Im Laufe dieser Seminararbeit sollen die Voraussetzungen für den Aufstieg der body snatcher in Großbritannien, deren Vorgehen, Strukturen und Konkurrenzkampf sowie die öffentliche Reaktion auf deren Verbrechen und die Gründe für das Ende der body snatcher thematisiert werden.
Der Versuch sich die Sorgen der Bevölkerung Großbritanniens zwischen den 1750er Jahren und den 1830ern vor Leichenräubern, welche die Grabstätten ihrer Angehörigen schänden könnten, vorzustellen, ist heute fast unmöglich. Nachts trieben Leichenräuber, welche von der zeitgenössischen Literatur unteranderem als „body snatcher, resurrectionist, sack-em-up gentlemen and ghouls“ bezeichnet wurden, auf den Friedhöfen Großbritanniens ihr Unwesen, stahlen Leichen und verkauften diese an Anatomieschulen.
Eine Art der Beschaffung von Kadavern für Autopsien für reine Bildungszwecke, die insbesondere im 18. Und 19. Jahrhundert in Großbritannien verbreitet war. Die Autopsie zur medizinischen Ausbildung wurde in Großbritannien lange Zeit durch die Legislaturen unterdrückt und erschwert. Währenddessen galten in kontinental Europa für Ärzte und Mediziner keine derartigen Einschränkungen, auch da die medizinische Wissenschaft als wesentlicher Bestandteil für die Verteidigung des Landes angesehen wurde. Im Gegensatz zur Haltung kontinental Europas im Bezug auf die Autopsie wich die Haltung Großbritanniens grundlegend von seinen Nachbarländern ab. Die Autopsie sei unwürdig und sinnlos und würde für die Medizin keine hilfreichen Erkenntnisse bringen. Im 17. Jahrhundert wurden in kontinental Europa für die medizinische Ausbildung regelmäßig Autopsien als Untersuchungs- und Analyseinstrument verwendet. Als Konsequenz war Großbritannien zur Mitte des 18. Jahrhunderts weit hinter den medizinischen Errungenschaften kontinental Europas zurückgeblieben. Der Versuch, durch die vermehrte Gründung von Anatomieschulen in Großbritannien den medizinischen Rückstand aufzuholen, stieß den Aufstieg der body snatcher an. Der Bedarf an Kadavern stieg an, die Verfügbarkeit von diesen jedoch nicht, und so wandte man sich einer anderen Art von Beschaffung von Kadavern zu.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Voraussetzungen für den Aufstieg der body snatcher
3. Die body snatcher
3.1. Die body snatcher und die Methoden zur Beschaffung von Kadavern
3.2. Der Konkurrenzkampf der body snatcher
4. Die Maßnahmen gegen die body snatcher
5. Die Öffentlichkeit und die body snatcher
6. Das Ende der body snatcher – der Anatomy Act von 1832
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen Voraussetzungen, Strukturen und Konsequenzen des Leichenraubs durch sogenannte "body snatcher" in Großbritannien während des 18. und 19. Jahrhunderts sowie die darauf folgende gesellschaftliche und gesetzgeberische Reaktion.
- Rechtliche Rahmenbedingungen und der Bedarf an Kadavern für die medizinische Ausbildung
- Arbeitsweisen, Organisation und Konkurrenzkampf unter den Leichenräubern
- Soziale Auswirkungen und Schutzmaßnahmen der Bevölkerung
- Die mediale Darstellung und deren Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein
- Die legislative Antwort durch den Anatomy Act von 1832
Auszug aus dem Buch
3. Die body snatcher
Zu den „body snatchern, resurrectionist, sack-em-up gentlemen und ghouls“, welche Leichenraub für die Beschaffung von menschlichen Kadavern für die anatomische Ausbildung begingen, gehörte ein breites Spektrum an Menschen, unter anderem Medizinstudenten, Friedhofsarbeit und Anatomielehrer selbst, Zwischenhändler, welche Kirchenbeamten oder Bestatter für Leichen bezahlten oder bestachen, Betrüger, die die Leichen von Verarmten und nicht identifizierten Toten beanspruchten, „professionelle“ body snatcher, die in organisierter Weise Kadaver auf Friedhöfen ausgruben, sowie Amateure, die zufällig auf ein frisches Grab oder eine Leiche stießen und Mörder, die die Kadaver ihrer Opfer verkauften.
Der Handel mit Kadavern für die anatomische Ausbildung stellte ein lukratives Geschäft dar, das pro Kadaver einem body snatcher bis zu mehreren Monatslöhnen eines Fabrikarbeiters einbringen konnte. Und trotz der finanziellen Erträge, die die Arbeit als body snatcher einbrachte, ist die emotionale Ausnahmesituation, in die sich die body snatcher begaben, nicht zu unterschätzen. Das Ausgraben, Entfernen und Handeln mit menschlichen Kadavern waren, im wahrsten Sinne des Wortes, dreckige Tätigkeiten. Man darf nicht vergessen, dass der Leichenraub die direkte Konfrontation mit einem verwesenden Kadaver auf sich hatte und der body snatcher einige Zeit mit diesem Kadaver agieren musste, bevor er ihn an seinen Auftragsgeber übergeben konnte. Der Umgang von body snatchern mit der in ihrem Beruf einhergehenden emotionalen Belastung lässt sich besonders anhand des Buches The Diary of a Resurrectionist nachverfolgen. Dieses wurde von einem body snatcher, der sich selbst nur N. oder Joseph Naples nannte, verfasst und behandelte in einem sachlichen Stil seine nächtlichen Tätigkeiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Sorgen der britischen Bevölkerung im 18. und 19. Jahrhundert bezüglich Grabschändungen und führt in die Thematik der Kadaverbeschaffung für medizinische Zwecke ein.
2. Die Voraussetzungen für den Aufstieg der body snatcher: In diesem Kapitel werden die rechtlichen Rahmenbedingungen, wie der Präzedenzfall von 1541 und der Murder Act von 1752, analysiert, die den Bedarf und die Praxis der Leichenbeschaffung maßgeblich prägten.
3. Die body snatcher: Es wird das Spektrum der Akteure beleuchtet, die als Leichenräuber agierten, sowie deren Arbeitsweisen und die finanzielle Motivation hinter dem Handel mit menschlichen Kadavern.
3.1. Die body snatcher und die Methoden zur Beschaffung von Kadavern: Dieses Kapitel erläutert die technischen Methoden der Exhumierung und die Dynamik hinter der schnellen Beschaffung frischer Kadaver.
3.2. Der Konkurrenzkampf der body snatcher: Hier wird die Entwicklung von unorganisierten Einzelgängern hin zu strukturierten Banden sowie der Wettbewerb um Grabstätten beschrieben.
4. Die Maßnahmen gegen die body snatcher: Es werden Schutzmaßnahmen der Bevölkerung, wie der Bau von Eisengitterkäfigen (Mortsafes) und die Erhöhung der Wachsamkeit auf Friedhöfen, thematisiert.
5. Die Öffentlichkeit und die body snatcher: Das Kapitel analysiert die negative Wahrnehmung der Autopsie in der Gesellschaft und die mediale Berichterstattung, die das öffentliche Bewusstsein für die Taten der Leichenräuber schärfte.
6. Das Ende der body snatcher – der Anatomy Act von 1832: Hier wird der Prozess der gesetzlichen Regulierung beschrieben, der schließlich zum Anatomy Act führte und die Praxis der Leichenräuber überflüssig machte.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie das Zusammenspiel von moralischen Normen, medizinischem Fortschritt und politischer Untätigkeit den Sektor des Leichenraubs erst entstehen ließ und schließlich durch Gesetze beendete.
Schlüsselwörter
Body snatcher, Leichenraub, Großbritannien, Anatomie, Medizingeschichte, Kadaver, Murder Act, Anatomy Act, Anatomieschule, Grabschändung, Resurrektionist, Medizinstudent, Friedhofswesen, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die historische Praxis des Leichenraubs in Großbritannien während des 18. und 19. Jahrhunderts, angetrieben durch den Bedarf der anatomischen Forschung an Kadavern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Kerngebiete umfassen die rechtlichen Hintergründe, die Organisation und Methoden der Leichenräuber, die Verteidigungsstrategien der Bevölkerung sowie die gesellschaftliche und legislative Reaktion.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Umstände aufzuzeigen, die zum Aufstieg des illegalen Leichenhandels führten, deren Dynamik zu analysieren und den Prozess zu beleuchten, der schließlich zu gesetzlichen Reformen mündete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse unter Einbeziehung zeitgenössischer Literatur, medizinischer Quellen und rechtlicher Dokumente sowie der Auswertung von Fachliteratur zum Thema.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Akteure des Leichenraubs, die Methoden der Kadaverbeschaffung, die Konkurrenz unter den Banden sowie die Maßnahmen der Öffentlichkeit und der Politik detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Body snatcher, Leichenraub, Anatomie, Medizingeschichte, Anatomy Act und Grabschändung beschreiben.
Warum galten Leichen im 18. Jahrhundert als "nachgefragte Ware"?
Aufgrund der fehlenden legalen Möglichkeiten für Anatomen, genügend Kadaver für Ausbildungszwecke zu erhalten, entstand ein lukrativer, illegaler Markt, auf dem Leichen als notwendige Ware gehandelt wurden.
Welchen Einfluss hatte der "Murder Act" auf die Situation?
Der Murder Act von 1752 trug zur Stigmatisierung der Autopsie bei, da sie explizit als Teil der Bestrafung für Schwerverbrecher vorgesehen war, was den Widerstand in der Bevölkerung gegen anatomische Forschung verstärkte.
Wie schützen sich die Friedhöfe vor den "body snatchers"?
Zum Schutz dienten vor allem physische Barrieren wie Mortsafes (Eisengitterkäfige), schwere Grabplatten, Mauern mit Glasscherben und der organisierte Einsatz von Wachen auf den Friedhöfen.
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- Anonym (Autor), 2023, Body snatching. Der Leichenraub im 18./19. Jahrhundert in Großbritannien, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1491339