Heilung eines Blinden bei Jericho

Historisch-kritische Exegese Mk 10,46-52


Seminararbeit, 2006

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstituierung des Textes
2.1 Textabgrenzung
2.2 Übersetzungsvergleich
2.3 Segmentierte Textfassung

3. Synchrone Analyse
3.1 Syntaktische Analyse
3.2 Semantische Analyse
3.2.1 Narrative Analyse
3.2.2 Textsemantische Analyse
3.3.3 Textpragmatik

4. Diachrone Analyse
4.1 Literarkritik
4.2 Synoptischer Vergleich
4.3 Gattungsanalyse
4.4 Traditionskritik
4.5 Redaktionsgeschichte

5. Abschließende Bemerkungen

6. Literaturverzeichnis
6.1 Bibelübersetzungen
6.2 Sekundärliteratur

7. Anhang
I Übersetzungsvergleich
II synoptischer Vergleich

1. Einleitung

In der nun folgenden Ausarbeitung wird es zu einer Analyse der Bibelstelle Mk 10,46-52 mithilfe der historisch-kritischen Exegese kommen.

Zunächst wird die Konstituierung des Textes, durch einen Vergleich verschiedener deutschsprachiger Übersetzungen und eine kontextuelle Abgrenzung der Perikope vom gesamten Markusevangelium, vorgenommen.

Des Weiteren schließt sich die synchrone Analyse an, bei der syntaktische und semantische, sowie narrative Strukturen der Erzählung analysiert werden.

Die diachrone Analyse versucht daraufhin den Entstehungsprozess der Erzählung näher zu betrachten und verwendet dazu die Literarkritik, den synoptischen Vergleich, die Gattungsanalyse, Traditions- und Redaktionskritik.

Durch dieses methodische Vorgehen soll versucht werden, den Text als Ganzes zu verstehen und einen Verbesserten Zugang zum Sinn und zur Aussageabsicht des Textes zu ermöglichen.

2. Konstituierung des Textes

2.1 Textabgrenzung

Da in dieser Arbeit keine Analyse des gesamten Markusevangeliums oder gar des ganzen Neuen Testamentes vorgenommen werden kann, muss hier ein geeigneter Textteil ausgewählt werden. Dazu ist es notwendig festzustellen, ob dieser Textteil in sich abgeschlossen ist und eine sinnvolle Einheit darstellt.

Der Textteil, Mk 10,46-52, der in dieser Arbeit untersucht werden soll, lässt sich anhand einiger Kriterien innerhalb des gesamten Buches abgrenzen.

Zum einen erfolgt sowohl am Anfang der Textstelle V46, als auch nach dem Ende der Textstelle ein Ortswechsel.

Von der vorhergehenden Perikope grenzt sie sich dadurch ab, dass sich zwischen den beiden Erzählungen ein Aufenthalt in Jericho ereignet haben muss, über den jedoch nicht berichtet wird (vgl. V. 46). Die Erzählung spielt also an einem anderen Ort, als die vorhergehende, was sie eigenständig erscheinen lässt. Die Abgrenzung zur darauf folgenden Perikope lässt sich dadurch vollziehen, dass ein Ortswechsel benannt wird, nämlich der in die Nähe von Jerusalem.

Aufgrund dieser Unterschiedlichkeit der Orte, können diese Erzählungen also nicht zusammenhängen.

Jesus ist sowohl in der vorherigen als auch in der nachfolgenden Erzählung mit seinen Jüngern auf dem Weg, doch diese Perikope zeichnet sich dadurch aus, dass eine neue Figur auftritt, Bartimäus. Dieser wird nur während dieses Abschnitts erwähnt, was die Vermutung unterstützt, dass es sich hierbei um einen sinnvollen einheitlichen Abschnitt handelt.

Ebenso grenzt sich dieser Abschnitt dadurch vom umgebenden Kontext ab, dass es sich hierbei um eine andere Textgattung handelt.

Zuvor handelt es sich um ein Gespräch (Mk 10, 35-40) und eine Belehrung (Mk 10, 41-45) und danach um einen Bericht (Mk 11, 1-11). Mit dieser Perikope scheint es sich jedoch um eine Wundergeschichte zu handeln, was aber noch genauer analysiert werden soll. Die Gattungsunterschiede werden dennoch schon hier deutlich.

Im Kontext des gesamten Evangeliums stellt die Heilung des Blinden bei Jericho eine Übergangserzählung zum Ziel des Weges, der Passion in Jerusalem dar.

Es ist die letzte Wundergeschichte, die Markus erzählt. Somit wird mit dieser Perikope der zweite Hauptteil, der Weg nach Jerusalem, abgeschlossen.

Diese Blindenheilung bildet zusammen mit der zweiten Blindenheilung in 8,22-26 einen Rahmen um den Weg von Galiläa nach Jerusalem. Die erste Blindenheilung leitet von Galiläa auf den Weg und die zweite, Mk 10,46-52 von dem Weg nach Jerusalem[1].

Damit nimmt Mk 10, 46-52 eine wichtige Funktion innerhalb des Markusevangeliums ein und stellt als abgeschlossene Einheit eine gute Analysegrundlage dar.

2.2 Übersetzungsvergleich

Wesentlicher Bestandteil der Konstituierung eines Textes ist die Textkritik, die versucht, ausgehend von vorhandenen Handschriften den ursprünglichen Text des Neuen Testaments zu rekonstruieren.

Aufgrund meiner nicht-vorhandenen Griechischkenntnisse muss ich mich in diesem Fall auf den Vergleich verschiedener deutschsprachiger Übersetzungen beschränken, um mich vor der eigentlichen Analyse, mit problematischen und wichtigen Stellen dieser Textstelle auseinandersetzen zu können.

Unterschiede der Übersetzungen lassen im Allgemeinen auf Übersetzungs- und Interpretationsprobleme des griechischen Urtextes schließen und bieten somit einen Zugang zur Problematik des Textes.

Der Vergleich der Übersetzungen des Münchner Neuen Testaments (M), der Lutherbibel (L), der Einheitsübersetzung (EÜ) und der Elberfelderübersetzung (E) zeigt bereits im ersten Vers der zu untersuchenden Perikope einen Unterschied im Tempus.

M und E verwenden hier das Präsens des Verbs kommen, während L und EÜ den Imperfekt gebrauchen. Bis auf Ausnahmen bei M in V.47 („es ist“) und bei E in V.49 („Und sie rufen den Blinden und sagen ihm“) wurde jedoch in allen Übersetzungen durchgehend Imperfekt verwendet. Da die Präsens-Form „kommen“ (V.46) in M und E bezeugt sind, welche als wortgetreue Übersetzung gelten, kann dies als die Übersetzung gesehen werden, die am nahesten am griechischen Urtext liegt.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Benennung des Bartimäus. Sowohl in M als auch in E heißt es „der Sohn des Timäus, Bartimäus, ein blinder Bettler“. Damit wird zunächst seine Eigenschaft als Sohn des Timäus und sein Name und erst als nachträgliche Information wird genannt, dass er ein blinder Bettler ist.

Bei L und EÜ ist es jedoch anders. Hier heißt es „ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus“. Seine Eigenschaft als blinder Bettler wird hier direkt in den Vordergrund gestellt, wahrscheinlich, um den Fokus explizit darauf zu legen, da dies für die Handlung der Geschichte relevanter erscheint als Name und Anstammung.

In V.48 bekommt die Reaktion der Menge auf den Ruf des Bartimäus in den unterschiedlichen Übersetzungen eine vollkommen andere Akzentuierung: „anfuhren ihn viele“ in M ist als weniger stark zu verstehen als das „viele bedrohten ihn“ in E.

Ebenso unterschiedlich ist die Akzentuierung in V.52, wo es in M heißt „dein Glaube hat dich gerettet“, in E „dein Glaube hat dich geheilt“ und in L und EÜ lediglich „dein Glaube hat die geholfen“. Diese Abschwächung misst dem Glauben in diesem Heilungsprozess scheinbar eine weniger wichtige Bedeutung bei.

Diese Bedeutungen der Unterschiede sind natürlich letztlich nicht eindeutig zu bestimmen. Doch sind es Auffälligkeiten, denen in den meisten Fällen auch eine Bedeutung beigemessen werden kann.

2.3 Segmentierte Textfassung

Um eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Text zu schaffen hilft es, den Text zu visualisieren und ihn übersichtlich, segmentiert aufzuschreiben. Hierzu und in allen weiteren Zitaten wird die Übersetzung des Münchner Neuen Testaments verwendet.

Schon in diesem vorbereitenden Element wird deutlich, dass der Text auf erzählter Handlung und Redebeiträgen der Erzählfiguren beruht.

Metakommunikative Elemente, sowie Zitate werden nicht in diesen Textteil eingebracht.

Mk 10, 46-52 [Übersetzung des MNT]

46aUnd sie kommen nach Jericho.

46bUnd als er herausgeht von Jericho und seine Schüler und eine beträchtliche Volksmenge,

46csaß der Sohn von Timaios, Bartimaios, ein blinder Bettler, am Weg.

47aUnd hörend, dass Jesus, der Nazarener, es ist,

47bbegann der zu schreien und zu sagen:

47c Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!

48aUnd anfuhren ihn viele, dass er schweige;

48ber aber schrie um vieles mehr:

48c Sohn Davids, erbarme dich meiner!

49aUnd stehen bleibend sprach Jesus:

49b Ruft ihn!

49cUnd sie rufen den Blinden, sagend ihm:

49d Hab Mut, steh auf, er ruft dich!

50Der aber, wegwerfend sein Gewand, aufspringend kam zu Jesus.

51aUnd antwortend ihm, sprach Jesus:

51b Was willst du, was soll ich dir tun?

51cDer Blinde aber sprach zu ihm:

51d Rabbuni, dass ich wieder sehe!

52aUnd Jesus sprach zu ihm:

52b Geh fort! Dein Glaube hat dich gerettet.

52cUnd sofort sah er wieder,

52dund er folgte ihm auf dem Weg.

3 Synchrone Analyse

Die Analyse eines Textes beginnt mit der synchronen Analyse. Diese geht unmittelbar von dem vorliegenden Text und seinen Strukturen aus[2]. In dieser synchronen Analyse werden folgende Arbeitsschritte vollzogen: syntaktische, semantische, narrative und pragmatische Analyse.

3.1 Syntaktische Analyse

Untersucht man die sprachliche Gestalt der zuvor abgegrenzten Texteinheit, so fällt auf, dass es sich um eine einfache Satzstruktur handelt. Vermehrt sind Hauptsätze in Satzreihen oder Satzgefüge mit einfachen Nebensätzen zu finden.

Die Aussagen sind mit einer logischen Struktur und Reihenfolge verbunden, die die Aneinanderreihung von Aussagen fordert.

In die Erzählung ist eine Dialogstruktur, mit wörtlicher Rede der Aktanten eingebaut. Die wörtliche Rede ermöglicht dem Leser die Distanz zum Geschehen zu verringern.

Die wörtliche Rede beginnt, nachdem die Ausgangssituation geschildert wurde und zieht sich von da an bis zum Ende der Perikope durch. Die Erzählung ist also von der direkten Rede bestimmt, was das Ereignis lebhafter und näher erscheinen lässt.

In der vorliegenden Textstelle findet sich ein ausgeglichenes Maß an Nomen, Verben und Pronomen, wobei die Anzahl der Verben leicht überwiegt. Die Tatsache, dass in diesem Text kaum Adjektive zu finden sind, deutet darauf hin, dass hier mehr die sachliche Schilderung des Ereignisses, als die Ausschmückung desselben im Vordergrund steht. Einzig Bartimäus wird mit einem Adjektiv näher bezeichnet, V46 „ein blinder Bettler“. Dies kennzeichnet seine besondere Wichtigkeit.

Die Pronomen, die sich im Text finden lassen, beziehen sich allesamt auf Jesus und Bartimäus, was deren Stellung als handelnde Akteure in den Vordergrund stellt.

Dadurch, dass Jesus in V46 nur pronominal mit „er“ eingeführt wird, bleibt für den Leser, ähnlich wie für Bartimäus vorerst unklar, um wen es sich handelt. Erst in dem Moment, in dem das Hören des Bartimäus genannt wird, erfährt auch der Leser, dass es Jesus ist. Aus diesem Grund ist es für den Leser möglich sich besser in die Lage des Bartimäus zu versetzen.

Die große Anzahl an Verben im Text lassen die Erzählung sehr lebendig wirken und verleiht das Gefühl einer ständigen Aktion.

Auffallend sind hier die Verben des Sagens, welche vermehrt in direkter Verbindung mit der wörtlichen Rede stehen. Daher finden sie dich auch in allen Versen, außer V.46 und V.50, den einzigen Versen, in denen keine direkte Rede zu finden ist.

Im Verlauf der Erzählung sind verschiedene Tempora zu finden. Nachdem im Präsens das Hineinkommen und Herausgehen dargestellt wird, was die Einmaligkeit dieser Ereignisse unterstreicht, setzt noch in V.46 das Imperfekt ein. Die erste, in dieser Zeitform beschriebene Tätigkeit ist das Sitzen des Bartimäus („…, saß der Sohn des Timaios, Bartimaios,…“). Das Imperfekt drückt in den meisten Fällen, einen länger andauernden Prozess aus, was hier das lange Warten und Sitzen des Bettlers unterstreichen würde. Außer in der wörtlichen Rede findet sich von nun an weiter das Imperfekt.

Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet die Präsensform in V.49 („Und sie rufen den Blinden, sagend ich:…“). Mit dieser zeitlichen Veränderung in das Präsens, könnte der Autor einen besonderen Akzent gelegt haben wollen. Diese Stelle ist ein Wendepunkt, an dem der Blinde nicht mehr durch die Menge von Jesus ferngehalten wird. Ab V.50 ist dann wieder das Imperfekt und Präsens in der wörtlichen Rede zu finden.

In V.52 lässt sich dann eine Veränderung in der zeitlichen Gestaltung der wörtlichen Rede finden. Hier taucht erstmals das Perfekt auf. Diese vollendete Vergangenheit markiert die Vollendung der Rettung durch den Glauben. Die Imperfektformen „sah“ und „folgte“ in V.52 stellen dagegen das lange Andauern des Sehens und des Nachfolgens dar.

In diesem Zusammenhang sind auch die Partizipien zu benennen, welche sich in V.47.49a.49c.50.51 finden lassen.

Bei der näheren Betrachtung der Satzverknüpfungen, fällt die Verwendung des Wortes „und“ auf. Die Konjunktion „und“ verbindet zwei Hauptsätze zu einer Satzreihe, was auch wieder die Einfachheit der Satzstruktur deutlich macht, welche es aber dem Leser ermöglicht, dem Inhalt der Erzählung schneller und einfacher zu erfassen, während umständliche Satzstrukturen leicht vom Inhalt ablenken könnten.

Des Weiteren findet sich die Konjunktion „als“ in V.46, welche einen Temporalsatz kennzeichnet und zeitlich in die Erzählung einleitet.

[...]


[1] Vgl. Iersel 1993, 70

[2] Vgl. Egger 1990, 74

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Heilung eines Blinden bei Jericho
Untertitel
Historisch-kritische Exegese Mk 10,46-52
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
33
Katalognummer
V148881
ISBN (eBook)
9783640604715
ISBN (Buch)
9783640605132
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exgese, Bartimäus, Neues Testament, historisch-kritische Exegese, Exegese
Arbeit zitieren
Andrea Schumacher (Autor), 2006, Heilung eines Blinden bei Jericho, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148881

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