Anna Seghers „Das siebte Kreuz“. Analyse der Titelmetapher


Hausarbeit, 2009
22 Seiten, Note: 1,3
Anonym (Autor)

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. HAUPTTEIL
2.1. Die Symbolik der Zahl Sieben
2.1.1. Herkunft
2.1.1.1. Die jüdische Überlieferung
2.1.1.2. Die christliche Tradition
2.1.1.3. Die Glückszahl - Verwendung der Zahl Sieben in Märchen
2.1.2. Verwendung in Das siebte Kreuz
2.1.2.1. Die Vollendung
2.1.2.2. Die diabolische Dimension
2.1.2.3. Die Glückszahl
2.2. Die Metapher des Kreuzes
2.2.1. Vereinigung zweier Kreuze in Das siebte Kreuz
2.2.1.1. Das Hakenkreuz - Missbrauch in der NS-Zeit
2.2.1.2. Kreuz Jesu - Tod und Erlösung
2.2.2. Verwendung in Das siebte Kreuz
2.2.2.1. Das Schandmal - Die vorösterliche Bedeutung des Kreuzes
2.2.2.2. Erlösung und Erhöhung - Die nachösterliche Bedeutung des Kreuzes

3. SCHLUSSGEDANKE

4. BIBLIOGRAPHIE

1. Einleitung

„ […] ein Werk, ohne das die Geschichte der Literatur des 20. Jahrhunderts nicht ge- schrieben werden kann.“[1] Dieser Aussage Karl-Josef Kuschels über Anna Seghers´ Exilroman Das siebte Kreuz, dem wohl bekanntesten und - neben T ransit - bedeutend- stem Werk der DDR-Schriftstellerin[2] soll in dieser Hausarbeit unter dem Aspekt essen- tieller religiöser Elemente nachgegangen werden. Dies schließt eine detaillierte Erörte- rung der Titelmetapher mit umfassenden Erläuterungen der Herkunft der Zahl Sieben und des Kreuzes, sowie eine Analyse ihrer Verwendung im vierten erzählerischen Werk[3] der bekennenden Bolschewikin[4] ein. Abgerundet wird die Arbeit von einer Zu- sammenfassung mit Reflexion der ausgearbeiteten Ergebnisse.

Diese Hausarbeit dient nicht der Erlangung neuer Forschungsergebnisse, sondern soll lediglich eine detaillierte Analyse der Funktionen zweier zentraler, christlicher Symbole in Anna Seghers´ Roman liefern, welche aus Raumgründen auf die oben genannten Be- griffe beschränkt bleiben muss. Somit kann eine Analyse weiterer religiöser Termini, wie den Begrifflichkeiten Himmel und Hölle oder der Abendmahlthematik im Kontext des Abendessens Heislers bei der Familie Kreß nicht vorgenommen werden.

Allerdings soll auf die Funktion der Zahl Sechs in ihrer Beziehung zur Zahl Sieben ein- gegangen werden - ein Themenbereich, welcher in der rezipierten und gesichteten Lite- ratur nicht zum Tragen kam. Auf die Themenstellung dieser Hausarbeit wurde in der Literatur bereits häufiger eingegangen. An dieser Stelle sind u.a. die Werke Ursula Els- ners und Sonja Hilzingers, als auch Argonautenschiff, das Jahrbuch der Anna-Seghers- Gesellschaft, welches sich im Jahre 2001 mit einem Essay von Karl-Josef Kuschel mit

der Thematik religiöser Motive in Anna Seghers Roman auseinandersetzte, zu nennen.

Die genannte Forschungsliteratur findet in dieser Hausarbeit ebenso Relevanz, wie di- verse Aufsätze und Lexikonartikel, die einen tieferen Einblick in die Komplexität der gewählten Thematik gewähren soll.

2. Hauptteil

2.1. Die Symbolik der Zahl Sieben

2.1.1. Herkunft

Bereits im Titel des Romans erhält die symbolträchtige Zahl Sieben ihre Relevanz und steht zusammen mit der Metapher des Kreuzes „programmatisch für die erzählte Ge- schichte.“[5] Aus diesem Grund sei eine ausführliche Analyse ihrer Herkunft mit ihren mannigfachen Bedeutungen gestattet, die sich größtenteils in Anna Seghers´ Roman wiederfinden.

2.1.1.1. Die jüdische Überlieferung

In der Thora, welcher für das Christentum, u.a. aufgrund der beiden Schöpfungsberich- te, den divergenten Bundesschlüssen bzw. den daraus resultierenden Theologien und der Prophetie, eine große Bedeutung zugemessen werden kann, besitzt die Zahl Sieben eine zentrale Rolle.

Gott schuf die Welt in sieben Tagen:

Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segne- te den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.[6]

Implizit resultiert daraus die Heiligung des Sabbats durch den Menschen, welche in der

Offenbarung des Dekalogs an das jüdische Volk am Berg Sinai gefordert wurde:

Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel

und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am sie- benten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.[7]

Darüber hinaus stehen die sieben Augen Jahwes für dessen Allwissenheit:[8] „ Jen e sie- ben sind des Herrn Augen, die alle Lande durchziehen.“[9]

Außerdem steht die Zahl Sieben im Judentum für die Allwissenheit und die Vollen- dung.[10] Zudem können ihr noch die Bedeutungen „der Fülle, der Vollkommenheit“[11] und der „gottgewollten Totalität“[12] zugeschrieben werden. Es existieren in der jüdi- schen Tradition noch eine Vielzahl weiterer Verwendungen dieser Zahl, wie die siebe- narmige Menora oder auch der siebenfache Glanz der Sonne im messianischen Zeital- ter,[13] deren Bedeutungen den eben genannten entsprechen.

Die Tatsache, dass die genannten Bibelzitate dem Judentum zugeordnet wurden, soll nicht bedeuten, dass sie nur für diese Religion Relevanz besitzen. Dies soll lediglich verdeutlichen, dass sie ihren Ursprung in der Thora haben, was aber in keinster Weise ihre Bedeutung und Gültigkeit für das Christentum schmälern soll.

2.1.1.2. Die christliche Tradition

Die Zahl Sieben hat im Christentum bzw. in der Geschichte der Systematischen Theo- logie und der Dogmatik eine tragende Rolle inne. Dogmatisch gesehen gehören hierzu u.a. die sieben Tugenden, welche die Summe der „vier Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Starkmut, Mäßigung) und [der] drei göttlichen Tugenden (Glaube, Hoff- nung und Liebe)“[14] darstellt und die sieben Todsünden nach Augustinus, welcher in der

Zahl Sieben sowohl eine Zahl der Sünde, als auch der Erlösung sah.[15] Deswegen exis- tieren neben den sieben Todsünden Völlerei, Wollust, Habsucht, Zorn, Neid, Trägheit und Hochmut die sieben Sakramente der römisch-katholischen Kirche: Beichte, Eucha- ristie, Firmung, Krankensalbung, Priesterweihe, Taufe und Trauung.

Zudem besitzt der Heilige Geist, welcher in der Dogmatik, insbesondere in der Trini- tätslehre, große Bedeutung innehat, sieben Gaben:[16]

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus sei- ner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.[17]

Der Zahl Sieben kann in der Apokalypse, also in der Offenbarung des Johannes, eine neue bzw. zusätzliche Bedeutung zugeschrieben werden: Steht sie, ausgehend vom Ju- dentum, zum einen für die Vollkommenheit, die Allwissenheit, die Vollendung und die gottgewollte Totalität, also das Göttliche, so steht sie im Buch der Offenbarung zum

anderen für das Infernalische.[18] Zu nennen sind in diesem Zusammenhang u.a. die sie-

ben Gemeinden, die der Autor der Offenbarung in Briefen ermahnte:

Das Geheimnis der sieben Sterne, die du gesehen hast in meiner rechten Hand, und der sieben goldenen Leuchter ist dies: Die sieben Sterne sind Engel der sie- ben Gemeinden, und die sieben Leuchter, sind sieben Gemeinden.[19],

das Buch mit sieben Siegeln:

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, be- schrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.[20]

und der Drache mit den sieben Häuptern:

Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen.[21]

Ausgehend von der Apokalyptik kann - zumindest im Christentum - somit von einer

Ambivalenz der Zahl Sieben gesprochen werden.[22]

Im Christentum assoziiert man mit dieser Zahl noch weitere Funktionen bzw. Ereignis- se, wie die sieben letzten Worte am Kreuz oder aber die sieben Bitten des Vater Unser.

Allerdings würde deren Exzerpierung die Fragestellung dieser Hausarbeit überschreiten.

2.1.1.3. Die Glückszahl - Verwendung der Zahl Sieben in Märchen

Auch in klassischen Märchen findet sich die Zahl Sieben wieder. Allerdings tritt sie dort nicht in jüdisch-christlicher Tradition in Erscheinung, sondern „wie die Zahlen zwölf und hundert [als] reine Stilformel und verkörpert die Mehrzahl an sich.“[23] In ihrer

Funktion als Märchenzahl „kann die Sieben als Glückssymbol interpretiert werden.“[24]

Zu nennen sind hier u.a. die Märchen Der Wolf und die sieben jungen Geißlein:

[…] das siebente [versteckte sich] in die Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle, und verschluckte sie, außer das jüngste in der Wanduhr, das blieb am Leben.[25]

und Die sieben Raben:

Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen […] und [er] sprach: „Gott gebe, unser Schwesterlein wär da, so wä- ren wir erlöst.“ Wie das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre menschli- che Gestalt wieder.[26]

In beiden Märchen ist es jeweils das siebente Tier, welchem das Glück hold ist und die

Geschichte zu einem glücklichen Ende führt.

[...]


[1] Kuschel: Das leergeblieben Kreuz, S. 108. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[2] Vgl. Zimmer: Analysen und Reflexionen, S. 9.

[3] Vgl. Wolfgang von Einsiedel (Hg.): Kindlers Literatur Lexikon, S. 8706.

[4] Vgl. Kuschel: Das leergebliebene Kreuz, S. 108.

[5] Zimmer: Analysen und Reflexionen, S. 10. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[6] Gen 2, 2f. (Luther). (Hervorhebung von mir, F.F.)

[7] Ex 20, 9-11. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[8] Vgl. Lurker: Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole, S. 337.

[9] Sach 4, 10. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[10] Vgl. Riese: Seemanns Lexikon der Ikonographie, S. 455.

[11] Lurker: Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole, S. 336. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[12] Ebd. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[13] Vgl. Zimmer: Analysen und Reflexionen, S. 10.

[14] Lurker: Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole, S. 338. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Zimmer: Analysen und Reflexionen, S. 10.

[17] Jes 11, 1f. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[18] Vgl. Zimmer: Analysen und Reflexionen, S. 10. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[19] Offb 1, 20. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[20] Ebd. 5, 1. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[21] Ebd. 12, 3. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[22] Vgl. Zimmer: Analysen und Reflexionen, S. 10.

[23] Schwab: Mythische Motive in Anna Seghers´ Siebtem Kreuz, S. 247. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[24] Ebd. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[25] Grimm, Jacob/Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen, S. 44. (Hervorhebung von mir, F.F.)

[26] Ebd. S. 133. (Hervorhebung von mir, F.F.)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Anna Seghers „Das siebte Kreuz“. Analyse der Titelmetapher
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Veranstaltung
Literatur der DDR
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V148902
ISBN (eBook)
9783640593521
ISBN (Buch)
9783640593699
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anna Seghers, Kreuz, Sieben, Titelmetapher, Exilliteratur, Germanistik, Hakenkreuz, Jesus
Arbeit zitieren
Anonym (Autor), 2009, Anna Seghers „Das siebte Kreuz“. Analyse der Titelmetapher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148902

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