Zur Bedeutungs- und Gebrauchsgeschichte des Begriffs „Arier/arisch“ und zur Stellung des Begriffspaares „Arier/arisch“ in der LTI

Victor Klemperer


Referat (Ausarbeitung), 2009
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Bedeutung und Gebrauchsgeschichte des Begriffs „arisch/Arier“
1.1 Herkunft und ursprüngliche Bedeutung des Begriffes
1.2 Rassentheorien des 19. Jahrhunderts
1.3 Gebrauch des Begriffes im Dritten Reich

2. Zur Stellung des Begriffspaares „Arier/arisch“ in der LTI

Literatur

1. Bedeutung und Gebrauchsgeschichte des Begriffs „arisch/Arier“

1.1 Herkunft und ursprüngliche Bedeutung des Begriffes

In der Literatur[1] existiert eine Vielzahl umfangreicher und weniger umfangreicher Definitionen zum Begriff „Arier“. Eine relativ umfangreiche Definition, die Aspekte verschiedener anderer Definitionen mit einschließt, findet sich im Meyers Lexikon online, weshalb diese Definition Ausgangspunkt der Arbeit sein soll:

A ri|er [altindisch arya »der Edle«], die Völker, die eine der arischen Sprachen (indogermanische Sprachfamilie) sprechen. Arier nannten sich ursprünglich indogermanische Adelsgruppen in Vorderasien und Indien.Von der europäischen Sprachwissenschaft des 19.Jahrhunderts wurden die zunächst rein sprachwissenschaftlichen Begriffe »Arier« und »arisch« zeitweise den Begriffen »Indogermanen, indogermanisch« gleichgesetzt; in Anthropologie und Rassenkunde nahmen sie allmählich die Bedeutung »Angehörige der nordischen Rasse«, schließlich im Nationalsozialismus in willkürlicher und falscher Einengung die Bedeutung »Nichtjuden« an.[2]

Im folgenden Kapitel soll auf diese Definition näher eingegangen werden und es sollen einige historische und z.T. auch politische Zusammenhänge, die sich aus dem Begriff ergeben, aufgezeigt werden.

Zuerst taucht das Wort „Arier“ in Verbindung mit prähistorischen Nomaden auf. Diese beginnen sich im 3. Jtd. v. Chr. von ihrer Urheimat in den Steppen westlich des Urals in die zentralasiatische Steppe, nördlich des kaspischen Meers und des Aralsees, auszubreiten. Während dieser Ausbreitung spalten sie sich in einen indischen und einen iranischen Zweig.[3] Die Mitglieder der ersten Gruppe werden Indo-Arier genannt, während die der zweiten Gruppe als Irano-Arier bezeichnet werden.[4]

Im 2. Jtd. v. Chr. wanderte der indische Zweig der Arier weiter über den Hindukusch nach Nordwestindien, wo er schließlich auf die Harappa-Kultur traf.[5] Dieser Zweig sprach Vedisch. Für die iranischen Arier wird die Einwanderung hingegen auf das 11. -10. Jh. v. Chr. datiert.[6] Die iranischen Arier gelten als die Vorfahren der heutigen Perser, Paschtunen, Kurden und Belutschen.

Die Migration konnte für den indischen Zweig der altindischen heiligen Schrift der Veden entnommen und bestätigt werden und für den iranischen Zweig waren die altpersischen heiligen Schriften des „Avesta“ prüfende Quellen der Migration.[7]

Damit bezeichnete der Begriff „Arier“ zunächst allein die Angehörigen der Völker des indo-iranischen Zweiges der indogermanischen Sprachfamilie. Es handelte sich um eine Selbstbezeichnung, die aus dem Sanskrit (arya = Edler) übernommen wurde.[8] Bis heute werden mit den „arischen Sprachen“ die iranische und die indische Sprache bezeichnet.

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Selbstbezeichnung als ethnographischer Fachterminus entlehnt.[9] Bereits 1819 nutzte Schlegel das Adjektiv „arisch“ um die arische Sprache, die Zendsprache, zu bezeichnen. Durch die Annahme, dass das Sanskrit als Ursprache von entscheidender Bedeutung ist, wurden die Bezeichnungen „arisch“ und die „arische Sprache“ auf das „Indogermanische“ ausgedehnt.[10]

1.2 Rassentheorien des 19. Jahrhunderts

In der Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet Friedrich Max Müller den Begriff „Arier“ erstmals als Bezeichnung für eine indo-europäische Sprachgruppe.[11] Entsprechend nennt er die Angehörigen dieser Sprachgruppe „arische Rasse“. Diese Bezeichnung wird von Wissenschaftlern und Schriftstellern aufgegriffen und vergröbert. In Folge dessen entstehen Rassentheorien, welche die Grundlage für das im Nationalsozialismus konstruierte, pseudowissenschaftliche Konstrukt „Arier“ darstellen.[12] Zu den wichtigen intellektuellen Wegbereitern gehören der französische Diplomat und Schriftsteller Arthur de Gobineau, der in seinem Werk „Theorie der Ungleichheit der Menschenrassen“ von 1855 eine Kategorisierung in sogenannte „höhere“ und „niedere“ Rassen vornimmt: Den „Arier“, zu welchem hellhäutige Menschen nordischer Abstammung gehören, ordnet er der höheren Rasse zu und sieht in ihm den Kulturträger, der Moral und Anstand verkörpert. Niedere, dunkelhäutige Rassen, zu denen er damals noch nicht die Juden zählt, sind zur Knechtschaft bestimmt.[13] Gobineau sieht in der fortschreitenden Rassenmischung eine Gefahr für die Überlegenheit der arischen, weißen Rasse. Aus der Bezeichnung einer Sprachgruppe wird damit das pseudowissenschaftliche Konzept einer völkischen Urrasse konstruiert, das den Nationalsozialisten später als Grundlage für ihre rassekundlichen Theorien dient.[14] Der britische Publizist Houston Stewart Chamberlain greift in seinem Werk „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ Gobineaus Grundsätze auf und ergänzt sie um sozialdarwinistische[15] Vorstellungen vom Überleben der Stärkeren, in welchem sich die höheren und die niederen Rassen, dem Prinzip einer natürlichen Auslese folgend, in einem ständigen Überlebenskampf gegenüberstehen.[16] Weder Gobineaus noch Chamberlains Theorien des „arischen“ Menschen sind naturwissenschaftlich fundiert, sondern vielmehr geisteswissenschaftliche Konstrukte, wie Klemperer es später auch in der LTI betont: „Die Konstruktion des arischen Menschen wurzelt in der Philologie und nicht in der Naturwissenschaft.“[17]

Die Vorstellung von einer völkischen Urrasse wird zu dieser Zeit mythisch und religiös überhöht und sorgt dadurch für eine intensive Rezeption der völkischen Bewegung. So stellt Theodor Fritsch 1888 im „Centralorgan der deutschen Antisemiten“ Christi als arischen Abkommen dar, was die Dichotomien christlich /arisch und jüdisch/nichtarisch etabliert. Die christliche Lehre wird hier als Protest gegen das vernunft- und sittenlose Semitentum gesehen.[18]

Die 1918 gegründete ‚Thule-Gesellschaft’, eine Vorläuferorganisation der NSDAP, verbreitet die falsche Vorstellung einer legendären Geburtsstätte der „arischen Rasse“ - ein Mythos der bis heute in rechtsextremen Kreisen gegenwärtig ist.[19]

[...]


[1] Vgl. Duden, Brockhaus: Lemma: Arier.

[2] Meyers Lexikon Online: Lemma: Arier am 07.11.08, 13:23 Uhr.

[3] Vgl. Duden, Lemma: Arier.

[4] Vgl. Ebd., Lemma: Arier.

[5] Vgl. Kulke, Rothermund, S.44.

[6] Vgl. ebd., S, 44.

[7] Vgl. ebd, S. 45.

[8] Vgl. Meyer, Lemma: Arier.

[9] Vgl. Schmitz-Berning, S. 54.

[10] Vgl. ebd, S. 54.

[11] Vgl. Schmitz-Berning, S. 54.

[12] Vgl. ebd., S. 54.

[13] Vgl. ebd., S. 55.

[14] Vgl. ebd., S. 55.

[15] Im „Sozialdarwinismus“ werden fälschlicherweise einseitige Beobachtungen aus dem Tierreich auf die menschliche Gesellschaft übertragen, d.h. deren Entwicklung wird als Folge natürlicher Selektion gesehen, in welcher der Stärkere überlebt (abgeleitet von der Evolutionstheorie Charles Darwins).

[16] El-Tayeb, S. 22.

[17] Klemperer, Victor: „LTI“, Reclam, Taschenbuch. Stuttgart, 1997, S. 187.

[18] Vgl. Polenz: S. 55.

[19] Historisches Lexikon Bayerns: „Thule Gesellschaft“. [http://www.historisches-lexikon-

bayerns.de/artikel/artikel_44318], am 02.03.09, 12:09 Uhr.

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Details

Titel
Zur Bedeutungs- und Gebrauchsgeschichte des Begriffs „Arier/arisch“ und zur Stellung des Begriffspaares „Arier/arisch“ in der LTI
Untertitel
Victor Klemperer
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistik)
Veranstaltung
Seminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V149109
ISBN (eBook)
9783640599547
ISBN (Buch)
9783640599899
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arisch, Arier, indogermanisch, Sprachfamilie, Victor, Klemperer, Ural, Rassentheorie, Ungleichheit der Menschenrassen, Gobineau, Chamberlain, Semitentum, Thule-Gesellschaft, NSDAP, LTI, lingua tertii imerpii, Judensondersprache, judensprache, Juden, Hitler, deutsche Sprache, Entwicklung der Sprache, Judenstern, Stigma, Tagebuch
Arbeit zitieren
Anica Petrovic-Wriedt (Autor), 2009, Zur Bedeutungs- und Gebrauchsgeschichte des Begriffs „Arier/arisch“ und zur Stellung des Begriffspaares „Arier/arisch“ in der LTI, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149109

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