Linguistische Hermeneutik und Ironie

Eine empirische Untersuchung zum Verstehen von geschriebener Ironie


Lizentiatsarbeit, 2007

262 Seiten, Note: Schweizer 5,5 (Deutsche 1)


Leseprobe

Inhalt

Einleitung
I Erkenntnisinteresse
II Aufbau und Vorgehen
III Hinweise zur Form der Arbeit
IV Fritz Hermanns (1940-2007)

1. Erster Teil: Hermeneutik
1.1 Zum Verhältnis von Hermeneutik und Sprachwissenschaft
1.2 Linguistische Hermeneutik
1.2.1 Wo wird sie angegliedert?
1.2.2 Gliederung innerhalb des Teilfaches linguistische Hermeneutik
1.3 Theoretische Hermeneutik
1.3.1 Was ist Hermeneutik?
1.3.2 Was ist Verstehen?
1.3.2.1 Verstehen als Erkennen
1.3.2.2 (Richtig) Verstehen, Missverstehen, Missverständnis
1.3.2.3 Verstehen und Meinen
1.3.2.4 Zwei Zirkel des Verstehens
1.3.2.4.1 Erster Zirkel: generelles Wissen vs. singuläres Wissen
1.3.2.4.2 Zweiter Zirkel: Interdependenz von Teil und Ganzem
1.3.2.5 Verstehensdynamik
1.3.2.6 Durch Empathie ermöglichtes Verstehen
1.3.3 Was ist Interpretieren?
1.4 Empirische Hermeneutik
1.4.1 Personenverstehen
1.4.2 Sinnverstehen
1.4.3 Situationsverstehen
1.4.4 Form- und Funktionsverstehen
1.4.5 Handlungstypverstehen

2. Zweiter Teil: Ironie
2.1 Griechische Antike
2.1.1 Antike Moralistik
2.1.2 Sokratische Ironie
2.1.3 Platons Dialoge
2.1.4 Aristoteles’ Tugendlehre
2.2 Römische Antike
2.2.1 Cicero
2.2.2 Quintilian
2.3 Von der Antike bis in die Gegenwart
2.4 Definition von Ironie
2.4.1 Wortironie, Satzironie
Exkurs: Rhetorische Textanalyse und (metaphorische) Wortironie
2.4.2 Geschriebene Ironie: Fiktionsironie vs. Stellenironie
2.4.3 Ironiesignal
2.4.4 Kontext, Kotext
2.4.5 Geteilte Werte: Der soziale Charakter der Ironie
2.4.6 Kritik, Konkurrenz, Negativität und Aggression
2.4.7 Enttäuschte Erwartung, Verstoß gegen die Logik
2.4.8 Paradox: Geschaffener Widerspruch
2.4.9 Ironienahe Phänomene

3. Dritter Teil: Linguistische Theorien
3.1 Searles Sprechakttheorie
3.2 Grice’ Kooperationsprinzip und Maximen
3.3 Sperber & Wilson: Relevance Theory; Echoic Mention Theory
3.4 Kohvakka: Kotextuelle Ironieidentifikation
3.4.1 Erwartungswidrigkeiten auf lexematischer Ebene
3.4.2 Erwartungswidrigkeiten auf thematischer Ebene
3.4.3 Argumentativer Aufbau des Textes
3.4.4 Relationen der einzelnen Konklusionen

4. Vierter Teil: Empirie
4.1 Textanalyse nach Kohvakka
4.2 Kontextuelle Ergänzungen zu Kohvakkas Analyse
4.3 Umstände der Datenerhebung und Methodendiskussion
4.3.1 Zu den Rezeptionsprotokollen
4.3.2 Zu Test und Testpersonen
4.4 Ergebnisse und Interpretation
4.4.1 Ironie erkannt
4.4.1.1 Ironie explizit erkannt: Typ „Kohvakka“
4.4.1.2 Ironie implizit erkannt: Typ „Antike Rhetorik“
4.4.1.3 Verstehende Testpersonen allgemein und im Vergleich: Interpretation
4.4.2 Ironie nicht erkannt
4.4.2.1 Ironie nicht erkannt oder angeblich erkannt
4.4.2.2 Problematische Interpretationen
4.4.2.3 Nichtverstehende Testpersonen allgemein und im Vergleich: Interpretation
4.4.3 Allgemeine Feststellungen und Vergleiche
4.4.4 Übersicht beantworteter und offener Fragen
4.4.4.1 Allgemeine Fragen
4.4.4.2 Verstehensgegenstände
4.4.4.3 Verstehensprozess

Rückschluss und Ausblick

Bibliografie

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Anmerkung zur Danksagung

„Dass Worte etwas bewirken, dass sie jemanden in Bewegung setzen oder aufhalten, zum Lachen oder Weinen bringen konnten: Schon als Kind hatte er es rätselhaft gefunden, und es hatte nie aufgehört, ihn zu beeindrucken. Wie machten die Worte das? War es nicht wie Magie?“

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Einleitung

Ironie wird gemeinhin als Kontextphänomen bezeichnet, was bedeutet, dass sie sich ausschließlich in Bezug auf außersprachliche Gegebenheiten einstellt und offenbart. Dies setzt voraus, dass Kenntnisse über die Äußerungssituation, die Person (beispielsweise ihre soziale Rolle), ihre Motive, ihre Intention, etc. bestehen oder erfasst und verstanden werden. In diesem Fall braucht die ironische Äußerung keine besonderen – sozusagen ironietypischen – Merkmale aufzuweisen, sie offenbart sich ja im aussersprachlichen Zusammenhang.

Daneben existiert Ironie aber auch in geschriebenen Texten, deren Form keine besonderen, als ‚ironisch’ konventionalisierten Sprachmerkmale und -zeichen aufweist und bei denen auch der Kontext (die Sachverhalte, auf die der Text referiert) unbekannt ist. Trotzdem lassen sich auch diese Texte ironisch verstehen. Dies lässt nur den Schluss zu, dass sich die Ironie in diesen Fällen allein auf der Textebene konstituiert. Ein an diese Bedingungen angepasstes Analyseverfahren hat Kohvakka (1997) in ihrer Dissertation Ironie und Text vorgelegt, in der sie Ironie anstatt als Kontext-, als Ko textphänomen darstellt und untersucht. Anhand ihres Analyseverfahrens kann erklärt werden, wie man idealerweise versteht.

Allerdings stellt sich die Frage, ob Leser tatsächlich so verstehen, denn es ist fraglich, ob diese Methode auch abbilden kann, wie der quasi Unwissende oder Unvorbereitete beim Verstehen vorgeht. Kohvakka war für ihre Studie regelrecht auf der Suche nach Ironie und hat sich dabei ihr ausgeprägtes Textsortenwissen (vgl. Dimter 1981) zunutze gemacht: Sie erkannte beispielsweise die untersuchten Texte bereits als Glossen, Kolumnen oder als Texte von für ihre Ironie bekannten Autoren (z.B. Kurt Tucholsky) und hatte daher bereits ironische Verdachtsmomente noch bevor sie mit der Textanalyse begann. Was aber geschieht, wenn unvorbereitete und ahnungslose Testpersonen einen Text erhalten, den sie – losgelöst von textsortenspezifischer Form und Kontext – interpretieren sollen, ohne zu wissen, dass es sich dabei um einen ironischen Text handelt? Woran machen sie die Ironie fest? Warum erkennen sie diese allenfalls nicht? Erkennen sie mehr oder weniger? Welche Schlüsse ziehen sie? Welche Erwartungen haben sie an den Text und seinen Verlauf? Welche Emotionen weckt der Text bei ihnen?

Diese Fragen sollen mithilfe der (empirischen) Sprachhermeneutik geklärt werden, da diese sich – gestützt auf Interpretationen – mit Beobachtungen von Verstehensvorgängen und -resultaten befasst, was eine ‚bloß’ linguistische Analyse eines Primärtextes nicht leisten kann. Zudem sollen mithilfe einschlägiger Texte zur theoretischen Hermeneutik Begriffe wie Verstehen, Meinen, Interpretieren, Missverstehen, Missverständnis, etc. ergründet werden. Daneben ist die Hermeneutik auch da hilfreich, wo verdeutlicht werden soll, welche Prozesse beim Verstehen ablaufen (Zirkelstruktur und Verstehensdynamik).

I Erkenntnisinteresse

Die leitenden Fragen lauten: Woran machen Leser in einem Text Ironie fest? Gilt Kohvakkas Analyse auch für Nichtlinguisten? Und: Bietet vielleicht auch das hermeneutische Verfahren Vorteile? Lässt sich aus der Kombination beider Verfahren ein Nutzen ziehen? Wo tun sich Forschungsfelder auf? Wo sind explizit provozierte Interpretationen hilfreich? Die Hermeneutik beschäftigt sich mit dem Verstehen und die Ironie ist quasi des Verstehens extremste Herausforderung, da bei ihr Bedeuten und Meinen in Widerspruch zueinander stehen.[1] Wie könnte ein allfälliger Rückschluss auf die didaktische Hermeneutik aussehen? Könnte es so etwas wie eine Lehre des Ironieverstehens geben?

Die linguistische Hermeneutik hat nach Hermanns (2003: 151f.) insbesondere der Frage nachzugehen

welcherlei Verstehensgegenstände für ein jeweiliges Sprachverstehen (einen jeweiligen Typ von Sprachverstehen) relevant sind [Anleihen bei der Relevanztheorie, vgl. hierzu auch Falkner 2007; U.W.]; welche man jeweils erkennen muss, um angemessen zu verstehen – angemessen den jeweiligen Verstehensinteressen und Erkenntniszielen (Hermanns 2003: 151f.).

Rescher (1977), der Handlungen im Rahmen der Handlungstheorie zu kategorisieren versucht hat, kann nach Hermanns (2003: 153f.) für die linguistische Hermeneutik fruchtbar gemacht werden, denn sprachliches Verstehen ist immer auch ein Handlungsverstehen. Verstehen, Sinn, Inhalt und Funktion sind eng miteinander verknüpft (vgl. Scholz 1999: 4). Konstitutiv für den Begriff der Handlung ist die Intention; also der Grund, das Motiv („Sinnverstehen“ nach Hermanns) für eine Handlung: Widersinnige ‚Handlungen’ können wir nicht verstehen. Gerade ironische Äußerungen können aber den Anschein von Widersinn erwecken. Die enge Verknüpfung von Motiv, Funktion und Sinn offenbart sich im Text jedoch nicht schlagartig, sondern gleicht einem Prozess und wird – bedingt durch untrennbar mit der Sprache verbundenes Wissen – erst durch den Akt des Lesens aufgeschlüsselt. Widersinn entsteht beim Lesen und löst sich auch erst in diesem Prozess wieder auf. Neben den Verstehensgegenständen soll auch dieses prozesshafte Verstehen anhand von Testpersonen nachvollzogen werden.

Da die beiden Begriffe, Ironie und Hermeneutik, äußerst komplex sind, ist der Theorieteil dieser Arbeit vergleichsweise mächtig ausgefallen. Hermanns (2003: 132) bezeichnet beispielsweise Hermeneutik als „Konglomerat heterogenster Entitäten“ und Hartung (1998: 11) meint, Ironie sei „in jedem Fall polysem, in mancher Hinsicht sogar homonym.“ Es muss klar sein, dass die Begriffe aus rein analytischen Gründen in ihre Ausprägungen und Einzelaspekte aufgetrennt wurden. Um Redundanzen zu verhindern, wurden Verweise nach oben und unten nötig.

Das Ziel der Arbeit könnte so formuliert werden: Sie soll die linguistische Hermeneutik vorstellen und vor der aktuellen Diskussion um einen allfälligen Paradigmenwechsel in der (angewandten) Linguistik eine mögliche Umsetzung hermeneutischer Verfahren in Bezug auf das Verständnis schriftlicher Ironie, sowie den Rückschluss auf die didaktische Hermeneutik aufzeigen. Ironie soll also nicht nur linguistisch analysiert werden: Der Verstehende und seine Interpretation sollen im Zentrum stehen. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass es nicht möglich sein wird, Kausalitäten bezüglich des Verstehensaktes aufzuzeigen, sondern höchstens Korrelationen. Um aussagekräftig zu sein, wären entweder eine wesentlich größere Stichprobe oder tiefere (psychologische) Untersuchungen zu einzelnen Testpersonen und ihren Interpretationen nötig.

Die Frage, die sich Raimund Gregorius im eingangs erwähnten Zitat aus Pascal Merciers Nachtzug nach Lissabon stellt: „Wie machen die Worte das?“, kann also letztlich nicht beantwortet werden (Wird man sie je beantworten können?). Es kann nur gezeigt werden, welche Reaktionen die Worte wann und wo hervorrufen und ob sich allenfalls Regelmäßigkeiten erkennen lassen.

II Aufbau und Vorgehen

Die Arbeit ist in vier Teile gegliedert: Der erste Teil widmet sich dem von Hermanns (2003) verkündeten Desiderat einer linguistischen Hermeneutik, klärt Begriffe der theoretischen Hermeneutik wie Verstehen, Missverstehen, Interpretation, Erkennen, etc. Er fragt nach der Aufgabe der empirischen Hermeneutik und schlägt eine mögliche Angliederung des neuen Teilfaches bei bereits etablierten linguistischen Fächern vor. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Phänomen der Ironie in einem kurzen diachronen Abriss und einem Teil, der Aspekte des Begriffs eher synchron beleuchtet. Obwohl letztendlich die Testpersonen Ironie im Text erkennen müssen, sollte durch das Aufzeigen der Vielschichtigkeit und Gleichzeitigkeit ironischer Phänomene klar gemacht werden, welch komplexe Vorgänge beim Rezipieren ablaufen und welche Aspekte der Begriff hat,[2] damit gegebenenfalls Schlüsse auf das Verstehen gezogen werden können (z.B. da, wo abgewogen werden muss, ob Rezipienten die Ironie umfänglich, oder bloß in Teilen verstanden haben). Der dritte Teil zeigt auf, welche linguistischen Theorien sich bisher dem Phänomen der Ironie angenommen haben und wo die jeweiligen Stärken, vor allem aber auch Schwächen liegen. Im Anschluss wird Kohvakkas (1997) Analyseverfahren vorgestellt und im vierten Teil auf einen Text angewandt. Dieser vierte Teil soll alle bisherigen Teile vereinen, indem er sich mit der Frage beschäftigt, wie und was Leser eines ironischen Textes verstehen. Zum einen soll die Dynamik des Verstehens während des Lesens nachvollzogen, zum andern soll untersucht werden, wie sich das ‚abgeschlossene Verstehen’ darstellt. In diesem Teil befindet sich auch ein Unterkapitel, das sich mit der Methode zur Datenerhebung beschäftigt. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit der Arbeit wurden die Interpretationen des Verfassers sowie diejenigen der Testpersonen in einen separaten Anhang gestellt.

III Hinweise zur Form der Arbeit

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit existierten erst etwa drei theoretische Texte zur linguistischen Hermeneutik. Davon ist jener von Hermanns (2003) der ausführlichste und aktuellste. Aus diesem Grund lehnt sich diese Arbeit stark an Hermanns’ Inhalte an. Zu einem späteren Zeitpunkt kamen Texte aus dem Buch Linguistische Hermeneutik (2007) dazu, die – so gut es ging – auch Eingang in diese Arbeit fanden. Es wurde deshalb versucht, Hermeneutik und Verstehen auch durch andere Texte tiefer zu erklären.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit des Textes hat sich der Verfasser entschieden,

1. lediglich die maskuline Form (der Sprecher, Leser etc.) zu verwenden. Die feminine ist selbstverständlich stets mitgemeint.
2. in Zitaten auf eine jeweilige Markierung durch „Hervorhebung im Original“ zu verzichten, da Kursiv- und Fettdrucke in unzähligen Zitaten vorkamen. Hervorhebungen in Zitaten entsprechen immer einer 100%igen Übernahme aus dem Original.
3. keine Unterscheidung vorzunehmen zwischen ‚Leser’ und ‚Hörer’. Dies aus dem Grund, da Ironie oft in der Alltagssprache untersucht wurde und daher der Terminus ‚Hörer’ in Zitaten vorkommt, auch wenn es in dieser Arbeit um den Leser geht. Gemeint ist immer der Rezipient im Allgemeinen, sofern es sich um ein Zitat handelt, bzw. der Leser, wenn sich der Verfasser zum Rezipienten äußert.

IV Fritz Hermanns (1940-2007)

Fritz Hermanns verstarb im Mai dieses Jahres an einem Herzinfarkt. Einen Monat zuvor hatte er mir den Vorabdruck seines Buches Linguistische Hermeneutik zukommen lassen, das er gerade noch mit Werner Holly herausgeben konnte. Sein Tod hat mich betroffen gemacht, da ich den Eindruck hatte, dass sich Fritz Hermanns mitten in einem unglaublich spannenden Prozess befand, der nun so abrupt beendet wurde. Er beschäftigte sich mit den Grundpfeilern der Hermeneutik, mit der Empathie, arbeitete mit Wissenschaftern aus anderen Disziplinen zusammen und war im Begriff, dem gesamten Fach eine neue Richtung zu geben. Schade, dass wir nun nichts mehr von seinen weit reichenden und wunderbar klar formulierten Überlegungen erfahren werden. Ich hoffe, dass er mit seiner Idee einer linguistischen Hermeneutik im Denken der Linguistik weiterleben wird. Davon ist diese Arbeit ein Teil.

1. Erster Teil: Hermeneutik

1.1 Zum Verhältnis von Hermeneutik und Sprachwissenschaft

Kommunizieren, insbesondere sprachliches Kommunizieren, zielt primär auf Verstehen ab. „Das Verstehen ist das A und O von Sprache“ (Hermanns/Holly 2007: 2),[3] denn „Sprache funktioniert – immer und nur – durch Zu-verstehen-Geben und Verstehen“ (Hermanns 2003: 126). Die Linguistik wird sich immer mit „Meinen und Verstehen“ (Hörmann 1976) beschäftigen, denn das ist ihre „raison d’ être“ (Hermanns/Holly 2007: 2). Sie ist daher essenziell Verstehenswissenschaft (vgl. Hermanns 2003: 125), „und der eingeführte Name für Verstehenstheorie und -lehre sowie Praxis der Vermittlung von Verstehen ist nun einmal Hermeneutik“ (Hermanns 2003: 128).

Die Linguistik war jedoch, da sie sich als eigenständige Disziplin zu etablieren suchte, bestrebt, sich „ein eher szientifisches Profil“ (Biere 2006: 497) zu geben und schien sich zwischen der zweiten Hälfte der 60er-Jahre bis zum Anfang der 70er-Jahre durch die Rezeption strukturalistischer, generativer und valenztheoretischer Ansätze sogar ganz aus den philologischen Wissenschaften zu verabschieden (ebd.).

Die damit zunächst einhergehende Eskamotierung des Sprachgebrauchs (parole) und die Kaprizierung auf Sprache als generatives System musste wohl konsequenterweise (vielleicht paradoxerweise) dazu führen, dass die moderne Linguistik sich in einem anderen Wissenschaftsparadigma als dem philologischen, historisch-hermeneutischen, eben in einem szientifischen, neu zu verorten und zu legitimieren versuchte (Biere 2006: 497).

Den Grund für dieses szientifische Selbstverständnis der Linguistik sieht Biere (2006: 494) in der alten Streitfrage nach dem Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften begründet. Solche wissenschaftstheoretischen und methodologischen Kontroversen sind mindestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer wieder geführt worden, denn zu dieser Zeit erlebten Logik, Philosophie der Logik und Sprachphilosophie eine starke Belebung und Aufwertung. „Gleichzeitig wurde der Psychologismus in der Philosophie der Logik und der Mathematik sowie der Bedeutungstheorie einer grundlegenden Kritik unterzogen“ (Scholz 1999: 81), was letztlich dazu führte, dass die ‚Logik der Forschung’ von jeglichem psychologischen (individuellen, subjektiven) Moment frei gehalten wurde (vgl. Biere 2006: 494). Dies scheint Biere (ebd.) wie ein Kunstgriff, mit dem die Linguistik ihre Forschungsgegenstände so zurichtet, dass sie im Sinn der „jeweiligen Forschungslogik handhabbar werden, so dass sie von zu verstehenden Gegenständen zu erklärbaren mutieren.“ Der Wissenschaftsstreit gipfelte in den 60er-Jahren im Methodenstreit zwischen Neopositivismus/Kritischem Rationalismus einerseits und Kritischer Theorie der Frankfurter Schule andererseits (vgl. Biere 2006: 495). Erstere Position verficht die Ansicht eines wissenschaftsmethodologischen Monismus; also einer einheitlichen wissenschaftlichen Methode ganz unabhängig von den Wissenschaftsdisziplinen. „Das dabei unterstellte Methodenideal soll dann freilich ein szientifisches sein, das sich am methodologischen ‚Standard’ der sogenannt exakten Wissenschaften orientiert“ (ebd.). Die antipositivistische, idealistische bzw. hermeneutische Position allerdings zeichnet einen grundlegenden Gegensatz

zwischen jenen Wissenschaften, die wie die Physik, Chemie oder Physiologie auf Generalisierung über reproduzierbare und prognostizierbare Phänomene abzielen, und jenen, die wie die Geschichtswissenschaften die individuellen und spezifischen Merkmale ihrer Gegenstände erfassen wollen (Wright 1974: 19).

Während die so genannt exakten Wissenschaften also Prognosen aufstellen sollen, haben es die Geisteswissenschaft mit dem „Verstehen von tradiertem und in die Welt des jeweiligen Interpreten projiziertem ‚Sinn’ zu tun“ (Biere 2006: 496; vgl. auch Wright 1974: 16). Einer der Vertreter dieser antipositivistischen Position war Wilhelm Dilthey (1833–1911), der den viel zitierten Satz äußerte: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“ (Dilthey 1924: 144).[4] Damit meinte er, dass die Naturwissenschaften Elemente und Zusammenhänge hypothetisch annehmen und konstruieren müssen, während die psychischen Phänomene bereits in einem Zusammenhang gegeben sind und daher erlebt werden (vgl. Scholz 1999: 75). Lange Zeit wurde daraufhin über das Verhältnis von Erklären und Verstehen gestritten. Unstrittig ist heute, dass Erklären und Verstehen miteinander verbunden sind und „jede Wissenschaftstheorie, insbesondere jede Theorie der wissenschaftlichen Erklärung, eine Theorie des wissenschaftlichen Verstehens enthalten muss“ (Scholz 1999: 9; vgl. auch Hermanns 2003: 150). Weit entfernt Gegensätze zu sein, „sind ‚Erklären’ und ‚Verstehen’ vielmehr Korrelativbegriffe“ (Scholz 1999: 4): „Any kind of understanding involves, at the very least, the capacity to give explanations. The two concepts are not to be contrasted, for they are interrelated“ (Cooper 1994: 20). Diese explanations (die Erklärungen, das Erklären) können nach Hermanns (2003: 131) mit dem Begriff der Interpretation gleichgesetzt werden. Dabei wird ganz im Sinne von Dilthey deutlich, dass sich diese Erklärungen, diese Einzelinterpretationen gerade nicht nach Kriterien, wie sie in anderen Wissenschaftsbereichen gelten, ‚beweisen’ lassen (vgl. Hermanns 2003: 159): Sie lassen sich nicht auszählen und nicht wiederholen. Einzelinterpretationen können daher nur plausibel sein. Aus diesem Grund plädiert Hermanns (ebd.) dafür, dass die Plausibilität als Wahrheitsbegriff akzeptiert wird: erstens, weil Plausibilität etwas Intersubjektives ist (somit einem wahrheitstheoretischen Kriterium entspricht); zweitens, weil Plausibilität immer auf der Schlüssigkeit von Argumenten beruht und daher sowieso das Höchste ist, was in der Linguistik als Wahrheitsstandard je angenommen werden kann, und drittens, weil es die Linguistik als Wissenschaft gesamthaft nur glaubhafter machen kann, wenn kein absoluter Wahrheitsanspruch erhoben wird. Dass die Linguistik nämlich naturwissenschaftlich-szientifisch zu sein hätte oder sogar schon sei, ist nach Meinung Hermanns’ (2003: 128) „nur ein Selbstmissverständnis mancher ihrer Schulen.“ Auch nach ihm braucht die Linguistik eindeutig eine Hermeneutik, denn eine Linguistik ohne Hermeneutik ist ein Unding. Und es gibt deshalb auch keine Linguistik ohne Hermeneutik. [Die Linguistik; U.W.] verfährt dauernd praktisch-hermeneutisch, d.h. sich auf eigenes Sprachverstehen von SprachwissenschaftlerInnen stützend und berufend, und es geht ihr immer um die Frage, wie Sprachliches zu verstehen ist, wie es zu sprachlichem Verstehen kommt, und welche einzelnen Faktoren dabei eine Rolle spielen (Hermanns 2003: 128).

Hier wird deutlich, dass ein ‚reines’ Sprachverstehen wohl undenkbar ist. „Zum Gesamtbereich des Sprachverstehens gehört untrennbar das Weltverstehen, ohne Weltverstehen ist kein Sprachverstehen möglich“ (Hermanns 2003: 154). So heißt der Band von Linke et al. (eds. 2003), in welchem Hermanns sein Desiderat einer linguistischen Hermeneutik präsentierte, programmatisch „Sprache und mehr“ oder der Untertitel von Blühdorn et al. (eds. 2006) „Grammatik und darüber hinaus“, denn so „wichtig das Verstehen im Zusammenhang mit Sprache ist, so wenig lässt sich Verstehen auf Sprache reduzieren“ (Holly 2007: 389). Ganz im Gegenteil: Hobbs (2004: 724) ist sich sicher, dass „we are able to understand language so well because we know so much [...]“ und „zugespitzt können wir formulieren: man kann Sprache nur verstehen, wenn man mehr als Sprache versteht“ (Hörmann 1976: 210). Diese Erkenntnis gilt selbst dann, wenn man sich sozusagen strukturalistisch ‚allein mit Sprache’ beschäftigen will. Auch dann „hat man es immer auch mit den kognitiven und soziokulturellen Verwebungen zu tun, in denen Sprache sich nun einmal vollzieht [...] Sprachverstehen schließt deshalb immer andere, weitere Arten von Verstehen ein, aus denen es sich nicht herauslösen lässt“ (Holly 2007: 389). Hermanns (2003: 152) meint sogar, dass „überhaupt alles, was es gibt und geben könnte, Gegenstand des Sprachverstehens sein kann [...] in dem Sinne, dass man es gegebenenfalls erkennen oder kennen muss, um etwas (scheinbar nur) Sprachliches zu verstehen.“

Die beiden Punkte in den letzten Zitaten von Holly und Hermanns (s.o.), sollen im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden: Zum einen sollen kognitive Prozesse auf Seiten des Lesers während des Leseprozesses nachvollzogen (‚re-interpretiert’[5] ) werden und gleichzeitig soll versucht werden, Verstehensgegenstände nach dem Modell von Rescher (1977), bzw. Hermanns (2003) zu ordnen und allfällige Interdependenzen festzustellen. Damit einhergehend werden Verstehensbedingungen erfasst, indem ein Vergleich stattfindet zwischen jenen Interpretationen der Testpersonen, die die Schreiberintention erkannt (und also verstanden haben) sowie jenen, die diese nicht erkannt haben.

1.2 Linguistische Hermeneutik

1.2.1 Wo wird sie angegliedert?

Falls sich tatsächlich ein Paradigmenwechsel in der Linguistik vollziehen sollte, wäre die logische Konsequenz, dass sich die gesamte Linguistik neu als Hermeneutik darstellt. Da es aber ein nicht sehr realistisches Vorhaben ist, das gesamte Fach von Grunde auf zu ändern, schlägt Hermanns (2003: 128) vor, die linguistische Hermeneutik als ein Teilfach der Linguistik zu etablieren, dessen Gegenstandsbereich dann „primär das Sprachverstehen und -auslegen“ ist (Hermanns 2003: 133). Hermanns/Holly (2007: 2) sprechen sich für folgende Angliederung der Teildisziplin im Fach Linguistik aus: Innerhalb der neueren Teildisziplinen wird die linguistische Hermeneutik als Teilfach mit der linguistischen Pragmatik „eng verschwistert“ sein (Darstellung durch Rahmen und Ringlinie; s.u.). Unentbehrliche Begriffe, wie z.B. Text, Textsorte, Sprechakt, Handlung, Zeichen, etc., wird die Hermeneutik zunächst aus anderen linguistischen Teildisziplinen übernehmen (vgl. Hermanns 2003: 130); diese Interaktion wurde exemplarisch durch die doppelseitige Pfeillinie zwischen ‚Gesprächslinguistik’ und ‚Falkner’ angedeutet, der eine Missverstehensanalyse auf Basis von Gesprächen (Gesprächslinguistik) durchführte. Das Fragezeichen soll den Umstand verdeutlichen, wonach sich durch das „Fortwirken der anfänglichen Berührungsangst“ (Hermanns/Holly 2007: 2) mit der Hermeneutik in der Linguistik, erst wenige getraut haben, Arbeiten unter dem Stichwort ‚Linguistische Hermeneutik’ durchzuführen.[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Die neue Einteilung der Linguistik und die Situierung des neuen Teilfaches; nach Hermanns/Holly (2007: 2) mit Ergänzungen durch den Verfasser. Die Darstellung erhebt nicht Anspruch auf Vollständigkeit, sondern verdeutlicht einzig schematisch die Angliederung der linguistischen Hermeneutik.

1.2.2 Gliederung innerhalb des Teilfaches linguistische Hermeneutik

Hermanns (2003: 129) unterteilt die linguistische Hermeneutik vorerst in vier Teilbereiche. Während davon die (1) theoretische und (2) empirische Hermeneutik im Rahmen dieser Arbeit im Anschluss genauer ausgeführt werden, sollen (3) didaktische und (4) praktische Hermeneutik an dieser Stelle kurz erläutert, jedoch nicht wesentlich vertieft werden. Die Teilbereiche umfassen nach Hermanns also die

(1) theoretische Hermeneutik, welche sich mit Definitionen und Abgrenzungen beschäftigt: Was ist Hermeneutik? Welche Teilbereiche hat sie? Was ist Verstehen? Was ist Interpretieren?
(2) empirische Hermeneutik, welche sich sowohl mit der Darstellung von empirisch erschließbarem Sprach- und Textverstehen, als auch mit Beschreibungen und Analysen von empirisch zugänglichen Interpretationen (i.S. von Erklärungen von Texten und Äußerungen) beschäftigt.
(3) traditionelle, und damit didaktische Hermeneutik, welche vor allem aus Ratschlägen zum Verstehen und Auslegen besteht. Biere (2006: 498f.) sieht ihren Ursprung in der Aufklärungshermeneutik des 18. Jh. und als ihren Hauptexponenten Chladenius. Die didaktische Hermeneutik geht davon aus, dass ein identisches Verstehen grundsätzlich möglich und nicht problematisch ist. Aufklärerisch ist an dieser Hermeneutik, dass sie einem Schüler punktuell ‚dunkle Stellen’ (Nicht-Wissen/Kennen von Wörtern oder Stellen) zu erhellen versucht; daher nennt Biere diese auch „Stellenhermeneutik“ (ebd. sowie 1989: 245). Prototypisch bezeichnet die didaktische Hermeneutik demnach Vorgänge,

die sich zwischen drei Beteiligten abspielen: ein erster sagt etwas, gibt Zeichen oder äußert sich schriftlich; ein zweiter versteht diese Äußerung; ein dritter kann sie nicht verstehen, weil er nicht anwesend war, die Sprache nicht versteht oder die Schrift nicht lesen kann. Diesem überbringt der zweite die Äußerung des ersten, übersetzt oder erläutert sie ihm (Bätschmann 2001: 3).

In diesem Zusammenhang spricht Hermanns (2003: 151) von ‚doppeltem Verstehen’, mit dem er ein Bewusstsein meint, das dem Aufklärer, dem helfenden Ausleger, innewohnen muss: Der didaktische Hermeneutiker muss also zum eigenen Verständnis des Textes zusätzlich wissen, wie der Nicht-Verstehende den Text versteht, bzw. wo seine Schwierigkeiten liegen. Was die didaktische Hermeneutik anbelangt, sieht Hermanns (2003: 156) Ansätze in der Linguistik bereits vertreten – hauptsächlich in der Gesprächsanalyse und der Textsortenbeschreibung, „die vorführen, worauf man beim Gesprächs- und beim Textverstehen achten sollte.“ Hierzu sei auch auf von Polenz’ (1988) Buch Deutsche Satzsemantik verwiesen, die sich als Anregung zum „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“ versteht.

Schließlich erwähnt Hermanns die (4) praktische Hermeneutik, die das tatsächliche Verstehen und Interpretieren eines Textes (vgl. Fix 2007: 323) selber betrifft, „wie es beides von der theoretischen und empirischen Hermeneutik dargestellt, von der didaktischen gelehrt wird“ (Hermanns: 2003: 129). Diese reicht damit vom Erklären einzelner Lexeme (punktuelle Interpretation) und grammatischer Strukturen bis hin zur Interpretation von Sprechakten und (Einzel)Texten (globale, „Passepartout“-Interpretati-onen) (vgl. Hermanns 2003: 158).

1.3 Theoretische Hermeneutik

1.3.1 Was ist Hermeneutik?

Das griechische Verb hermeneúein, dessen etymologische Verbindung mit dem griechischen Gott Hermes als dem Götterboten nicht geklärt ist (vgl. Bätschmann 2001: 3), bedeutet ‚aussagen’, ‚auslegen’ aber auch ‚übersetzen’. Nach Schleiermacher (1838; 1977: 75) ist Hermeneutik die „Kunst des Verstehens“. Anstelle von Kunst, kann auch Technik oder Methode gesagt werden (vgl. Hermanns 2003: 139). Die Ambiguität zwischen Kunst und Kunstlehre bzw. Technik liegt in der Ambiguität von ars und technê begründet. Dabei evozieren die Wörter ‚Technik’ oder ‚Methode’ die Vorstellung einer Verstehens handlung. Verstehen aber ist aus Sicht der linguistischen Hermeneutik kein Handeln (s.u.; Kap. 1.3.2.1), sondern ein Ziel oder ein Ergebnis einer Handlung, bzw. ein Bemühen, ein Verstehen zu erlangen. Nimmt man die Komponente des Bemühens anstelle des Handelns in die Definition auf, lässt sich nach Hermanns (2003: 130) aber trotzdem sagen, dass Hermeneutik Verstehenskunst bedeuten kann. In der traditionellen Hermeneutik ging es dabei ausschließlich um die Frage nach dem ‚Was?’ des Verstehens, während diese sich heute zu der Frage nach dem ‚Wie?’ des Verstehens verändert hat: Verstehenskonstitution, Verfahren, Regeln, Muster, implizite Prämissen, sozialisatorisch vermittelte Aneignungs-, Unterweisungs- und Überlieferungsweisen des Deutens und Verstehens wurden seit Schleiermacher (1838; 1977) selbst Gegenstand der Aufmerksamkeit (vgl. Soeffner/Hitzler 1994: 31f.).[7] Die Aufgabe der Hermeneutik ist es also heute, „die Bedingungen aufzuklären, unter denen Verstehen geschieht“ (Gadamer 1960; 1972: 279).[8] Des Weiteren versucht die Hermeneutik als Verstehenskunst die Frage zu klären, „wie sich im Verstehen die produktiven Vorurteile, die das Verstehen ermöglichen, von jenen scheiden, die zu Missverständnissen führen“ (Bätschmann 2001: 7).

Hermeneutik kann aber nicht nur als Verstehens-, sondern auch als Auslegungskunst verstanden werden (vgl. Hermanns 2003: 131). Für Schleiermacher (1974: 124) bedeutet ‚Auslegen’ „alles Verstehen fremder Rede“ und zwar sowohl schriftlicher als auch mündlicher Art (vgl. Schleiermacher 1838; 1977: 315) und mit ‚Verstehen’ meint er (1838; 1977: 71) das richtige Verstehen der Rede des andern.[9] Statt Auslegen lassen sich nach Hermanns (ebd.) sowohl Interpretation als auch Interpretieren und/oder Erklären einsetzen. Bei Soeffner/Hitzler (1994: 29) ist sie allein die „Lehre vom interpretativen Vorgehen.“ Ein nicht unwesentlicher Hinweis von Hermanns (ebd.) ist jener, wonach das Auslegen/Erklären/Interpretieren das Verstehen begrifflich voraussetzt und daher erst in einem zweiten Schritt erfolgen kann: „Interpretation des Verstandenen setzt ein, wo der Text nicht ‚klar’ ist, wo das Verstehen etwas offen gelassen hat“ (Fix 2007: 327). Zumindest für den Alltag gilt daher der pragmatisch verstandene Grundsatz ‚In claris non fit interpretatio.’[10] Wir treffen alltagspraktische Entscheidungen „auf der Grundlage einer alltagspraktischen Gewissheit, auch wenn Zweifel durchaus möglich [...] wären“ (Biere 2006: 501). Wie die dritte Bedeutung der Hermeneutik (s.u.) so ist auch die Auslegungskunst eine „Kunst, streckenweise auch eine Wissenschaft“ (Arzt 1996: 62). Wiederum wird die Ambiguität von ars und technê deutlich.

In einer dritten Bedeutung ist Hermeneutik neben ars intelligendi und explicandi auch ars applicandi, also Anwendungskunst. In dieser dritten Bedeutung wird der Begriff hauptsächlich von den Juristen und Theologen gebraucht.[11] Beide wenden die – u.U. sehr alten Texte – auf konkrete Fälle im Hier und Jetzt und daher immer wieder neu an, denn ein Text muss in jeder konkreten Situation, neu und anders verstanden werden (vgl. Gadamer 1960; 1972: 314). Hermanns (2003: 131) selbst geht nicht tiefer auf die Anwendungskunst ein, sondern meint sie als einen möglichen Bestandteil immer mit.

Aus dem metonymischen Gebrauch von ars und technê ergibt sich, wie mehrfach angedeutet, für die Hermeneutik als Kunst des Verstehens zum einen die Bedeutung von Lehre , Theorie und/oder Wissenschaft (bzw. Technik) andererseits auch die Ausübung des Verstehens, des Erklärens, des Anwendens selbst.

Insgesamt erweist sich das, was demnach als ‚die’ Hermeneutik angesehen werden müsste, als Konglomerat heterogenster Entitäten, nämlich von Ereignissen (Verstehensereignissen), Tätigkeiten (Erklären und Lehren), Fähigkeiten (Künsten des Verstehens und Erklärens), Handlungsanweisungen (Regeln) und Wissensbeständen (Theorien, Theoriefragmenten), sofern sie nur etwas mit Verstehen zu tun haben. Dieser Bezug macht die einzelnen Bedeutungen des Wortes Hermeneutik metonymisch (zueinander). Trotz dieser Bedeutungsvielfalt wird man aber weiterhin getrost auch von ‚der’ Hermeneutik sprechen können. In der Regel zeigt der Kontext, welche der Bedeutungen gemeint ist (Hermanns 2003: 132).

All diese Ausführungen lassen sich in folgendem Schema verdeutlichen. Dabei stellen die grau markierten Zeilen die metonymischen Bedeutungen des Wortes ‚Kunst’ dar (Kunst, Wissenschaft, Ausübung), die Spalten stehen für die drei Künste: ars intelligendi, ars explicandi und ars applicandi.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.1: Die Teilgebiete der Hermeneutik; zusammengestellt durch den Verfasser nach Hermanns (2003; 2007), Falkner (1997; 2007), Biere (2006), Duden (1996) und Dilthey (1924)

1.3.2 Was ist Verstehen?

1.3.2.1 Verstehen als Erkennen

Die Hermeneutik kritisiert Kognitionswissenschaften und (radikalen) Konstruktivismus unter anderem darum, weil die kognitionspsychologische Bezeichnung ‚Textverarbeitung’ für den Prozess des Verstehens, bzw. der Rezeption, insofern irreführend ist, als sie ein Arbeiten und damit ein Handeln suggeriert (vgl. Biere 2006: 502; Hermanns 2003: 130).[13] Problematisch ist zudem, dass Kognitionswissenschaften und Konstruktivismus damit nach Biere (2006: 504f.) häufig behavioristisch vorgehen, wenn sie Textverarbeitungsprozesse lediglich als Encodier-, Speicherungs- und Abrufprozesse auffassen und damit die „Vorstellung einer starren Beziehung zwischen Text und Bedeutung“ (Engelkamp 1984: 32) nicht aufgegeben haben, sondern dem ursprünglich naturwissenschaftlichen Shannon/Weaver-Modell aufsitzen, welches nicht in der Lage ist, das Vorkommen von Missverstehen und Missverständnis zu erklären (vgl. Falkner 1997; 2007).[14] Biere (ebd.), der sich auf Wittgensteins Gebrauchsanalysen (1967) stützt, spricht sich damit gegen kognitionswissenschaftliche Verstehenstheorien aus, da diese den Verstehensprozess „in handlungstheoretischen Termen zu interpretieren versuchen.“ Der Begriff des Verstehens erfüllt nach ihm – wie bereits erwähnt – die Kriterien für eine Handlung aber gerade nicht. Auch Harras (1980: 108) beruft sich auf Wittgenstein, der sich auf irgendeinem seiner Zettel notierte habe: „Darum kann man einem nicht befehlen: versteh das!“ Nach Meinung der linguistischen Hermeneutik ist also Verstehen kein Handeln. Trotzdem kann Verstehen nach Biere (2006: 502) prozesshaft gedacht werden, ohne dadurch zwangsläufig als Handlung betrachtet zu werden, nämlich als etwas „sich in der Zeit auf ein Ergebnis hin Entwickelndes.“

Verstehen ist nach Meinung Hermanns (2003: 131ff.) in erster Linie ein Erkennen und zwar ein Erkennen von etwas1 als etwas2.[15] Dieses Erkennen wird vor allem dann (Handlungs-) Verstehen genannt, wenn Zusammenhänge, Gründe und Ursachen, Zwecke und Funktionen, Motive, Kalkül und Absichten, Bedeutung und Sinn erkannt werden. Verstehen wird also primär auf Entitäten angewendet, „die man nicht ‚sieht’“ (Hermanns 2003: 135). Auch Dilthey nannte jenen Vorgang ein Verstehen, „in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen“ (Dilthey 1924: 318).

In seiner zweiten Bedeutung meint Verstehen nach Hermanns (2003: 133; 136) ein Ereignis, ein Erkannt-Haben, ein Kennen und damit ein Resultat. Biere (2006: 502) schlägt dieselbe Unterscheidung vor zwischen dem Prozess des Verstehens (dem Verstehen) und dem Ergebnis (‚jetzt verstehe ich’: dem Verständnis). Diese hat zur Folge, dass nach Biere die Textrezeption (Disposition) zum Ergebnis (Wissen, wie der Text zu verstehen ist) führt. Mit anderen Worten: Der Prozess des Verstehens führt zum Verständnis des rezipierten Textes. Das Verstehensereignis tritt jedoch sozusagen losgelöst vom Willen einfach ein – oder eben auch nicht. Man kann sich lediglich um ein Verstehen bemühen (Hermanns 2003: 130).[16]

1.3.2.2 (Richtig) Verstehen, Missverstehen, Missverständnis

Außer wenn wir nicht verstehen, verstehen wir immer. Diese bewusst gewählte Tautologie soll die kontraintuitive Äußerung Falkners (2007: 175) verdeutlichen, die besagt, dass auch das Miss verstehen ein Verstehen ist.[17] Letztendlich stellt sich nämlich immer „(irgend)ein Verständnis schlechterdings ein“ (Biere 2006: 503). Damit wird deutlich, dass Missverstehen ein Verstehen unter vielen möglichen Verstehen ist. Das Suchen nach einem Verstehen führt dabei relativ weit: So hat Vater (2001: 127) Probanden bewusst unsinnige Satzfolgen vorgelegt, welchen die Versuchspersonen trotzdem einen Sinn abgewinnen konnten. Und Liedtke (2007: 65) berichtet von einem Experiment, welches von Charlotte Bühler 1918 durchgeführt wurde: Dabei wurden den Probanden sukzessive Wörter mit dem Auftrag präsentiert, diese isoliert aufzufassen und semantisch zu charakterisieren. Die Aufgabe erwies sich aber als unerfüllbar, da die Probanden nach dem ersten Wort alle folgenden in Bezug aufeinander interpretierten. Nach Vater (ebd.) haben die Menschen ein Bedürfnis nach der Herstellung von Zusammenhängen; von Kohärenz. Dieser Umstand verwischt die Grenze zwischen Text und Nicht-Text, sofern Text als „kohärente, strukturierte sprachliche Einheit mit Funktion in der Kommunikation“ (Schoenke 2007) verstanden wird, denn für den Leser kann ein Text eben auch dann kohärent sein, wenn er es für den Autor gerade nicht ist. Für die Hermeneutik ergibt sich daher das Problem einer Vielheit möglicher Interpretationen und Verstehen. Während die Hermeneutik in der Theologie, oft dogmatisch orientiert, der Suche nach dem „einen (einzigen) Subjekt und nach dessen Willen“ (Soeffner/Hitzler 1994: 30) diente, stellten Philosophie und Jurisprudenz klassischerweise der „einen Wahrheit den Plural der vielen (möglichen) Wahrheiten und Wahrscheinlichkeiten an die Seite.“ Gerade die Jurisprudenz macht deutlich, wie stark der Interpretierende in Sinn und Bedeutung des Textes involviert ist, denn Bedeutung wohnt dem Text nicht per se inne. Verstehen kann demnach nicht bloße ‚Sinn-Entnahme’ sein, sondern ist Sinn-Konstitution oder Sinn-Konstruktion (vgl. Biere 2006: 500f.): Bedeutung wird im Textverarbeitungsprozess zugewiesen (vgl. Wulff 1993: 325) und ist „the result of interpretative processes“ (Black 2006: 2).[18] Damit ist des Weiteren die Vorstellung, Verstehen sei eine Rekonstruktion der Autorintention auf Basis einer objektiven Textbedeutung, inadäquat (vgl. Biere 2006: 505), denn auch eine „Nachricht als objektives Datum [...] gibt es nicht“ (Falkner 2007: 180). Die Vorstellung einer Sinnkonstruktion durch den Rezipienten kommt der Realität näher, da eben gerade nicht angenommen wird, dass jeder Rezipient zum gleichen Verständnis gelangt. Wie kann man dann aber das ‚fremde Innere’ letztendlich verstehen? Kann man es richtig verstehen? Und was muss das heißen, ‚richtig verstehen’?[19]

Reichertz (2007: 6) ist der Meinung, dass das Problem gewissermaßen bereits beim Sprecher beginnt, der seine inneren Empfindungen und sein Wissen in Sprache übersetzt. Beide, Wissen und Empfindung, sind an „die Materialität des Wahrnehmungs- und Fixierungsmediums gebunden. Wechselt man das Medium, also vom Empfinden zum Sprechen, dann bedingt die Materialität des Sprechens schon eine Veränderung.“ Des Weiteren weist er darauf hin, dass es ‚identische Repräsentation’ begrifflich gar nicht geben kann: „Die Karte ist immer eine Karte und nicht die von ihr dargestellte Landschaft“ oder das Bild einer Pfeife ist immer deren Abbild und somit pas une pipe. Gleicher Meinung ist auch Juchem (1987: 11), der sagt „dass ein Verstehen des anderen in letzter Konsequenz nicht möglich ist, wenn man darunter die eindeutige und übereinstimmende Koordinierung der inneren Handlungen der Kommunikationspartner fasst.“ Weniger strikte sah dies indes Juchems Lehrer Gerold Ungeheuer, wenn er meint, dass hinsichtlich des Kommunikationserfolgs kommunikative Sozialhandlungen lediglich prinzipiell fallibel seien. Ungeheuers Aussage bezieht sich allerdings auf die Tatsache, dass es „im Prinzip kein gesichertes Wissen über täuschungsfreies Verstehen des Gesagten“ gibt (Ungeheuer 1987: 320). Er wäre wohl auch der Meinung, dass es identische Repräsentation nicht geben kann, was aber nicht heißen muss, dass Kommunikation nicht doch täuschungsfrei funktionieren kann (vgl. Schmitz 2007: 1).

Hier soll im Einklang mit Falkner (1997: 2) gelten, „dass es eine hundertprozentige Übereinstimmung von Gemeintem und Verstandenem zwischen zwei KommunikationspartnerInnen nicht gibt.“ Auch Hermanns (2003: 140) teilt diese Meinung und spricht in diesem Zusammenhang von Domänen des Verstehens, da jedes Verstehen einen Skopus hat „in den manche potenziellen Gegenstände des Verstehens (des Erkennens) fallen, andere nicht fallen.“ Knobloch (1994: 182) und Dilthey (1924: 319) sprechen von Graden des Verstehens. Trotzdem gibt es etwas wie einen „general consensus [...] and a grossly deviant interpretation may signal problems with the production or reception of the text“ (Black 2006: 2). Auf die Frage, wie ein Text beschaffen sein sollte, damit er verstanden wird, lässt sich ob all dieser Vagheit der sprachlichen Interpretation nur relativ unspezifisch sagen: „Der gute Text ist der, der funktioniert“ (Liebert/Schmitt 1998: 3), bzw. dessen Intention erfasst wurde.[20]

Den alltagssprachlich Kommunizierenden sind diese Domänen oder Grade des Verstehens meist nicht bewusst[21] und zudem inferieren sie oft „automatically, almost involuntarily, and often without being aware of what [they; U.W.] are doing“ (Johnson-Laird 1983: 127). Aber auch wenn dieser Prozess bewusst vor sich geht, gliedern sie (zumindest der Rezipient) das Rezipierte in ihr Wissen und ihren Hintergrund stimmig ein. Die Subjektivität dessen, was als Nachricht betrachtet wird, manifestiert sich dabei erst in Fällen nicht funktionierender Kommunikation; besonders bei Missverständnissen (vgl. Falkner 2007: 180). Das Tückische am Missverstehen ist ja im Unterschied zu Nichtverstehen und Missverständnis gerade, dass es Verstehen vorspiegelt; es ist das „Phänomen des scheinbaren gegenseitigen Verstehens“ (Falkner 1997: 1). Während Nichtverstehen zur Rückfrage führt und der Fehler behoben wird, fällt Missverstehen „oft nicht auf und hinterlässt doch und gerade deshalb Spuren“ (Falkner 1997: 2). Der Umstand aber, dass „der kommunikative ‚Unfall’ gemeinhin als Missverständnis gebrandmarkt wird, ermöglicht es, ihn als Ausnahme zu isolieren“ (ebd.) und zeichnet damit implizit das Bild einer gemeinhin reibungslos funktionierenden Kommunikation. Dies führt nach Falkner (ebd.) zum Paradox,

dass der potentiell folgenreichere Fall, das Missverstehen, das von niemandem erkannt und daher auch nicht repariert wird, zu den Normalfällen zählt, eben weil bis zum Nachweis des Gegenteils, der Feststellung von Nichtverstehen oder Missverständnis, Funktionieren angenommen wird. Funktionieren heißt Verstehen.

In der Hermeneutik entspricht dies quasi der negativen Auffassung der hermeneutischen Aufgabe: „Die laxere Praxis in der Kunst geht davon aus, dass sich das Verstehen von selbst ergiebt: und drückt das Ziel negativ aus ‚Missverstand soll vermieden werden’“ (Schleiermacher 1974: 82). Nach Schleiermacher beinhaltet diese Praxis aber eine Verharmlosung der hermeneutischen Situation (vgl. Scholz 1999: 72f.) und daher fordert er eine strengere Praxis. Diese „geht davon aus dass sich das Missverstehen von selbst ergiebt und dass Verstehen auf jedem Punkt muss gewollt und gesucht werden.“ In dieser Form entspricht die Forderung dem Ausspruch, der Max Frisch zugeschrieben wird: „Jeder Versuch, sich mitzuteilen, kann nur mit dem Wohlwollen der anderen gelingen.“

1.3.2.3 Verstehen und Meinen

Hermanns (2003: 139) nimmt die paradoxe Aussage Schleiermachers, wonach wir als Leser „die Rede zuerst ebenso gut und dann sogar besser zu verstehen [haben; U.W.] als ihr Urheber“ zum Ausgangspunkt, um aufzuzeigen, dass wir keine unmittelbare Kenntnis dessen haben, was im Autor ist, bzw. in ihm war. Daher sind wir – zumindest was die Literaturwissenschaft angeht – gezwungen, uns vieles in unser Bewusstsein zu bringen, was dem Autor selber unbewusst bleiben konnte (vgl. Hermanns 2003: 139): Der Autor ist ein Kind seiner Zeit; als Mensch besitzt er kein Metawissen (Sprach- und Weltwissen), ist sich also nicht oder äußerst selten bewusst, was er alles weiß; zudem bleiben Motivation oder Funktion oft unbewusst. Das birgt die Chance, den Text besser zu verstehen, als der Autor selber, denn „im Prinzip ist der Skopus alles jeweils Verstehbaren immer größer, als der Skopus des Gemeinten je sein könnte“ (Hermanns 2003: 140). Der Leser kann also mehr verstehen, als der Autor gewollt hat (s.o.). Zudem unterscheidet Hermanns (ebd.) an dieser Stelle zwischen kommunikations internen und kommunikations externen Beobachtern eines Kommunikationsverlaufes und meint, dass die externen mehr oder anders verstehen wollen als die internen, weil sie die Frage haben, ob das Kommunikationsgeschehen z.B. typisch (normal, regelhaft) war für die jeweilige Kommunikationssituation. Meinen und Verstehen sind oft nicht kongruent; auch im Falle des gelingenden Verstehens: „Meinen und Verstehen sind grundsätzlich asymmetrisch“ (Hermanns 2003: 141). Auch Reichertz (2007: 2) meint:

Wenn Menschen sprechen, drücken sie für den Angesprochenen immer mehr aus als sie denken, dass sie ausdrücken [...] Der Sprechende (und auch der Angesprochene) haben also nie die absolute Kontrolle über ihren Ausdruck. [...] Der Angesprochene sieht und hört am Ausdruck des Gegenübers anderes und mehr als der Sprecher glaubt auszudrücken [...] Deshalb ist jede Kommunikation grundsätzlich asymmetrisch: Sprecher und Angesprochener nehmen am jeweils Anderen mehr wahr als dieser ausdrücken will.

Zwar bezieht sich Reichertz allein auf das face-to-face -Gespräch, jedoch hat die Aussage auch für Verstehen und Interpretieren allgemein Geltung, zumal er zu einem späteren Zeitpunkt anmerkt, dass Verstehen leicht zum Problem werden kann, wenn „Medien Sprechen und Handeln vermitteln“ (2007: 5) und die Multimodalität der direkten Kommunikation verloren geht.

Neben dem Mehrverstehen ist allerdings auch ein Wenigerverstehen des vom Autor Intendierten eine Möglichkeit, da unser Wahrnehmen stets ein selektives ist. Dieses ist einerseits bedingt durch unsere Interessen, andererseits durch unsere Haltung. Das Wort ‚Haltung’ drückt mehr aus als mit ‚Wissen’ gemeint ist, nämlich eine ‚Einstellung’ zum Text oder zur Äußerung, zum darin Dargestellten, zum Sender, etc. (vgl. hierzu Hermanns 2003: 141).

1.3.2.4 Zwei Zirkel des Verstehens

Der Zirkel des Verstehens, der in der Interpretation eines Textes die fortschreitende Annäherung an dessen Sinn meint, soll nicht mit dem zirkelhaften Schließen in einer Argumentation (dem circulus vitiosus) in Verbindung gebracht werden.[22] Schleiermacher (1938; 1977: 95) fasste die Zirkelstruktur des Verstehens jedoch bloß formal auf und betonte daher, dass es sich um einen scheinbaren Kreis des Verstehens handle, der darin besteht, „dass jedes Besondere nur aus dem Allgemeinen, dessen Teil es ist, verstanden werden kann und umgekehrt.“ Die wechselseitige Abhängigkeit dieser beiden simultanen Abläufe (vgl. Müller 1995: 131) wird in der Kognitionspsychologie als top-down- und bottom-up-Strategie (ebd.) beschrieben. Bei der „Verarbeitung von Welt“ ganz allgemein spielen diese beiden „Strategien der Analyse“ (Fix/Poethe/Yos 2002: 48) eine wesentliche Rolle:[23] top-down meint dabei ‚von oben nach unten’, erwartungsgeleitet und konzeptuell gesteuert (concept driven process; vgl. Wulff 1993: 326), bottom-up bedeutet ‚von unten nach oben’, inputgeleitet, datengesteuert (data driven process; vgl. Wulff 1993: 326). In dieser Tradition schlägt Hermanns (2003: 142) vor, statt vom Zirkel des Verstehens von Top-down-plus-bottom-up -Verstehen zu sprechen, denn beide Prozessformen sind „eng miteinander koordiniert“ (Wulff 1993: 326). Die Textlinguistik bezeichnet den Weg, den die Erkenntnisgewinnung durchläuft, trotzdem als zyklisch (vgl. Heinemann/Heinemann; s.u.), wobei top-down - und bottom-up -Prozesse als quasi lineare Prozesse gleichwohl zu erkennen sind:

Der Textverstehensprozess erweist sich zwar als aszendenter Prozess des Satz-für-Satz-Aufnehmens und -Verarbeitens; er ist aber primär als ein deszendentes, von der Interaktions- und Textganzheit angehendes Identifizieren von Informationsganzheiten und Konstruieren von Text-Sinn zu verstehen, wobei vom Interpreten fortlaufend Wissenselemente inferiert und sukzessive zyklisch verarbeitet werden (Heinemann/Heinemann 2002: 168).

Entscheidend ist also, dass das Verstehen eines Ganzen immer nur geschehen kann, wenn dabei auch seine ‚Teile’ erkannt werden. „So dass ein Gesamterkennen in der Tat abhängig ist von einem (oder vielem) Teilerkennen. Und das Umgekehrte kann auch gelten“ (Hermanns 2003: 143).

1.3.2.4.1 Erster Zirkel: generelles Wissen vs. singuläres Wissen

Schleiermacher (1838; 1977: 95ff.) spricht von insgesamt zwei scheinbaren Kreisen des Verstehens. Der erste betrifft generelles Wissen und spezielles, singuläres Wissen, wobei sich der Sprachschatz und die Geschichte des Zeitalters eines Verfassers wie das Ganze verhalten, „aus welchem seine Schriften als das Einzelne müssen Verstanden werden“ (Schleiermacher 1838; 1977: 95). Unter ‚generellem Wissen’ versteht Hermanns (2003: 143) die „Form von Vorstellungen, Ideen und Begriffen oder Schemata, Stereotypen, mentalen Modellen usw. [...] aber auch von generellen Sätzen, Theoremen, Topoi usw.“ Ausgehend von diesem generellen Wissen schließt Schleiermacher, „dass wir umso besser gerüstet sind zum Auslegen, je vollkommener wir jenes [allgemeine Wissen; U.W.] innehaben“ (ebd.). Andererseits erkennt er (ebd.) „aber auch, dass kein Auszulegendes auf einmal verstanden werden kann, sondern jedes Lesen setzt uns erst, indem es jene Vorkenntnisse bereichert, zum besseren Verstehen instand.“ Es handelt sich also um eine Interdependenz in welcher sich generelles und singuläres Wissen in unserem Denken wechselseitig schaffen und erhalten und das ist nach Hermanns (2003: 143) „alles, was es dabei mit dem ‚Zirkel des Verstehens’ auf sich haben dürfte“: Reziprozität; und diese gilt auch für den zweiten scheinbaren Zirkel Schleiermachers.

1.3.2.4.2 Zweiter Zirkel: Interdependenz von Teil und Ganzem

Der zweite scheinbare Zirkel betrifft die Textebene, denn auch „innerhalb einer einzelnen Schrift kann das Einzelne nur aus dem Ganzen verstanden werden, und es muss daher eine kursorische Lesung, um einen Überblick über das Ganze zu erhalten, der genaueren Auslegung vorangehen“ (Schleiermacher 1838; 1977: 97), dabei wird „dem Ganzen vorläufig ein Sinn unterstellt (Hörmanns ‚Sinnkonstanz’), der sich doch erst durch die Teile, die das Ganze konstruieren, kontinuierlich aufbauen sollte“ (Müller 1995: 139). Solche top-down -Prozesse können dabei die bottom-up- Aktivität entscheidend formen und steuern (vgl. Bordwell 1989: 18).

Dies führt jedoch zur Frage, woher der Leser seine „ganzheitlichen Vorerwartungen“ (Müller 1995: 131) bezieht, wenn er den Text noch nicht in seinen Einzelteilen erfasst hat. Sprache ist eminent sozial und daher findet sie auch stets in sozialen Situationen statt, welche minimale Kenntnisse über Gesprächspartner, Situation, Wert, Einstellungen, Themen etc. mit sich bringen. Der Rezipient ist also keine tabula rasa (ebd.). Was den Text selbst betrifft, so wird nach Müller (1995: 132) mithilfe von „(para)textlichen Präsentationsformen“ wie z.B. Titel (in einer Zeitung wohl auch Platzierung) die Intention vorgreifend – dem eigentlichen Text vorausgehend – verdeutlicht. Um diesen Umstand zu verdeutlichen, verweisen sowohl Müller (ebd.) als auch Japp (1983: 44) unter anderem auf Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. Der Titel vermag hier dem aufmerksamen Leser, durch den inhärenten Widerspruch bedingt, bereits anzudeuten, dass er es möglicherweise mit einem ironischen Text zu tun hat. In dem Sinne ist auch der Text an sich keine tabula rasa, sondern stets in einen Zusammenhang eingebettet; auch wenn dieser wie in diesem Beispiel ein ‚bloß’ logischer ist. Jede neue Information eines Textes trifft daher auf einen „vorbereiteten Adressaten“ (Wulff 1993: 326):

Textrezeptionsprozesse sind immer relationale Prozesse, weil sie das neu Erfahrene, hier das aktuelle Textexemplar, zu dem schon Erfahrenen, der Menge aller von einem Individuum bereits produzierten und rezipierten Texte in Beziehung setzt. Das heißt, ohne Textmuster gäbe es kein vollständiges Verstehen von Texten (Fix 2006: 265).

Was die bottom-up -Prozesse betrifft, so darf nicht der Eindruck entstehen, diese würden stur linear-additiv verfahren und Wort plus Wort zu Sätzen, Satz plus Satz zu Abschnitten und Texten ‚zusammenrechnen’, um zu einem Gesamtverstehen zu gelangen. Wie oben bereits angedeutet, steuern top-down -Prozesse unsere Suche nach Information: „Selected chunks of text cue us to extrapolate far ahead of the words that we next encounter; we start to build a semantic structure that guides our sampling of data“ (Bordwell 1989: 18), denn Sprachwahrnehmung ist kein passives Aufspüren akustischer oder visueller Reize sondern „gelenkt durch unsere Erwartungen und unser Wissen“ (Wessells 1994: 79).

Zusammenfassend bedeuten diese Ausführungen, dass man das Ganze (top-down) zuerst provisorisch versteht und zwar durch die „Erwartung der Sinnvollheit“ (Hörmann 1978: 187) und dadurch, dass „bereits gewusste konzeptuelle Strukturen die Verarbeitung der Daten steuern“ (Wulff 1993: 326). Dieser Prozess wird beim Lesen dauernd mit den hereinkommenden Daten (bottom-up) – mit Belegen (vgl. Fix 2007: 333) – abgeglichen und später da, wo sich das Vorverstehen als falsch erwiesen hat, korrigiert. „Das ist ein methodisch absolut vernünftiges Vorgehen, das mit Zirkelhaftigkeit [in einem schlechten Sinn; U.W.] auch nicht das Mindeste zu tun hat“ (Hermanns 2003: 142).

1.3.2.5 Verstehensdynamik

Hermanns spricht von zum Teil sogar reflexartigen Folgereaktionen, die auf ein Erkennen oder Verstehen folgen (Beispiel: Warnung eines Kindes durch den Ausruf „Heiß!“ und Reaktion: Innehalten in der Bewegung). Er geht davon aus, „dass wir immer dann, wenn wir verstehen, auch reagieren“ (Hermanns 2003: 144). Zu den Folgereaktionen gehört nach Hermanns (ebd.) auch, dass das Verstehen und Erkennen Einstellungen aktiviert, die „als kognitive, emotive, volitive Bereitschaften (zu weiteren Reaktionen)“ beschreibt.[24] Unter kognitiven Einstellungen versteht er (ebd.) die Bildung einer Wahrnehmungs- oder Erkennenserwartung vom Typ: „Es liegt a vor, also wird auch b nicht weit sein“ (dies gilt für den Fall, dass a und b kognitiv in einer Idee, einem Schema, Stereotyp, etc. zusammengehören). Emotive Einstellung meint die Aktivierung bestimmter Affekte (Angst, Hass, Zuneigung etc.) und volitive die „Formierung eines Wünschens.“

Solche Lese(r)reaktionen empirisch zu untersuchen hat sich Bredella bereits 1984 zum Ziel gesetzt. Zentral ist für Bredella, dass der Leser sich nicht nur Informationen einprägt, sondern Vermutungen über den Kontext anstellt und Erwartungen bildet über das Kommende (s.o.; Bordwell 1989: 18). Dabei erfährt er beispielsweise, dass sich die so aufgebauten Sinnzusammenhänge nicht mit dem, was er gerade liest, vereinbaren lassen und er Korrekturen vornehmen muss (vgl. Bredella 1984: 29). Bei diesem Prozess entstehen unter anderem Empfindungen wie Spannung, Interesse, Ärger, Langeweile, Amüsement, Schrecken, etc. und die Lösung dieser Spannungskonstruktion ist nach Wulff (1993: 329) das Ziel der Textverarbeitung. Daneben evoziert der Text „lebensweltliche oder auch literarische“ (ebd.) Assoziationen. Daher sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, wie wichtig die Kommunikationserfahrung für das Verstehen ist; und zwar sowohl die literarische, bzw. geschriebene Erfahrung, wie auch die Lebenserfahrung in der Alltagskommunikation (vgl. Fix 2006: 265). „Von den Folgereaktionen auf Erkennen und Verstehen ist verstehenstheoretisch das Aufbauen von Erkennens- und Verstehenserwartungen von besonderer Bedeutung“ (Hermanns 2003: 145). Diese Reaktionen fallen in Hermanns Schema unter die Kategorie der kognitiven Reaktionen, die er als „Effekte einer Aktualisierung [...] von Stereotypen, frames, skripts, mentalen Modellen etc.“ beschreibt. Mit der Aktivierung des Stereotyps geht immer die Erwartung eines zusätzlichen Erkennens einher. Nämlich:

a) die Bestätigung oder Falsifizierung des Stereotyps
b) das Auffüllen von Leerstellen/Variablen (vgl. Liedtke 2007; Soeffner/Hitzler 1994: 47)
c) Ersetzung oder Bestätigung von default -Werten (Standard-, Vorgabewerte).

Mit der Aktualisierung von Stereotypen teilidentisch ist die Aktualisierung und Bildung von Präsuppositionen.[25] Präsuppositionen (oder Präsumtionen), Hypothesen und Extra-polationen, die das fortschreitende Verstehen und Erkennen leiten, sind vor allem dann interessant zu untersuchen, wenn man sich mit der Dynamik des Verstehens, dem Verstehensprozess, beschäftigt. Dabei zeigt sich, dass die Untersuchung solcher Präsumtionen,

die Untersuchung der Prozesse ist, an denen am deutlichsten gezeigt werden kann, wie der Text als ‚Programm’ für eine Lektüre dient. Geschichten sind komponiert mit Blick darauf, die Suche des Rezipienten nach einem ‚roten Faden’, nach Kohärenz und Ganzheit zu steuern (Wulff 1993: 327).

Die zeitliche Abfolge und Kontinuität des Textes ist es, die während der Rezeption sowohl eine Ausweitung als auch eine Präzisierung des Bedeutungsspielraumes ermöglicht. „Der Sinn eines Textes [...] wird im Prozess des Sprechens und Schreibens im zeitlichen Nacheinander erzeugt [...]. Die Abfolge spiegelt dabei die Struktur der Sinnbezüge“ (Soeffner 1979: 347). Dies bedingt auf der anderen Seite des Kommunikationsprozesses, dass die Analyse keineswegs sprunghaft vorgehen darf, da sie dadurch die interne Ordnung des Textes zerstören würde (vgl. Müller 1995: 133). Für die Analyse in dieser Arbeit heißt dies, dass alle Verstehensreaktionen und Interpretationen oder bereits gar ironischen ‚Verdachtsmomente’ von den Versuchpersonen in der Reihenfolge ihres Auftauchens und in jener der entsprechenden Indikatoren erwähnt werden müssen. Es geht also um den Weg, um eine Abfolge von Lese- und Verstehensaugenblicken (vgl. Hermanns 2003: 146), wobei jedes vorangehende Verstehen, das folgende präfiguriert, auch dann, wenn Verstehenserwartungen enttäuscht werden. In diesem Fall ist man einfach kunstvoll irregeführt worden. Gerade bei der Ironie spielt mitunter das ‚kunstvolle Enttäuschen von Erwartungen’ eine konstitutive Rolle (s.u.; Kap. 2.4.7).

1.3.2.6 Durch Empathie ermöglichtes Verstehen

Ohne Empathie wird das Lesen langweilig und nicht zum Erlebnis. In der Linguistik wird der Begriff der Empathie oft mit Perspektivenübernahme gleichgesetzt und nur dann gebraucht, wenn besonders starke Einfühlungen stattfinden (vgl. Ortner 1992: 286). Hermanns sieht in der Empathie aber weitaus mehr: Verstehen an sich beruht „auf einer grundlegenden Fähigkeit des Menschen (und wohl mancher Tiere), eben der zur Empathie, d.h. zum ‚Sich-Einfühlen’ oder ‚Sich-Hineinversetzen’ in die Lage eines Anderen und in diesen selber“ (Hermanns 2003: 146).[26] Sie ist nach Hermanns (2007: 128) sogar die conditio sine qua non des Sprachverstehens, weshalb er von „Empathie als einem Grundbegriff der Hermeneutik“ spricht. Durch Empathie wird das Gelesene oder Gehörte mit-gesagt oder mit-gedacht, „wobei man antizipiert, was der Sprecher oder Autor wohl gleich sagen wird“ (Hermanns 2003: 148). Auf dieser Grundlage lässt sich nun plausibel erklären, warum Verstehen so schnell vor sich geht und warum wir unter Umständen unfertige Sätze selber beenden können, warum wir Fragmentarisches verstehen (vgl. Liedtke 2007), in Quiz-Shows bereits antworten, obwohl die Frage noch nicht gestellt ist, bei Witzen lachen, wenn die Pointe noch ungeäußert ist, etc.

Auch wenn wir temporär Gefühle, Wünsche, Denken etc. des Alter Ego erleben,[27] betont Hermanns (2007: 142), hat Empathie mit Telepathie nichts zu tun: „Empathie hat eine rational vollkommen einsehbare kognitive Basis. Sie beruht auf den für uns als Menschen absolut normalen Fähigkeiten zum Wahrnehmen und Erkennen.“ Wir sehen also nicht direkt in den anderen hinein oder fühlen was im anderen tatsächlich vorgeht, sondern wir phantasieren, d.h. wir projizieren in den anderen hinein. Das Phantasieren und Projizieren macht erneut deutlich, dass es sich bei Verstehen und Verstandenem um Konstrukte handelt und niemals um ‚identische Repräsentation’. „Die Aktualisierung oder Bildung einer eigenen (der des Anderen ähnlichen) Einstellungen ist dann die Empathie“ (Hermanns 2003: 147).

Bereits Schleiermacher vertrat übrigens die Vorstellung des Sich-Hineinver-setzens in den anderen als Teil seiner psychologischen Interpretation: „Die divinatorische [Methode; U.W.] ist die, welche, indem man sich selbst gleichsam in den anderen verwandelt, das Individuelle unmittelbar aufzufassen sucht“ (Schleiermacher 1838; 1977: 169). Auch bei ihm hat der Vorgang wenig mit Mystik zu tun, denn er „spricht hier gerne von ‚ahnen’ oder ‚erraten’“ (Scholz 1999: 73) und vertritt damit nicht die Idee eines definitiven Verstehens, sondern bezeichnet es als ‚unendliche Aufgabe’ (vgl. Biere 2006: 506). Was wir bei Interpretationen oder Erklärungen also auf die Probe stellen, „sind unsere ‚Konstruktionen’ eines Sinns, der [...] in der Materialität des Textes [...] als Möglichkeit aufgehoben zu sein scheint“ (Biere 2006: 506). Dennoch bleibt die Welt des Sinns eine virtuelle, die wir konstruieren.

1.3.3 Was ist Interpretieren?

Alles Interpretieren oder Deuten und Auslegen ist ein Erklären und als solches zweckhaft (vgl. Hermanns 2003: 149): Es soll das Verstehen des Interpreten vermitteln. Erklären heißt: „so erläutern, dass der andere die Zusammenhänge versteht“ (Duden 1996: 452). Interpretationen sind daher insbesondere in ihrer kommunikativen Ausdeutung als Verständlichmachen (Biere 2006: 502) „sprachliche (metasprachliche) Manifestationen von Verstehen“ (Hermanns 2003: 150), die „auf Wahrnehmbarkeit angelegt“ sind (Hermanns 2003: 149) und somit selbst wiederum Sprechhandlungen. Allen Arten von Interpretationen ist dabei gemein, dass es sich um „Manifestationen von Verstehen handelt“ (Hermanns 2003: 150). Diese sind für die linguistische Hermeneutik von Interesse und können untersucht werden, wohingegen das Verstehen als innerlicher Prozess nicht beobachtet werden kann. „Deshalb sind die Darstellungen sprachlichen Verstehens immer selbst auch Interpretationen (von beobachtbaren Reaktionen auf Sprechakte und auf Texte)“ (Hermanns 2003: 154) und infolge dessen sind Verstehensanalysen immer Interpretationen von Interpretationen also „Metainterpretationen oder Interpretationen zweiten Grades“ (Hermanns 2003: 155).

Interpretationen können unterschiedlicher Natur sein. Zum einen können sie lokal (auch punktuell) sein (Bieres „Stellenhermeneutik“ (2006: 498)) und andererseits können sie global sein. Punktuelle Interpretationen reparieren Nicht- oder Missverstehen durch Wort- oder Satzerläuterungen oder Sachinformationen. Globale Interpretationen reichen nach Hermanns (2003: 150) „von der bloßen Angabe einer Sprechakt-, Dialog- oder Textsorte (dadurch ist ja oft schon sehr viel Interpretation gegeben)[28] bis zu ganzen Werken und sogar zu ganzen wissenschaftlichen Diskursen über manche Texte.“ Nach Hermanns geht es bei Interpretationen aber prototypisch um ein Text-, Gesprächs- oder Sprechaktverstehen. Es kann aber auch nichtsprachliche Handlungen betreffen, denn auch diese, wie potenziell alle zeichenhaften Gebilde (vgl. Biere 2006: 503), können interpretiert werden. So ist gerade menschliches Verhalten, als beobachtbare Form menschlichen Handelns „von und für Menschen interpretierbar, weil es neben vielen anderen Eigenschaften immer die (Proto-)Zeichenhaftigkeit aufweist“ (Soeffer/Hitzler 1994: 29). Beim Verstehensprozess von Sprache (also auch von multimodalem Verstehen) erfordern gerade Äußerungen, die mehrere Interpretationen zulassen erhöhte Anstrengung bei der Interpretation und werden nach Falkner (1997: 1) oft als unhöflich empfunden – außer im Kabarett, wo gerade mit der Doppeldeutigkeit gespielt wird und der Rahmen dem Publikum völlig klar ist. Sind zwei Interpretationen lange Zeit gleichermaßen plausibel, kann durch das letzte Puzzlesteinchen die eine Interpretation blitzartig zugunsten der zweiten verworfen werden und dabei kann sich das allenfalls komische Potenzial der Äußerung bzw. eines ganzen Textes ‚entladen’ (vgl. Hartung 1998: 168).[29]

1.4 Empirische Hermeneutik

Empirische Hermeneutik untersucht:

(a) alle auf Beobachtung gestützten Darstellungen von Verstehensvorgängen und -resultaten.
(b) alle Analysen und Beschreibungen von Interpretationen.

Empirische Hermeneutik ist als Hermeneutik, welche Interpretationen von Interpretationen anstellt, immer auch praktische Hermeneutik (s.o.; Kap. 1.2.1). Eine ansatzweise Realisation einer empirischen Hermeneutik des Verstehens sieht Hermanns (2003: 126f.) in der Lexikologie/lexikalischen Semantik, der von Psychologen dominierten Verständlichkeitsforschung, der Gesprächslinguistik und der Rezeptionsforschung. Ein Problem bei der Untersuchung von Verstehen bildet immer die Datengewinnung. So sieht Biere (2006: 496) das Hauptproblem im Handlungs- oder Prozesscharakter des Verstehens, bei dem es um ein Erkennen von vielerlei Gegenständen geht:

Wenn wir es also mit Untersuchungsgegenständen zu tun haben, die entweder Handlungs- oder zumindest Prozesscharakter haben, so muss man sich einmal mehr fragen, wie gerade diese Art von Daten methodisch zugänglich ist und wie wir zu relevanten Beschreibungen solcher Daten gelangen können, möglicherweise sogar in Beschreibungskategorien, die die Handelnden selbst verwenden (Biere 2006: 496).

In der Linguistik bestünde nach Hermanns (2003: 156) die Möglichkeit, an Daten zu gelangen, in einem gezielten „Provozieren sprachlicher Manifestationen eines Textverstehens“, das allerdings bislang kaum durchgeführt wurde; weder durch Befragungen/Fragebögen noch im Führen von Gruppendiskussionen oder der Anregung zum Schreiben von Rezeptionsprotokollen (vgl. Bredella 1984). In der vorliegenden Arbeit wurden gerade solche Rezeptionsprotokolle durch Probanden angefertigt, damit u.a. der prozesshafte Charakter des Verstehens einigermaßen adäquat erfasst werden konnte (s.u.; Kap. 4.3.1 sowie Kap. 4.3.2).

Neben dem Verstehensprozess meint Hermanns (2003: 151f.), müsste es der theoretischen wie empirischen Hermeneutik insbesondere auch darum gehen, welche Verstehensgegenstände für das jeweilige Sprachverstehen relevant sind und damit für ein angemessenes Verstehen erkannt werden müssen. Des Weiteren ist es von Interesse, wie sich diese Gegenstände zueinander verhalten, denn es zeigt sich,

dass die einzelnen Verstehensleistungen bzw. -komponenten interdependent sind. Das meint man wohl, wenn man von der ‚Ganzheitlichkeit’ des Verstehens redet. Was als Resultat von allen einzelnen Verstehensleistungen herauskommt, kann man ein Gesamtverstehen nennen“ (Hermanns 2003: 151f.).

Verstehen als komplexes Erkennen besteht notwendigerweise aus Einzelgegenständen, die erkannt werden müssen: Das Erkannte kann nicht einfach an sich neben anderem Erkannten existieren, sondern geht Verbindungen ein und bedingt sich gegenseitig oder schließt sich (logisch) aus.[30] Aufgabe der Sprachhermeneutik ist es u.a., die Verstehensgegenstände zu ordnen und zu sortieren. Ein eigenes Modell oder ein Sortierungsschema für den Bereich des pragmatischen Verstehens bietet Hermanns nicht an, jedoch verweist er auf das Modell von Rescher (1977: 1–7), der allerdings leicht andere Bezeichnungen und Gruppierungen wählt. Rescher (1977: 1) möchte ein Instrumentarium für das entwickeln, „was man die kanonische Beschreibung einer Handlung“ nennen könnte:

„Ziel ist ein im wesentlichen erschöpfender Katalog der zentralen generischen Elemente von Handlungen, der uns mit einer klassifikatorischen Matrix von Rubriken versieht, unter die die wesentlichen Merkmale von Handlungen klassifiziert werden können“ (ebd.). Dieser Katalog entspricht den sechs W-Fragen, die beispielsweise von Journalisten beherzigt werden: Wer? Was? Wo? Wie? Wann? Warum? Die Tabelle setzt sich aus folgenden Elementen zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4.1 Personenverstehen

Kohvakka (1997: 181) verweist auf den Umstand, „dass die Persönlichkeit des Autors und sein Fremdbild beim Leser berücksichtigt werden müssen“, da dies die Interpretation erleichtert, wenn nicht gar erst ermöglicht. Zum Personenverstehen gehört nach Hermanns (2003: 153) das Erkennen von folgenden Aspekten einer sprachhandelnden Person:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4.2 Sinnverstehen

Hermanns plädiert in Anlehnung an Max Weber (1921; 1972: 12f.) in der Handlungstheorie für den Begriff des ‚Sinns’ anstelle des ‚Zwecks’.[31] Die Philosophie nimmt relativ umfangreiche Unterscheidungen zwischen Gründen und Ursachen vor. Während Ursachen unpersönliche – eben rein kausale – Kräfte meinen, werden Gründe von einem Individuum (als handelndem Subjekt) durch eine bewusste Entscheidung handlungswirksam. Dadurch stellt sich die Frage nach Ziel, Zweck und Sinn einer Handlung. Alles in allem muss, damit eine Handlung als ein sinnvolles Sich-Verhalten verstanden werden kann, teils oder gesamthaft erkannt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4.3 Situationsverstehen

Was für Hermanns die Situation ist, wird von Rescher (1977: 4) als Kontext einer Handlung beschrieben. Dieser umfasst nach ihm den Ort, die Zeit und die Umstände einer Handlung. Nach Hermanns (2003: 153) reicht es für die Sprachhermeneutik nicht aus, einen einzigen Situationsbegriff zu haben. Er unterscheidet zwischen deren drei:

1. Die Sprech- bzw. Kommunikationssituation (=sinnlich wahrnehmbare Umgebung des Kommunikationsgeschehens) des bühlerschen Zeigfelds (Deiktika), in der klar ist, was mit ich, du, hier, jetzt, etc. gemeint ist.
2. die Kommunikations- bzw. Interaktionssituation (als Ort der Interaktion in einem sie umfassenden Interaktionsgeschehen, gleich wie bei Rescher)
3. Hintergrundsituation und Vorgeschichte (nicht präsent, doch oft handlungsbestimmend) der historischen Situation (Gesamtheit zeitspezifischer oder zeittypischer Gegebenheiten)

1.4.4 Form- und Funktionsverstehen

Hier bezieht sich Hermanns auf die Modalität nach Rescher (1977: 3f.), die das Erkennen der Art und Weise sowie der Mittel (Instrumente, Medien) meint. „Alle anderen Mittel sprachlichen Handelns sind nichts anderes als Formen sprachlichen Teilhandelns und Handelns“ (Hermanns 2003: 153f.). Bezogen auf einen Text spricht er damit in erster Linie die Textsorte an, die der Rezipient erkennen muss.

1.4.5 Handlungstypverstehen

Das Problem ist hierbei, dass prinzipiell alles für eine jeweilige Handlung relevant sein kann. Beim Bezeichnen einer Handlung wird aber abstrahiert und lediglich auf diejenigen Merkmale geachtet, die einen Handlungstyp ausmachen. Eine Beschreibung sprachlicher Handlungstypen kann als pauschale Interpretation „aller kommunikativer Akte angesehen werden, die zum jeweiligen Typ gehören. Analog gilt dies auch für Textsorten als Texttypen“ (Hermanns 2003: 154).

Die Verstehensgegenstände wurden für die Untersuchung in dieser Arbeit vereinfacht, damit die Probanden verstehen konnten, worum es bei der Aufgabenstellung ging. Genaueres dazu findet sich im empirischen Teil der Arbeit. Erst einmal muss nun im zweiten und dritten Teil der Arbeit geklärt werden, was Ironie ist und wie pragma-linguistische Theorien mit dem Problem des uneigentlichen Sprechens umgehen.

„Keine lexikalische, syntaktische oder gar textuelle Regel oder Norm ist geschichtslos. Gerade viele der geistreichen Ausdrucksformen, zu denen die Ironie zu zählen ist, können nur dann recht gewürdigt werden, wenn man die Tradition des Sprechens und des Schreibens kennt, die ihnen zugrunde liegen.“

(Müller 1995: II)

2. Zweiter Teil: Ironie

Die Ironie hat eine über 2'400 Jahre alte (dokumentierte) Tradition in der abendländischen Kultur. Historisch betrachtet ist sie „eine Form der Rede, die in der Moralistik, Sophistik und Komödie der Griechen bereits um 400 v. Chr. nachweisbar ist, wobei die Etymologie der Wortfamilie (ειρων, eírōn[32], Ironiker) und (ειρωνεια, eírōneia, Ironie) ungeklärt ist“[33] (Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 4 1992ff.: 599[34] ). Aufgrund ihrer langen Geschichte, relativen Unschärfe und philosophischen Dimension (vgl. Plett 2001: 122) enthält diese Arbeit auch ein philosophisch-historisches Kapitel. Es soll gezeigt werden, woher die Bedeutung der Ironie kommt und wie sie sich durch die Jahrtausende verändert hat. Nur durch die historische Dimension lassen sich manche diffusen Aspekte des heutigen Ironiebegriffes tatsächlich erklären und verstehen (vgl. Müller 1995: IIf.) so z.B. da, wo sie „weit über das bloße Gegenteil des Gesagten hinausgehen“ (Hartung 1998: 12).

‚Ironie’ ist „eigentlich ein rhetorischer Fachbegriff, der in die Alltagspraxis übernommen wurde“ (Hartung 1998: 12). In der Rhetorik – häufig in politischen Auseinandersetzungen – diente die Ironie dazu, den konträren Standpunkt zu schwächen, indem man den Gegner bloßstellte, damit der Lächerlichkeit preisgab und gleichzeitig die Sympathien des Publikums gewann (vgl. Cicero, De Oratore, II 262). Der Begriff der Ironie hat seinen Ursprung aber trotzdem in der Alltagssprache, der er entnommen und in der antiken Rhetorik instrumentalisiert wurde (vgl. Hartung 1998: 12). Dass man sich durch Ironie aber nicht nur Sympathien verschaffte, zeigt das ursprüngliche Verständnis von Ironie als Verhalten bei den alten Griechen. Aus diesem stammt wohl auch das im antiken Verständnis (ursprünglich) hauptsächlich als negativ wahrgenommene und moralisch verwerfliche Verstellen zum Verschaffen eines eigenen Vorteils des Ironikers.

2.1 Griechische Antike

2.1.1 Antike Moralistik

Das erste Auftreten der Ironie wird in den Komödien des Aristophanes (ca. 450-385 v. Chr.) bezeugt. Hauptsächlich erscheint sie dort in der pejorativen Bedeutung als Schimpfwort, das den Ironiker mitten unter Lügner, Rabulisten, Rechtsverdreher, durchtriebene, abgefeimte glatte Gesellen stellte (vgl. Wolken 443ff.; vgl. auch Vögel 1211). Sokrates bezeichnet er als protzerischen Scharlatan, der wissenschaftlichen Unsinn von sich gibt[35] (vgl. Behler 1972: 18; Bergson 1971: 411/414). Ursprünglich war die Bedeutung von eironeia laut Knox (1973: 21) wahrscheinlich ‚sagen’ oder ‚fragen’. Bezeichnet wurde seit Aristophanes mit der Ironie aber ein Verhalten und zwar hauptsächlich ein ‚Klein tun ’, um sich vor „Verpflichtungen aller Art zu drücken“ (Hartung 1998: 13).

2.1.2 Sokratische Ironie

Alle Theoretiker der klassischen Antike (Aristoteles, Cicero, Quintilian) sind sich darin einig, in Sokrates den Meister der Ironie gefunden zu haben (vgl. HWdR 1992ff.: 600). Bei ihm erscheint Ironie in der „verfeinerten, humanen und zugleich humorvollen Selbstdemütigung“ (HWdR 1992ff.: 601) und im Grunde ist an Sokrates’ ironischem Verhalten daher nichts Durchtriebenes oder Lügnerisches.[36] Ganz im Gegenteil: Sokrates tritt zu einer Zeit auf den Plan, da durch die Sophisten, die ‚objektive’ Wahrheit „zugunsten eines augenblicklich erfolgversprechenden Wahrheitsbeteuerns zurückgedrängt“ wird (Müller 1995: 7). Sokrates dagegen vertritt mit seiner Maieutik[37] eine komplett andere Position als die der Sophisten: Zur Einsicht kann nur gelangen, wer von innen erkennt. Wahrscheinlich wurde er von seinen Zeitgenossen mehrheitlich falsch verstanden, was sich nach Hartung (1998: 13) in der scharf attackierenden Darstellung des Sokrates in Aristophanes’ Komödie Die Wolken spiegelt (s.o.). Sokrates, der durch sein berühmtes Nichtwissen sein Gegenüber in Verlegenheit bringt, gleichzeitig foppt und letztendlich auf die richtige Gedankenbahn bringt, sieht die direkte Interaktion von Mensch zu Mensch als wesentliche Form der Erkenntnis (vgl. Müller 1995: 7) und entwickelt seine Gedanken daher einzig im Gespräch (vgl. Hügli/Lübke eds. 1997: 582). Flüchtig wie die gesprochene alltägliche Ironie (vgl. Müller 1995: II) ist auch die rein gesprochene, dialogische, undogmatische Philosophie des Sokrates: Daher ist sozusagen aus erster Hand von Sokrates nichts Schriftliches überliefert und folgerichtig meint Müller (1995: 24), dass es – bedingt durch den skeptischen Grundzug und die Unabgeschlossenheit der sokratischen Maieutik – auch gar keine sokratische Lehre und kein schriftliches Werk geben kann. Die Inhalte seiner Philosophie sind daher höchstumstritten und die schriftlichen Quellen anderer Philosophen, die über Sokrates berichten, äußerst widersprüchlich (vgl. Hügli/Lübke eds. 1997: 582).

2.1.3 Platons Dialoge

Eine der wichtigsten Quellen der Sokratischen Philosophie sind heute die Dialoge von Sokrates’ Schüler Platon. In diesen versucht Platon, Sokrates quasi zu rehabilitieren (vgl. Hartung 1998: 14)[38] indem er darlegt, dass Sokrates’ Ironie nichts mit Sophistik und Scharlatanerie zu tun hat (vgl. hierzu z.B. Platon, Symposion 251b./216d.). Die Dialoge hatten jedoch den Effekt, dass Sokrates – statt als Meister der Maieutik – „als Meister der Ironie berühmt wurde“ (Hartung 1998: 14). Damit bereitet Platon den Weg für das römische Ironieverständnis vor, welches statt eines Verhaltens hauptsächlich eine Redeweise beschreibt. Zudem erweiterten die Dialoge auch die Bedeutung des Begriffs (ebd.), da Sokrates’ Persönlichkeit und dessen kunstvolle Darstellung Platons, die ursprünglich gering geschätzte Ironie „auf eine andere Ebene gehoben“ (HWdR 1992ff.: 601) hat. Dieser Bedeutungswandel zeigte sich zuerst in Aristoteles’ Werk der Nikomachischen Ethik (im Folgenden mit ‚EN’ abgekürzt).

2.1.4 Aristoteles’ Tugendlehre

Die bis dato negative Bedeutung des ironischen Verhaltens zeigt sich konsequenterweise in Aristoteles’ Tugendlehre und nicht etwa in der Poetik oder der Rhetorik (vgl. Allemann 1970: 12). Kernstück der EN ist die Mesotes -Lehre: Aristoteles streicht dabei den Mittelweg als den Weg der Tugend zwischen zwei Extremen heraus: einem tadelnswerten Mangel und einem Übermaß, das er als Fehler bezeichnet.[39] Als Beispiel kann angegeben werden: Tapferkeit als wertgeschätzter und tugendhafter Mittelweg zwischen Feigheit und Tollkühnheit (vgl. EN II7, 1107b1–4). In ein Dilemma gerät Aristoteles mit seiner Mesotes -Lehre in dem Moment, in welchem die Ironie thematisiert wird: Da diese von der Wahrheit abweicht, kann sie moralisch nicht wünschenswert sein.

Was die Wahrheit betrifft, so heiße der Mittlere wahrhaftig und die Mitte Wahrhaftigkeit, das Übertreiben dagegen Unverschämtheit, und wer sie besitzt, unverschämt, das Zuwenig-Tun dagegen Ironie und Ironiker (EN II7, 1108a19–22).

Doch „die Ironie ächten hieße, auch Sokrates als unmoralisch hinzustellen“ (Hartung 1998: 15), was Aristoteles seinem großen Vorgänger nicht antun kann. Nach Müller (1995: 10) macht Aristoteles hier eine Ausnahme und sprengt – „sympathisch inkonsequent“ (Weinrich 1964; 1974: 60) – den strengen Rahmen der Tugendlehre. Dies, indem er die Übertreibung αλαζονεια (alazoneia) von der Untertreibung ειρωνεια (eironeia) trennt und dem Ironiker eine feinere Art und edlere Motive unterstellt.[40] Hartung (1998: 15) ist der Meinung, dass Aristoteles sich wohl deshalb direkt auf Sokrates bezieht:

Der Ironische, der sich geringer macht, scheint eine feinere Art zu haben; denn er scheint nicht wegen des Gewinnes so zu sein, sondern um die Anmaßung zu meiden. Am liebsten verleugnet er, was große Ehre macht, wie es auch Sokrates zu tun pflegte. Wer [...] die Ironie mit Maß anwendet und in nicht gar zu handgreiflichen und bekannten Dingen, erscheint als liebenswürdig (EN IV13, 1127b22–31).[41]

Büchners (1941: 341) freiere Übersetzung nennt an dieser Passage der EN nicht die „Anmaßung“, sondern eher bezogen auf den Hörer, dass der eiron durch seine Herabsetzende Art dem Gegenüber das „Gefühl der Minderwertigkeit“ erspart. Durch diese Übersetzung werden die „edleren Motive“ (s.o.) stärker herausgestrichen als bei jener mit „Anmaßung“. Die Sicht Platons und seines Schülers Aristoteles auf den Ironiker konnte sich aber nicht halten (vgl. Hartung 1998: 16; Lapp 1997: 28): Theophrast (372-288 v. Chr.) als direkter Nachfolger von Aristoteles und in dessen Anschluss auch Ariston bezeichneten den eiron wiederum als fragwürdigen Charakter, letzterer macht sogar direkte Anspielungen auf Sokrates (vgl. Behler 1972: 23f.). Besonders im praktischen Leben konnte sich das sympathische Bild des eiron nicht durchsetzen (vgl. Bergson 1971: 418), und so beschreibt Theophrast nach Hartung (1998: 16) im Grunde genommen Sokrates, wie er auf seine Mitbürger gewirkt haben muss, die seine Philosophie und den tieferen Sinn seiner Art zu handeln nicht verstehen konnten.

2.2 Römische Antike

Die römische Rhetorik hat den klassischen Ironiebegriff entscheidend mitgeprägt, der sich anschließend bis ins 18. Jh. gehalten hat (vgl. HWdR 1992ff.: 603) und auch heute noch weit verbreitet ist (vgl. Hartung 1998: 12). Im Rahmen der Rhetorik, genauer: in der Rhetorik an Alexander,[42] erscheint die Ironie zum ersten Mal als spöttische Redeweise, bei der das Gegenteil des Gemeinten zum Ausdruck gebracht wird. Später wurde hinzugefügt, dass bei der Ironie das Gemeinte für den Verständigen durch die Art des Sprechens und Gebärden ersichtlich werde (vgl. HWdR 1992ff.: 604; Büchner 1941: 355f.), was sie befreit von „jedem moralischen Makel“ (Weinrich 1964; 1974: 60). Als bemerkenswert streicht Hartung (1998: 18) zudem heraus, dass Ironie in der Rhetorik an Alexander „als ein Mittel beschrieben wird, um einen Abschnitt oder ganze Reden zusammenzufassen.“

2.2.1 Cicero

Cicero trennt die Ironie auf in dissimulatio[43] und inversio. Für letztere gibt er die Bedeutung an, dass lediglich die Wortbedeutung ins Gegenteil verkehrt wird,[44] unter dissimulatio versteht er eine Verstellung über eine längere Sequenz, deren urbanen Charakter Cicero nachdrücklich herausstellt:

(269) Von feinem [ urbana, U.W.] Witz zeugt auch die Ironie [ dissimulatio, U.W.], bei der man anders redet, als man denkt, nicht in dem vorhin angegebenen Sinne, dass man das Gegenteil sagt [ inversio, U.W.], wie Crassus gegenüber Lamia, sondern in gespieltem Ernst des ganzen Stils der Rede, wobei man anders denkt, als man redet (De Oratore, II 269).

und weiter

Graeco eum verbo appellat ειρωνα (De Oratore, II 270).

Hartung (1998: 21) schließt daraus, dass Cicero, sofern er die ironische Redeweise bezeichnete, den Begriff der dissimulatio vor Augen hatte und damit eine durch kontextuelle Merkmale durchschaubare Verstellung meinte; anders lässt sich die Betonung der ironischen urbanitas und das damit gewonnene Ansehen der Redeweise auch nur schwerlich erklären.

Im ersten Zitat lässt sich im letzten Teilsatz herauslesen, dass bei der Definition der Ironie als dissimulatio eine Bedeutungserweiterung stattfindet: „aliter sentias ac loquare“ (De Oratore, II 269), schließt zwar auch ein, dass man das Gegenteil dessen denkt, was man sagt. Doch die Formulierung bleibt offener, denn aliter meint schlicht ‚etwas anderes’.[45] Diese Erweiterung führt nach Lapp (1997: 23) dazu, dass Cicero und später Quintilian die Ironie generell als eine Form des Scherzens beschreiben.

2.2.2 Quintilian

Bei Quintilian bleibt die Doppelbedeutung der Ironie als Verhalten und Redeweise erhalten. Nach wie vor galt das Verhalten, da es als ein echtes Verstellen, eine beabsichtigte, undurchsichtige und reale Täuschung darstellte, moralisch geächtet, während die (bei Quintilian und Cicero auch im Rahmen der niveauvollen erheiternden Wirkung abgehandelte)[46] ironische Redeweise als feine Art wahrgenommen wird. Quintilians Verdienst ist es, dass die Ironie unter die Tropen und Figuren subsumiert wurde (vgl. HWdR 1992ff.: 604):

(54) Zu der Art von Allegorie aber, in der das Gegenteil ausgedrückt ist, gehört die Ironie. Die Römer nennen sie ‚illusio’ (Verspottung). Diese erkennt man entweder am Ton, in dem sie gesprochen wird, oder an der betreffenden Person oder am Wesen der Sache; denn wenn etwas hiervon dem gesprochenen Wortlaut widerspricht, so ist es klar, dass die Rede etwas Verschiedenes besagen will (Institutio Oratoria, VIII, 6, 54).

Bei ihm tritt die Unterscheidung von simulatio (sich stellen) und dissimulatio (sich ver stellen) auf. Damit bezeichnet er Verhaltensstrategien, „die tatsächlich eine echte Verstellung darstellen“ (Hartung 1998: 22) und somit undurchschaubar bleiben müssen. Mit der Ironie haben die beiden Begriffe also nur die Verstellung gemeinsam, es fehlt ihnen jedoch an der ironischen Durchsichtigkeit des Verhaltens. Während Quintilian unter der dissimulatio konkret ein „bewusstes Dummstellen oder absichtliches Missverstehen“ (Hartung 1998: 23) versteht, stellt sich der Redner bei der simulatio so, als sei ihm „eine bestimmte Auffassung wirklich zu eigen“ (Institutio Oratoria, VI, 3, 85). Konkret meint sie beispielsweise das Zitieren der gegnerischen Position: Der Redner ist sich dabei „der Überzeugungskraft so sicher, dass er [...] die lexikalische Wertskala des Gegners verwendet und deren Unwahrheit durch den (sprachlichen oder situationsmäßigen) Kontext evident werden lässt“ (Lausberg 1990: §582). In diesem Simulieren der fremden Position erkennt Müller (1995: 11) den „Prototyp der Anspielungsironie“.

2.3 Von der Antike bis in die Gegenwart

In den Jahrhunderten nach der Antike ist die Ironie zunächst schwer zu fassen und schlecht dokumentiert (vgl. Müller 1995: 27). Lapp (1997: 27) bemerkt, dass sich im Bereich der Rhetorik und Stilistik die Ironieauffassung nicht wesentlich verändert habe (vgl. auch Kohvakka 1997: 19); eine Nuancierung und Ausweitung erfuhr die Ironie jedoch gegen Ende des 18. Jahrhunderts bei Friedrich Schlegel. Die Ausweitung des Begriffs zeigt sich darin, dass Schlegel die Ironie erstmals über die eingeschränkte Verwendung in der Rhetorik hinaus auf klassische und moderne Literatur Europas anwandte (vgl. HWdR 1992ff.: 609): Die Ironie wird hier „von der Epik als Erzählhaltung entdeckt“ (Weinrich 1964; 1974: 60) oder gar zum weltanschaulichen Prinzip (Hartung 1998: 58) und zur Gedankenfigur (Lausberg 1990: §585). Während die rhetorische Ironie also auf einzelnen Textstellen gründet, so ist die dichterische Ironie „durchgängig im Ganzen und überall“ (HWdR 1992ff.: 609) wirksam,[47] was sich nach Plett (2001: 122) auch an neu gebildeten Termini wie „dramatische, tragische, romantische Ironie und Schicksalsironie“ zeigt. Bei den Romantikern wird sie zum metaphysischen Habitus (vgl. Weinrich 1964; 1974: 60).[48]

Abgesehen von dieser romantischen Ironieauffassung zeigt sich nach Hartung (1998: 29) bei der Rekonstruktion des antiken Ironiebegriffs (zumindest bei der Ironie als Redeweise) „nicht nur eine beeindruckende Vielfalt und ausführliche Bestimmung des Phänomens“, sie deckt sich sogar mit seinem synchron erarbeiteten Begriff. So nennt er (ebd.) als wesentliche Merkmale etwa: die „kurzfristige Verstellung in einer einzelnen Äußerung, die immer als Verstellung erkennbar gemacht werden muss“ oder „daß die Verstellung nicht den allgemeinen Erwartungen entspricht“ und darauf abzielt, den Gegner „und seinen Standpunkt“ mithilfe des komischen Potentials der Ironie abzuwerten. Des Weiteren muss Ironie nicht explizit markiert sein, sondern ergebe sich aus gemeinsamem Wissen, von welchem der Zuhörer Bedeutung und Funktion der Ironie ableitet. Diese Entdeckungen sollen in einem weiteren Schritt auf die geschriebene Ironie angewendet werden. Auf aktuelle einschlägige Literatur abgestützt, sollen sie weiter ausdifferenziert werden.

„Definieren bedeutet immer, das anzugeben, was für einen von Interesse ist, also das Interessierende von dem abzugrenzen, was nicht von Interesse ist.“

(Reichertz 2007: 3)

2.4 Definition von Ironie

Bei einer derart langen Geschichte und damit verbunden bei einer derart breiten Definitionsbasis und Bedeutungsveränderung, versteht es sich von selbst, dass die Definition eines dermaßen schillernden Begriffes an dieser Stelle sehr schwierig ist. Insofern soll das Zitat von Reichertz (s.o.) verdeutlichen, wie nun vorgegangen wird: Erst wird versucht, alle wesenhaften Aspekte des Begriffes anzugeben und zu beschreiben. Nicht immer sind alle Aspekte gleichermaßen wesentlich für die Definition, können aber in der einen oder anderen Form von Ironie vorkommen. Einschränkend sei zudem bemerkt, dass es letztendlich bei der vorliegenden Arbeit darum geht, welche Vorstellungen von Ironie die Testperson hat. Eine allzu feine Definition wird – zumindest für die empirische Untersuchung – nicht von Nöten sein, da davon ausgegangen werden kann, dass Mittelschüler, bei denen die Untersuchung durchgeführt wurde, nicht über eine streng wissenschaftliche Definition verfügen.[49] Hartung (1998: 12) ist der Meinung, dass der Be-griff der Ironie gerade in der modernen Alltagssprache eine enorme Verkürzung und Einschränkung erlebt hat: Ironie wird von Sprechern oftmals als das Gegenteil dessen definiert, was gemeint war,[50] während dieselben Sprecher (ironischerweise? paradoxerweise?) in den bei ihm diskutierten Beispielen „alle Register ironischer Sprachverwendung“ ziehen, also nicht bei der relativ einfach gestrickten Wortironie verharren. Hartung sieht den Grund für diesen Umstand darin, dass die Ironie ein flüchtiges Phänomen ist und sich in der ‚Alltags meta sprache’ gerade dann verflüchtigt, wenn über sie nachgedacht werden soll. Alltagssprecher halten sich nach Hartung (ebd.) an die triviale Gegenteilsdefinition, damit sie sich gemeinsam überhaupt über Ironie unterhalten können.[51] Der erfreuliche Aspekt an Hartungs Entdeckung ist, dass Kommunikationsteilnehmer – und somit auch Leser – prinzipiell in der Lage sind, nebst der relativ banalen Wortironie, komplexere Formen ironischer Rede zu produzieren und zu erfassen. In den folgenden Kapiteln wird der Begriff der Ironie, bei der einfachen Wortironie und Satzironie beginnend, immer komplexer und tiefer beschrieben bis hin zur Gedankenfigur, bzw. Textironie. Im Anschluss daran werden die ironienahen Phänomene von dieser abgegrenzt. Des Weiteren muss man sich darüber im Klaren sein, dass hier Aspekte aus analytischen Gründen auseinander gehalten werden, die einander sehr nahe sind, und als ironische Erscheinung ‚natürlicherweise’ (teils) gar als ein Ganzes auftreten oder einander bedingen.

2.4.1 Wortironie, Satzironie

Zunächst ist Ironie relativ unspezifisch ausgedrückt eine mehrschichtige Erscheinung: Aus „einer ironischen Äußerung sind immer eine wörtliche und eine nicht-wörtliche Bedeutung abzuleiten (Kohvakka 1997: 22). Für Black (2006: 119) ist Ironie „a complex phenomenon, which engages us on various levels.“ Spezifischer äußern sich zeitgenössische Lexika, wo Ironie häufig mit dem Begriff des Gegenteils verbunden wird (vgl. Kohvakka 1997: 19), doch auch wissenschaftliche Arbeiten streichen die Gegenteiligkeit von Gesagtem und Gemeintem heraus: So zum Beispiel Lausberg (1990: §582): „Die Ironie ist der Ausdruck einer Sache durch ein deren Gegenteil bezeichnendes Wort.“ Nicht mehr restriktiv auf das Wort bezogen sind die folgenden Definitionen zu verstehen: Asmuth/Berg-Ehlers (1974: 129) sind der Meinung, Ironie liege dann vor, wenn „jemand das Gegenteil dessen sagt, was er meint“ und im HWdR (1992ff.: 559f.) steht:

Als für alle Bereiche [gemeint sind Rhetorik, Philosophie, Literatur, Alltagsprache; U.W.] grundlegende Definition kann die Formulierung verwandt werden, dass durch die Ironie das Gegenteil des Gemeinten geäußert wird, dass man das Gegenteil von dem zu verstehen gibt, was man sagt.

Mit der Gegenteil-Definition eng verbunden ist die konventionalisierte, erwartbare und damit leicht verstehbare Ironie von der Form „Du bist (aber) ein Held!“ (vgl. Stempel 1976: 226). Diese konventionalisierte Ironie ist nach Stempel (ebd.) eher als Sonderfall zu behandeln.[52] Einwände gegen diese Gegenteil-Definition wurden relativ bald laut. Da äußerte unter anderem Stempel (1976: 213) die Vermutung, „dass wir [...] mit der ‚Gegenteil’-Definition der Ironie nicht ihren springenden Punkt treffen“ und Japp (1983: 38) kommt zum Schluss, dass sie nicht alle Spielarten von Ironie zu beschreiben vermag:

Auf die verbale Ironie [gemeint ist die Wortironie; U.W.] trifft die Bestimmung, derzufolge die Ironie das Gegenteil von dem sagt, was sie meint, am genauesten zu. [...] Allerdings ist hierzu einschränkend zu sagen, dass in einer ironischen Aussage nicht immer das Gegenteil gemeint ist, sondern häufig einfach etwas anderes.

Bereits auf teil-verbale Ironie (vgl. Plett 2001: 116) trifft die Gegenteil-Definition nämlich nicht mehr recht zu, denn diese meint ein „Widerspiel von Wort und Nicht-Wort (Gegenstand, Handlung, Ton, Bild).“ Als Illustration hierfür soll ein Beispiel aus dem Stadtberner Audioguide dienen, wie er Touristen auf den Stadtbummel mitgegeben wird: Der Mosesbrunnen auf dem Münsterplatz. Die Stimme sagt:

Moses, wie üblich als bärtiger Mann dargestellt, hält die Tafel mit den zehn Geboten in der Hand und zeigt auf das zweite Gebot: ‚Du sollst dir kein Bildnis machen.’ Bern ist eine reformierte Stadt, und während der Reformation wurden Bildnisse von Gott, aber auch anderer Heiliger aus den Kirchen verbannt – so auch aus dem Münster. Der Brunnen ist die Entschuldigung der Berner für den Bildersturm.

Ironisch ist dieses Beispiel in zweierlei Hinsicht. Zum ersten wird die Schuld für das Entfernen der Bilder mit dem Hinstellen eines Bildes abgegolten, was widersinnig scheint. Zum zweiten verweist die Figur auf das göttliche zweite Gebot: ‚Du sollst dir kein Bildnis machen’, wodurch ihr eigentlich die eigene Existenzgrundlage entzogen wird. Die Signale sind also nichtsprachlicher Natur und ein Gegenteil ist schwer zu konstruieren.

Die Meinung, wonach die Ironie statt des genauen Gegenteils einfach etwas anderes meint, ist nach Kohvakka (1997: 22) hauptsächlich in neueren Werken verbreitet. Sie selbst gibt an, in der Ironie werde „etwas gesagt, aber das Gegenteil oder ‚etwas anderes’ gemeint.“ Auch Janich (2001: 145) meint Ähnliches bezogen auf die Äußerungssituation: „Der Sprecher meint das Gegenteil von dem, was er sagt, oder zumindest anders, als er es sagt.“ Häufig wird auch schlicht auf eine „Diskrepanz zwischen Meinen und Sagen, Sinn und Ausdruck“ (Ueding 2000: 68), „Differenz“ (Allemann 1970: 16) oder „disparity“ (Black 2006: 110) abgehoben. In dieser Differenz, Diskrepanz oder Andersartigkeit sieht Allemann (1970: 16) den Reiz der Ironie, da sie „anderes und mehr durchblicken lässt, als was sie buchstäblich sagt.“

Die Definitionen, welche die Andersartigkeit des Gemeinten in den Vordergrund stellen, haben jedoch einen schwerwiegenden Nachteil (z.B. gegenüber den reinen Gegenteil-Definitionen): Sie beschreiben – bezogen auf die Wortironie – einen Bestandteil prominent, der nicht allein auf die Ironie, sondern auf alle tropischen Redensarten zutrifft. Daher ist auch das Ironische im Sinne eines ‚etwas anderes sagen, als gemeint ist’ nach Lapp (1992: 39) nicht adäquat gefasst, weil dies „auf eine große Anzahl der unterschiedlichsten Sprachverwendungen ebenso zutrifft.“ Was Lapp hier anspricht sind rhetorische Stilfiguren, die sich gerade durch die Uneigentlichkeit des Sprachgebrauchs (vgl. Berg 1978) auszeichnen. Namentlich spricht Lapp Figuren wie Metapher, Litotes, Metonymie, Allegorie und Synekdoche an, welche konsequenterweise auch unter diese Definition fallen müssen, ohne aber ironisch intendiert zu sein. Einige dieser Formen – vor allem Metapher und Litotes – können selbst wiederum in herausragender Weise ironische Bedeutung erlangen: Die Litotes (gr. = Schlichtheit) deshalb, weil das der Ironie nicht untypische ‚Kleintun’ (die Untertreibung; vgl. EN IV13, 1127b22-31) bei ihr notwendiger und hinreichender Definitionsbestandteil ist und in der Metapher ähnlich verfahren werden kann, wobei bei ihr zusätzlich übertrieben werden kann. Wie nahe die Ironie der Metapher und anderen Tropen ist, soll im folgenden Exkurs kurz erläutert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An die Stelle der habituellen Bezeichnung tritt eine okkasionelle und aus dieser Un-eigentlichkeit resultiert eine Spannung, „da der Rezipient ständig aufgerufen ist, für sich die habituelle Bedeutung eines Tropus zu erschließen“ (Plett 2001: 89). Die erforderte Eigenleistung des Rezipienten kann als erste Gemeinsamkeit von Metapher und Ironie bezeichnet werden, auf die hier verwiesen werden soll, denn auch die iro-nische Bedeutung baut „auf dem Spannungsverhältnis zwischen wörtlicher und abgeleiteter Bedeutung auf“ (Oomen 1983: 35).

Durch okkasionelle Bezeichnung ersetzt werden können einzelne Wörter (aber auch Sätze oder Gedanken (vgl. Plett 2001: 90)) wobei Substituendum und Substituens nie ohne Zusammenhang sind, sondern ein tertium comparationis (Gemeinsamkeit) aufweisen (vgl. Berg 1978: 101); in obigem Beispiel etwa Standhaftigkeit, Widerstand, Unerschütterlichkeit und Ähnliches. Die Nähe von Ironie und Metapher, lässt sich an obigem Beispiel zweitens am Kontext aufzeigen: Stimmt die Aussage mit der (zumindest intersubjektiven) Realität überein, so ist sie rein metaphorisch gesprochen. Stimmt sie nicht und beabsichtigt der Sprecher, den Hörer zu täuschen, wird sie zur Lüge. Ist sie dagegen offensichtlich falsch, beispielsweise weil der Kämpfer beiden Kommunikationsteilnehmern als Hasenfuß[53] bekannt ist, wird sie zur ironischen Äußerung.

Drittens lässt sich verdeutlichen, dass der Tropus eine interpretatorische und damit wertende Leistung vollbringt: „Er legt die Realität in bestimmter Weise aus. Für den Interpreten repräsentiert er daher einen Erkenntniswert, der ihn ständig zum ‚synthetischen Denken’ provoziert [...]“ (Plett 2001: 89). „Ironische Äußerungen enthalten immer eine bewertende Komponente in ihrer Bedeutung, da die Informationen, auf die sie verweisen, in einem Bewertungszusammenhang stehen“ (Hartung 1998: 162). Der Sprecher interpretiert die Realität und gibt sie an den Hörer weiter, der das Gehörte mit Realität und/oder Wissen verbinden und daraus verstehen muss, was dieser gemeint hat. Dabei wäre es falsch, einfach anzunehmen, dass die uneigentliche Bedeutung die wörtliche bloß ersetzt. Nach Hartung (1996: 118) bezieht Ironie „gerade aus dem Nebeneinander zweier sich ausschließender Bedeutungen ihren Reiz.“ Bei all den Ausführungen zur Wortsubstitution („Ein-Wort-Ironie“; vgl. Lapp 1997: 25) darf nicht vergessen werden,

dass Ironie propositional repräsentiert wird. Sie wird durch den Satz produziert, z.B. durch die Aussage, dass ein bestimmter kleiner Mensch ein Riese ist. Die Ironie kommt also nicht durch eine abstrakte Opposition zwischen den gegensätzlichen Eigenschaften der Größe und Kleinheit zustande, sondern sie basiert auf dem vorgeblichen Glauben des Sprechers an die Wahrheit der betreffenden Aussage und auf einem entsprechenden Schluss des Hörers auf den kontradiktorischen Gegensatz (ebd.).

Bis zu diesem Punkt greifen pragmatische Theorien, denn diese beschäftigen sich mit Sprache hauptsächlich auf Basis des Satzes.[54] Sobald sich allerdings die ironische Intention auf größere Textabschnitte und nicht allein auf den Satz stützt – wenn aus Wortironie und Wortfigur Gedankenfiguren werden, die sich über längere Text(abschnitt)e erstrecken –, kommen diese Theorien in Erklärungsnotstand. Literarische Ironie beispielsweise, in einem mehr oder weniger anspruchsvollen Sinn – nicht bloß mit der Fundamentaldefinition Ironie ist der Gegensatz zwischen wörtlich und eigentlich Gemeintem – gedacht, „kann sich niemals auf das Ironische einzelner Sätze beschränken“ (Allemann 1970: 18), zumal man sich vorstellen muss, dass der Leser bei der Lektüre allein auf die sprachlichen Zeichen und sich selbst gestellt ist. Er ist nicht in einer Situation eingebunden, sondern frei. Diesem Umstand widmet sich das anschließende Kapitel, während Kap. 2.4.8 noch einmal auf Gegenteil, Widerspiel (vgl. Plett 2001: 116) und Paradox in der Ironiekonstruktion eingeht.

2.4.2 Geschriebene Ironie: Fiktionsironie vs. Stellenironie

Indem Ironie in der vorliegenden Arbeit in ihrer schriftlichen Manifestation untersucht wird, befindet sich der Gegenstand unweigerlich – quasi bedingt durch das gewählte Medium[55] – an der Schnittstelle zur Literatur, bzw. zur literarischen Ironie (Fiktionsironie[56] ). Einzige Analysegrundlage bietet hierbei der Text und damit verbunden wird hauptsächlich der Stil, d.h. die Lexik, rhetorische Figuren o.ä. untersucht (vgl. Kohvakka 1997: 42). Geschriebene Ironie ist nicht derart flüchtig wie die gesprochene, dialogische und responsive (Hartung 1998: 28) Ironie zwischen zwei oder mehreren Personen in der Alltagssprache. Bedingt durch die Fähigkeit der Schrift, Sprachprodukte zu konservieren (vgl. Metzler, Lexikon Sprache 2000: 607) – und die damit einhergehende raum-zeitliche Unabhängigkeit –, kann das Identifikationsraster für Ironie in der Literatur gewissermaßen ‚grobmaschiger’ sein. Das heißt, geschriebene Ironie kann sich quasi von der reinen Wortironie emanzipieren und sich auf größere Textteile oder gar ganze Texte beziehen. Nach Japp (1983: 43) erkennen wir diese Ironie auf textueller Ebene aufgrund einer Erwartungsenttäuschung durch Stil- bzw. Textsortenwissen, denn wir erwarten

zum Beispiel nicht, dass in einem Roman ein schöner Augusttag in der Terminologie der Meteorologie beschrieben wird. Geschieht es dennoch, so bemerken wir eben an dieser Inkongruenz die Ironie. Diese Ironie gilt zwar unseren Erwartungen (den Erwartungen, die der Autor von uns erwartet), aber sie gilt auch der Literatur und dem Stil selbst.

Die Ironie ist also bei ihm eine bestimmte Schreibweise im Zusammenhang der anderen Schreibweisen. Damit aber noch nicht genug, denn der Hauptunterschied zwischen Fiktionsironie einerseits, und tropischer Wort- oder Stellenironie andererseits zeigt sich bei Allemann (1970: 18), der sagt, dass ein wesentlich ironischer Text nicht eine Aneinanderreihung ironischer Bemerkungen sei. Wo solch „vordergründige Signalisierung“ (Japp 1983: 42) wie bei der verbalen Ironie fehlt, lässt sich Ironie demnach nirgends punktuell erfassen, und damit ergibt es sich, „dass ein hochironischer Text denkbar ist, in dem keine einzige ‚ironische Bemerkung’ fällt“ (Allemann 1970: 18). Bei Allemann fehlt ein Stilbruch, der als Ironiesignal fungieren könnte, was zur Folge hat, „dass es hier in einem genauen Sinne nichts zu sehen gibt“ (Japp 1983: 47), denn die Begriffe bleiben gleich, die Wahrheitswerte aber verschieben sich (vgl. Asmuth/Berg-Ehlers 1976: 129; vgl. auch Kohvakka 1997: 16). Die verwendeten Signale „der literarischen Ironie sind von so verborgener Art, dass es schon fast nicht mehr statthaft ist, überhaupt noch von Signalen zu sprechen“ (Allemann 1970: 19). Mit anderen Worten: Der „Übergang von der verbalen Ironie zur literarischen Ironie ist der von einer zu vernachlässigenden Quantität zu einer unsichtbaren Qualität“ (Japp 1983: 43).[57] Ein Text, der als Ganzes ironisch ist, entzieht sich dadurch der Möglichkeit einer kotextuellen Ironieidentifikation i.S. Kohvakkas (1997; s.u.). Diese Anmerkung ist von großer Wichtigkeit bei der Analyse von Fiktionsironie: Ist hierbei kein Kontextwissen vorhanden, so lassen sich solche ganzheitlich ironischen Texte nicht adäquat verstehen. Während Allemann (1970: 20) der Meinung ist, eine Untersuchung müsse mit literaturwissenschaftlichen Mitteln durchgeführt werden, geht eine ‚alltägliche’ Interpretation eher den Weg über die Kenntnis des Autors und dessen „ironische Haltung“, Kenntnis der Zeitung, der Textsorte, etc., denn das „Ironische eines Textes ergibt sich stets nur aus dem Kontext im allerweitesten Sinne.“[58] Hauptproblem der Fiktionsironie ist, dass grundsätzlich jedes Werk als ironisch betrachtet werden kann, sofern dies jemand möchte.

2.4.3 Ironiesignal

An dieser Stelle wird es nötig, das Ironiesignal genauer zu betrachten. Während Allemann (1970: 20) der Meinung ist, Ironie werde umso ironischer, „je vollständiger sie auf Ironiesignale zu verzichten weiß“ und damit konsequenterweise in einem reinen „Null-Signal“ gipfelt, so ist sich Weinrich (1964; 1974: 60) sicher: „Zur Ironie gehört das Ironiesignal.“ Diese gegenteiligen Positionen sollen im Folgenden erläutert werden. Angemerkt sei einleitend dies: Bestandteil der Ironiedefinition ist, „dass der Zuhörer oder Leser die Abweichung ahnt oder gar durchschaut“ (Ueding 2000: 68). Dieser Umstand erfordert Signale; welcher Art auch immer.[59]

Somit ist das Ironiesignal eng verknüpft mit einem gelingenden ironischen Effekt. Es „macht den (freiwilligen) ‚Fehler’ des ersten sprachlichen signum [...] wieder gut“ (Lausberg 1990: 830). Wenn der Sender jedoch zu deutliche Zeichen gibt oder die Abweichung vom Gesagten durch den Ko-/Kontext zu eindeutig ist, wird der Empfänger in seiner Eigenleistung unterfordert: Er muss keine Arbeit mehr leisten, wie sie oben anhand der Metapher in ihrer einfachsten Form erläutert wurde (s.o.), die Ironie wird platt und uninteressant (vgl. Lausberg ebd.), denn die oben angesprochene Diskrepanz oder Disparität und die damit verbundene Erschließung der habituellen Bezeichnung oder des wie auch immer Gemeinten wird gänzlich unnötig.[60] Andererseits dürfen die Zeichen auch nicht allzu subtil sein, denn dann läuft der Sender Gefahr, inadäquat, nämlich wörtlich, verstanden zu werden: Seine ironisch intendierte Äußerung wird zur Täuschung oder Lüge (vgl. Groeben/Scheele 1984: 4). Für den Empfänger ist also einzig der Zustand „interpretativer Unbestimmtheit“ (Wirth 2000: 136), in dem er sich kurzzeitig befindet, interessant, denn „[...] part of the charm of irony is often to leave the hearer a little up in the air as to whether or not the speaker is ironical. If irony is transparent, it would simply fall flat. Therefore, irony must be implicit“ (Seto 1998: 252).[61] Wann ein Signal aber überhaupt eines ist und wann es allenfalls ‚zu eindeutig’ ist, lässt sich nicht ein für allemal festlegen, und es wäre „gewiss unzureichend, versuchte man dem Problem etwa durch die Aufstellung einer Signal-Typologie gerecht zu werden“ (Stempel 1976: 226). Es handelt sich bei den Signalen gerade „nicht um einen abgrenzbaren Korpus fixierter, konkreter sprachlicher Phänomene, sondern um eine Funktions-/ Verwendungsweise sprachlicher und parasprachlicher Mittel“ (Groeben/Scheele 1984: 9). Dabei sind die „Möglichkeiten, Ironie zu signalisieren, [...] prinzipiell unerschöpflich“ (Engeler 1980: 137f.). All diese Umstände machen das lustvolle Spiel von Gesagtem und Gemeintem aus. Allemann (1970: 21) spricht in diesem Zusammenhang von geradezu seiltänzerischer Manier, mit welcher der Autor die schwebende Zwischenlage zwischen trivial verstandenem Ernst der Aussage und planer Paradoxie meistert.

Ironiesignale sind nach Hartung (1998: 31) alle Eigenschaften ironischer Äußerungen, welche die wörtliche Rezeption stören und das Intendierte sicherstellen. So müssen theoretisch auch formal-sprachliche Ironiesignale in Texten zu finden und zu untersuchen sein. Nach Weinrich (1964; 1974: 61) bilden ja die vielfältigen Arten von Ironiesignalen in geschriebenen Texten sogar ein wichtiges Kapitel in der Stilistik der Ironie. Der Stilistik, der theoretischen und der tatsächlichen Untersuchung von Signalen in Texten, steht allerdings Hartungs (1998: 31) empirische Beobachtung entgegen, die zeigt, „dass der Löwenanteil der Disambiguierung einer ironischen Äußerung durch den Kontext (Ko-Text, Sequenzposition, gemeinsame Wissensbestände) geleistet wird, Eigenschaften der Äußerung haben dem gegenüber nur eine marginale Bedeutung.“[62] Eine „reine ‚Kataloglinguistik der Ironiesignale’“ bildet nach Müller (1995: I) ohnehin bloß „das letzte Glied einer Kette kontextuell ausgeformter Sinnstrukturen ab. Ihr Zweck scheint damit vom Ansatz her fragwürdig, ihr Wert begrenzt.“ Auch Groeben/Scheele (1984: 3) halten die Ergebnisse solcher Ironiesignalkompilationen für „absolut unbefriedigend, da sich letztlich herausstellt, dass praktisch alles ‚Ironiesignal’ werden kann.“ Daraus schließen sie, dass „Ironie nicht durch syntaktische oder semantische Analyse allein herausarbeitbar“ ist und der Kontext eine entscheidende Rolle spielt.

2.4.4 Kontext, Kotext

Hier soll neben dem Kontext auch der Begriff des Kotextes erläutert werden. Dieser ist in der Textlinguistik die Bezeichnung des textinternen sprachlichen Kontextes, der einer Textstelle vorausgeht oder folgt, „in Abgrenzung zum textexternen, situationalen Kontext“ (vgl. Metzler, Lexikon der Sprache 2000: 386). Während Kotexte die im Zusammenhang mit einer Äußerung relevanten anderen Äußerungen sind, wird der Kontext als Äußerungsumfeld – genauer als situatives, kulturelles, mediales Umfeld einer Äußerung – beschrieben (vgl. Sottong/Müller 1998: 81).[63] Dieser

Kontext liegt nun allerdings außerhalb des Textes: in einem angenommenen, vorausgesetzten und angespielten Verständnis, das der Leser, wie er annimmt, mit dem Autor teilt. Er bezieht sich also auf breite kulturelle Übereinstimmungen und kann sich folglich gerade hierin immer wieder einmal täuschen (Japp 1983: 45).

Sottong/Müller (1998: 81) illustrieren die Kraft des Kontextes mit dem Beispielsatz: „Na du kleines Scheißerchen“, der je nach Kontext komplett anders verstanden wird. Im ersten Fall äußert ihn eine wickelnde Mutter, im zweiten Fall wird er von einem Schüler gegenüber einem Lehrer geäußert. Dies ist nach Sottong/Müller ein Fall, der vollständig über den Kontext (natürlich unter Zuhilfenahme von Alltagswissen und -erfahrung sowie Wissen um soziale Codes, institutionelle Regeln, Settings, etc.) erklärt werden kann.[64] Ein anderer Fall liegt zum Beispiel im Gespräch mehrerer Sprecher vor, wo der Kontext immer gleich bleibt und die Äußerung lediglich aus dem Kotext interpretiert werden kann (1998: 82). Kotexte sind also selbst Äußerungen, die sich implizit oder explizit wiederum auf eine andere Äußerung beziehen; sie sind Satzzusammenhang im weitesten Sinn.

Ko- und Kontext bilden also ein enges Geflecht von Faktoren, die das zur vollständigen Interpretation einer Äußerung relevante Wissen aktivieren. [...] In diesem Sinne ist jede Interpretation einer beliebigen Äußerung immer mit der Aktualisierung von Wissen verknüpft (Sottong/Schmidt 1998: 82).

Dieses Geflecht von Ko- und Kontextfaktoren gilt es im Rahmen dieser Arbeit anhand eines Textes aufzufächern. Dies aus dem Grund, da in keiner Arbeit beschrieben ist, welche „Kontextfaktoren es [...] genau sind, über welche Ironie erkennbar wird“ (Hartung 1998: 172).[65] Wichtig im Hinblick auf die kotextuelle Analyse ist die Anmerkung Hartungs (1998: 27f.), wonach der Einsatz von Ironie nach rhetorischer Empfehlung, eher an den Schluss einer Rede gehört. Nachdem der Redner seinen Standpunkt ausführlich kundgetan hat, ist dem Zuhörer die Ironie verständlicher und sie kann sozusagen ‚unmarkiert’ angewandt werden (ebd.). Diese Aussage verdeutlicht den Status des Kotextes für die Analyse des ironischen Textes (vgl. auch Kohvakka 1997). Die Analyse durch den Verfasser soll sich nach diesen Kriterien richten und es wird angenommen, dass auch die Testpersonen nach kotextuellen Kriterien interpretieren. Dies aus dem Grund, da der verwendete Text und dessen Inhalt den Testpersonen mit großer Wahrscheinlichkeit unbekannt sein wird. Ihnen fehlt sozusagen ironierelevantes Wissen, was der Text durch seinen Aufbau aber überbrücken kann. Das explizite Wissen ist daher verglichen mit dem Kotext und den geteilten Werten von größerer Wichtigkeit.

2.4.5 Geteilte Werte: Der soziale Charakter der Ironie

Das Vorhanden-Sein und die Gewissheit der Geteiltheit bestimmter Wissensbestände ist eine „entscheidende Voraussetzung“ für eine erfolgreiche Ironie-Rezeption; zumindest in der von ihm untersuchten in der Alltagssprache gesprochenen Ironie (vgl. Hartung 1998: 172.). Ironie kann aber auch an Merkmalen festgemacht werden, die ein gemeinsames Wissen eigentlich unnötig machen. Viel wichtiger scheint dafür die Gewissheit, dass Werte geteilt werden. Dies macht deutlich, dass „das Verstehen der Ironie mitunter nur unter gleichgesinnten Kommunikationspartnern möglich“ ist (Kohvakka 1997: 29):

Ironie kann [...] zwischen den Sprechern eine enge Beziehung schaffen oder betonen. Denn da die ironische Äußerung immer gemeinsame Wertvorstellungen voraussetzt, impliziert sie Einverständnis. Aus diesem impliziten Einverständnis erklärt sich, dass ironische Äußerungen besonders häufig vorkommen und glücken zwischen Sprechern, die seit langem miteinander vertraut sind (Oomen 1983: 37).

Aber damit ist die erfolgreiche Ironierezeption längst nicht hinreichend erklärt. Mit verschiedenen Strategien in der Äußerung sowie in ihrem Umfeld „lässt sich diese Gewissheit beim Rezipienten verstärken“ (Hartung 1998: 172). Solche Signale betreffen die Lexik, Artikulation, ironische Formel[66] sowie den Kotext und werden „relativ zu den Kommunikationsteilnehmern und zur Situation signalisiert“ (Kohvakka 1997: 29).

Trotz dieser ‚Verstärkersignale’ ist Black (2006: 119) der Meinung, dass Ironie eine durch und durch gefährliche Strategie ist, denn Ironie ist nach ihr in der Alltagssprache zwischen (ironischen) Sprechern in erster Linie ein face threatening act.[67] Damit deutet sie auf die soziale Komponente der Ironie hin:

[...]


[1] Einen Überblick über alle beantworteten und offenen Fragen sowie deren möglichen weiteren Forschungsfragen bieten die Kap. 4.4.4.1ff.

[2] Wie unten gezeigt wird (vgl. Hartung 1998: 12; sowie 1998: 57f.) besitzen Alltagssprecher ziemlich komplexe unbewusste Vorstellungen des Ironiebegriffs.

[3] Scholz (1999: 7f.) verweist gar – unter erkenntnistheoretischem Blickwinkel – auf die herausragende Rolle des Verstehens als einem vorrangigen epistemischen Ziel, welches häufig unterschlagen werde; doch es sollte „klar sein, dass Wahrheit und Wissen wenig wert sind, wenn sie nicht von Verstehen begleitet sind.“

[4] Nach Wright (1974: 19) geht die Dichotomie zwischen Erklären und Verstehen auf den Historiker und Philosophen Droysen (1808–1884) zurück. Dilthey habe die methodologischen Ideen lediglich systematisch aufgearbeitet.

[5] Zum Begriff des Interpretierens siehe Kap. 1.3.3 in dieser Arbeit.

[6] Einen genauen Überblick über Beiträge zur linguistischen Hermeneutik – verteilt über die letzten 30 Jahre – geben Hermanns (2003: 127f.) sowie Hermanns/Holly (2007: 2). Die von diesen Autoren zitierten Werke haben entweder das Wort ‚Verstehen’ im Titel oder beziehen sich explizit auf linguistisch-hermeneutische Verfahren.

[7] Auch Wilhelm Dilthey hat die Wende von der Hermeneutik als Auslegung von Texten hin zur Hermeneutik als Analyse des Verstehens bei Friedrich Schleiermacher gesehen (vgl. Bätschmann 2001: 5).

[8] Man beachte Gadamers Wortwahl: Verstehen ‚geschieht’. Wäre Verstehen eine Handlung, könnte man es dadurch herbeiführen, indem man tätig wird. Als Nicht-Handlung geschieht es einfach.

[9] Zum Problem des ‚richtigen’ Verstehens s.u.; Kap. 1.3.2.2.

[10] Auch die Jurisprudenz geht von dieser Reihenfolge und diesem Ausspruch aus, wobei sinnigerweise „unklar ist, wie dieser Grundsatz verstanden werden soll“ (Unbekannter Autor 2007). Meint er – wie die Alltagssprache – ein pragmatisches Vorgehen da, wo es keine handlungsrelevanten Unklarheiten über die Wortbedeutung gibt, oder meint der Satz, eher semantisch orientiert, dass es tatsächlich Texte gibt, die so klar sind, dass sie nicht mehr interpretiert werden könnten? Dass sich angesichts eines eindeutigen Sinns einer Regelung aber keine Deutungsprobleme stellen (pragmatische Deutung), darf nach Arzt (1996: 80) nicht mit der Frage verwechselt werden, ob es einen eindeutigen Wortlaut gibt.

[11] Entwickelt worden war die Hermeneutik ja ursprünglich als Hilfswissenschaft zur Auslegung von Texten, hauptsächlich in Theologie und Jurisprudenz (vgl. Soeffner/Hitzler 1994: 30).

[12] Im Sinne von „Kunst/Technik/Methode des (kunstgerechten und mehr oder minder systematischen) Bemühens, ein Verstehen zu erlangen“ (Hermanns 2003: 130).

[13] Biere (2006: 503) meint mit Textverarbeitung gerade das „kommunikative Komplement“ zum Verstehen: die Interpretation. Diese wiederum ist als Kommunikation Handlung (siehe Tab1: Die Teilgebiete der Hermeneutik).

[14] Mit ‚Missverständnissen’ meint Falkner (1997: 3ff.) „die nachweisbaren Unfälle in der Kommunikation“, korrigiert aber die negativ wertende Bedeutung von ‚Unfall’ dahingehend, dass gerade das Entdecken des Missverstehens zu sehr komplexen, sozial wichtigen und metasprachlichen Aktivitäten führt.

[15] In seinem letzten Aufsatz ist Hermanns (2007: 150) jedoch der Meinung, dass – aufgrund der Entdeckung der Spiegelneurone in der Neurologie – Verstehen nicht nur ein ‚Erkennen’, sondern sogar ein ‚Erleben’ sei. Zum Ausdruck „Neurone“ merkt Hermanns (2007: 147) an: „Der Plural Neurone ist der in den Neurowissenschaften offenbar übliche. Früher sagte man Neuronen.“ Zur Spiegelneurone siehe Stamenov & Gallese (eds. 2002).

[16] Damit kommen wir in die Gegend von Peirce (vgl. dritte metonymische Ebene des Wortes ‚Hermeneutik’ in Tab.1; s.o.), der mit der Beschreibung des abduktiven Schlusses genau dieses (geistes)blitzartige Verstehen zu erklären versucht: „The abductive suggestion comes to us like a flash. It is an act of insight, although of extremely fallible insight“ (CP 5.181). In neuester Zeit führte die Heterogenität und sogar Widersprüchlichkeit des Begriffes der Abduktion zu Missverständnissen und damit verbunden gar zur Forderung nach einem „abductive turn“ (Wirth 2000: 134) in der Sprachphilosophie. Abduktion wird heute von vielen Autoren als dritte ‚logische’ Schlussweise gesehen – zusätzlich zu der induktiven und der deduktiven – und zwar als Schluss von einem Resultat auf eine Regel und auf einen Fall (vgl. hierzu beispielsweise den Aufsatz von Hobbs 2004 sowie die Erklärungen in der Wikipedia-Enzyklopädie http://de.wikipedia.org/wiki/Abduktion_%28Wissenschaftstheorie%29 [02.02.2007]).

[17] ‚miss-’ ist nach Kluge (2002: 623) ein „Präfix zum Ausdruck des Verkehrten“. ‚Verstehen’ bedeutet demnach – zumindest im Alltagsgebrauch des Wortes Verstehen – immer ‚richtig’ verstehen, während ein Missverstehen ein ‚nicht-richtig’, also Falsch-Verstehen, ist. Dies führt dazu, dass wir in einem ersten Erfassen des Satzes meinen, Falkner wolle sagen, dass auch ein Falsch-Verstehen ein Richtig-Verstehen sei; was natürlich unsinnig ist. Zum richtigen, adäquaten Verstehen und zur identischen Re-präsentation s.u. in diesem Kapitel.

[18] Gesetzt der Fall, Lesen wäre reine Sinn-Entnahme: Welche Rolle würde dann die Hermeneutik spielen? Es bräuchte sie nicht, weil aller Sinn unzweifelhaft aus den Zeichen oder aus dem Text entnommen werden könnte. Nach Wulff (1993: 328) lässt sich aber gerade der Text überhaupt nicht ohne den dazu tretenden Zuschauer beschreiben.

[19] Siehe hierzu unten Kap. 1.3.2.6 zur Empathie.

[20] Zum Funktionieren eines Textes siehe Falkner unten.

[21] vgl. hierzu Hermanns’ (2003: 139) nicht vorhandenes „Metawissen“.

[22] Die Zirkelstruktur des Verstehens (des Auslegens auf der Grundlage von Vorausgelegtem) geht auf Wilhelm von Humboldt zurück (vgl. Soeffner/Hitzler 1994: 31), der diesen Prozess den ‚hermeneutischen Zirkel’ nannte.

[23] Mit den Worten bottom-up und top-down ist wohl nichts anderes gemeint als induktives und deduktives Vorgehen im epistemischen Prozess (in der Philosophie). Allerdings steht davon seltsamerweise nichts in der einschlägigen Literatur.

[24] Wulff (1993: 329) nennt ähnliche Teilkomponenten, die den Erlebnischarakter der Spannung auslösen: Kognition, Emotion und Motivation. Anders als bei anderen Autoren, die Effekte von Spannungen beschreiben, ist er der Meinung, dass „Spannungskonstruktionen in hohem Masse kognitive Reaktionen des Zuschauers produzieren.“ Emotionen sind dabei Reaktionen auf das „kognitive Involvement“, emotional-affektive Beteiligtheit des Zuschauers also eine Folge und nicht das Primat in diesem Prozess.

[25] Präsuppositionen sind alle selbstverständlichen Voraussetzungen für spätere Äußerungen; also die implizite Informationen eines Satzes. Sie sind Teilmenge aller Präsumtionen (=Vorannahmen), weil Präsuppositionen nur die semantische Dimension der Darstellung betreffen. Zu den Präsumtionen kann auch gehören, „dass die SprecherInnen entweder aufrichtig sind oder versuchen, ihre HörerInnen zu belügen“ (Hermanns 2003: 151).

[26] Interaktionistische Erklärungsmodelle des Spracherwerbs weisen stark auf empathisches Verhalten von Neugeborenen hin; so z.B. Field et al. (1982; zit. nach Klann-Delius 1999: 140), die festgestellt haben, dass bereits zwei Tage alte Neugeborene die Mimik eines Erwachsenen zuverlässig nachahmen können. „Lachen ist ansteckend“ (Hermanns 2007: 129), dasselbe gilt für Weinen (ebd.: 143f.). Beides sind nach Hermanns angeborene Primärreflexe. Die Neurologie stützt diese These wiederum durch die Entdeckung der Spiegelneurone (vgl. Stamenov/Gallese eds. 2002; bzw. Bråten 2002).

[27] Hermanns (2007: 130) übernimmt die Terminologie von Bråten (2002) und bezeichnet mit „Ego“, die Person, die empathisiert, mit „Alter Ego“ diejenige, mit der empathisiert wird.

[28] Auch die Erfahrungen, die sich auf die kulturellen Besonderheiten einer Textsorte beziehen, schlagen sich in den Wissenssystemen und Erwartungen einer Kommunikations- und Kulturgemeinschaft nieder. „Wir finden sie ebenfalls in komprimierter Form im Textmusterwissen wieder“ (Fix 2006: 265).

[29] Vgl. hierzu auch Iser (1976: 398ff.), der das Komische als Kipp-Phänomen beschreibt, bei welchem sich die „zusammengeschlossenen Positionen wechselseitig negieren, zumindest aber in Frage stellen.“ Siehe hierzu auch den Exkurs unten sowie Kap. 2.4.8.

[30] Was nicht bedeutet, dass es für den Rezipienten nicht doch nebeneinander existieren kann. Allerdings wird eine Interpretation durch den Verfasser dann erheblich komplizierter, wenn nicht gar grundsätzlich problematisch.

[31] Da Max Weber Soziologe und nicht Linguist war, handelt es sich hier streng genommen um sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Diese „beruht auf der Prämisse, dass Menschen versuchen, ihrem Handeln einen einheitlichen Sinn zu geben, weil sie grundsätzlich bestrebt sind, mit sich selber eins zu sein, weil sie ihre Sichtweisen als Teil ihrer selbst betrachten“ (Soeffner/Hitzler 1994: 51). Sinnkonstanz (vgl. Hörmann 1976: 195f.) kann aber für die linguistische Hermeneutik nur dienlich sein; Spezialhermeneutiken dagegen sollten zugunsten einer einzigen, allgemeinen Hermeneutik aufgegeben werden (vgl. Biere 2006: 499; Scholz 1999: 80).

[32] „eírōn: einer, der sich unwissend stellt“ (Kluge 2002: 447) bei Büchner (1941: 339) auch pejorativ: Betrüger, Spötter, Schwätzer, Schmeichler, Prahler.

[33] vgl. zur Etymologie z.B. auch Büchner (1941: 340), Boder (1973: 12), Knox (1989: 139).

[34] Im Folgenden abgekürzt mit „HWdR“.

[35] Ribbeck (zit. n. Lapp 1997: 19) bezeichnet es als Ironie des Schicksals, dass „gerade der wahrheitsliebendste aller Athener schon im Altertum zum Repräsentanten eines so zweideutigen Charakters gestempelt ist“ und Hartung (1998: 14) meint, dass der als ‚Meister der Ironie’ bezeichnete Philosoph ebendies als Beschimpfung empfunden hätte.

[36] Genau genommen war Sokrates nur in seiner Rede ironisch, hingegen in seinem Verhalten aufrichtig und auf der Suche nach der Wahrheit (vgl. Hartung 1998: 16). Daraus ergibt sich, dass sich die ironische Redeweise (in Kontrast zum Verhalten) eigentlich bereits zu Sokrates’ Zeit entwickelte (vgl. Hartung 1998: 26).

[37] Sokrates hat sein dialektisches Verfahren der Gedankenentwicklung als Maieutik (=Hebammenkunst) bezeichnet. Es sollte bei der ‚Geburt’ des richtigen Gedankens ‚im’ Gesprächspartner helfen.

[38] Lapp (1997: 18f.) ist jedoch der Meinung, Platon beziehe in seinen Dialogen nicht eindeutig Stellung für Sokrates, obgleich er die „positive, pädagogische Funktion der sokratischen Ironie [...] herausstellt.“ Zu stark sei die negative Grundbedeutung der Ironie zu dieser Zeit.

[39] „Die Tugend ist also ein Verhalten der Entscheidung, begründet in der Mitte im Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde. Die Mitte liegt aber zwischen zwei Schlechtigkeiten, dem Übermaß und dem Mangel. Während die Schlechtigkeiten in den Leidenschaften und Handlungen hinter dem Gesollten zurückbleiben oder über es hinausgehen, besteht die Tugend darin, die Mitte zu finden und zu wählen“ (EN II6, 1106 a1–5).

[40] Die Unterscheidung von Über- und Untertreibung geht bereits auf Aristophanes zurück (vgl. HWdR 1992: 601). Lapp (1997: 20) bemerkt, dass von den beiden Charakteren der griechischen Komödie – der alazon (prahlerischer Aufschneider, sich spreizender Pfau) und der eiron (schlauer Fuchs, ‚Kleintuer’) – der eiron „gewöhnlich die Gunst des Publikums für sich gewinnen kann.“ Möglicherweise besteht sowohl zwischen ‚Kleintun’ und Sympathie, als auch zwischen Prahlen und Ablehnung ein etwaiger, tief verwurzelter Zusammenhang.

[41] Es ließe sich einwenden, dass man auch mittels „Kleintun“ einen Gewinn erzielen kann, da auch dies zum Ziel führen kann. Dies jedoch wäre eine unangemessene Interpretation des Textes, denn was Aristoteles eine ethische Handlung nennt, muss stets um ihrer selbst willen geschehen. Handlung und Ziel sind also begrifflich verknüpft: „Vollkommener nennen wir das um seiner selbst willen Erstrebte gegenüber dem um anderer Ziele willen Erstrebten, und das niemals um eines anderen willen Gesuchte gegenüber dem, was sowohl wegen sich selbst als auch wegen eines anderen gesucht wird; allgemein ist das vollkommene Ziel dasjenige, was stets nur an sich und niemals um eines anderen willen gesucht wird“ (EN I5, 11097a 30–36).

[42] Die Rhetorik an Alexander (ca. 330 v. Chr.) ist unter Aristoteles’ Namen überliefert (Pseudo-Aristoteles), wird heute aber Anaximenes von Lampsakos (ca. 380-320 v. Chr.) zugeschrieben. Die Unsicherheit entstand dadurch, dass es Aristoteles war, der Alexander den Grossen in Rhetorik unterrichtete und das anonyme Werk daher ihm zugeschrieben wurde.

[43] Bei Lausberg (1990: §902) „Verheimlichung der eigenen Meinung“.

[44] Heute als ‚Wortironie’ bezeichnet.

[45] Dass diese offene, wie auch die Gegenteilsdefinition zu Problemen führen, wird in Kap. 2.4.1 genauer erläutert.

[46] Vgl. Quintilian, Institutio Oratoria VI, 3, 68 und Cicero, De Oratore II 250; II 269f.

[47] Diese ‚neue’ Bedeutung der Ironie zeigt sich beispielhaft an Schlegels Äußerungen wie: „Ironie ist klares Bewusstsein der ewigen Agilität, des unendlichen vollen Chaos“ (Schlegel, Bd.2; 1958ff.: 263) oder „Die wahre Ironie [...] ist die Ironie der Liebe. Sie entsteht aus dem Gefühl der Endlichkeit und der eigenen Beschränkung, und dem scheinbaren Widerspruch dieses Gefühls mit der in jeder wahren Liebe eingeschlossenen Idee eines Unendlichen“ (Schlegel, Bd.10; 1958ff.: 357).

[48] Eine Zusammenfassung der Vervielfältigung des Begriffs/Konzepts der Ironie bietet Hartung (1996).

[49] Hartung (1998: 57) weist jedoch auf einen interessanten Umstand hin: Die Auffächerung und Vervielfältigung des Begriffs durch die Geschichte hindurch – wie im vorangegangenen Kapitel dargestellt wurde – ist heute nicht mehr im Alltagswissen vorhanden, beeinflusst die Grundannahmen über die Bedeutung des Begriffes jedoch weiterhin.

[50] Die Gegenteil-Definition passt am besten zur ‚Wortironie’, zum „Widerspiel von Worten“ (Plett 2001: 116). Japp (1983: 38) schreibt über sie, sie sei die Ironie jedermanns. Dazu weiter unten ausführlicher.

[51] Mit der Gegenteil-Definition kann der Alltagssprecher aber beispielsweise die sog. Ironie des Schicksals nicht beschreiben (vgl. Kap. 2.3).

[52] Bei der tropischen und gleichzeitig konventionalisierten Ironie zeigt sich die Nähe zu anderen tropischen Verwendungen von Sprache wie beispielsweise zur Metapher, die in ihrer Uneigentlichkeit gar nicht mehr erfasst, sondern losgelöst davon (lexikalisiert) verstanden wird: Tisch bein, der Fuß des Berges, etc.

[53] Zur Offenheit der Falschheit s.u.; Kap. 2.4.3 sowie Kap. 2.4.7.

[54] Zumindest trifft dies auf Searles Konzeption zu (vgl. Linke et al. 1996: 195).

[55] Medium in unspezifischem Sinne in der Bedeutung von ‚Mittel’. Kritisch zum Begriff des Mediums in der Pragmatik siehe Habscheid 2000.

[56] Japp (1983: 42) nennt die literarische Ironie auch „Fiktionsironie“. Für Allemann (1970: 14) ist literarische Ironie ein Synonym für „frühromantische Ironie“. Die Verwendung des Begriffes der Fiktionsironie hat den Vorteil, dass keine Unterscheidung von Literatur vs. Nicht-Literatur provoziert wird. Fiktionsironie meint schlicht, „ein bestimmtes Werk sei ironisch“ (Japp 1983: 42). Dagegen spreche man bei ironischen Stellen in einem Werk von ‚verbaler Ironie’. Die Unschärfe des Ausdrucks ‚Stelle’ gibt Anlass zu Unsicherheit: Einerseits meint verbale Ironie nämlich nach Plett (2001: 116) „Widerspiel von Worten“ und daher Wortironie (also beispielsweise gut = schlecht, etc.; auch bei Japp 1983: 38 selbst!) anderseits meint Japp, wohl bezogen auf das Buch, hier eher so etwas wie einen ironischen Abschnitt oder ein ironisches Kapitel. Es geht also um den Maßstab, der angelegt werden soll: Wenn der ganze Text (das Buch) als Satz oder Aussage betrachtet wird, dann sind die Stellen, Abschnitte oder Kapitel darin die Worte.

[57] Welchen Einfluss der Wechsel von Wortironie zu literarischer Ironie auf die Qualität (die Art der Ironie) hat, muss hier unergründet bleiben. So auch die Frage, ob Wortironie primär an die gesprochene Sprache gebunden ist, und lediglich die geschriebene Ironie ‚ganzheitlich’ ironisch sein kann. Theoretisch ist sprachlich ‚unsignalisierte’ Ironie in der Alltagssprache denkbar. Hartung (Mail vom 4. 6. 2007) ist sogar der Ansicht, dass es längere Sequenzen ohne explizit (wortironische) Komponenten gibt „und zwar gar nicht mal so selten.“ Nach seiner Einschätzung kann die Interaktion nicht als ‚Ganzes’ ironisch sein, „wohl aber über mehrere Turns hinweg.“

[58] Der Terminus ‚Kontext’ scheint bei Allemann (1970: 20) noch wenig geklärt zu sein und muss an dieser Stelle daher mit Vorbehalt gelesen werden. Eine Unterscheidung von Kontext und Kotext wird in Kap. 2.4.4 in dieser Arbeit vorgenommen.

[59] Daran wird deutlich, dass Allemann die Idee eines Null-Signals (s.o.) nicht vertreten kann. Eine solche Ironie könnte unmöglich verstanden werden. Was er meint, ist, dass es keine formal-rhetorischen Indikatoren gibt: keine fixierten, immer gleichsam eindeutigen und klaren Signale. Dagegen hat das oben genannte Zitat von Weinrich (noch) nichts einzuwenden. Das Problem liegt im Umstand, dass „man sich bei dem Ausdruck Signal sogleich der Zeichenfunktion der Sprache“ erinnert sieht (Weinrich 1964; 1974: 61). Nach Weinrich sind dies Wörter, Laute, prosodische Besonderheiten, etc. in geschriebenem Text Kursivdruck, Anführungszeichen und Stilistik allgemein. Das Problem ist daher, dass er die Ironie gerne an „sprachlichen Zeichen“ festmachen würde. Dieser Umstand ist es, der Allemanns Idee widerspricht.

[60] Daher setzen sich in geschriebenen Texten wohl grafische Ironiezeichen wie z.B. „bestimmte konventionelle Interpunktionssignale, die unter anderem Ironie anzeigen können: Gedankenstrich, Pünktchen oder das in Klammern gesetzte Ausrufezeichen (!)“ (Allemann 1970: 19) nicht durch. Es wirkt für den „anspruchsvollen Leser ironischer Texte bereits aufdringlich“ (ebd.). Man kann sich vorstellen, was dies für eindeutige, weil als Ironiesignal konzipierte Zeichen wie das gespiegelte Fragezeichen „؟“, bedeutet. Vgl. auch Stempel (1976: 226): konventionalisierte Ironie.

[61] Seto beruft sich hier auf Householder (1971). Eine ähnliche Aussage konnte aber bei Householder nicht nachgewiesen werden.

[62] Dieser Befund gilt wohlverstanden für die gesprochene Ironie. Worin sich gesprochene und geschrieben Ironie unterscheiden, wird hier – wie bereits oben besprochen – nicht ergründet.

[63] Vgl. Hermanns und Rescher oben Kap. 1.4.3, die Ort, Zeit und Umstände als Kontext bezeichnen.

[64] Eine linguistische Analyse, die ohne die Berücksichtigung der Denk- und Erinnerungsarbeit der Kommunikationspartner auszukommen glaubt, gerät in Gefahr, wie oben bereits angedeutet, sich als eine „reine ‚Katalogslinguistik der Ironiesignale’ zu etablieren (Müller 1995: I). Als solche kann sie nur ungenügend erklären, warum Menschen, die sich in einem Umfeld, einer neuen Sprache mit all ihren Settings, sozialen Codes, etc. befinden, Ironie unter Umständen nicht verstehen.

[65] „Strenggenommen ist [...] der Kontext einer Äußerung ein Spezialfall der Aktivierung von Kotexten: in die Bedeutung einer Äußerung können keine nicht-semiotischen Größen wie z.B. Gebäude, Situationen etc. als solche eingehen, sondern sie werden für die Bedeutungsmenge der Äußerung in gewissermaßen ‚semiotisierter’ Form relevant, also durch die Kotexte, die sie aktivieren“ (Sottong/Müller 1998: 83).

[66] Gemeint sind hier Phraseologismen, „die nur noch ironisch rezipiert werden“ (Hartung 1998: 177).

[67] Zum Konzept der face threatening acts (FTA) siehe Brown, Penelope & Stephen C. Levinson 1992: Politeness. Some universals in language usage. Cambridge: Cambridge University Press. Auch im Rahmen dieser Arbeit konnte festgestellt werden, dass sich einige Testpersonen durch die Ironie des Textes persönlich angegriffen fühlten, obwohl nicht sie Ziel der Autorenintention waren (vgl. Kap. 4.4.3).

Ende der Leseprobe aus 262 Seiten

Details

Titel
Linguistische Hermeneutik und Ironie
Untertitel
Eine empirische Untersuchung zum Verstehen von geschriebener Ironie
Hochschule
Universität Bern  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Angewandte Linguistik und Kommunikationswissenschaft
Note
Schweizer 5,5 (Deutsche 1)
Autor
Jahr
2007
Seiten
262
Katalognummer
V149052
ISBN (eBook)
9783640623426
ISBN (Buch)
9783640623525
Dateigröße
19524 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
linguistische Hermeneutik, Ironie, geschriebene Ironie, empirische Arbeit, Textsorte, Hermeneutik, empirisch, Empirie, Germanistik, deutsch
Arbeit zitieren
Urs Wartenweiler (Autor), 2007, Linguistische Hermeneutik und Ironie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149052

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