Die Darstellung des Wahnsinns in Georg Büchners »Lenz« oder: Eine frühe Schizophreniestudie?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
25 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

I. Einleitung

II. Medizinische Definition des Wahnsinns

III. Georg Büchners »Lenz«
1. Historizität vs. Fiktionalität
2. Inhalt
3. Aufbau
4. Die Darstellung des Wahnsinns
4.1 Die Darstellung des Wahnsinns auf der Inhaltsebene
4.2 Die Darstellung des Wahnsinns auf der Erzählebene

IV. Abschließende Bemerkungen

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Theoretische Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einleitung

»Der Dichter soll der Berührung mit der Psychiatrie aus dem Wege gehen, hören wir sagen, und die Schilderung krankhafter Seelenzustände den Ärzten überlassen. In Wahrheit hat kein richtiger Dichter je dieses Gebot geachtet. Die Schilderung des menschlichen Seelenlebens ist ja seine eigentlichste Domäne; er war jederzeit der Vorläufer der Wissenschaft und so auch der wissenschaftlichen Psychologie.«[1]

In diesem Zitat des literaturinteressierten Psychoanalytikers Sigmund Freud scheint das auf den Punkt gebracht zu werden, was viele Psychiater und auch ein nicht kleiner Teil an Literaturwissenschaftlern über Georg Büchners Erzählung »Lenz« aus dem Jahre 1835 denken, nämlich dass sich in ihr eine ausgezeichnete Studie geistigen Verfalls wieder findet, welche ihrer Zeit weit voraus war[2]. Noch deutlicher formulieren es beispielsweise G. Irle[3], W. Willms[4], J. Crighton[5], U. R. Mahlendorf[6] oder H. Schmidt[7], die in »Lenz« mehr oder weniger allesamt den frühen »runde[n] und geschlossene[n] Entwurf des Krankheitsbildes einer Schizophrenie«[8] zu erkennen meinen.

Dem entgegen steht jedoch nach B. v. Jagow/ F. Steger die Tatsache, dass die medizinische Definition und der Begriff der Schizophrenie erst wesentlich später in medizinisch-psychiatrischen Werken ihre Niederschrift gefunden haben. Demzufolge verhindere ein historisches Textverständnis die Bezeichnung der Erzählung als Schizophreniestudie, so B. v. Jagow/ F. Steger.[9]

Ziel dieser Arbeit soll es nun sein, die Darstellung des Wahnsinns in »Lenz« sowie die sprachliche Gestaltung desselben zu untersuchen. Es soll hierbei der Frage nachgegangen werden, ob und inwiefern die Büchner’sche Erzählung in Anbetracht der Tatsache, dass der medizinische Schizophreniebegriff erst später eingeführt wurde, als frühe Schizophreniestudie gesehen werden kann. Der eigentlichen Textuntersuchung soll zum besseren Verständnis der medizinisch-psychiatrischen Thematik des Wahnsinns eine Definition der wichtigsten Begriffe sowie deren Abgrenzung vorangestellt werden.

II. Medizinische Definition des Wahnsinns

Der Wahnsinn beziehungsweise Wahn gehört zu den medizin- und kulturgeschichtlichen Begriffen, welche seit dem ausgehenden Mittelalter einem bemerkenswerten semantischen Wandel unterworfen sind.[10] Inhaltlich wird mit dem Begriff des Wahnsinns ein breites Spektrum möglicher Erkrankungsformen umfasst, welches von melancholisch-depressiver Verstimmung über Hypochondrie bis hin zur Erklärung als krankhafte Veränderung der Urteilsfähigkeit mit eigenem Krankheitswert im 19. Jahrhundert und der Lehre von den Wahnideen im 20. Jahrhundert reicht[11]. B. v. Jagow/ F. Steger definieren den Wahnsinn wie folgt:

»Unter W[ahn bzw. Wahnsinn] ist eine krankhaft falsche Beurteilung der Realität zu verstehen, an der mit subjektiver Gewissheit festgehalten wird und die erfahrungsunabhängig auftritt. Die Überzeugung steht im Widerspruch zur Wirklichkeit und zur Überzeugung der anderen Menschen.«[12]

Im Allgemeinen hat der Kranke nicht das Bedürfnis seine wahnhafte Meinung zu begründen, da ihm deren Richtigkeit unmittelbar evident ist.[13]

Es wird weiter zwischen dem Wahneinfall als einer plötzlich auftretenden Überzeugung und der Wahnwahrnehmung als einer Sinneswahrnehmung, welche eine im Sinne des Wahns abnormale Bedeutung erhält, unterschieden.[14] Wahneinfall nennt man also das bloß gedankliche Auftreten wahnhafter Vorstellungen, während Wahnwahrnehmung eine wahnhafte Fehlinterpretation einer an sich realen und richtigen Wahrnehmung ist.

Werden Wahnideen durch logische und/oder paralogische Verknüpfungen zu einem Wahngebäude, so spricht man von einem systematischen Wahn.[15]

Ein Deutungswandel vollzieht sich nun sowohl vor dem Hintergrund sich verändernder medizinischer Konzepte als auch vor dem einer Wandlung der gesellschaftlichen Erklärung für manifeste Störungen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit.

Bereits die antike Melancholia, also die Schwarzgalligkeit, kann als »mittelalterlicher Sammelbegriff«[16] für verschiedene Formen der Wahnvorstellungen aufgefasst werden. In Anlehnung an die antike Säftelehre[17] kommt es zu einer Entwicklung unterschiedlichster Vorstellungen von Wahn, welcher als Ausdruck einer schlechten Mischung der Körpersäfte (Phlegma, Blut, gelbe und schwarze Galle) mit einem deutlichen Überschuss der schwarzen Galle gedeutet wurde. Der Melancholiebegriff weist hier weit über sein modernes depressiv-trauriges Begriffsfeld hinaus.[18] Bereits im zweiten Jahrhundert wird die Krankheit psychopathologisch als »ein den Verstand verletzendes Leiden, gepaart mit tiefer Schwermut und Verabscheuung sonst lieber Freunde«[19] beschrieben. Der Wahncharakter der Melancholie tritt am deutlichsten im 11. Jahrhundert bei C. Africanus hervor. Für ihn ist Melancholie »der Glaube an ein Überfallenwerden durch irgendein nicht existierendes Übel und ein die Seele beherrschender Argwohn, aus dem Furcht und Traurigkeit entstünden. Es sei der Dunst der schwarzen Galle, der ins Gehirn aufsteige, dort die Einbildung von Unwirklichkeiten bewirke und das Herz in Furcht versetze.«[20] Besonders das Grundphänomen der verkannten Wirklichkeit wird herausgearbeitet:

»Die allgemeinen Symptome aller Art sind dauernde, wie Niedergeschlagenheit, Angst vor an sich nicht zu fürchtenden Dingen, Grübeln über unwichtige Dinge, Wahrnehmungen von an sich nicht vorhandenen schrecklichen Erscheinungen, Sensationen unwirklicher Art. […]«[21]

Die Beschreibungen des Wahnsinns ähneln sich in ihren Beziehungen zur antik vorgeprägten Schwarzgalligkeit bis hin zur Frühen Neuzeit. Änderungen in der Deutung des Begriffes sind in der Aufklärung festzustellen. Hier deutet I. Kant den Wahn als »nachhaltige Störung der Urteilskraft«[22]. I. Kant fasst den Wahnsinn weiterhin als Selbsttäuschung auf, welche ein richtiges Urteil über die Dinge ausschließt, und definiert ihn wie folgt:

»Wahn ist die Täuschung, die blose Vorstellung einer Sache mit der blosen Sache selbst für gleichgeltend zu halten. […] Unter dem Wahne, als einer Triebfeder der Begierden, verstehe ich die innere praktische Täuschung, das Subjektive in der Bewegursache für objektiv zu halten.«[23]

Von da an ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Deutung des Wahns als krankhaftes Phänomen. Novalis schreibt 1802: »Man vernichtet den Wahn, wie man Krankheiten vernichtet, und der Wahn ist also nichts, als logische Entzündung oder Verlöschung, Schwärmerei […].«[24] In diesem Sinne kann Wahnsinn ohne weiteres als krankhafte Steigerung der Schwärmerei beziehungsweise Phantasterei gedeutet werden. Während der Phantast bald von seinem Wahn zurückgeführt wird, so hält der Kranke seinen Wahn dauerhaft für Wahrheit. Charakteristisch ist die fixe Idee, die, wenn sie ihren Träger erst vollständig in Besitz genommen hat, dessen ganzes Wissen sowie seinen Glauben erfasst und rückwirkend frühere aus Erfahrung abstrahierte Erkenntnisse verändert.[25]

Neuerungen zur Vorstellung von Wahn beziehungsweise Wahnsinn kommen 1896 von E. Kraeplin. Nach ihm ist jede Wahnidee »eine krankhaft verfälschte Vorstellung, die regelmäßig in irgendeiner Beziehung zu den persönlichen Verhältnissen des Kranken stehe.«[26] Auch für den Psychiater A. Hoche ist die starke persönliche Ausprägung einer solchen Wahnidee, deren Handeln auf krankhaft veränderten Voraussetzungen beruhe, unstrittig.[27]

[...]


[1] Freud, Sigmund: Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«, in: Der Wahn und die Träume in W. Jensens »Gradiva«. Mit dem Text der Erzählung von Wilhelm Jensen. Herausgegeben und eingeleitet von Bernd Urban und Johannes Cremerius, Frankfurt a. M. 1973, S.121.

[2] Vgl. Silz, Walter: Realism and Reality – Studies in the German Novelle of Poetic Realism, Chapel Hill 1954 (UNC: SGLL, Vol. 11), S.166: »[…] marvellous study in mental deterioration, far in advance of its times.«.

[3] Irle, Gerhard: Der psychiatrische Roman. Mit einer Einführung von Prof. Dr. Med. Walter Schulte, Universitäts-Nervenklinik Tübingen, Stuttgart 1965.

[4] Willms, Weertje: Wissen um Wahn und Schizophrenie bei Nikolaj Gogol’ und Georg Büchner. Vergleichende Textanalyse von Zapiski sumasssedsego (Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen) und Lenz, in: Klinkert, Thomas/ Neuhofer, Monika (Hrsg.): Literatur, Wissenschaft und Wissen seit der Epochenschwelle um 1800. Theorie – Epistemologie – komparatistische Fallstudien, Berlin/ New York 2008 (SL 15), S.89-110.

[5] Crighton, James: Büchner and Madness. Schizophrenia in Georg Büchner’s Lenz and Woyzeck, Lewiston et al. 1998 (BGP, Vol. 9).

[6] Mahlendorf, Ursula R.: Georg Büchner’s Lenz: Schizophrenic Disintegration, in: Ebd.: The Wellsprings of Literary Creation: An Analysis of Male and Female »Artist Stories« from the German Romantics to American Writers of the Present, Columbia 1985 (SGLLC, Vol. 18)

[7] Schmidt, Harald: Melancholie und Landschaft. Die psychotische und ästhetische Struktur der Naturschilderungen in Georg Büchners »Lenz«, Opladen 1994, Ebd.: Die Apokalypse des melancholischen Bewusstseins im Gebirge. Zur Verschränkung psychotischen Weltuntergangserlebens und katastrophischer Natur in Georg Büchners Lenz, in: Jablkowska, Joanna (Hrsg.): Apokalyptische Visionen in der deutschen Literatur, Lódz 1996, S.152-169. Schmidt merkt jedoch an, dass die in der Erzählung entfaltete psychotische Symptomatik nicht einzig der Schizophrenie zugewiesen werden könne. Auch die endogene Melancholie könne sich in Form dieser Symptome äußern, vgl. Schmidt (1994), S.43.

[8] Irle, S.82.

[9] Vgl. Jagow, Bettina v./ Steger, Florian: Literatur und Medizin. Ein Lexikon, Göttingen 2005, S.685.

[10] Vgl. Jagow/ Steger, S.842.

[11] Vgl. ebd., S.842f.

[12] Vgl. ebd., S.843.

[13] Vgl. AMDP (Hrsg.): Das AMDP-System. Manual zur Dokumentation psychiatrischer Befunde, Göttingen et al. 1997, zitiert nach http://www.soziales.fh-dortmund.de/Michel/Material/Def.htm (vom 21.10.2009).

[14] Vgl. Jagow/ Steger, S.843.

[15] Vgl. ebd.

[16] Ebd.

[17] Phlegma (Schleim), Blut, gelbe und schwarze Galle sind die vier Säfte im menschlichen Körper, die als charakterbildend verstanden werden. Das ausgeglichene Mischungsverhältnis dieser Säfte ist die Voraussetzung für körperliche sowie geistige Gesundheit. Das Überwiegen eines der Säfte verursacht Krankheit. Diese Anschauung wird v.a. durch die empirischen Mediziner weiterentwickelt und bis ins Mittelalter tradiert. Vgl. ebd.,

[18] Vgl. ebd., S.843.

[19] Ebd., S.844.

[20] Ebd.

[21] Africanus, Constantinus, zitiert nach ebd.

[22] Ebd., S.845.

[23] Kant, Immanuel, zitiert nach ebd.

[24] Novalis, zitiert nach ebd.

[25] Vgl. ebd., S.846.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Wahnsinns in Georg Büchners »Lenz« oder: Eine frühe Schizophreniestudie?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
»Wahnsinns-Literatur« im Spiegel epochaler Wandlungen
Note
2,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V149084
ISBN (eBook)
9783640595624
ISBN (Buch)
9783640595334
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Büchner, Lenz, Wahnsinn, Schizophrenie, Literatur
Arbeit zitieren
Nadine Heinkel (Autor), 2009, Die Darstellung des Wahnsinns in Georg Büchners »Lenz« oder: Eine frühe Schizophreniestudie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149084

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