"Evolutive Narrative" untersucht die Verbindung zwischen mittelalterlicher Heldenepik und evolutionspsychologischen Prinzipien. Die naturwissenschaftlich motivierte Analyse zeigt, wie narrative Heldentexte des Mittelalters tief in evolutionären Mechanismen verwurzelt sind und wie diese Geschichten grundlegende und früheste menschliche Verhaltensmuster – und damit fundamentale Themen der Phylogenese – widerspiegeln.
Ausgehend von der Annahme, dass literarische Inhalte nicht unabhängig von evolutionspsychologischen und -biologischen Einflüssen betrachtet werden können, bietet die Untersuchung eine interdisziplinäre Analyse bekannter mittelhoch- und frühneuhochdeutscher Heldenepen, darunter das "Rolandslied", das "Nibelungenlied", der "Alexanderroman", "Otnit" und "Wolf Dietrich".
Dabei werden u. a. folgende Fragen beantwortet: Wie werden im «Rolandslied» xenophobisch motivierte Erzählstrukturen aus evolutionärer Perspektive dargestellt? Wie gestaltet sich die Emotionsdramaturgie Karls und Rolands? Welche Partnerselektionsstrategien verfolgen die Figuren Kriemhild und Brünhild? Welche evolutionären Schönheitsideale werden im "Alexanderroman" thematisiert? Welche biologischen Funktionen erfüllen familiäre Konflikte und Inzestthemen in "Otnit" und "Wolf Dietrich"?
Die Ergebnisse zeigen, dass mittelalterliche Heldenepen ihre bis heute anhaltende breite Rezeption durch die Nutzung evolutionär verankerter Topoi erreicht haben, einem evolutionär kohärenten Narrativ stellenweise jedoch zuwiderlaufen: Biologische Realität und poetische Imaginationen beginnen zu interferieren.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 Einführung in das Forschungsprogramm der evolutionären Literaturwissenschaft
1.2 Mittelalterliche Heldenepik in evolutionärer Perspektive
1.3 Forschungsfragen, -stand und Zielsetzung
2 POETIK DER SOZIALITÄT IM ‹ROLANDSLIED›
2.1 sîn lant, daz was fraissam, daz liut, daz ist grimme: Xenophobisch motivierte Ingroup- und Outgroup-Konstruktionen
2.2 wie grôze in got lônet, mîn trechtîn, die brüederlîchen mit ain ander sîn!: Verwandtschaftspräferenz und familiale Argumentationsfiguren
2.3 Der keiser zurnte harte. mit gestreichtem barte: Moderne kaiserliche und kämpferische Emotionsdramaturgien
2.4 dîn muoter ist mîn wîb. mîn sun Baldewîn scholde dîn bruoder sîn: Evolutionäre Störfälle im Spannungsfeld zwischen evolutionärer Logik und christlicher Heilsgeschichte
3 SEXUELLE SELEKTION UND STATUS IM ‹NIBELUNGENLIED›
3.1 vil manigen puneiz rîchen man vor den juncvrouwen vant: Räume der intra- und intersexuellen Selektion im Turnier und Krieg
3.2 swer ir minne gerte, der muose âne wanc driu spil angewinnen: Genderrelativ divergierende Partnerselektionsstrategien
3.3 Kriemhilt niht langer lie, vor des kuniges wîbe inz münster si dô gie: Status als identitätsstiftendes Universalkonzept
3.4 dô hiez si ir bruoder nemen sînen vil schoenen lîp: Zufall und Schicksal, biologische Logik und evolutionäre Störmomente
4 EXKURS: EVOLUTIONÄRE ÄSTHETIK IM ‹STRASSBURGER ALEXANDER›
4.1 Sus lussame sache is al der werlt unkunt: Ästhetisierung durch die Gestaltung anthropophiler Landschaftsstrukturen
4.2 Ih ne sach nie von wîbe scôner antluzze mê, noh ougen alsô wol stê: Erotisierte Koppelung natürlich-urwüchsiger mit weiblicher Schönheit
5 PROBLEME DER GENETIK UND GENEALOGIE IM ‹OTNIT› UND ‹WOLF DIETRICH›
5.1 wenn im die muoter stirbet, so will er die tochter nemen: Inzest als Störfaktor und organisierendes Motiv zugleich
5.2 ir sagt mir wer ich selber und mein geschlächte sei: Gestörte genealogische Strukturen
5.3 wo namest du das kindelein, du namests von dem teufel!: Vaterschaftsunsicherheit als evolutionäres Narrativ
6 SYNTHESE: ERGEBNISSE DER FALLSTUDIEN UND FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die mittelalterliche Heldenepik durch die Linse der Evolutionspsychologie und -biologie, um fundamentale menschliche Verhaltensmuster in diesen fiktionalen Narrativen zu identifizieren. Es wird erforscht, wie evolutionäre Grundmotive wie Paarungsstrategien, Verwandtenselektion und Statusstreben als strukturbildende Elemente in den untersuchten Epen fungieren und teilweise in Konflikt mit religiösen oder heilsgeschichtlichen Inhalten der Texte treten.
- Evolutionäre Literaturwissenschaft und deren metatheoretischer Nutzen.
- Die Darstellung von Ingroup/Outgroup-Dichotomien und Xenophobie.
- Mechanismen der sexuellen Selektion und geschlechtsspezifische Partnerwahlstrategien.
- Evolutionäre Ästhetik und die Beschreibung von Landschaften.
- Problematiken der Genetik, Genealogie und Vaterschaftsunsicherheit in den Heldensagen.
Auszug aus dem Buch
2.1 sîn lant, daz was fraissam, daz liut, daz ist grimme: Xenophobisch motivierte Ingroup- und Outgroup-Konstruktionen
Evolutionsbiologisch stellt Fremdenfeindlichkeit oder Xenophobie ein überlebensdienliches Erbe aus dem Tier-Mensch-Übergangsfeld dar. Bereits jägergesellschaftliche Kollektive beanspruchten wie ihre hominiden Vorgänger Territorien, um die darin enthaltenen überlebensnotwendigen Ressourcen zu akkumulieren. Im ‹Rolandslied› wird dieses Motiv durch Topoi der keineswegs profanen, sondern christlich motivierten Territorialpolitik umcodiert. Bereits im Prolog erwähnt der Erzähler, dass durch Karl der Expansionsradius des Christentums vergrössert werden soll:
vor gote ist er,
want er mit gote überwant
vil manige heideniske lant,
dâ er die cristen hât mit gêret,
alse uns daz buoch lêret. (V. 12–16)
Zudem kann die Suche nach heilsgeschichtlicher Wahrheit als eine Art Suche nach Ressourcen interpretiert werden, denn die Heiden wissen vor der Intervention der Christen nicht, wer ihr Schöpfer ist (sîne wessen ê nicht, wer ir schephaere was. V. 22 f.). Auf einer höheren Abstraktionsebene lässt sich die These aufstellen, dass die Christen im ‹Rolandslied› als Emittenten einer Botschaft fungieren: Sie müssen den Heiden die Ressource der Wahrheit vermitteln. Das frühzeitliche Sozialgefüge des Menschen war von Gruppen mit maximal 100–150 Individuen geprägt. Mögliche kognitive und verhaltensrelevante Adaptationen für kooperative Gruppenformen können Vorurteile gegenüber Outgroup-Mitgliedern sein, die um überlebens- und reproduktionsrelevante Ressourcen mitkonkurrieren. Aus diesem kompetitiven Prozess heraus entwickelte sich das Misstrauen gegenüber anderen Gesellschaften, sprich die Xenophobie als biologisch programmierte und nur z. T. sozialisatorisch erlernte Denkneigung. „Die Ubiquität […] von Vorurteilen verweist […] aus evolutionärer Perspektive darauf, dass diese […] einen funktionalen Nutzen gehabt haben muss“, weshalb die menschliche Tendenz, Fremden mit Aversion zu begegnen, durchaus adaptiv erscheint. Diese Tendenz wird durch religiöse Glaubenssysteme gar verstärkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die evolutionäre Literaturwissenschaft als interdisziplinäre Methode zur Analyse alter Erzählstoffe unter Berücksichtigung moderner psychologischer Konzepte.
2 POETIK DER SOZIALITÄT IM ‹ROLANDSLIED›: Untersuchung christlicher Identitätsbildung und der Abgrenzung gegenüber Heiden mittels evolutionärer Konzepte wie Ressourcenschutz und Verwandtenselektion.
3 SEXUELLE SELEKTION UND STATUS IM ‹NIBELUNGENLIED›: Analyse des Wettbewerbs um Paarungsvorteile und der Rolle von Status als identitätsstiftendem Konzept innerhalb der höfischen Gesellschaft.
4 EXKURS: EVOLUTIONÄRE ÄSTHETIK IM ‹STRASSBURGER ALEXANDER›: Anwendung der biologischen Ästhetik auf Landschaftsdarstellungen, die in der Natur des Menschen verankerte Präferenzen für bestimmte Umgebungen bedienen.
5 PROBLEME DER GENETIK UND GENEALOGIE IM ‹OTNIT› UND ‹WOLF DIETRICH›: Diskussion der Themen Inzest und Vaterschaftsunsicherheit als narratives Störmoment, welches die genealogische Stabilität des Adels bedroht.
6 SYNTHESE: ERGEBNISSE DER FALLSTUDIEN UND FAZIT: Zusammenfassung der Erkenntnisse, dass Heldenepen effektiv evolutionäre Semantiken nutzen, um komplexe menschliche Affekte und gesellschaftliche Spannungsverhältnisse abzubilden.
Schlüsselwörter
Evolutionäre Literaturwissenschaft, Evolutionspsychologie, Heldenepik, Genetik, Genealogie, Partnerwahl, Statusstreben, Kin Selection, Xenophobie, Inzest, Ästhetik, Sozialverhalten, Überleben, Fortpflanzung, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum es in der Arbeit grundsätzlich geht?
Die Masterarbeit wendet evolutionspsychologische und biologische Perspektiven auf die mittelalterliche Heldenepik an, um zu zeigen, dass auch diese klassischen Texte tief in der menschlichen Natur verwurzelte Verhaltensmuster und Konzepte verhandeln.
Was die zentralen Themenfelder sind?
Die Themen umfassen die Poetologie der Sozialität, sexuelle Selektion, evolutionäre Ästhetik, genetische Fragestellungen, genealogische Strukturen und Verhaltensweisen wie Statusstreben und Gruppendynamik.
Was das primäre Ziel oder die Forschungsfrage ist?
Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass literarische Inhalte und Figurenverhalten in der Heldenepik nicht zufällig, sondern durch evolutionäre Gegebenheiten motiviert sind und dass eine interdisziplinäre Analyse zu neuen Erkenntnissen über diese Gattungen führt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet wird?
Die Arbeit nutzt ein interdisziplinäres, multimethodales Vorgehen, das literaturwissenschaftliche Hermeneutik mit aktuellen Erkenntnissen der Evolutionspsychologie und -biologie verknüpft, um Erzählstrukturen neu zu deuten.
Was im Hauptteil behandelt wird?
Der Hauptteil analysiert das ‹Rolandslied›, das ‹Nibelungenlied›, den ‹Strassburger Alexander› sowie ‹Otnit› und ‹Wolf Dietrich› anhand von spezifischen evolutionsbiologischen Konzepten wie Ingroup/Outgroup-Konflikten, Statuswettbewerb, Partnerwahl-Signalen und familiären Störfällen.
Welche Schlüsselwörter die Arbeit charakterisieren?
Zu den Kernbegriffen gehören Evolution, Heldenepik, Genetik, Status, Partnerwahl, Inzest, Ästhetik, Familienbeziehungen und menschliches Sozialverhalten.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Frau in den analysierten Epen aus evolutionsbiologischer Sicht?
Die Untersuchung zeigt, dass Frauen in den Texten oft als wählerische Akteurinnen agieren, die den reproduktiven Wert der Männer beurteilen, während sie gleichzeitig oft als Hintergrundfiguren funktionalisiert oder in patriarchalische Strukturen gezwungen werden.
Warum wird der Inzest in ‹Otnit› und ‹Wolf Dietrich› als Störmoment bewertet?
Inzest bedroht die genealogische Stabilität der adeligen Herrschaftsstrukturen und ist zudem aus evolutionsbiologischer Sicht schädlich für den Fortpflanzungserfolg, wodurch er in den Texten als massives ethisches und faktisches Konfliktpotenzial thematisiert wird.
- Arbeit zitieren
- Marco Garbely (Autor:in), 2020, Evolutive Narrative. Evolutionspsychologische und -biologische Zugriffe auf die Heldenepik im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1491483