Emblematik und Intertextualität. Die Beziehung zwischen Bild und Text


Referat (Ausarbeitung), 2008

8 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Intertextualität und Systembeziehung

Bernhard Scholz leitet seinen Aufsatz zu den Themen und Fragestellungen der Emblemforschung mit der Frage ein, wie das Emblem in seiner Zeit eigentlich einzuordnen sei. Ausgangspunkt ist für ihn die Frage nach dem Textkorpus der Emblematik, die als produktivste Wort-Bild-Gattung vom 16. bis zum 18. Jahrhundert gilt. Zunächst erscheint logisch, dass zu dem Textkorpus die Embleme selbst gehören. Da besonders in diesen drei Jahrhunderten das Emblem zu einer regelrechten Modegattung wurde und dies durch die Vielzahl von Büchern, die diese enthielten, auch belegt werden kann, zählen auch die Emblembücher folgerichtig zum Textkorpus. Bereits bei dem eben dargestellten Teil des Korpus soll es sich laut Homann bei den Emblemen um eine „Zahl mit Abschreckungseffekt“[2] handeln. Dabei ist die weitere Wirkung des Emblems außerhalb des Korpus noch nicht beachtet worden. Als diese wird die Rolle des Emblems unter anderem beim Bedeutungsaufbau zahlreicher Werke der Literatur, Malerei, Skulptur und Baukunst genannt.[3] Zählt man diese Wirkung des Emblems zum Textkorpus der Emblematik hinzu, kommt man auf eine Zahl, die durchaus als Argument dafür gesehen werden kann, dass es sich beim Emblem um eben die produktivste Wort-Bild-Gattung dieser Zeit handelte.[1]

Scholz führt in seinem Aufsatz zwei Emblemforscher ein, die versuchten die Bedeutsamkeit des Emblems für diese Zeit in Worte zu fassen und stellt die beiden Formulierungen gegenüber. So bezeichnete der Emblemforscher Albrecht Schöne die Wirkungszeit des Emblems als „emblematisches Zeitalter“, während Thomas M. Greene dem in einer ausführlicheren Definition entgegen hält, dass sich von der Emblematik als „einem hervorragenden Element der „semiotischen Matrix“ der Kultur der Renaissance und des Barock“ sprechen lasse.[4] Dazu führt Greene in The light in Troy: Imitation and Discovery in Renaissance Poetry aus, dass die Bedeutung jedes verbalen Kunstwerks in seiner einzigartigen semiotischen Matrix gesucht werden muss, das mundus signficans genannt werden kann, ein bedeutendes/bezeichnetes Universum, das rhetorisches und symbolisches Vokabular umfasst, einen Speicher bezeichneter Kapazitäten die potentiell für jedes Mitglied einer Kultur verfügbar sind.[5] Scholz erläutert im Anschluss an diese Gegenüberstellung, warum jede Feststellung für sich durchaus problematisiert werden kann. So macht er zunächst darauf aufmerksam, dass die Emblematik neben den Anfängen der modernen Naturwissenschaften, der modernen Technik und des modernen Staatswesens als definitorisches Merkmal der Epoche ungeeignet sei, da eben diese wissenschaftlichen Fortschritte die Zeit der Renaissance und des Barock auf nachhaltige Weise geprägt haben und für die Moderne von großer Wichtigkeit waren. Bei Greene bemerkt Scholz kritisch, dass Greene die Bezeichnung der „semiotischen Matrix“ nur auf ein einzelnes Kunstwerk bezieht und damit seine Definition unnötig einschränke. Scholz geht in diesem Punkt einen Schritt weiter als Greene und fordert, dass die „semiotische Matrix“ für alle Kunstwerke der Epoche gelten solle, wobei diese Matrix einzelfallabhängig variiert und modifiziert werden könne.[6] Um deutlicher zu machen, was unter einer „semiotischen Matrix“ zu verstehen ist gibt Scholz Beispiele. So werden unter dem Begriff der „semiotischen Matrix“ die zum Beispiel Geometrie, die Affektenlehre, die Alchemie und die Rhetorik als semiotische Systeme vereint. Alle diese Systeme haben ein bestimmtes Repertoire an Zeichen, die sie in ihrem eigenen System verwenden, die also systemspezifisch oder auch systemimmanent sind. Die Zeichen aller Systeme bilden dann die semiotische Matrix (der Zeichen) der Kultur der frühen Neuzeit. Zudem haben alle Systeme eine Doppelfunktion, die sie kennzeichnet. So ist die Geometrie zum Beispiel einerseits die produktivste mathematische Teildisziplin, andererseits ist sie aber auch wesentlich an der Entwicklung und Darstellung von Gedankengängen beteiligt. Ein weiteres Beispiel wäre die Alchemie, die erstens einen entscheidenden Beitrag zur Grundlage der modernen Chemie leistete und zweitens aber auch Sinngebiete durch Auslegungs- und Darstellungsverfahren beeinflusste.[7] Diese Teilsysteme mit ihren verwendeten Zeichen bilden nach Scholz zusammen eine „semiotische Matrix“.

Daraus lassen sich allgemein zwei Fragestellungen ableiten: zum einen stellt sich die Frage nach dem Schaffen eines umfangreichen Textkorpus und zum anderen stellt sich die Frage nach der strukturellen Beeinflussung anderer Textkorpora. Dabei geht es bei der ersten Fragestellung darum, ob jedes Teilsystem für sich ein umfangreiches Textkorpus schafft und bei der zweiten Frage darum, ob und wie eine Beeinflussung anderer Textkorpora strukturell zu begründen ist. Die Emblemforschung beschäftigt sich bereits seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, verstärkt seit den 80ern, mit der Frage nach der Übertragbarkeit dieser Fragestellungen und der angedeuteten Doppelfunktion auf das Emblem. Die neuere Emblemforschung geht im Endeffekt auch von einer solchen Doppelfunktion aus. Daraus ergeben sich speziell für das Emblem zwei zentrale Fragestellungen: 1. Wie ist das Emblem in seiner Wirksamkeit für die „semiotische Matrix“ der frühen Neuzeit zu bewerten? und 2. Wie funktioniert das Emblem im Zusammenhang mit anderen Systemen, die semiotisch sind und damit mit der Frage, ob die Emblematik ohne den Einfluss der Rhetorik beispielsweise überhaupt denkbar wäre. Diese Fragestellungen bilden dann auch den Ausgangspunkt für Scholz und seine Einführung der Begriffe „Intertextualitätsbeziehung“ und „Systembeziehung“.[8] Innerhalb der „Intertextualitätsbeziehungen“ stellt er dann zunächst die Frage, ob solche zwischen einzelnen Texten erkennbar sind. Als Beispiel für eine solche Intertextualitätsbeziehung kann das Drama betrachtet werden, wenn dort ein als bekannt vorausgesetztes Emblem durch Schauspieler auf die Bühne gebracht wird. Bei dem Versuch die intertextuelle Rolle des Emblems zu identifizieren kam es dann, nach Scholz, zu einer Überschneidung mit der Panofsky-Schule und damit der Ikonologie. Diese interessierte sich ebenfalls für die Frage, wie Einzelembleme zum Bedeutungsaufbau komplexer (Bild-) Texte beitragen.

[...]


[1] Die Ausarbeitung bezieht sich auf die Texte von B. F. Scholz, R. Zymner und E. Osterkamp aaO.

[2] Scholz, B. F.: Emblem und Emblempoetik: historische und systematische Studien. Berlin 2002, S.15, Fn. 1.

[3] Scholz, B. F.: Emblem und Emblempoetik: historische und systematische Studien, S.15.

[4] Scholz, B. F.: Emblem und Emblempoetik: historische und systematische Studien, S.15, 16.

[5] Vgl. Scholz, B. F.: Emblem und Emblempoetik: historische und systematische Studien, S. 16, Fn. 5.

[6] Scholz, B. F.: Emblem und Emblempoetik: historische und systematische Studien, 16.

[7] Scholz, B. F.: Emblem und Emblempoetik: historische und systematische Studien, S.16, 17.

[8] Scholz, B. F.: Emblem und Emblempoetik: historische und systematische Studien, S.18.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Emblematik und Intertextualität. Die Beziehung zwischen Bild und Text
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistik)
Veranstaltung
Seminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
8
Katalognummer
V149096
ISBN (eBook)
9783640601608
ISBN (Buch)
9783640601509
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Scholz, Bernhard, Emblemforschung, Greene, Kunstwerk, Matrix, Korpus, Textkorpus, Semiotik, Panofsky, Emblem, Dissimilation, äsopische Tierfabel, Zymner, inscriptio, pictura, subscriptio
Arbeit zitieren
Anica Petrovic-Wriedt (Autor), 2008, Emblematik und Intertextualität. Die Beziehung zwischen Bild und Text, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149096

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