Was ist Europa? Und wo liegen seine Grenzen? Diese dem Anschein nach simplen Fragen sind dennoch nicht einfach zu beantworten. ‚Europa’ ist ein nur schwer fassbarer Begriff – ein Raum, der so unterschiedlich wahrgenommen und definiert werden kann wie kaum ein anderer. Aus geographischer Sicht ist es ein Kontinent, ein Erdteil, der sich dennoch von den meisten übrigen Erdteilen dahingehend unterscheidet, dass er nicht ausschließlich natürliche Grenzen besitzt. Aus historischer Sicht haben sich diese Grenzen immer wieder verändert und verschoben. Mehr als so manch anderer ‚Raum’ besteht Europa aus einer Idee, mit der von unterschiedlicher Seite verschiedene Erwartungen, Hoffnungen oder auch Befürchtungen verbunden sind.
Europa – als was man es auch ansieht oder definiert – ist für die Schülerinnen und Schüler ein alltäglicher Erfahrungsraum geworden, den sie zum größten Teil unbewusst wahrnehmen. In Schulbüchern für die Haupt- oder Realschule wird Europa jedoch meist auf die Entstehung und Funktionsweise der Europäischen Union reduziert. Ziel dieser Arbeit ist es, ein fächerübergreifendes Modell zu entwerfen, nach dem die Schüler/innen Europa auf unterschiedliche Weise und vor allem ‚auf eigene Faust’ erfahren können. Durch die Erforschung der Identität Europas sollen sie zu einem eigenen Bewusstsein von europäischer Identität gelangen.
Inhaltsverzeichnis
I) Einleitung
II) Theoretischer Hintergrund und Bezugsrahmen
1. Der Begriff der Identität
1.1 Individuelle und kollektive Identität
1.2 Die Entwicklung kollektiver Identität am Beispiel der Nationalstaaten
1.2.1 Identitätsbildung durch Abgrenzung nach außen
1.2.2 Identitätsbildung durch innere Homogenisierung
1.2.3 Identitätsbildung durch Repräsentationen und Symbole
1.3 Kollektive Identität in Europa
2. Stationen der europäischen Identität
2.1 Gründungsmythen Europas
2.2 Die historische Entwicklung Europas
2.2.1 Die griechische Antike
2.2.2 Die römische Antike
2.2.3 Das Mittelalter
2.2.4 Reformation, Renaissance und Kolonialismus
2.2.5 Absolutismus und Aufklärung
2.2.6 Die Französische Revolution
2.2.7 Nationalismus und die Weltkriege
2.2.8 Die europäische Einigung
2.3 Die Entwicklung des europäischen Bewusstseins
3. Europa-Konstruktionen
3.1 Europa als geographische Einheit
3.2 Das historisch-kulturelle Europa
3.3 Das institutionelle Europa
3.4 Europa und seine internen und externen Anderen
4. Europa im Unterricht
III) Das Schülerprojekt „Was ist Europa?“
1. Die Projektidee
2. Erwartungen an das Projekt
3. Analyse der Lernvoraussetzungen
3.1 Institutionelle Bedingungen
3.1.1 Die Michael-Ende-Schule
3.1.2 Die Klasse 9b
3.2 Anthropologische und soziokulturelle Bedingungen
3.2.1 Sachstruktureller Entwicklungsstand
3.2.2 Soziale Aspekte der Klasse
4. Didaktische Überlegungen
4.1 Bedeutung der Projektarbeit für die Schüler/innen
4.1.1 Exemplarische Bedeutung
4.1.2 Gegenwartsbedeutung für die Schüler/innen
4.1.3 Zukunftsbedeutung für die Schüler/innen
4.1.4 Struktur des Inhalts
4.1.5 Unterrichtliche Zugänglichkeit
4.2 Bezug zum Bildungsplan
5. Ziele des Projekts
5.1 Personale Kompetenzebene
5.2 Soziale Kompetenzebene
5.3 Methodische Kompetenzebene
5.4 Fachliche Kompetenzebene
6. Methodische Überlegungen
6.1 Einstieg
6.2 Fragebogen
6.3 Das Gruppenpuzzle
6.4 Die WebQuest-Methode
6.5 Plakatgestaltung
7. Geplanter Projektverlauf
7.1 Projektplanung – ein Überblick
7.2 Detaillierte Verlaufsplanung
8. Ergebnisse
8.1 WebQuest
8.2 Plakate
9. Auswertung der Fragebögen
9.1 Fragebogen zu Beginn des Projekts
9.2 Fragebogen am Ende des Projekts
10. Evaluation des Projekts durch die Schüler/innen
10.1 Evaluation der WebQuest-Methode
10.2 Gesamtevaluation des Projekts
11. Reflexion des Projekts
IV) Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das schwer fassbare Konzept der europäischen Identität und entwirft ein fächerübergreifendes Modell, das Schülern ermöglicht, Europa auf eigene Faust zu erforschen, um ein Bewusstsein für diese komplexe Identität zu entwickeln.
- Theoretische Grundlagen von Identität und kollektiver Identitätsbildung.
- Historische und kulturelle Konstruktionen von Europa.
- Die Rolle der Schule bei der Förderung europäischer Identität und Kompetenzen.
- Durchführung und Evaluation eines konkreten WebQuest-Projekts mit Schülern.
- Reflexion über die Vermittlung europäischer Dimensionen im Unterricht.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Die griechische Antike
Auf der Suche nach den gemeinsamen Erfahrungen und Erinnerungen Europas stößt man nach Schipperges (2006: 12) unter anderem auf Errungenschaften wie die Grund- und Menschenrechte, die Bändigung der staatlichen Willkür durch Rechtsstaatlichkeit und Volkssouveränität, auf verfassungs- und sozialstaatliches Denken und ebenso auf die kritisch-rationale Wissenschaft sowie Freiheit und Individualismus. Diese bis heute wirkenden europäischen Kulturleistungen beruhen auf einem historischen Fundament, das seine Wurzeln in der griechischen Antike hat. Roberta Guerrina (2002: 14) unterteilt die Geschichte der antiken griechischen Zivilisation in zwei Phasen: die Entstehung und den Aufstieg der Polis, des antiken griechischen Stadtstaates, sowie die makedonische Besetzung und östliche Erweiterung des griechischen Reiches.
Die Poleis, die sich etwa im 8. Jahrhundert vor Christus entwickelten, organisierten das soziale, kulturelle und das politische Leben und bildeten so die Grundlage für die griechische Identität, wobei sie die Entwicklung philosophischen und politischen Gedankenguts begünstigten (vgl. ebd.). Schriften und Ideen von Schlüsselfiguren wie Sokrates, Aristoteles oder Platon gaben Anleitungen zu vernunftgerechtem Leben und brachten die Philosophie als eine der wichtigsten Kulturleistungen hervor. Weitere kulturelle Elemente, die das Wesen des heutigen Europas prägen, sind bezüglich der Naturwissenschaften das logisch-rationale methodische Durchdringen der Natur, das erstmals die griechischen Naturphilosophen Thales von Milet, Hesiod oder Heraklit versucht haben, sowie die homerischen Epen wie die Ilias und Odyssee im Bereich der Literatur, mit denen nach klassischer Ansicht die europäische Kultur- und Geistesgeschichte beginnt, ebenso wie die Werke der Dichter Sophokles, Aischylos und Aristophanes, die bis heute als Weltliteratur angesehen werden (vgl. Schipperges 2006: 13). Auch die klassische Bildhauerkunst, die griechische Baukunst und Architektur, die klassische Tragödie und Komödie sowie die Olympischen Spiele sind Elemente der griechischen Antike, die auch heute noch das Wesen Europas ausmachen. Das besondere an der griechischen Kulturbildung beschreibt Christian Meier wie folgt: „Das Neue, das mit den Griechen in die Welt kam, war eine Kulturbildung ohne irgend nennenswert prägende Rolle einer Monarchie, grob gesagt: eine Kulturbildung aus Freiheit statt aus Herrschaft“ (Meier 2005: 97).
Zusammenfassung der Kapitel
I) Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Schwierigkeit, Europa als Begriff und Raum zu definieren, und stellt das Ziel vor, ein schulisches Modell zur Erforschung europäischer Identität zu entwickeln.
II) Theoretischer Hintergrund und Bezugsrahmen: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Identitätsbegriff und analysiert die historischen, kulturellen und institutionellen Grundlagen sowie Konstruktionen, die zur heutigen europäischen Identität beigetragen haben.
III) Das Schülerprojekt „Was ist Europa?“: Dieser Teil dokumentiert ein praktisches Unterrichtsprojekt an einer Hauptschule, bei dem Schüler mittels WebQuest und Gruppenpuzzle eigene Konzepte von Europa erarbeitet und evaluiert haben.
IV) Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die Erkenntnisse zusammen und plädiert für die stärkere Integration der komplexen Thematik europäischer Identität in den Schulalltag.
Schlüsselwörter
Europäische Identität, Projektunterricht, WebQuest, kollektive Identität, europäische Einigung, Identitätsbildung, Interkulturelle Kompetenz, Nationalstaat, Europa-Konstruktionen, Didaktik, Europäisches Bewusstsein, Geschichtsbewusstsein, Politische Bildung, Europäische Union, Gruppenpuzzle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Herausforderung, den komplexen Begriff der europäischen Identität greifbar zu machen und durch ein schulisches Projekt Schülern einen Zugang zu diesem Thema zu ermöglichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit verknüpft theoretische Konzepte über Identität und die historische sowie kulturelle Entwicklung Europas mit praktischen didaktischen Ansätzen für den Unterricht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Entwicklung und Durchführung eines fächerübergreifenden Modells, durch das Schüler Europa selbstständig erfahren und ein eigenes Bewusstsein für europäische Identität entwickeln können.
Welche wissenschaftliche Methode wird für das Projekt verwendet?
Der Autor nutzt eine Kombination aus theoretischer Literaturanalyse und einem projektorientierten Unterrichtsdesign, das insbesondere auf der WebQuest-Methode und dem Gruppenpuzzle basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine ausführliche theoretische Aufarbeitung der Identitätskonstruktionen Europas (Geschichte, Institutionen, Mythen) und die detaillierte Vorstellung sowie Auswertung eines durchgeführten Schulprojekts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Europäische Identität, WebQuest, Projektunterricht, Identitätskonstruktion, europäisches Bewusstsein und didaktische Vermittlung.
Wie reagierten die Schüler auf die WebQuest-Methode?
Die Schüler zeigten sich insgesamt sehr positiv gegenüber dem WebQuest; sie schätzten besonders das eigenständige Lernen am Computer und die Arbeit in der Gruppe, auch wenn sie teils mit dem Umfang der Quellen überfordert waren.
Welche Rolle spielt die türkische Identität im Kontext der Arbeit?
Die Arbeit thematisiert die Türkei sowohl als "Anderen" in den europäischen Identitätskonstruktionen als auch als Teil der Realität in der heutigen europäischen Werte- und Kulturdiskussion.
Was war das wichtigste Ergebnis der Schülerevaluation?
Die Schüler bestätigten, dass sie durch das Projekt viel über Europa gelernt haben und ein erweitertes Verständnis von Europa über den bloßen Kontinentbegriff hinaus gewonnen haben.
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- Jana Höckel (Author), 2009, "Was ist Europa?", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148988