Das Ziel der folgenden Arbeit ist es, darzulegen, inwiefern sich die ästhetischen Prinzipien "Terror" und "Horror" in den Werken "Mysteries of Udolpho" von Ann Radcliffe und "Monk" von Matthew Lewis widerspiegeln. Somit fällt einerseits eine ganzheitliche Betrachtung des Gesamtwerks beider Schriftsteller hinsichtlich der Terror-Horror-Dichotomie und andererseits eine weitreichende Behandlung der philosophischen Ästhetik über das Erhabene aus, obgleich für die Forschungsfrage elementare Ausschnitte sporadisch berücksichtigt werden.
Zum Verständnis der Gattung definiert der erste Abschnitt zunächst die Schauerliteratur unter Berücksichtigung der Entwicklung im deutschen und anglofonen Sprachraum; weiterhin werden die durch Radcliffe und Lewis vertretenen Schreibstile elaboriert und die Stellung des Letzteren im deutschenglischen Kulturtransfer hervorgehoben. In den folgenden zwei Kapiteln wird die Radcliff'sche Terror-Horror-Dichotomie – aus der Herleitung von der Erhabenheitsuntersuchung des englischen Ästhetikers Edmund Burke – charakterisiert und infolgedessen die Terror- und Horrormotivik in den Romanen "The Mysteries of Udolpho" und "The Monk" beleuchtet.
Da die Analyse primär quellennah erfolgt, bilden die Romane die Hauptquellen der Arbeit. Darüber hinaus bieten die Handbücher der bedeutenden Phantastikforscher Markus May und Hans R. Brittnacher sowie Marie Mulvey-Roberts einen umfassenden und systematischen Überblick zur Schauerliteratur.
Schauergeschichten füllten die zeitgenössischen Literaturzeitschriften, nahmen als mehrbändige Romane Platz in den Regalen der Leihbibliotheken ein und fanden zuhauf ihren Weg in die literarischen Salons Nordeuropas. Entstanden auf der Schwelle zwischen Aufklärung und Romantik, stehen die übernatürlichen sowie unkonventionellen Motive, Inhalte und Themen des Schauerromans den ästhetischen Maßstäben und der aufklärerischen Rationalität in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
entgegen.
Der dabei bewusst erzeugte Schrecken fußt auf verschiedenen ästhetischen Theorien über das Erhabene und anderen literarischen Vorbildern. Vor allem die Inszenierung des Schauers durch die federführenden Gothic-Novel-Schriftsteller Ann Radcliffe und Matthew G. Lewis im 18. Jahrhundert legte den Grundstein für das Konzept der Terror-Horror-Dichotomie, die zahlreiche Vertreter der Schauerliteratur beeinflusste und zur Entwicklung unterschiedlicher Schreibstile in diesem Genre beitrug.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Lewis´ Monk in der Tradition der englischen gothic novel
II. Radcliffes ästhetische Prinzipien: terror und horror
III. Terror- und Horrorelemente in der gothic novel The Monk
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Terror-Horror-Dichotomie in der Schauerliteratur des 18. Jahrhunderts, wobei der Fokus auf den unterschiedlichen ästhetischen Prinzipien und Schreibstilen von Ann Radcliffe und Matthew G. Lewis liegt, um deren Auswirkungen auf die Rezeption und die Gattungsentwicklung zu ergründen.
- Die philosophische Ästhetik des Erhabenen nach Edmund Burke
- Die Differenzierung zwischen terror und horror (Radcliffe-Dichotomie)
- Analyse von Radcliffes rational auflösender "explained supernatural"-Technik
- Untersuchung von Lewis´ "school of horror" und deren drastischer Gewaltdarstellungen
- Einfluss des deutsch-englischen Kulturtransfers auf die Schauerliteratur
Auszug aus dem Buch
II. Radcliffes ästhetische Prinzipien: terror und horror
Die ästhetische Theorie Burkes aufgreifend, wandte Ann Radcliffe das Konzept des Erhabenen in ihren literarischen Romanen an, die durch bedrohliche Landschaften und geheimnisumwobenen Figuren den Leser in eine düstere, unheimliche Atmosphäre einzuführen trachten. Trotz der Übernahme wesentlicher Teile der Burke´schen Argumentation erweiterte Radcliffe bedeutend die Grenzen des Erhabenheitskonzepts in einem Fragment, das 1826 posthum im New Monthly Magazine unter dem (nicht von Radcliffe selbst verfassten) Titel On the Supernatural in Poetry als alleinstehendes Essay erschienen ist. Größtenteils in Dialogform abgefasst und originär als Einleitung des ebenso posthum veröffentlichten Romans Gaston de Blondeville (1826) gedacht, formuliert Radcliffe darin ihre bekannte Dichotomie zwischen terror und horror:
terror and horror are so far opposite that the first expands the soul and awakens the faculties to a high degree of life; and the other contracts, freezes and nearly annihilates them.
So postuliert die Autorin weiter, dass sich der Affekt des terrors durch eine unspezifische und schattenhaft umrissene Angst kennzeichnet, welche die Einbildungskraft des Subjekts positiv stimuliert und den Geist zu erhabenen Empfindungen beflügelt. Da das Übernatürliche nur angedeutet beschrieben wird und diffus bleibt, überwältigen die notwendigen Erhabenheitselemente des Objektes wie Größe (eng. grandeur) und Dunkelheit (eng. obscurity) den Leser, um dessen Verstand in einen Zustand zu versetzen, in dem die Schreckensnarrative des Textes aktiv gedeutet und überwunden werden.
Im Gegensatz dazu unterscheidet sich horror von der konturenlosen Angsterfahrung und beschreibt eine Reihe von negativen Empfindungen wie Ekel, Aversion, Abscheu und Verachtung, die das Angstvolle beim Subjekt evoziert.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Hier wird der historische Kontext der Schauerliteratur zwischen Aufklärung und Romantik skizziert und die Zielstellung der Analyse, die Terror-Horror-Dichotomie bei Radcliffe und Lewis zu untersuchen, definiert.
I. Lewis´ Monk in der Tradition der englischen gothic novel: Dieses Kapitel verortet das Genre im kulturellen Austausch und diskutiert die Schwierigkeiten einer allgemeingültigen Definition sowie die wirkungsästhetischen Aspekte der Schauerliteratur.
II. Radcliffes ästhetische Prinzipien: terror und horror: Basierend auf Burkes Erhabenheitstheorie wird Radcliffes Differenzierung zwischen terror (als beflügelnde Angst) und horror (als lähmender Schock) eingeführt und an der "Schleierszene" aus Udolpho exemplifiziert.
III. Terror- und Horrorelemente in der gothic novel The Monk: Dieser Abschnitt kontrastiert Lewis´ radikale, explizit gewalttätige "school of horror" mit Radcliffes rationalem Ansatz und beleuchtet die dämonischen und moralisch korrumpierenden Aspekte des Romans.
Fazit: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Unterscheidung der Schreibstile maßgeblich für die Entwicklung der Schauerliteratur war und die gegensätzlichen Ansätze der beiden Autoren prägend wirkten.
Schlüsselwörter
Schauerliteratur, Gothic Novel, Ann Radcliffe, Matthew G. Lewis, Terror, Horror, Das Erhabene, Edmund Burke, The Mysteries of Udolpho, The Monk, Wirkungsästhetik, Schock, Angst, Kulturtransfer, Schauerphantastik
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der ästhetischen Unterscheidung zwischen "terror" und "horror" in der Literatur des ausgehenden 18. Jahrhunderts anhand der Werke von Ann Radcliffe und Matthew G. Lewis.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die philosophische Ästhetik des Erhabenen, die Gattungsgeschichte der Gothic Novel sowie die kontrastierende Darstellung von Schrecken in Radcliffes und Lewis´ Romanen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es darzulegen, wie sich die Prinzipien von Terror und Horror in den Romanen widerspiegeln und welche unterschiedlichen erzählerischen Strategien die Autoren zur Erzeugung von Schauerreaktionen einsetzen.
Welche methodische Vorgehensweise liegt zugrunde?
Die Arbeit erfolgt primär quellennah durch eine literaturwissenschaftliche Analyse ausgewählter Schlüsselszenen (insbesondere der "Schleierszene" und Gewaltdarstellungen) unter Rückgriff auf einschlägige Fachhandbücher.
Welche Rolle spielt Edmund Burke in der Argumentation?
Edmund Burkes Definition des Erhabenen als ästhetische Erfahrung bildet die theoretische Grundlage, auf der Ann Radcliffe ihre Dichotomie zwischen den beiden Schreckensformen aufbaut.
Was unterscheidet Radcliffes Stil von dem des Matthew G. Lewis?
Radcliffe nutzt das "explained supernatural", bei dem übernatürliche Elemente rational aufgelöst werden (Terror), während Lewis mit der "school of horror" auf explizite, drastische Gewalt und dämonische Unabwendbarkeit setzt (Horror).
Wie definiert Radcliffe den Begriff "Terror" im Gegensatz zu "Horror"?
Terror wirkt für Radcliffe als belebender Impuls für die Seele und Einbildungskraft, während Horror als kontrahierend, lähmend und vernichtend empfunden wird.
Welche Bedeutung hat das "Lynchen der Priorin" für Lewis´ Roman?
Es dient als exemplarisches Beispiel für plastische Gewalt, die beim Leser einen körperlich-seelischen Schockzustand auslösen soll, und unterstreicht die Abkehr Lewis´ von rationalen Erklärungsmodellen.
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- Anonym (Autor:in), 2023, Die Terror-Horror-Dichotomie in Ann Radcliffes "Mysteries of Udolpho" und Matthew Lewis´ "Monk", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1491841