Ironie wird gemeinhin als Kontextphänomen bezeichnet, was bedeutet, dass sie sich ausschließlich in Bezug auf außersprachliche Gegebenheiten einstellt und offenbart. Dies setzt voraus, dass Kenntnisse über die Äußerungssituation, die Person (beispielsweise ihre soziale Rolle), ihre Motive, ihre Intention, etc. bestehen oder erfasst und verstanden werden. In diesem Fall braucht die ironische Äußerung keine besonderen – sozusagen ironietypischen – Merkmale aufzuweisen, sie offenbart sich ja im außersprachlichen Zusammenhang.
Daneben existiert Ironie aber auch in geschriebenen Texten, deren Form keine besonderen, als ‚ironisch’ konventionalisierten Sprachmerkmale und -zeichen aufweist und bei denen auch der Kontext (die Sachverhalte, auf die der Text referiert) unbekannt ist. Trotzdem lassen sich auch diese Texte ironisch verstehen. Dies lässt nur den Schluss zu, dass sich die Ironie in diesen Fällen allein auf der Textebene konstituiert. Ein an diese Bedingungen angepasstes Analyseverfahren hat Kohvakka (1997) in ihrer Dissertation „Ironie und Text“ vorgelegt, in der sie Ironie anstatt als Kontext-, als Kotextphänomen darstellt und untersucht. Anhand ihres Analyseverfahrens kann erklärt werden, wie man idealerweise versteht.
Allerdings stellt sich die Frage, ob Leser tatsächlich so verstehen, denn es ist fraglich, ob diese Methode auch abbilden kann, wie der quasi Unwissende oder Unvorbereitete beim Verstehen vorgeht. Woran machen sie die Ironie fest? Warum erkennen sie diese allenfalls nicht? Erkennen sie mehr oder weniger? Welche Schlüsse ziehen sie? Welche Erwartungen haben sie an den Text und seinen Verlauf? Welche Emotionen weckt der Text bei ihnen?
Das Ziel der Arbeit: Sie soll den relativ neuen Ansatz der linguistischen Hermeneutik vorstellen und vor der aktuellen Diskussion um einen allfälligen Paradigmenwechsel in der (angewandten) Linguistik eine mögliche Umsetzung hermeneutischer Verfahren in Bezug auf das Verständnis schriftlicher Ironie, sowie den Rückschluss auf die didaktische Hermeneutik aufzeigen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I Erkenntnisinteresse
II Aufbau und Vorgehen
III Hinweise zur Form der Arbeit
IV Fritz Hermanns (1940-2007)
1. Erster Teil: Hermeneutik
1.1 Zum Verhältnis von Hermeneutik und Sprachwissenschaft
1.2 Linguistische Hermeneutik
1.2.1 Wo wird sie angegliedert?
1.2.2 Gliederung innerhalb des Teilfaches linguistische Hermeneutik
1.3 Theoretische Hermeneutik
1.3.1 Was ist Hermeneutik?
1.3.2 Was ist Verstehen?
1.3.2.1 Verstehen als Erkennen
1.3.2.2 (Richtig) Verstehen, Missverstehen, Missverständnis
1.3.2.3 Verstehen und Meinen
1.3.2.4 Zwei Zirkel des Verstehens
1.3.2.4.1 Erster Zirkel: generelles Wissen vs. singuläres Wissen
1.3.2.4.2 Zweiter Zirkel: Interdependenz von Teil und Ganzem
1.3.2.5 Verstehensdynamik
1.3.2.6 Durch Empathie ermöglichtes Verstehen
1.3.3 Was ist Interpretieren?
1.4 Empirische Hermeneutik
1.4.1 Personenverstehen
1.4.2 Sinnverstehen
1.4.3 Situationsverstehen
1.4.4 Form- und Funktionsverstehen
1.4.5 Handlungstypverstehen
2. Zweiter Teil: Ironie
2.1 Griechische Antike
2.1.1 Antike Moralistik
2.1.2 Sokratische Ironie
2.1.3 Platons Dialoge
2.1.4 Aristoteles’ Tugendlehre
2.2 Römische Antike
2.2.1 Cicero
2.2.2 Quintilian
2.3 Von der Antike bis in die Gegenwart
2.4 Definition von Ironie
2.4.1 Wortironie, Satzironie
Exkurs: Rhetorische Textanalyse und (metaphorische) Wortironie
2.4.2 Geschriebene Ironie: Fiktionsironie vs. Stellenironie
2.4.3 Ironiesignal
2.4.4 Kontext, Kotext
2.4.5 Geteilte Werte: Der soziale Charakter der Ironie
2.4.6 Kritik, Konkurrenz, Negativität und Aggression
2.4.7 Enttäuschte Erwartung, Verstoß gegen die Logik
2.4.8 Paradox: Geschaffener Widerspruch
2.4.9 Ironienahe Phänomene
3. Dritter Teil: Linguistische Theorien
3.1 Searles Sprechakttheorie
3.2 Grice’ Kooperationsprinzip und Maximen
3.3 Sperber & Wilson: Relevance Theory; Echoic Mention Theory
3.4 Kohvakka: Kotextuelle Ironieidentifikation
3.4.1 Erwartungswidrigkeiten auf lexematischer Ebene
3.4.2 Erwartungswidrigkeiten auf thematischer Ebene
3.4.3 Argumentativer Aufbau des Textes
3.4.4 Relationen der einzelnen Konklusionen
4. Vierter Teil: Empirie
4.1 Textanalyse nach Kohvakka
4.2 Kontextuelle Ergänzungen zu Kohvakkas Analyse
4.3 Umstände der Datenerhebung und Methodendiskussion
4.3.1 Zu den Rezeptionsprotokollen
4.3.2 Zu Test und Testpersonen
4.4 Ergebnisse und Interpretation
4.4.1 Ironie erkannt
4.4.1.1 Ironie explizit erkannt: Typ „Kohvakka“
4.4.1.2 Ironie implizit erkannt: Typ „Antike Rhetorik“
4.4.1.3 Verstehende Testpersonen allgemein und im Vergleich: Interpretation
4.4.2 Ironie nicht erkannt
4.4.2.1 Ironie nicht erkannt oder angeblich erkannt
4.4.2.2 Problematische Interpretationen
4.4.2.3 Nichtverstehende Testpersonen allgemein und im Vergleich: Interpretation
4.4.3 Allgemeine Feststellungen und Vergleiche
4.4.4 Übersicht beantworteter und offener Fragen
4.4.4.1 Allgemeine Fragen
4.4.4.2 Verstehensgegenstände
4.4.4.3 Verstehensprozess
Rückschluss und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verständnis von schriftlicher Ironie bei Laien unter Anwendung der linguistischen Hermeneutik. Ziel ist es, die Verstehensdynamik und die Rolle von Kontext und Kotext bei der Identifikation ironischer Aussagen in Texten zu analysieren, wobei die subjektive Interpretation der Rezipienten im Mittelpunkt steht.
- Grundlagen der linguistischen Hermeneutik
- Diachrone und synchrone Untersuchung der Ironie
- Linguistische Theorien zur Ironieidentifikation
- Empirische Analyse von Rezeptionsprotokollen
- Rolle des Kontext- und Textsortenwissens beim Verstehen
Auszug aus dem Buch
Zwei Zirkel des Verstehens
Der Zirkel des Verstehens, der in der Interpretation eines Textes die fortschreitende Annäherung an dessen Sinn meint, soll nicht mit dem zirkelhaften Schließen in einer Argumentation (dem circulus vitiosus) in Verbindung gebracht werden. Schleiermacher (1938; 1977: 95) fasste die Zirkelstruktur des Verstehens jedoch bloß formal auf und betonte daher, dass es sich um einen scheinbaren Kreis des Verstehens handle, der darin besteht, „dass jedes Besondere nur aus dem Allgemeinen, dessen Teil es ist, verstanden werden kann und umgekehrt.“ Die wechselseitige Abhängigkeit dieser beiden simultanen Abläufe (vgl. Müller 1995: 131) wird in der Kognitionspsychologie als top-down- und bottom-up-Strategie (ebd.) beschrieben.
Zusammenfassung der Kapitel
Erster Teil: Hermeneutik: Dieses Kapitel führt in die linguistische Hermeneutik ein, klärt theoretische Begriffe wie Verstehen und Interpretieren und erläutert die verschiedenen Teilbereiche der Hermeneutik.
Zweiter Teil: Ironie: Hier wird das Phänomen der Ironie historisch und systematisch beleuchtet, inklusive ihrer Definition und Abgrenzung von ironienahen Phänomenen.
Dritter Teil: Linguistische Theorien: Dieser Abschnitt analysiert pragmatische Ansätze wie Searles Sprechakttheorie, Grices Maximen, Relevanztheorie sowie Kohvakkas Methode zur Ironieidentifikation.
Vierter Teil: Empirie: Das Kapitel verknüpft die theoretischen Grundlagen mit der empirischen Untersuchung und präsentiert die Ergebnisse der Rezeptionsprotokolle von Testpersonen.
Schlüsselwörter
Linguistische Hermeneutik, Ironie, Sprachverstehen, Textanalyse, Rezeptionsforschung, Sprechakttheorie, Relevanztheorie, Textsortenwissen, Kontext, Kotext, Ironieidentifikation, Empirie, Interpretation, Kommunikation, Sprachphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen schriftliche Ironie verstehen und welche kognitiven sowie kontextuellen Prozesse dabei eine Rolle spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die linguistische Hermeneutik, die Geschichte und Theorie der Ironie sowie die empirische Sprachforschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Vorstellung einer linguistischen Hermeneutik zur Analyse schriftlicher Ironie und die empirische Untersuchung, wie Laien bei der Lektüre ironischer Texte vorgehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden hermeneutische Verfahren mit empirischen Methoden (Rezeptionsprotokolle) kombiniert, um den Prozess des Ironieverstehens bei Schülern zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen der Hermeneutik, eine Begriffsgeschichte der Ironie, eine Diskussion linguistischer Theorien und die Auswertung empirischer Daten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ironie, Hermeneutik, Textverstehen, Rezeptionsanalyse, Kontext, Sprechakttheorie und Ironieidentifikation.
Wie spielt das "Textsortenwissen" eine Rolle?
Die Arbeit zeigt, dass Testpersonen ihr Wissen über Textsorten aktiv nutzen, um Texte als ironisch oder nicht-ironisch einzuordnen.
Warum spielt das Paradox bei der Ironie eine zentrale Rolle?
Die Autorin argumentiert, dass der Kern der Ironie in einem intendierten, widersprüchlichen Charakter liegt, der den Leser dazu zwingt, eine neue Interpretationsebene zu suchen.
- Quote paper
- Urs Wartenweiler (Author), 2007, Linguistische Hermeneutik und Ironie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149052