Interpretation der Erzählung 'Der Tunnel' von Friedrich Dürrenmatt

Verschollen im Tunnel - ein Zug fällt aus der Welt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Die Literatur der 50er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland

2 Die Erzählung „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt
2.1 Biografische Daten Friedrich Dürrenmatts
2.2 Inhaltsangabe und Interpretation der Erzählung Der Tunnel
2.3 Das Verschollensein in Dürrenmatts Erzählung „Der Tunnel“
2.3.1 Verschollensein im Nichts?
2.3.2 Suche nach Identität und Sinn
2.3.3 Suche im Glauben
2.3.4 Suche nach Wahrheit

3 Schluss

4 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung – Die Literatur der 50er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland

Die Fünfziger Jahre in Westdeutschland sind eine sozial- und kulturhistorisch höchst bedeutsame Übergangsphase, welche die Gegenwart und auch die Zukunft Deutschlands durch ihre Auswirkungen prägen, da in dieser Zeit ein großer gesellschaftspolitischer Umbruch stattfand. Die Fünfziger Jahre waren die Zeit des Wiederaufbaus, die eine Normalisierung des Alltagslebens mit sich zog. Durch Modernisierungen bildeten sich auch „die materiellen Voraussetzungen und geistigen Dispositionen heraus, durch die in den darauf folgenden Jahren eine auch äußerlich verwandelte Gesellschaft entstehen konnte[1].

Den repräsentativen Gattungsbereich dieser Periode voller gesellschaftspolitischer Errungenschaften stellte der Roman dar. In dieser Zeit plädierten einige Schriftsteller für den Magischen Realismus, „für die ´Überwindung der Realität´, ´Sprengung der sogenannten Wirklichkeit´ sowie einen Aufschwung ins Nichtreale[2].

Die Versuche in nichtrealistischen Erzählweisen lasen sich wie Antworten auf die selbstgewisse Stabilisierung der politischen Systeme.[3]

Die Menschen kämpften mit inneren Schwierigkeiten. Kritische und selbstkritische Themen prägten die Literatur der 1950er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland. Die verdrängte NS-Zeit, der Krieg und der technologische Fortschritt wurden aufgearbeitet. Man unternahm Versuche der Ich-Erkundung, Nachdenken über Schuld und Nichtschuld, um Gewissheit über seine Identität zu erlangen. Wachstum, Konsum und Wohlstand schienen wichtige Themen zu sein, die von Schriftstellern oft in Satiren kritisch betrachtet wurden. Die Angst vor einem

Dritten Weltkrieg (atomare Gefahr, Korea-Krieg) förderte ein Vorschreiten in neue Modelle der Wirklichkeitserfassung[4].

Das Jahr 1952 wird als Wende in der Geschichte der Erzählprosa Westdeutschlands, Österreichs und der Schweiz betrachtet. In diesem Jahr fanden sich viele „Erzählungen, mit denen Muster einer parabolischen, phantastischen und sprachexperimentellen Kleinform geschaffen wurden[5]. Viele bedeutende Texte dieser Zeit wurden bemerkenswerter Weise nicht in Westdeutschland, sondern in Österreich, der Schweiz u.A. verfasst. Hierzu gehört auch Friedrich Dürrenmatts Erzählung Der Tunnel.

2 Die Erzählung „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt

2.1 Biografische Daten Friedrich Dürrenmatts

Am 5. Januar 1921 kam Friedrich Dürrenmatt in einem Schweizer Dorf namens Konolfingen als Sohn eines protestantischen Pfarrers zur Welt. Seine Freizeit verbrachte er mit Erkundungstouren durch die nähere Umgebung und dem Lesen alter Sagen und Mythen sowie Abenteuerromanen. Die ländliche Umgebung und die Jugendlektüre waren nach Aussagen Dürrenmatts prägend für ihn.

Zunächst besuchte Dürrenmatt das Berner Frei Gymnasium, später das Humboldtianum. Dort legte er im Jahr 1941 die Maturitätsprüfung ab. Dürrenmatt war kein besonders guter Schüler. Seine Schulzeit bezeichnete er selbst als die „übelste[6] seines Lebens.

Als seine Eltern mit ihm und seiner Schwester Vroni von Konolfingen nach Bern zogen, stellte dieser Umzug ein weiteres prägendes Ereignis für Dürrenmatt dar. Er fühlte sich nicht wohl in der Stadt: „Aus dem Übersichtlichen […] verirrte ich mich ins Unübersichtliche, aus dem es keinen Weg nach außen mehr gab.“[7] Hiermit wird deutlich, dass Dürrenmatt immer auf der Suche nach etwas war, möglicherweise auf der Suche nach sich selbst. In der Stadt fühlte er sich verloren.

Er begann 1941 Naturwissenschaften, Philosophie und Germanistik zu studieren, erst in Zürich, doch bald darauf in Bern. Schon im Jahr 1943 entschied sich Dürrenmatt, die schriftstellerische Laufbahn einzuschlagen[8]. Durch seine Begeisterung für das Malen und Zeichnen hatte es lange gedauert, bis er sicher war, welche Ausdrucksform er zu seinem Beruf machen solle. Dürrenmatt entschied sich für die Sprache – mit ihr konnte er noch stärker als im Zeichnen ausdrücken, was aus ihm heraus wollte.

Die ersten Jahre bis 1952 waren finanziell schwierig für Dürrenmatt als freien Schriftsteller. Auch für das Theater gab es wenige finanzielle Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Zudem waren viele Autoren ins Exil gegangen, was die Leere erklärte, in der sich die deutschsprachige Theaterwelt in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg befand. Durch Aufträge von deutschen Rundfunkanstalten besserte sich Dürrenmatts finanzielle Situation jedoch schnell, wobei einige Hörspiele entstanden. Dürrenmatt begann, Detektivromane zu verfassen, die teilweise als Fortsetzungsgeschichten veröffentlicht wurden, zum Beispiel im Schweizer Beobachter.

1952 zog Dürrenmatt mit seiner Frau und den drei Kindern nach Neuchatel. Seinen ersten großen Erfolg auf bundesdeutschen Bühnen hatte Dürrenmatt mit seinem Theaterstück Die Ehe des Herrn Mississippi. Mit der Komödie Der Besuch der alten Dame erzielte er sogar weltweiten Ruhm. Auch die Komödie Die Physiker wurde ein großer Erfolg auf der Bühne. Die sechziger Jahre waren für Dürrenmatt der Höhepunkt seines schriftstellerischen Lebens. Für sein Schaffen, bestehend aus Theaterstücken, Detektivromanen, Erzählungen, Hörspielen, Essays und Vorträgen (in denen er Stellung zur internationalen Politik nahm), erhielt Friedrich Dürrenmatt viele Preise. Sein Drang zur Kritik trat erstmals in seinen frühen Kabaretttexten auf. Er war einer der ersten Autoren, der sich mit gesellschaftlich-politisch-kulturellen Problemen der Zeit beschäftigte.

Am 14. Dezember 1990 verstarb Friedrich Dürrenmatt in Neuchatel.

2.2 Inhaltsangabe und Interpretation der Erzählung Der Tunnel

Auf einer alltäglichen Fahrt bleibt ein Zug ungewöhnlich lange in einem Tunnel, der sonst nicht besonders auffiel. Dies bemerkt

ein Vierundzwanzigjähriger, fett, damit das Schreckliche hinter Kulissen, welches er sah (das war seine Fähigkeit, vielleicht seine einzige), nicht allzu nah an ihn herankomme, der es liebte, die Löcher in seinem Fleisch, da doch gerade durch sie das Ungeheuerliche hereinströmen könnte, zu verstopfen, derart, daß er Zigarren rauchte (Ormond-Brasil 10) und über seiner Brille eine zweite trug, eine Sonnenbrille, und in den Ohren Wattebüschel.[9]

Die Unruhe des jungen Mannes wächst, aber keinem der Mitreisenden scheint etwas aufzufallen. Sogar der Schaffner versichert dem Mann, dass alles in Ordnung sei. Der 24-jährige fragt sich durch, bis zum Zugführer, welcher sich den langen Tunnel ebenfalls nicht erklären kann. Die beiden kämpfen sich gemeinsam zur Lokomotive vor, wo sie den Führerraum leer vorfinden. Der Lokomotivführer sei schon nach fünf Minuten im Tunnel abgesprungen, so der Zugführer. Aus Verantwortungsgefühl und weil er „immer ohne Hoffnung gelebt[10] habe, ist der Zugführer jedoch in der Bahn geblieben. Die Notbremse funktioniert nicht mehr und der Zug rast immer schneller in den dunklen Abgrund. Verzweifelt fragt der Zugführer den jungen Mann, was sie nun tun sollten. „Nichts[11], antwortet der 24-jährige darauf „ohne sein Gesicht vom Schauspiel abzuwenden[12].

Diese phantastische, aus Sicht eines personalen Er-Erzählers geschriebene Erzählung Dürrenmatts, beschreibt den plötzlichen, unerklärlichen Einbruch des Schreckens in das alltägliche Leben. Der Tunnel ist hierbei Symbol für den Weg des Lebens. Dieser Weg ist unnormal im Vergleich zum Alltag der Fahrgäste. Er ist dunkel und rasant, unberechenbar und nicht zu verlassen. Im übertragenen Sinn wird der menschliche Lebenslauf häufig mit dem Symbol des Weges oder der Reise beschrieben. Die Dunkelheit symbolisiert Hoffnungslosigkeit. Motive des Nichts und der Herrschaft der Nacht waren in der Literatur der Fünfziger Jahre weit verbreitet. Die Menschen werden von den Wänden des Tunnels bedrängt – nur wehren sich fast alle, dies zu akzeptieren. Die Menschen gehen ihre Wege automatisch und ohne nach links und rechts zu schauen. Alles ist normal, selbst eine Krise bringt den Menschen nicht aus der Ruhe. Sie verschließen sich vor der Wirklichkeit und bemerken nicht, wie weit sie sich von der Realität entfernen. Sie vertiefen sich in Zeitungen, da ihnen die Informationen darin geordnet und überschaubar erscheinen. Diese Entfernung vom realen Leben stellt der Zug dar. Er ist Symbol für das in festen Bahnen verlaufende Leben. Die Fahrgäste wollen die offensichtliche Katastrophe nicht wahrhaben und verlassen sich auf die Alltäglichkeit. Die unheimliche Tunnelwirklichkeit wird verdrängt, indem die Insassen ihr den Schein des Vertrauten geben oder die Situation ignorieren. Damit täuschen sich die Menschen selbst. Nur der namenlose 24-jährige sieht „das Schreckliche hinter der Kulissen[13], welches ebenfalls ohne Namen bleibt. Schon im Eingangssatz wird deutlich, dass der junge Mann anders ist. Erwähnt wird, dass es wohl seine einzige Fähigkeit sei, nicht nur den Alltag, sondern auch das Schreckliche wahrnehmen zu können. Er ist dieser Fähigkeit ausgeliefert und verschließt ganz bewusst alle Körperöffnungen, um das Ungeheuerliche nicht an sich heran kommen zu lassen. Ihm ist bewusst, dass es noch eine höhere Macht gibt. Er raucht, offenbar zur Beruhigung, Zigarren. Am Ende ist er jedoch derjenige, der dem Tod mutig ins Auge blickt und sich ihm nicht verschließt. Der 24-jährige erfährt in der Erzählung eine Wandlung. Der Student wirkt am Anfang der Geschichte eher komisch und ist im Bereich des Normalen und Alltäglichen anzuordnen. Am Schluss wirkt er aber standhaft und souverän, möglicherweise sogar heiter, weil er das absurde Ereignis als etwas akzeptiert, auf das er schon lange wartete[14]. Er stellt sich gegen das, gegen das er sich immer wehrte. Hier wird ebenfalls deutlich, dass die Abwehrhaltung des jungen Mannes, indem er sich Wattebüschel in die Ohren stopft und eine Sonnenbrille trägt, um das Schreckliche nicht an sich heran zu lassen, nicht genützt haben. Am Ende muss er die reflektierte Wirklichkeit an sich heran lassen, was die Wirkungslosigkeit der Abwehrmechanismen aufzeigt. In seiner Komödie Die Physiker beschrieb er „jede[n] Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muß scheitern“[15]. Diese Aussage wird wiederum durch den Studenten vertreten, der am Ende der Erzählung einsieht, dass es sich nicht lohnt, noch zu versuchen,den Zug anzuhalten.

[...]


[1] Glaser, Hermann: Die 50 Jahre, S. 6

[2] Dörr, Volker C.: Mythomimesis. S.355f.

[3] Barner, Wilfried: Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart, S.172

[4] Vgl. Barner, Wilfried: Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart, S. 163

[5] Barner, Wilfried: Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart, S. 176

[6] Knapp, Gerhard P.: Friedrich Dürrenmatt. S.4

[7] www.duerrenmatt.net

[8] Vgl. http://oregonstate.edu/instruct/ger341/angela.htm

[9] Dürrenmatt, Friedrich: Der Tunnel. S. 21

[10] Dürrenmatt, Friedrich: Der Tunnel. S. 32

[11] Dürrenmatt, Friedrich: Der Tunnel. S. 34

[12] Dürrenmatt, Friedrich: Der Tunnel. S. 34

[13] Dürrenmatt, Friedrich: Der Tunnel. S. 21

[14] Vgl. www.litde.com

[15] Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Interpretation der Erzählung 'Der Tunnel' von Friedrich Dürrenmatt
Untertitel
Verschollen im Tunnel - ein Zug fällt aus der Welt
Hochschule
Universität Erfurt  (Fachbereich Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Aus der Welt fallen – die Verschollenen der Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V149051
ISBN (eBook)
9783640594368
ISBN (Buch)
9783640594030
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretation, Erzählung, Tunnel, Friedrich, Dürrenmatt, Verschollen, Welt
Arbeit zitieren
Sarah Nitschke (Autor), 2010, Interpretation der Erzählung 'Der Tunnel' von Friedrich Dürrenmatt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149051

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