als Weltkulturerbe beleuchtet. Die Mythen und Symbole, die tatsächlich für die italienische Kultur stehen finden ebenso Beachtung. Die italienische Kultur mit ihren Merkmale und der Herkunft dieser wird in Kapitel 4 beschrieben. Das 5. Kapitel befasst sich mit den Elementen der italienischen Kultur, die ebenso, oder doch vielmehr, für die Entstehung Europas essentiell waren. Zum Schluss gibt Kapitel 6 ein Fazit der Untersuchungen zu dieser Seminararbeit.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zäsur in der Forschung
3 Die Entstehung des Nationalbewusstseins in Italien
3.1 Die Identitätsschwierigkeiten innerhalb Italiens
3.1.1 Rom und Italien als Weltkulturerbe
3.1.2 „Fare gli italiani“
3.2 Nationale Mythen und Symbole
3.2.1 Die Lega lombarda
3.2.2 Die Sizilianische Vesper
3.2.3 Der Aufstand in Genua
3.2.4 Der Dante-Mythos
3.2.5 Das Treffen von Teano
3.3 Die italienische Identität während des Faschismus
4 Die italienische Kultur
5 „Die Wiege Europas“
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die Problematik der italienischen Identitätsfindung im Kontext aktueller Forschungsdiskussionen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der historischen Entwicklung des Nationalbewusstseins, der Bedeutung von Mythen und der Rolle der italienischen Kultur als Identitätsstifter liegt.
- Historische Zäsuren und die verzögerte Entwicklung des italienischen Nationalstaats.
- Die Instrumentalisierung von Rom als nationaler Mythos und Kapitale.
- Kulturelle und sprachliche Faktoren sowie der Einfluss des Katholizismus auf die italienische Identität.
- Die Rolle des Risorgimento und des Faschismus bei der Konstruktion nationaler Identität.
- Italiens Rolle als „Wiege Europas“ und die damit einhergehende Identitätsproblematik.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Identitätsschwierigkeiten innerhalb Italiens
Oft wird der Begriff der Identität mit dem der Mentalität verwechselt. Jedoch beschreibt die Identität das Bild, das ein Individuum oder eine Gruppe von sich selber hat. Dieses Bild ist elaboriert und vorsätzlich gebildet. Daher stellt die Identität die bewusstere Variante der Mentalität dar. Die Mentalität dagegen beruht auf einer kollektiven Schöpfung und wird eher unbewusst hergestellt. Sie ruft Verhaltensweisen vor und drückt sich in den Werten einer Gruppe aus. Das Prinzip der Kultur ist beiden übergeordnet.
Die Identität eines Individuums oder einer Gruppe lässt sich jedoch nicht einseitig verkünden, sondern muss auch von Anderen anerkannt werden. Dazu ist es erforderlich über eine gewisse Macht und Autorität zu verfügen, um die identitätsstiftenden Merkmale bei Anderen durchzusetzen. Italien zog während des Risorgimento diese Macht aus seiner künftigen Hauptstadt, Rom. Die translatio imperii wurde dort aber auch von anderen Kaisern und Zaren und vor allem von der katholischen Kirche, die dort ihre Vormachtstellung seit der Antike hält, für sich beansprucht.
Dieser wichtige Faktor der Identitätsschwierigkeiten entsteht „dadurch daß Italien geographisch auf einem Gelände liegt, das mit dem Zentrum des Römischen Reiches identisch ist“. Daher kann Italien dessen kulturelle Historie nicht für sich allein fordern und muss seine „antike Vergangenheit wegen der translatio studii et imperii mit den anderen europäische Nationen teilen.“ Wetzel benennt hier das größte Problem Italiens, nämlich dass seine angeblichen individuellen identitätsstiftenden Faktoren wie die antike, griechisch-römische Kultur und die katholische Kirche eben auch zur Identität der anderen europäischen Völker beitragen und daher nicht „als identitätsstiftendes Differenzmerkmal für Italiens Eigenes und Fremdes dienen“ können.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt das Thema der Identitätsprobleme der Italiener vor und skizziert den Aufbau der Arbeit, die sich insbesondere auf Forschungsergebnisse nach der Jahrtausendwende konzentriert.
2 Zäsur in der Forschung: Das Kapitel beleuchtet die wissenschaftliche Zurückhaltung gegenüber nationalen Identitätsthemen in Italien vor den 1990er Jahren, begründet durch die ideologische Belastung nach dem Faschismus.
3 Die Entstehung des Nationalbewusstseins in Italien: Hier werden die Ursachen für die verspätete Einigung Italiens, wie Fremdherrschaft und der Verlust der Vormachtstellung im Mittelmeerraum, analysiert.
3.1 Die Identitätsschwierigkeiten innerhalb Italiens: Dieser Abschnitt differenziert zwischen Identität und Mentalität und erörtert, warum Italien aufgrund seiner antiken Geschichte Schwierigkeiten hat, exklusive Identitätsmerkmale zu etablieren.
3.1.1 Rom und Italien als Weltkulturerbe: Das Kapitel beschreibt den historischen Widerspruch zwischen der regionalen kulturellen Bedeutung Roms und dem Wunsch, es als nationale Kapitale für die Identitätsstiftung zu nutzen.
3.1.2 „Fare gli italiani“: Hier wird der Prozess der Nationalisierung durch Institutionen wie das Erziehungswesen und das Militär nach der politischen Einigung im 19. Jahrhundert beschrieben.
3.2 Nationale Mythen und Symbole: Dieser Teil analysiert, wie historische Ereignisse und Personen während des Risorgimento gezielt zu Mythen stilisiert wurden, um ein kollektives Nationalbewusstsein zu fördern.
3.2.1 Die Lega lombarda: Die Rolle des Lombardischen Bundes als historisches Symbol für Freiheit und nationale Einheit wird erläutert.
3.2.2 Die Sizilianische Vesper: Dieses Kapitel zeigt, wie der Aufstand von 1282 als Symbol für Unabhängigkeitsbestrebungen in das nationale Geschichtsbild integriert wurde.
3.2.3 Der Aufstand in Genua: Die Bedeutung des Genueser Aufstands und der Balilla-Figur für die Konstruktion nationaler Identität wird dargelegt.
3.2.4 Der Dante-Mythos: Hier wird Dantes Rolle als Symbolfigur für eine gemeinsame italienische Sprache und Kultur untersucht.
3.2.5 Das Treffen von Teano: Das Treffen zwischen Garibaldi und König Vittorio Emanuele II. wird als symbolischer Moment der Vereinigung von demokratischen und monarchischen Kräften analysiert.
3.3 Die italienische Identität während des Faschismus: Dieses Kapitel beschreibt, wie das faschistische Regime den römischen Mythos für seine imperialen Machtansprüche und Propagandazwecke missbrauchte.
4 Die italienische Kultur: Die Rolle der Sprache, des Katholizismus und bestimmter Verhaltensmuster (Mentalität) als ambivalente Identitätsfaktoren in Italien wird hier beleuchtet.
5 „Die Wiege Europas“: Der Autor erörtert hier das Paradoxon, dass Italien einerseits als Wiege Europas gilt, was aber andererseits die nationale Abgrenzung und Identitätsfindung erschwert.
6 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass italienische Identität maßgeblich durch den Bezug auf das römische Erbe geprägt ist, welches jedoch ein gesamthaftes europäisches Phänomen darstellt.
Schlüsselwörter
Italienische Identität, Risorgimento, Nationalbewusstsein, Faschismus, Mythos, Rom, Kulturnation, Identitätsschwierigkeiten, Europäische Identität, Historische Mythen, Nationalisierung, Katholizismus, Kulturgeschichte, Zusammenhalt, Symbolik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die komplexe Problematik der Identitätsfindung des italienischen Volkes, insbesondere unter Berücksichtigung der Forschungsdiskussionen nach der Jahrtausendwende.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören die historische Entstehung des Nationalbewusstseins, die Nutzung von Mythen und Symbolen, der Einfluss von Religion und Sprache sowie die Rolle Italiens in einem europäischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aufzuzeigen, warum die Konstruktion einer eindeutigen italienischen Identität schwierig ist und wie historische Vorbilder, insbesondere das römische Erbe, diesen Prozess beeinflusst haben.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Seminararbeit, die fachwissenschaftliche Publikationen, historische Analysen und zeitgenössische Diskurse zu Identität und Kultur auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Zäsur in der Identitätsforschung, die Rolle des Risorgimento, die Symbolkraft von Ereignissen wie dem Treffen von Teano sowie die Instrumentalisierung Roms durch den Faschismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind italienische Identität, Nationalbewusstsein, Risorgimento, Mythos, Rom und Kulturnation.
Wie beeinflusste der Katholizismus die Identitätsfindung?
Der Katholizismus hat einerseits die italienische Kultur nachhaltig geprägt, fungiert aber aufgrund seines universellen Anspruchs auch als Faktor, der eine spezifisch nationale Abgrenzung erschwert.
Warum wird Italien als „Wiege Europas“ bezeichnet?
Dieser Begriff verweist auf den historischen Ursprung kultureller, politischer und intellektueller Entwicklungen, die das Abendland nachhaltig geformt haben, was jedoch das Problem birgt, dass Italien diese Geschichte mit ganz Europa teilen muss.
- Quote paper
- Simone Mihm (Author), 2010, Die italienische Identität in der gegenwärtigen Forschungsdiskussion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148872