Schuldverarbeitung und Schuldbekenntnisse der Freikirchen nach dem Dritten Reich


Diplomarbeit, 2007

124 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Abkürzungsverzeichnis

2 Einleitung

3 Lage und Verhalten der Freikirchen im Dritten Reich

4 Schuldverarbeitung der Freikirchen in der Zeit nach der NS-Diktatur
4.1 Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland
4.1.1 Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten im Dritten Reich
4.1.2 Die Schuldfrage in der Zeit des Umbruchs
4.1.3 Erste Ansätze einer Rede von „Schuld“ in der adventistischen Zeitschrift „Der Botschafter“
4.1.4 Schuldverarbeitung in den 70er und 80er Jahren
4.1.5 Erste Anträge auf ein Schuldbekenntnis in den 80er Jahren
4.1.5.1 Die Entwicklung in der DDR
4.1.5.2 Die Entwicklung in der BRD
4.1.6 Die Nachwendezeit
4.1.6.1 Die Erklärung zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995
4.1.6.2 Die Erklärung der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland und Österreich zum 60. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945
4.1.7 Zusammenfassung und Bewertung
4.2 Die Methodistenkirche in Deutschland
4.2.1 Die BMKD am Ende des Zweiten Weltkrieges
4.2.2 Die Frage nach der „Schuld“ und die „Brüderliche Resolution an die Gemeinden“ vom 25./26. Juli 1945
4.2.3 Die „Erklärung [der Methodistenkirche] über die Stellung der Kirche zur gegenwärtigen Lage“ vom Dezember 1945
4.2.4 Weitere Verlautbarungen zum Verhalten der BMKD im Dritten Reich aus dem Jahr 1946
4.2.4.1 Die „Entschließung“ an die Gemeinden vom Februar 1946
4.2.4.2 Die „Botschaft an die Mutterkirche“ vom Mai 1946
4.2.4.3 „Botschaft von Bischof F. H. Otto Melle“ an die Zentralkonferenz vom November 1946
4.2.5 Das gemeinsame Wort der evangelisch-methodistischen Kirche der BRD und der DDR anlässlich des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht vom 9. November 1938
4.2.6 Zusammenfassung
4.3 Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden
4.3.1 Der deutsche Baptismus am Ende des Krieges
4.3.2 Nachkriegsrundbrief vom 25. Juni 1945
4.3.3 Die „Brüderliche Resolution“ vom 25./26. Juli 1945
4.3.4 „Unser Weg“ – der Rechenschaftsbericht von Paul Schmidt
4.3.5 Ernsthafte Mahner
4.3.6 Das Schuldbekenntnis des BEFG in der BRD 1984
4.3.7 Nachwirkungen der Erklärung von 1984
4.3.8 Zusammenfassung

5 Die Erklärungen im Vergleich
5.1 Die „Erklärung [der Methodistenkirche] über die Stellung der Kirche zur gegenwärtigen Lage“ vom Dezember 1945
5.1.1 Inhaltliche Aspekte
5.1.1.1 Wie ist der Text aufgebaut?
5.1.1.2 Wie wird Schuld und Versagen beschrieben?
5.1.1.3 Welche Aussagen werden zum Holocaust und zum Verhalten gegenüber Juden gemacht?
5.1.1.4 Bringt der Text echte Reue zum Ausdruck?
5.1.1.5 Welche theologischen Gedanken liegen der Erklärung zugrunde?
5.1.1.6 Welches Ziel verfolgt der Text?
5.1.2 Äußere Aspekte
5.1.2.1 Wann ist der Text entstanden?
5.1.2.2 Wie wurde der Text veröffentlicht?
5.1.2.3 Welche Wirkung hat der Text erzielt?
5.2 Das „Hamburger Schuldbekenntnis“ des [westdeutschen] Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden von 1984
5.2.1 Inhaltliche Aspekte
5.2.1.1 Wie ist der Text aufgebaut?
5.2.1.2 Wie wird Schuld und Versagen beschrieben?
5.2.1.3 Welche Aussagen werden zum Holocaust und zum Verhalten gegenüber Juden gemacht?
5.2.1.4 Bringt der Text echte Reue zum Ausdruck?
5.2.1.5 Welche theologischen Gedanken liegen der Erklärung zugrunde?
5.2.1.6 Welches Ziel verfolgt der Text?
5.2.2 Äußere Aspekte
5.2.2.1 Wann ist der Text entstanden?
5.2.2.2 Wie wurde der Text veröffentlicht?
5.2.2.3 Welche Wirkung hat der Text erzielt?
5.3 Die Erklärung der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland und Österreich zum 60. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945
5.3.1 Inhaltliche Aspekte
5.3.1.1 Wie ist der Text aufgebaut?
5.3.1.2 Wie wird Schuld und Versagen beschrieben?
5.3.1.3 Welche Aussagen werden zum Holocaust und zum Verhalten gegenüber Juden gemacht?
5.3.1.4 Bringt der Text echte Reue zum Ausdruck?
5.3.1.5 Welche theologischen Gedanken liegen der Erklärung zugrunde?
5.3.1.6 Welches Ziel verfolgt der Text?
5.3.2 Äußere Aspekte
5.3.2.1 Wann ist der Text entstanden?
5.3.2.2 Wie wurde der Text veröffentlicht?
5.3.2.3 Welche Wirkung hat der Text erzielt?
5.4 Zusammenfassung und Vergleich

6 Auswertung und Schlussbetrachtung

7 Anhang

8 Literaturverzeichnis

1 Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2 Einleitung

Im „Vaterunser“ beten Christen seit etwa 2000 Jahren zu Gott: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“[1] Das zeigt zum einen, dass 2000 Jahre Geschichte des Christentums nicht frei sind von Verfehlungen, Versagen und Sünde. Zum anderen machen diese Worte, die Jesus seine Jünger lehrte, aber ebenso deutlich, dass der gläubige Mensch in seiner Schuld bei Gott jederzeit neu Vergebung empfangen kann, wenn er ihn darum bittet. Wie sonst hätte das Christentum 2000 Jahre überleben können, wenn Gott sich nicht immer wieder gnädig über sein Volk erbarmen würde?

Wie aber sieht es im Leben von Kirchen und Freikirchen mit dieser Bitte um Vergebung praktisch aus?

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, anhand der Betrachtung dreier Freikirchen deren Prozesse der Vergangenheitsbewältigung und Schuldverarbeitung in Bezug auf das eigene Verhalten im Dritten Reich darzustellen und miteinander zu vergleichen. Ein besonderer Fokus soll dabei auf den offiziellen Erklärungen der drei Freikirchen zu Verhalten, Schuld und Versagen im NS-Deutschland liegen. Fast völlig ausgeklammert bleibt für diese Arbeit das Verhalten einzelner, lokaler Gemeinden.

Die Arbeit beginnt mit einer sehr allgemeinen Betrachtung über „Lage und Verhalten der Freikirchen im Dritten Reich“. Sie erhebt bei Weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bietet darüber hinaus keine neuen Informationen gegenüber dem aktuellen, wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Sie soll vielmehr eine Hilfe und Grundlage liefern für das Verstehen der folgenden Ausführungen zur „Schuldverarbeitung der Freikirchen nach der NS-Zeit“. Wegen der ungeheuren Größe des Themas beschränke ich mich hierbei und im Folgenden auf die Bischöflich methodistische Kirche[2], den Bund der Baptistengemeinden (ab 1941 Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden) und die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten,[3] wobei letztere ob des leichteren Zugangs zu Quellenliteratur den Schwerpunkt bildet. Für die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten erfolgt darüber hinaus eine gesonderte, kurze Skizzierung der eigenen Lage im Dritten Reich, da die Gemeinschaft zur damaligen Zeit nicht Mitglied in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF)[4] war und auch kaum als Freikirche angesehen wurde. Es wird sich aber zeigen, dass sich ihr Verhalten während und nach der NS-Zeit nicht wesentlich unterschied von dem anderer Freikirchen. Nach der Darstellung der Schuld- und Vergangenheitsverarbeitung anhand öffentlicher und persönlicher Stellungnahmen, Dokumenten und Verlautbarungen werden in einem dritten Schritt die offiziellen Erklärungen der drei Freikirchen zu Verhalten, Schuld und Versagen im Dritten Reich auf inhaltliche sowie äußere Aspekte (Entstehungszeit und -anlass, Veröffentlichung und Wirkung des Textes) untersucht und anschließend miteinander verglichen. Den Abschluss bildet eine kurze Zusammenfassung und Auswertung der Ergebnisse.

In der folgenden Erarbeitung soll das Bewusstsein leitend sein, dass die Betrachtung von Schuld und Schuldverarbeitung aus einer Außenperspektive immer in der Gefahr steht, zu einer „Schuldzuweisung“ und damit selbst zu „Schuld“ zu werden, wenn nur noch das Versagen und nicht mehr die Menschen in ihren spezifischen Lebenssituationen gesehen werden. Um der Glaubhaftigkeit der christlichen Kirchen und ihrer Gläubigen willen ist es dennoch unbedingt erforderlich, dass das eigene Verhalten vor dem Hintergrund der Bibel – das heißt vor ethischen und theologischen Gesichtspunkten - ständig reflektiert wird, um mögliches Fehlverhalten zu erkennen, vor Gott und Menschen um Vergebung bitten zu können und frei zu werden für Gegenwart und Zukunft. Dazu gehört auch das Kapitel der „Schuldverarbeitung und Schuldbekenntnisse der Freikirchen nach dem Dritten Reich“, wobei auch hier die Verheißung aus 1. Joh 1, 9 gilt:

„Wenn wir unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“

3 Lage und Verhalten der Freikirchen im Dritten Reich

Als am 30. Januar 1933 Adolf Hitler und die NSDAP in Deutschland die Regierungsgewalt übertragen bekamen, sahen die Freikirchen in Deutschland sowohl mit einem skeptischen als auch mit einem hoffnungsvollen Auge auf diese neue Situation. Die massiven, parteipolitischen Aktivitäten der Nationalsozialisten, der ständige Fahnen- und Führerkult, sowie der ungeheure Machtanspruch des neuen Staates ließen viele Freikirchengläubige zunächst auf Distanz dazu gehen. „Das geschah vorwiegend mit dem im damaligen Neupietismus weit verbreiteten Hinweis, daß entschiedene Christusnachfolge und parteipolitische Aktivitäten einander ausschlössen.“[5] Demzufolge war die Einstellung vieler Freikirchen zu Politik und Staat auch entsprechend negativ geprägt.

Auf der anderen Seite machte der neue Staat mit seiner ideologischen „Pervertierung christlicher Metaphern und biblischer Begriffe“[6] und der Rede vom „positiven Christentum“ auch Eindruck auf viele Christen der Kirchen und Freikirchen. Darüber hinaus erhofften sie sich von den neuen Machthabern „eine sittliche Erneuerung, die mit Zucht und Ordnung verbunden wurde. Auswüchse des Nachtlebens, Verwerfung der Nacktkultur, Alkoholgenuss, Tanzen und Rauchen waren immer schon verdächtige Zeichen eines oberflächlichen Lebens gewesen.“[7] Nicht zuletzt versprach man sich von den Nationalsozialisten ein entschiedenes Vorgehen gegen die „düstere Bedrohung“ des atheistischen Bolschewismus.

Ein großer Unsicherheitsfaktor stellte für die Freikirchen im Dritten Reich das Verhältnis zu den einzelnen Evangelischen Landeskirchen und der gesamten Deutschen Evangelischen Kirche dar. Obwohl von kirchenleitender Ebene der diskriminierende Begriff „Sekte“ im Zusammenhang mit verschiedenen Freikirchen am Beginn der 30er Jahre kaum noch benutzt wurde und die Freikirchen durch die Weimarer Verfassung eine gesicherte Rechtsposition innehatten, blieben doch „die Probleme der Freikirchen (…) sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb des gesamten deutschen Protestantismus in der Weimarer Zeit weitgehend ungelöst.“[8]

Schon bald nach der Machtergreifung Hitlers wurde zudem deutlich, dass das Konzept der Gleichschaltung auch vor den Kirchen und Freikirchen nicht Halt machen würde. Bereits am 25. April 1933 hatte Hitler durch einen Erlass den nationalsozialistisch gesinnten Wehrkreispfarrer Ludwig Müller zum „Beauftragten für die Angelegenheiten der evangelischen Kirchen“ gemacht und am gleichen Tag von den evangelischen Kirchen die Formierung eines „einheitlichen protestantischen Blocks“ gefordert.[9] Die Freikirchen sahen in dieser „Gleichschaltung“ der Kirchen eine akute Gefährdung ihrer Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Diese Angst bekam von den Forderungen der Deutschen Christen nach einer einheitlichen, national gesinnten Reichskirche zusätzliche Nahrung. Daraufhin wurden Vertreter verschiedener Freikirchen am 2. - 4. Mai 1933 bei Ludwig Müller nacheinander vorstellig und äußerten ihre Sorgen und Bedenken.[10] Müller konnte dabei Fragen seiner Besucher, „ob amtlicherseits tatsächlich an eine An- oder Eingliederung der Freikirchen an die im Entstehen begriffene DEK gedacht würde“, nicht gänzlich ausräumen, „weil er offensichtlich selber nichts wußte.“[11]

Die Freikirchen reagierten in der Folgezeit mit der Straffung ihrer eigenen, inneren Struktur (Mennoniten), mit der Einführung des Führerprinzips (Baptisten)[12] oder mit dem Streben nach einer „Zusammenfassung der bisherigen neun Landeskörperschaften zu einer Reichskörperschaft und damit einer Art Reichskirche“[13] (Methodisten). Darüber hinaus führten Vertreter der VEF, darunter auch der Baptist Paul Schmidt und der Methodist Otto Melle, miteinander Gespräche, in denen ein „Plan für einen ‚Bund deutscher Freikirchen’ oder, wie die abgeänderte Überschrift hieß, für ‚eine Deutsche evangelische Freikirche’“[14] erarbeitet wurde, „um alle Freikirchen in einem Bund zusammenzuführen (…) [und] ihn neben der DEK und dem römischen Katholizismus als eine selbständige ‚dritte’ kirchliche ‚Säule’ anerkennen zu lassen.“[15] Eine solche Union kam allerdings nie zustande, da diese auch in den Freikirchen selbst einige entschiedene Gegner hatte und Ludwig Müller, seit dem 27. September 1933 zum Reichsbischof der DEK gewählt und von Hermann Göring zum preußischen Staatsrat ernannt, nicht mehr von einer Eingliederung der Freikirchen in die DEK redete, sondern von einem „freundschaftliche[n] Nebeneinander und gegebenenfalls eine[r] freie[n] Zusammenarbeit“[16].

Nachdem diese Gefahr nun für die Freikirchen abgewendet schien, was nicht zuletzt auch dem außenpolitischen Kalkül Hitlers entsprach, da viele Freikirchen in den Vereinigten Staaten über politisches Gewicht verfügten,[17] und nachdem auch die sonntäglichen und wöchentlichen Veranstaltungen, Evangelisations- und Missionsdienste zunächst von staatlichen Einschränkungen und Verboten unangetastet blieben, „schien der Spielraum für kirchliches Leben größer geworden zu sein, als er je zuvor den Freikirchen zugestanden war.“[18] Bei vielen Angehörigen der Freikirchen entstand der Eindruck, „daß die Nationalsozialisten den kirchlichen Dienst unterstützten, das Volk auf die Kirche hinwiesen und zum Kircheneintritt aufforderten.“[19] Die Folge war, dass die Kritikfähigkeit gegenüber dem Nationalsozialismus und seinen Machthabern erheblich nachließ. Mehrere Freikirchen quittierten diese neu gewonnene Akzeptanz mit Grußbotschaften und Huldigungsadressen an Adolf Hitler, Loyalitätserklärungen zum NS-Staat, der Forderung nach Einführung des Arierparagraphen auch in den Freikirchen und der Verteidigung des Nationalsozialismus sowie „der Verhältnisse in Deutschland gegenüber internationalen Partnern“[20].

Den entbrannten Kirchenkampf zwischen den „Deutschen Christen“ und der Bekennenden Kirche verfolgten die Freikirchen sehr aufmerksam, aber distanziert. Sie sahen in ihm lediglich einen innerlandeskirchlichen Machtkampf, in den sie sich nicht einmischen wollten. Ihrem Kirchenverständnis und theologischen Ansatz nach standen sie zwar eher der BK nahe, lehnten aber „bestimmte Ideen der Deutschen Christen (…), wie z.B. die Betonung des Volkstums und der Rasse, nicht radikal [ab]“[21]. Für sie klangen die „Möglichkeit einer weit gefassten Volksmission als Evangelisation und der angekündigte Kampf gegen die Destruktion traditioneller ethischer Normen“[22] durchaus positiv. Um diese neu gewonnene Freiheit nicht aufs Spiel zu setzen, versuchten die Freikirchen im Kirchenkampf eine neutrale Haltung zu bewahren und drückten gegenüber den staatlichen Organen immer wieder ihre Ergebenheit aus.

In der Ablehnung eines rassischen Antisemitismus war man sich in den Kirchen und Freikirchen Anfang 1933 noch weitgehend einig. Allerdings hielt man die judenfeindliche Propaganda weder für ein Wesensmerkmal Adolf Hitlers noch der gesamten NSDAP, sondern für die Gesinnung weniger Personen, die sich in die NSDAP eingeschlichen hatten, die „von jeher anti-alttestamentlich und anti-jüdisch eingestellt waren und die nun mit deren Hilfe [der NSDAP] ihre Ansichten allgemein durchzusetzen suchten.“[23] Gegenüber ihren ausländischen Brüdern verteidigten viele Kirchenführer in Deutschland sogar ihre Regierung und wiesen die Massendemonstrationen im Ausland gegen den Judenboykott als „Gräuelpropaganda“ zurück.[24] Gegen die staatlicherseits massiv einsetzende Judenverfolgung wurde von den Freikirchen offiziell nur sehr wenig Widerstand entgegen gesetzt. Es kamen sogar Forderungen auf, das Judentum zurückzudrängen, da ihnen „das breite Angebot pornographischer Literatur (…), die immer weiter fortschreitende Säkularisation und andere Zeiterscheinungen“[25] angelastet wurden. Die in und von der Gesellschaft geschürte Angst vor einer Übermacht der Juden, die Sorge um die eigene Weiterexistenz und der zunehmende politische Druck, aber auch eigene Überzeugungen führten innerhalb freikirchlicher Gemeinden und kirchenleitender Gremien gelegentlich zu antisemitischen Äußerungen, Diskriminierungen, Ausgrenzungen und Entlassungen von Juden oder jüdischstämmiger Personen. Einzelne mutige Widerständler, die es auch innerhalb der Freikirchen an verschiedenen Stellen gab und die sich unerschrocken für jüdische Mitbürger einsetzten, können das traurige Bild dagegen nur wenig aufhellen.

Die immer massiveren staatlichen Beschneidungen und Willkürmaßnahmen gegen einzelne Freikirchen führten dazu, dass vor allem kleinere Gemeinschaften wie die Christliche Gemeinschaft Hamburg von Pastor Friedrich Heitmüller, die Christengemeinde Elim und andere den engen Kontakt zu und gegebenenfalls auch den Zusammenschluss mit größeren Freikirchen suchten, um ein drohendes Verbot durch die Nationalsozialisten zu umgehen.[26]

Die Stimmung in den Freikirchen war Ende 1938, dem Vorjahr des Zweiten Weltkriegs, ausgesprochen positiv, sah man doch in der „Erschaffung Großdeutschlands“ einen Segen und Auftrag Gottes an den Führer.[27] Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 war dann auch nur ein kurzzeitiger Schock für die evangelischen Freikirchen, der sich aber nach den militärischen Erfolgen Deutschlands in der ersten Kriegswoche schnell zerschlug. „Als Brudermord, Auflehnung gegen Gott oder mutwillige Zerstörung einer von Gott geliebten Schöpfung hat 1939 keine Freikirche den Krieg begriffen.“[28]

Im Laufe des Krieges gerieten dann die Freikirchen in immer größere personelle und finanzielle Schwierigkeiten, da viele ihrer Pastoren und Laienmitarbeiter zur Wehrmacht einberufen wurden und die vermehrten staatlichen Geldsammlungen spürbar zu Buche schlugen. Die Folge war allerdings nicht eine Abkehr vom Nationalsozialismus und ein entschiedenes Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt, sondern die Forderung nach „noch größerer Opferbereitschaft [und intensiverer Fürbitte] für Hitlers Reich und den Krieg.“[29] Die Erfolge Hitlers wurden mehrheitlich von Freikirchen immer wieder lobend hervorgehoben und als Führung Gottes bezeichnet, da „in gewaltigen Siegen (…) unsere Wehrmacht die Gefahr abgewandt [hat], die uns vom Bolschewismus drohte, und (…) unaufhaltsam weiter vorwärts [dringt] … Zuversichtlich blicken wir dem Endsieg entgegen.“[30]

Mit dem spürbaren Wandel im Kriegsverlauf wurden dann aber auch viele Freikirchen zunehmend verunsichert, was durch innenpolitische Schikanemaßnahmen von Gestapobeamten zusätzlich geschürt wurde. Immer häufiger äußerten Einzelne nun Bedenken über das verbrecherische Kriegstreiben Deutschlands und die nationalsozialistische Führerideologie, durch welche die Freikirchen in der Gefahr standen, „das Eine zu vergessen …: Gott über allen Dingen (zu) fürchten.“[31]

In der Judenfrage wurde von Mitte 1943 an von freikirchlicher Seite völlig geschwiegen, da das Eintreten für Juden zu gefährlich geworden war.[32]

In den letzten beiden Kriegsjahren, in denen viele deutsche Städte durch Bombenangriffe in Schutt und Asche fielen und großes Leid über das Land selbst hereinbrach, „liest sich aus den Quellen vermehrt wieder die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende“[33] und ein von Gott geschenktes Friedensreich. Durchhaltevermögen schöpften die Freikirchenchristen aus einer tiefen Innerlichkeit des Glaubens und einer Rückbesinnung darauf, dass Gott selbst letztlich die Geschicke der Welt in seinen Händen hält und sowohl Gnade als auch Gericht schickt. Auch wich der Führerglaube der 30er und frühen 40er Jahre einer starken eschatologischen Naherwartung, was darauf schließen lässt, dass die Wiederkunftserwartung bei vielen Freikirchen im Verlauf des Dritten Reiches zeitweilig stark zurückgetreten war.[34]

Resümierend lässt sich feststellen, dass sich die Freikirchen in Deutschland durch „‚Akkomodation’ an staatliche Vorgaben, das Schweigen angesichts der Judenfrage und [durch] die Verteidigung der Verhältnisse in Deutschland gegenüber internationalen Partnern“[35] vor Gott und den Opfern des nationalsozialistischen Terrors schuldig gemacht haben. Darüber hinaus haben einzelne Freikirchler aber auch offizielle Verlautbarungen und Dokumente der Freikirchen in menschenverachtender Weise antisemitisches und nationalsozialistisches Gedankengut aktiv vertreten. In der Sorge um die ungestörte Ausübung des Missions- und Verkündigungsauftrages biederte man sich dem NS-Staat weitgehend an oder erklärte nachdrücklich seine Loyalität oder Unterstützung. Eine breite „Führergläubigkeit“ und die ideologischen Verführungen der Nationalsozialisten führten auch in den Freikirchen zu einer Vernachlässigung der biblischen Gedanken der Friedfertigkeit, der Gleichheit aller und der Feindesliebe. Erich Geldbach fragt zu Recht nach den Inhalten der sogenannten Evangelisationen, „wenn nach dem Krieg Bundesdirektor Paul Schmidt (1888-1970), der natürlich im Amt blieb, in seinem Rechenschaftsbericht bekundete, man habe zwar keine Märtyrer hervorgebracht, aber alle Zeit in Freiheit evangelisieren können“[36].

4 Schuldverarbeitung der Freikirchen in der Zeit nach der NS-Diktatur

4.1 Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland

4.1.1 Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten im Dritten Reich

Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten wurde von anderen Kirchen und Freikirchen in der Zeit des Nationalsozialismus und noch lange danach unter die Rubrik Sekten oder Sondergemeinschaften gezählt. Die heutigen Gastmitgliedschaften im ACK und im VEF lagen für die Gemeinschaft am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 noch in weiter Ferne. Zudem trugen die Auseinandersetzungen mit der im Ersten Weltkrieg abgespaltenen Splittergruppe der Siebenten-Tags-Adventisten Reformbewegung, mit dem Dauerbrenner römischer Katholizismus und mit der Person Ludwig Richard Conradi erheblich dazu bei, dass die Sicht der Führungspersönlichkeiten der Gemeinschaft in der Zeit des Nationalsozialismus fast ausschließlich nach innen gerichtet war. Daneben waren aber auch theologische Gründe ausschlaggebend dafür, dass sich die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland in hohem Maße loyal zum nationalsozialistischen Staatswesen verhielt und kaum gegen offensichtliche Missstände Protest einlegte.

In Bezug auf Röm 13 sahen die Siebenten-Tags-Adventisten in der Institution des Staates eine göttliche Einrichtung, wobei diese an keine bestimmte Staatsform gebunden sei. „Der Adventist betrachtet also ausnahmslos jede Obrigkeit als von Gott eingesetzt. Für ihn repräsentiert sie ein Teil der gottgewollten Ordnung.“[37]

Dies trug dann auch maßgeblich dazu bei, dass sich Adventisten selbst in äußerst bedrängten Situationen weiter loyal zum NS-Regime verhielten, wobei hier nicht vergessen werden darf, dass es dennoch immer wieder einzelne Adventisten gab, die sich in passivem oder aktivem Widerstand gegen den antigöttlichen und unmenschlichen Staat stellten, sei es in der Verweigerung des Waffendienstes, dem Verstecken von Juden oder anderen „staatsfeindlichen“ Handlungen.

Nach dem schnellen Verbot der Gemeinschaft am 26. 11. 1933 und der kurz darauf am 6. 12. 1933 erfolgten Verbotsaufhebung war die Gemeinschaftsleitung peinlich bemüht, auf allen erdenklichen Wegen weiteres Konfliktpotential mit dem Staat zu vermeiden und diesem seine uneingeschränkte, treue Ergebenheit deutlich zu machen, um der Gefahr eines erneuten Verbotes entgegen zu wirken. Hatte man sich anfangs mit politischen Stellungnahmen sehr zurückgehalten, so veröffentlichten adventistische Zeitschriften in Deutschland nun häufiger Artikel zum Nationalsozialismus, die wiederum von einem durchweg positiven Tenor geprägt waren.[38]

Die Gemeinschaftsleitung war bestrebt, politische Stellungnahmen einzelner Mitglieder möglichst zu unterbinden oder einer Zensur zu unterstellen, was auch auf die Prediger und Gemeindeglieder weitergegeben wurde. „G.W. Schubert, der neue Vorsteher der MED, brachte diese Forderung mit folgenden Worten auf einer Evangeliumsarbeiterversammlung zum Ausdruck: ‚Wir haben keine politischen Auseinandersetzungen, keine Schwierigkeiten mit der Regierung oder mit irgendwelcher geistlichen Leitung. Wir wollen nur Gottes Wort studieren. … Wir erwarten, daß unsere Arbeiter keine andern Probleme beschäftigen.’“[39]

Ein erneutes Verbot schwebte wie ein drohendes Damoklesschwert über der Gemeinschaft[40] sodass die Gemeindeleiter ihre Glieder in pietistischer Verengung anwiesen, sich jeglicher staatspolitischer Äußerungen zu enthalten und treu an den Glaubensgrundsätzen der Siebenten-Tags-Adventisten fest zu halten. Der starke Jenseitsbezug und die Forderung nach politischer Abstinenz führten dann schließlich dazu, dass das Gros der Adventisten und die Gemeinschaftsleitung vor offenkundigen Missständen und Gräueltaten im NS-Staat die Augen verschlossen oder sogar selbst mit einstimmten in Huldigungen an den Führer, antisemitische Parolen und rassische Wahnvorstellungen. Inwieweit dies nur aus taktischem Kalkül geschah, „um unter der staatsloyalen Decke um so ungestörter adventistische Sonderlehren ausleben zu können, läßt sich heute im einzelnen schwer entscheiden, zumal die Übergänge zwischen taktischer Beteuerung, Konzessionsbereitschaft und Zustimmung aus Überzeugung fließend sind.“[41]

Die Gemeinschaftsleitung verfolgte wohl gemeinsam mit der Mehrzahl ihrer Mitglieder „eine Strategie des Überlebens (…), die freiwillige Selbstbeschränkung, Schweigen, Kompromisse und Anpassung in Lehre und Gemeindeleben, Mitarbeit in Teilbereichen (NSV) und Bejahung der politischen Ziele miteinschloß.“[42]

Dennoch wird man wohl das Verhalten nicht einfach damit erklären können und dürfen, dass die Gemeinschaftsleitung aus fürsorglichen Überlegungen diesen impertinenten Weg einschlug, um aus der Gemeinde keine Märtyrerkirche zu machen. Eine gewisse theologische Indifferenz der noch vergleichsweise jungen christlichen Gemeinschaft in Deutschland tat dabei ihr Übriges, wie aus einem Brief des Vorsitzenden der MED Adolf Minck 1940 ersichtlich wird:

„Je treuer und gewissenhafter jeder Adventist in dieser Kriegszeit auf dem ihm zugewiesenen Posten seine Pflicht tut, umsomehr darf er in Friedenszeiten Verständnis und Entgegenkommen für seine Glaubens- und Gewissensüberzeugung erwarten. (…) Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass wir den im Römerbrief Kap. 7,12 niedergelegten Grundsatz nach wie vor für uns verbindlich halten: ‚Das Gesetz ist heilig, und das Gebot ist heilig, recht und gut.’ Ausserdem ist nachdrücklich und mit allem Lehrgeschick zu betonen, dass wir uns in der Befolgung der Vorschriften und Gebote Gottes in dieser Kriegszeit verständig einfügen und der Obrigkeit gegenüber den ebenfalls durch Gottes Wort gebotenen Gehorsam leisten (Röm 13,1-5).“[43]

Nach dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch des NS-Staates konnte man dann im Rückblick auf das eigene Verhalten mehr oder weniger zufrieden feststellen, „daß unsre Brüder und Mitarbeiter im Prediger- und Lehrerberuf sich im allgemeinen in Übereinstimmung mit den Ratschlägen in Diener des Evang., S. 345-351, von politischer Betätigung auch unter dem vergangenen Regime ferngehalten haben. Wo sich in wenigen Fällen Brüder der Partei anschlossen, taten sie es in gezwungener Weise oder aus Gründen, die dem Werk (nach ihrem Empfinden und in ihrem Bereich) dienen sollten. Gesinnungsgemäß waren sie, soweit bekannt ist, keine Vertreter politischer Bestrebungen und Ziele. Unsere Kräfte und unser Dienst gehören nach wie vor uneingeschränkt der Verkündigung des Evangeliums Jesu.“[44]

Man versuchte auf diese Weise sich gegenüber der Gemeinschaftsleitung in den USA, gegenüber den eigenen Gemeinden und gegenüber den Besatzungsbehörden zu rechtfertigen. Eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte und des eigenen Verhaltens im nationalsozialistischen Deutschen Reich - von einem Schuldeingeständnis und einem Schuldbekenntnis ganz zu schweigen - lag zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne. Die unmittelbaren Aufgaben und Probleme nahmen die gesamte Aufmerksamkeit und Energie der Gemeinschaftsleitung in Anspruch. Die Schwierigkeiten betrafen die zum Teil katastrophale humanitäre Lage der Kirchenmitglieder (ganz besonders in der Besatzungszone der Sowjetunion), einige zerstörte Gemeindehäuser, die Auseinandersetzung mit den Reformadventisten und ihren nicht enden wollenden Vorwürfen und die Wiederaufnahme der Beziehungen zur Mutterkirche in Amerika. „Die Vorwürfe [gegen die Adventisten in Deutschland] konzentrierten sich dabei vor allem auf zwei Kernpunkte: Deutsche Adventisten hätten in Fragen der Sabbatheiligung adventistische Standards gebrochen und ihre Beteiligung im Militärdienst müsse als Abweichen vom allgemein deklarierten Noncombatant-Standpunkt angesehen werden.“[45]

4.1.2 Die Schuldfrage in der Zeit des Umbruchs

Den zaghaft beginnenden Dialog mit der adventistischen Mutterkirche in Amerika bestimmten in erster Linie gerade diese innergemeinschaftlichen Themen, wobei auch die Klärung der organisatorischen Neuordnung der Gemeinschaft in Deutschland ein vordringliches Problem darstellte, da nach dem Krieg vor allem die niederländischen Adventisten nicht mehr zur MED gehören wollten, die ursprünglich aus mehreren Staaten in der Mitte Europas und Missionsgebieten weltweit bestanden hatte. „So verdichteten sich die Gespräche immer mehr bis zu dem Ergebnis, dass Deutschland als Staat eine eigene Division bilden solle.“[46]

Wendeten sich in der evangelischen Kirche und in der Ökumene neben Angehörigen der Bekennenden Kirche vor allem die ausländischen Kirchenführer mit dem Ziel an ihre eigene Kirche in Deutschland, „womöglich von (…) [dieser] eine Erklärung zu verlangen, die deren Verhältnis zu den übrigen Kirchen und der Ökumene derart klarlegt, daß sofort vertrauensvolle Verbindung aufgenommen werden könne“[47], so unterblieb gerade dies bei den Siebenten-Tags-Adventisten.

Wie in der Zeit des Nationalsozialismus waren das Gemeindeleben und die Äußerungen und Veröffentlichungen der Gemeinschaft auch danach noch weiter von einer deutlich unpolitischen Haltung geprägt. Man beschäftigte sich in erster Linie mit sich selbst, seinen eigenen akuten Schwierigkeiten mit der Währungsreform, den Heimkehrern und Flüchtlingen, der Verteilung der Spenden aus dem Ausland und den schmerzhaften Angriffen aus der eigenen Gemeinschaft in Bezug auf die Einhaltung der rechten Glaubenslehren. Es ist darum kaum verwunderlich, dass sich die deutschen Adventisten vielmehr in einer Opfer- als in einer Täterrolle sahen. Damit reihten sie sich nahtlos in die breit vertretene Haltung der christlichen Kirchen in Deutschland ein, wobei dennoch ein paar wenige Einzelpersonen immer wieder den Finger in die Wunden legten und ihren Kirchen eine Mitschuld an den grausamen, menschenverachtenden Geschehnissen im Dritten Reich zusprachen.

Wie der adventistische Kirchenhistoriker Johannes Hartlapp in einem unveröffentlichten Dokument resümierend feststellt, finden sich bis 1947 „außer einigen Andeutungen keine direkten Hinweise auf eine Diskussion zwischen der GK und den deutschen Vertretern über deren Verantwortung in der NS-Zeit.“[48]

Ein Protokoll der jährlichen Herbstsitzung der GK aus dem Jahr 1946 gibt die Haltung der obersten Gemeinschaftsleitung zu den deutschen Kirchenmitgliedern folgendermaßen wieder:

„Resolved, That we hereby express our thanks to God for their loyalty and devotion during these years of dire conflict; and, further, that we reaffirm our faith in the principle that the Sabbath of the Lord is to be sacredly observed in times of war, as in peace, believing that war conditions give no sanction for disobedience to the commandments of God; and, further we urge all to a renewed faithfulness in the observance of the holy Sabbath as the heart of the third angel’s message and the seal of the living God.

We here express our deep sympathy for those who have faced great opposition and persecution for their faith, and, under the threat of death, may have yielded in the matter of faithfulness in Sabbathkeeping. In the spirit of Christian love and forbearance we exhort all such to repent and to seek forgiveness for this transgression, and to return unto the Lord and to a life of unswerving obedience under all circumstances.”[49]

Hier wird besonders deutlich, wie sehr es der Gemeinschaftsleitung in Amerika in erster Linie um die Reinhaltung der adventistischen Lehre und, sofern man in Zeiten des Krieges abgewichen war, um die Rückkehr zu dieser ging. Wenn man überhaupt in diesem Sinne von „Schuld“ sprechen kann, so verstanden die Führungspersönlichkeiten der STA zu der Zeit darunter eben nur das Abweichen von den eigenen fundamentalen Glaubenslehren. Dass man aber durch eine mehr oder weniger aktive Unterstützung des Nationalsozialismus am Aufstieg und Fall des rassistischen Staatswesens und seiner Verbrechen selbst Anteil hatte, war hier noch keineswegs im Blick.

Obwohl zwar von Seiten der Generalkonferenz, wie schon erwähnt, keine offizielle Aufforderung zur Aufarbeitung des eigenen Verhaltens im Dritten Reich an die deutschen Adventisten erfolgte, so war doch bei allen Gesprächen und Kontakten immer die Frage nach der ehemaligen NSDAP-Mitgliedschaft einiger leitender Persönlichkeiten unterschwellig oder offenkundig präsent, da die GK von Vertretern anderer Länder längst zum Handeln aufgefordert worden war. Vor allem der in Deutschland stationierte adventistische Major J.C. Thompson, Chief der Education & Religion Affairs Branch bei der US-Militärverwaltung in Berlin, drängte sehr darauf, „dass auch bei den Adventisten, so wie bei anderen Kirchen, ein Reinigungsprozess in Gang kam, in dessen Verlauf wenigstens die ehemaligen NSDAP-Mitglieder von Führungspositionen zurücktraten.“[50] In einem inhaltsschweren, mehrseitigen Brief wandte sich der Generalkonferenzpräsident McElhany am 24. April 1947 an Adolf Minck, in dem er unter anderem auch eine klare Offenlegung der Beziehungen einzelner Brüder zur NSDAP und zu anderen NS-Organen forderte.

„It does seem to us, Brother Minck, that before the time comes for the General Conference to take action in the election of division leaders that you brethren could give study to this matter and that you plan to retire any workers known to have had such voluntary connection with the Nazi Party, to sustentation where eligible or to some subordinate line of work.”[51]

Da der Druck auf die deutschen Adventisten nun immer größer wurde, „trennte sich die Gemeinschaft von nicht einmal einer Handvoll Mitarbeitern. Das waren weitaus weniger, als wahrscheinlich wegen einer Mitgliedschaft in der NSDAP oder SS hätten betroffen sein müssen. Eine generelle Auseinandersetzung zu Fragen der Sabbatobservanz, dem Staatsverständnis, dem Militärdienst oder mit früher gegebenen Ratschlägen zur freiwilligen oder fördernden Mitgliedschaft in NS-Organisationen wie z.B. der SS unterblieb. Die Sache sollte offenbar schnell abgehandelt werden.“[52]

In einem Antwortschreiben auf den Brief vom 24. April 1947 äußerte sich Adolf Minck zur NSDAP-Mitgliedschaft von Beamten der MED und weiteren Angestellten der Gemeinschaft: „Es war ein verschwindend geringer Prozentsatz, und die meisten von ihnen waren und blieben rechte Adventisten…“. Schon lange vor dem Brief der GK habe man Vorkehrungen getroffen und eine Reihe von Mitarbeitern in adventistischen Organisationen nicht wieder eingestellt: „ein Arzt im Krankenhaus Waldfriede; drei Schriftleiter im Verlag, außerdem [sei] ein Abteilungsleiter, der den Jahren nach auch dazu heranstand, auf den Sustentation-Fond übernommen; zwei Prediger in der Süddeutschen Union durften auf Veranlassung der Militärbehörde zeitweise ihr Predigtamt nicht ausüben. Nach ihrer Entlastung wurden sie wieder zugelassen und eingestellt. Sie haben das Vertrauen der Gemeinden.“[53]

In sehr ausführlicher Weise versucht Minck, das Verhalten der deutschen Gemeinschaftsleitung während der Naziregierung zu rechtfertigen. „Es wäre wirklich eine Kleinigkeit gewesen, 500 Prediger und 43 000 Gemeindeglieder in der damaligen Mitteleuropäischen Division zu Märtyrern zu machen…“.[54] Von einzelnen Adventisten abgesehen, die den Weg ins Martyrium gingen, vermieden die leitenden Brüder nach Möglichkeit alle Wege der Konfrontation mit dem NS-Staat, um eben das Überleben der Gemeinschaft zu sichern. Während der gesamten Zeit des Nationalsozialismus sei die Zielstellung immer gleich geblieben:

„Gott wollten wir die Treue halten, der Obrigkeit als Gottes Dienerin wollten wir gehorchen. Das Werk wollten wir vor Eingriffen und Schaden bewahren. Wenn nun eine geringe Anzahl Gemeindeglieder glaubten, ihre Pflichten erfüllen zu müssen, wie sie es taten, sind das Kompromisse, oder ist das Untreue? Wir in unserer Lage sehen das nicht so an. Wir lebten doch in einer außerordentlichen Notzeit. Wir fanden es diesmal wie im ersten Weltkrieg oft sehr schwer, die Grenze zu sehen, wo die Not aufhört und Ungehorsam beginnt. Schließlich ist doch auch jeder persönlich vor Gott für sein Glaubensleben verantwortlich.“[55]

Kann dies als Anzeichen eines unausgesprochenen Schuldeingeständnisses interpretiert werden? Mit der „persönlich[en] [Verantwortung] vor Gott für sein Glaubensleben“ ist an dieser Stelle eben wieder nur das „rechte Verhalten“ in Fragen der Glaubenslehren im Blick. Die Mitverantwortung in Bezug auf die Gräueltaten und Ungerechtigkeiten im Dritten Reich sieht Minck noch überhaupt nicht, auch wenn er für sich persönlich eingesteht: „Wenn ich als verantwortlicher Leiter des Werkes Fehler gemacht habe, so bedaure ich es von Herzen, absichtlich oder gar leichtsinnig ist das jedenfalls nicht geschehen, weder von mir noch von meinen Mitarbeitern im Ausschuß.“[56]

Auch eine vereinzelte Äußerung Mincks bei der Wiedereröffnung des Predigerseminars in Friedensau im Jahr 1947, “...daß wir als deutsche STA schuldig geworden seien”[57], bezieht sich wohl lediglich auf das Abweichen von der adventistischen Glaubenslehre.

Deutlich tritt in den Stellungnahmen immer wieder die Sorge um das „Werk“ hervor, die nicht nur bei den Siebenten-Tags-Adventisten sondern auch von Methodisten, Baptisten und anderen Kirchen und Freikirchen als vordergründiges Alibi für das Verhalten im Nationalsozialismus angeführt wurde.

David G. Rose, der als Vertreter der Südeuropäischen Division nach Kriegsende ein Jahr in Deutschland geweilt hatte, wollte sich aber mit solchen Ausflüchten der deutschen Adventisten nicht zufrieden geben. In einem vernichtenden Urteil beschuldigt er seine leitenden Glaubensgeschwister in Deutschland, auf ganzer Linie versagt, keine Hinweise zur angemessenen Sabbathaltung gegeben und so zu einem Werteverfall unter Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen beigetragen zu haben. Adolf Minck warf er unter anderem verantwortungsloses Verhalten und Einsichtslosigkeit vor. „Es sei offensichtlich, dass Minck nicht in der Lage oder nicht gewillt sei, einen Erneuerungsprozess einzuleiten.“[58]

„I have heard of Brother Minck speak of Niemöller as a blockhead and condemn him for his confession of guilt of the German nation.“[59]

Weil die leitenden Brüder zu große Angst vor einem Verbot gehabt hätten, sei es zu faulen Kompromissen mit dem Staat und zu Fehlern in der rechten Ausübung der adventistischen Glaubensgrundsätze gekommen. „It is no secret that our work in Germany has suffered and still suffers from church politics and a pride in the German nation.“[60]

Den eigentlichen Schuldigen für das Versagen der Gemeinschaftsleitung in Deutschland sah er aber in Ludwig Richard Conradi, der schon lange vor seinem Austritt aus der Gemeinschaft den Same des Zweifels an den adventistischen Lehren und Prinzipien gesät und somit maßgeblich zum Fehlverhalten der Brüder in Deutschland im Dritten Reich beigetragen hätte. Mit dieser klaren Schuldzuweisung war „einer echten Auseinandersetzung mit dem Phänomen Nationalsozialismus bzw. einer Aufarbeitung der theologischen Fragen (Militärdienst, Verhältnis zum Staat) (…) erneut ausgewichen worden.“[61]

Resümierend lässt sich diese Aussage durchaus auf alle Gespräche und Briefe zwischen der Gemeinschaftsleitung in Deutschland und der GK anwenden. Man war in den ersten Jahren nach Kriegsende nicht bereit, seine eigene Haltung zu Gesellschaft und Staat zu überdenken und unter neuen Gesichtspunkten das eigene Verhalten im NS-Staat zu betrachten. Das vordringliche Ziel war vielmehr, die Beziehungen zueinander schnellstmöglich wieder zu normalisieren und dort anzuknüpfen, wo man 1933 aufgehört hatte. Die Sorge um das „Werk“ und um die Aufrechterhaltung der adventistischen Glaubenslehren verschlossen den Leitern der Gemeinschaft im In- und Ausland die Augen vor der Mitverantwortung für das Erstehen und Erstarken des Nationalsozialismus und aller seiner grausamen Begleiterscheinungen. Von einer gesellschaftlichen „Schuld“ sprachen zu der Zeit weder Vertreter der GK noch der STA in Deutschland.

4.1.3 Erste Ansätze einer Rede von „Schuld“ in der adventistischen Zeitschrift „Der Botschafter“

Die ersten Veröffentlichungen der Siebenten-Tags-Adventisten nach 1945 waren geprägt von einer neuen Identitätsfindung. Die gegenwärtige Situation und die vergangenen zwölf Jahre lagen als eine schwere Last auf der Gemeinschaft, die als „Zerrissenheit der Christenheit“[62] empfunden wurde. Auch der „Sabbat“[63], der von einigen Geschwistern in Zeiten des Nationalsozialismus nicht mit aller Entschlossenheit eingehalten worden schien, und die Fragen nach der Mission[64] waren zentrale Themen in der adventistischen Zeitschrift Der Botschafter in den ersten Nachkriegsjahren. Der Blick richtete sich ausschließlich auf die gegenwärtige, leidvolle Situation, in der man versuchte, wieder neu die alten Glaubenswahrheiten zu entdecken und mit entschlossener Hingabe Gott treu zu bleiben.

Die Erbauungsliteratur, die in dieser Zeit erschien, spiegelt die pietistischen Wurzeln des Adventismus wieder. Eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen, mit Politik oder gar mit der eigenen Vergangenheit geschah nur in sehr seltenen Fällen, wobei ein Eingeständnis eigener Versäumnisse und eigenen Fehlverhaltens für die Zeit des Nationalsozialismus völlig ausblieb. Das Thema Schuld wurde lediglich im geistlich-erbaulichen Rahmen angesprochen.

Politik und Gesellschaft spielten nur insofern eine Rolle, als sie mit der adventistisch prophetischen Sicht und der Erwartung des unmittelbar bevorstehenden „jüngsten Tags“ in Verbindung gebracht werden konnten.[65] Die katastrophale Vergangenheit und die bedrückende gegenwärtige Lage seien zustande gekommen, weil „das ganze Abendland schwer krank ist, (…) die moderne Menschheit innen leer und ohne Zusammenhang ist, ganz dem Augenblick hingegeben, nur nach außen gerichtet, ohne innere Leitung und Ordnung.“[66]

Gegen Ende seines Textes kommt Porsch zu dem Ergebnis: „Die Frage nach der Bußfertigkeit ist die einzig entscheidende Frage für unser Volk. Gegenüber dieser Frage sind alle anderen Fragen, die unser Volk bewegen, absolut nebensächlich und bedeutungslos… Es bleibt uns heute nichts anderes als einzugestehen, daß die Christenheit wohl im Besitz der Wahrheit war, sie aber schnöde missachtet hat.“[67]

A. B. Porsch räumt hier zwar zum ersten Mal zaghaft eine Mitschuld der Christen an dem Verfall des Abendlandes ein, diese bleibt aber erneut nur auf den Abfall von der rechten Glaubenslehre und auf die Abwendung von Gott beschränkt. Grundsätzlich sahen sich Adventisten, die in der Mehrzahl auch in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Glauben treu gelebt zu haben meinten, selbst in der Opferrolle und als viel zu klein, um im totalitären Machtstaat etwas hätten ausrichten können.

4.1.4 Schuldverarbeitung in den 70er und 80er Jahren

Es ist schwer, wenn überhaupt möglich, in der Zeit zwischen 1950 und 1975 von einer „Schuldverarbeitung“ zu sprechen, da „keine öffentliche Diskussion zur NS-Vergangenheit in den deutschen Adventgemeinden nachweisbar“[68] ist. Zwar veröffentlichte der Amerikaner Jacob M. Patt im April 1958 eine erste Dissertation zur Geschichte der Adventbewegung in Deutschland von ihrem Anfang (um 1875) bis in die Gegenwart (d.h. bis 1958),[69] doch fehlten ihm maßgebliche Quellen zur adäquaten Beschreibung der STA im NS-Staat, was er auch in seinem Buch selbst immer wieder einwendet. Als Amerikaner, der über das Verhalten der deutschen Adventisten schreibt, will und kann er sich nur in einer möglichst deskriptiven Weise darüber äußern und sich jeglicher ethisch-moralischer Bewertungen und Schuldzuweisungen enthalten. Auch ein Eingeständnis von Schuld und Versagen darf an dieser Stelle nicht erwartet werden, da diese Aufgabe nur den Verursachern selbst zukommt.

In Deutschland dagegen wurden die zwölf unrühmlichen Jahre der NS-Zeit wie ein nicht vorhandenes Kapitel in den meisten Gemeindechroniken einfach übergangen, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Erst gegen Mitte der 70er Jahre finden sich erste zaghafte Formulierungen in Bezug auf ein schuldhaftes Verhalten der Gemeinschaft im Dritten Reich.

Der ehemalige Seminardirektor Walter Eberhard sprach 1974 anlässlich der 75-Jahrfeier des Predigerseminars in Friedensau. In seiner Rede findet sich ein kurzer und noch sehr vage gehaltener, aber doch kritischer Satz zum Verhalten in der NS-Zeit: „und heute müssen wir ihn [Gott] um Vergebung bitten für unsere Kurzsichtigkeit und Lässigkeit.“[70] Eine weitere Spezifizierung dieser Aussage unterblieb allerdings.

Dennoch kann dies als erster Hinweis dafür gesehen werden, dass in der Mitte der 70er Jahre die eigene Geschichte und die Thematik der Vergangenheitsbewältigung neu ins Blickfeld gerieten. Der Anstoß kam wieder aus Amerika, wo in der „gemeinschaftskritischen adventistischen Zeitschrift ‚Spektrum’ das Thema Nationalsozialismus aufgegriffen worden war.“[71] Davon angesprochen, war es in Deutschland vor allem die jüngere Generation, die in der Zwischenzeit herangewachsen war und nun anfing, sich kritisch mit dem Verhalten ihrer Väter und Mütter zu beschäftigen.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass im Jahr 1979 eine erste Darstellung der „Lage der Gemeinschaft der Siebenten Tags-Adventisten in der Zeit des Nationalsozialismus“ als Abschlussarbeit erschien,[72] wobei der Autor Johannes Hartlapp hier auch historische Quellen wissenschaftlich auswertete. Vor allem in Ostdeutschland wurde dadurch in den Gemeinden eine rege Diskussion angefacht. „Da sich der Autor auch auf ähnliche Forschungen in der Evangelisch-methodistischen Kirche und der DDR (Kurt Zehrer) bzw. dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in der DDR (Reinhard Assmann) bezog und eine große Ähnlichkeit im Verhalten der Freikirchen feststellte, kam eine Entwicklung in Gang, die in einer dreiteiligen Artikelreihe von Dieter Leutert und Johannes Hartlapp in der gemeinschaftseigenen Zeitschrift Adventgemeinde ihren Niederschlag fand.“[73]

Dieter Leutert nimmt in seinen beiden Artikeln vor allem das Verhalten der beiden Volkskirchen in der NS-Zeit in den Blick und kommt zu dem Ergebnis: „Das katholische Versagen jener Jahre ist Modellfall für ein allgemeinchristliches – ‚Sie suchen das Ihre.’ Gemeinde Jesu Christi ist aber nur in dem Maße Gemeinde und erfüllt nur insofern ihre Aufgabe, wie sie für andere da ist.“[74]

Mit dem indirekten Verweis auf Dietrich Bonhoeffer - „Kirche muss Kirche für andere sein“ - legte Leutert den Finger an die wunde Stelle der Siebenten-Tags-Adventisten und aller anderen Kirchen, die sich in pietistischer Selbstverkapselung und aus Furcht vor den Machthabern der Gesellschaft den Rücken zugekehrt hatten. In derselben Ausgabe der Zeitschrift findet sich auch ein Artikel zum gemeinsamen „Wort zum Frieden“, das am 19. März 1985 vom Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR und der Evangelischen Kirche in der BRD anlässlich des bevorstehenden 40. Jahrestages des Kriegsendes veröffentlicht worden war. Aus diesem gemeinsamen Wort werden mehrere Passagen zitiert, die sich ganz explizit mit der „Schuld“ der Kirchen im Nationalsozialismus beschäftigen und die für die Gegenwart betonen: „Gott hat aus dem Bekenntnis unserer Schuld neue Gemeinschaft zwischen Christen und zwischen christlichen Kirchen wachsen lassen. Staunend haben wir Zeichen der Versöhnung erfahren.“[75]

Aber gerade dieses „Bekenntnis unserer Schuld“ hat es bei der Gemeinschaft der STA zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben und so erscheinen solche hoffnungsvollen Sätze in einer adventistischen Zeitschrift eher ein bisschen wehmütig, schrieb doch Johannes Hartlapp in der Fortsetzung der Artikelreihe zwei Monate später vom „Versagen unserer Vorfahren“[76] in Deutschland.

Als Gründe für den Einbruch nennt er: 1. Der Ernst der politischen Lage sei nicht erkannt worden, 2. Der Nationalsozialismus sei nicht richtig betrachtet und beurteilt worden und 3. Viele Adventisten seien zu unmündig gewesen, selbst aufzustehen und sich aufzulehnen. Der besondere Einfluss von Hulda Jost als AWW-Leiterin mit deutlichem NS-Gepräge wird ebenfalls erwähnt. Konkret kritisiert Hartlapp, dass die Gemeinden und die Gemeinschaftsleitung nicht nur nichts gegen den Nationalsozialismus verlauten ließ, sondern dass sogar Anstrengungen unternommen wurden, als besonders gute Staatsbürger dazustehen.

Er wagt schließlich zu fragen, ob denn die „Sorge um das Werk“ die für einen gläubigen Christen angemessene Sorge sein müsse. „Mußte es wirklich weitergehen [das Werk]? Spielen hier nicht typisch menschliche Erwägungen hinein? Wenn es Gottes Sache ist – und dessen war man sich gewiss –, dann ist ER nicht nur Baumeister, sondern auch Erhalter der Gemeinde.“[77] Damit war nun auch die Frage nach der theologischen Argumentation der Gemeinschaft im Nationalsozialismus kritisch gestellt und drängte auf Reaktionen.

Im Zuge dieses Artikels, der in leicht abgewandelter Form auch im Adventecho, der Zeitschrift der Siebenten-Tags-Adventisten in der BRD, veröffentlicht wurde,[78] erschien in den folgenden Ausgaben eine Flut von Leserbriefen, die in der Mehrzahl eine brüderliche Kritik am damaligen Verhalten aussprachen. Die Forderung nach einem adventistischen Schuldbekenntnis trat jetzt immer stärker hervor, wobei auch durchaus die Stuttgarter Schulderklärung zitiert werden konnte.[79]

[...]


[1] Mt. 6, 12 (Übersetzung nach Martin Luther 1984).

[2] Heute Evangelisch-methodistische Kirche (EmK).

[3] Heute Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten.

[4] Heute besitzt die Freikirche der STA in der VEF einen Gaststatus.

[5] Karl Zehrer: Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“. Berlin 1986, 13.

[6] Karl Heinz Voigt: Freikirchen in Deutschland. (19. und 20. Jahrhundert). Leipzig 2004, 163.

[7] Ebd.

[8] A.a.O. 162.

[9] Vgl. a.a.O. 165.

[10] Darunter waren am 2. Mai die Baptisten Friedrich Rockschieß und Otto Nehring, am 3. Mai die Methodisten F. H. Otto Melle und Bernhard Keip und am 4. Mai die Vertreter des landeskirchlichen Aktionsausschusses Theodor Heckel und Johann Hosemann. Vgl. Ebd.

[11] Zehrer: Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“. 21.

[12] Vgl. Erich Geldbach: Freikirchen. Erbe, Gestalt und Wirkung. Göttingen 22005, 182. vgl. auch Zehrer: Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“. 22.

[13] Zehrer: Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“. 22.

[14] Ebd.

[15] Geldbach: Freikirchen . 182.

[16] Zehrer: Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“. 23.

[17] Vgl. Geldbach: Freikirchen. 183.

[18] Ebd.

[19] Zehrer: Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“. 25.

[20] Geldbach: Freikirchen. 183.

„Ein besonders krasses Beispiel dafür, dass sich Freikirchler im Ausland für die NS-Propaganda missbrauchen ließen, war die Teilnahme von Bischof F. H. Otto Melle (Methodistenkirche) und dem baptistischen Bundesdirektor Paul Schmidt an der Weltkonferenz für Praktisches Christentum in Oxford 1937. Beide wurden von Theodor Heckel, dem Leiter des Kirchlichen Außenamtes der Deutschen Evangelischen Kirche, die auf Anweisung Hitlers keine Delegation entsenden durfte, manipuliert, von der deutschen Botschaft in London gleichsam ‚geführt’ und fielen durch ihre Redebeiträge auf der Konferenz der Bekennenden Kirche in den Rücken.“ Ebd.

[21] Voigt: Freikirchen in Deutschland. 168.

[22] Ebd.

[23] A.a.O. 14.

[24] Vgl. Voigt: Freikirchen in Deutschland. 164.

[25] Zehrer: Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“. 26.

[26] Detaillierte Informationen bieten hier: Voigt: Freikirchen in Deutschland. 184ff. oder die Darstellungen der einzelnen Freikirchen über ihre Geschichte im Dritten Reich.

[27] Nur wenige Wochen nach der Reichspogromnacht heißt es in dem methodistischen Jahresrückblick: „Was war das doch für ein Jahr, das hinter uns liegt! Vielleicht werden spätere Geschlechter uns beneiden, daß wir es erleben und Zeugen des gewaltigen Geschehens sein durften in der Geschichte unseres Volkes. Wir denken an den Anschluß der Ostmark an das Reich und an die Heimkehr des Sudetenlandes ins Vaterland, das dadurch – nur zwanzig Jahre nach dem schwersten Zusammenbruch und tiefster Demütigung – um zehn Millionen deutscher Volksgenossen gewachsen ist. Wir haben in den entscheidenden Tagen der Krisis mit gebangt, gehofft und geglaubt, haben unsere Bitten dem Herrn, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, dargebracht, und dann unsere Versammlungen zu Dankgottesdiensten umgestaltet, als die Gebete erhört waren, um Gott die Ehre zu geben.“ Zehrer: Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“. 58.

[28] A.a.O. 61.

[29] A.a.O. 63.

[30] Vgl. a.a.O. 66ff. Zitat S.68.

[31] Aus einem Schreiben eines methodistischen Pastors an seine Gemeinde. Zitiert nach: A.a.O. 69.

[32] Vgl. a.a.O. 74.

[33] Herbert Strahm: Die Bischöfliche Methodistenkirche im Dritten Reich. Stuttgart Berlin Köln 1989, 266.

[34] Vgl. ebd.

[35] Geldbach: Freikirchen. 183.

[36] A.a.O. 183f.

[37] Reiner Junek: Die Gemeinschaft der S.-T.-A. in der Zeit des Nationalsozialismus. In: Lothar E. Träder [Hrsg.]: Der Adventglaube in Geschichte und Gegenwart. Pastoraltheologische Schriftenreihe. (AGG), Darmstadt 1986. 76.

[38] Vgl. a.a.O. 87.

[39] A.a.O. 89.

[40] Adolf Minck sagte später: „das Damoklesschwert des Verbots schwebte über uns in all diesen Jahren“. Zitiert nach: Daniel Heinz: Adventisten und Nationalsozialismus. Trauma einer Generation. In: Adventecho, Mai 2005, 32-34.

[41] Werner Allweis: Die Adventgemeinde und der Nationalsozialismus. In: Träder: AGG. 136.

[42] Ebd.

[43] Rundschreiben des Vorstehers der MED Adolf Minck an die Vorsteher und Prediger der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland. Berlin 30. April 1940. zitiert nach: Träder: AGG. Dok 25, 185.

[44] Protokoll der MED, Gedächtnisprotokoll der 644. Sitzung, 8. Oktober 1945. zitiert nach: A.a.O. 148. und Johannes Hartlapp: unveröffentlichtes Manuskript, 352. vgl. auch Ders.: Der Umgang deutscher Adventgemeinden mit der NS-Vergangenheit. In: Freikirchenforschung 15, 2005/05. Erzhausen 2006, 325.

[45] A.a.O. 326.

[46] A.a.O. 328.

[47] Andreas Lindt [Hrsg.]: George Bell – Alphons Koechlin. Briefwechsel 1933-1954. Zürich 1969, 428. Zitiert nach: Martin Greschat [Hrsg.]: Im Zeichen der Schuld. 40 Jahre Stuttgarter Schuldbekenntnis. Eine Dokumentation. Neukirchen-Vluyn 1985, 9.

[48] Hartlapp: unveröffentlichtes Dokument, 352.

[49] A.a.O. 352f.

[50] A.a.O. 351.

[51] Brief J.L. McElhany und E.D. Dick an A. Minck, 24. April 1947. Zitiert nach: A.a.O. 354.

[52] Hartlapp: Der Umgang… . In: Freikirchenforschung 15, 331.

[53] Brief Minck an McElhany, 17. September 1947. Zitiert nach: A.a.O. 332ff.

[54] Ebd.

[55] Ebd.

[56] Hartlapp: Der Umgang… . In: Freikirchenforschung 15, 334.

[57] A. Minck, 1947, zitiert bei Johannes Hartlapp: Die Lage der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in der Zeit des Nationalsozialismus. Abschlussarbeit am Predigerseminar Friedensau, 1979, 87.

[58] Hartlapp: unveröff. Dok. 363.

[59] Brief D.G. Rose an J.L. McElhany, 5. April 1948. Zitiert aus: Ebd.

[60] Ebd.

[61] Hartlapp: unveröff. Dok. 364.

[62] W. Edener: Wohin steuerst du, Kirche Christi? Der Botschafter, Nov. 1946, 8.

[63] Hier sei z.B. der Artikel erwähnt: W. Edener: Christus und der Sabbat. Der Botschafter, Okt. 1946, 8-9.

[64] Vgl. W- Mueller: Was wird aus der Mission? Der Botschafter, Nov. 1946, 3-4.; A. Minck: Unsere Missionare. Der Botschafter, März 1947, 6-7.

[65] Ein wichtiges Thema ist z.B. die Ungewissheit vor der Atomenergie, die zum einen Reichtum und Frieden verspricht, zum anderen aber Angst macht vor erneutem Krieg und Vernichtung. Vgl. W. Edener: Die Menschheit am Scheideweg. Der Botschafter, Sept. 1946, 1-2. Vgl. auch: E. Berner: Atomforschung – Segen oder Fluch. Der Botschafter, Aug. 1947, 10-11.

[66] A.B. Porsch: Der Standort der abendländischen Welt: Der Botschafter, Aug. 1947, 8-9.

[67] Ebd. Porsch zitiert hier aus einem Heft: Neubau, Heft 3.

[68] Hartlapp: Der Umgang… . In: Freikirchenforschung 15, 341.

[69] Jacob Michael Patt: The history of the Advent Movement in Germany. Dissertation, Stanford University, 1958.

[70] Hartlapp: Die Lage der Gemeinschaft... . 88.

[71] Ders.: Der Umgang… . In: Freikirchenforschung 15, 342.

[72] Ders.: Die Lage der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in der Zeit des Nationalsozialismus. Friedensau 1979.

[73] Ders.: Der Umgang… . In: Freikirchenforschung 15, 342f. Folgende Zeitschriftenartikel werden hier erwähnt: Dieter Leutert: Eine Stunde der Versuchung. Kirchenkampf im „Dritten Reich“ (1), Adventgemeinde, Nr. 5 1985; ders. : Eine Stunde der Versuchung. Kirchenkampf im „Dritten Reich“ (2), Adventgemeinde, Nr. 6 1985; Johannes Hartlapp: Eine Stunde der Versuchung. Kirchenkampf im „Dritten Reich“ (3), Adventgemeinde, Nr. 7 1985.

[74] Dieter Leutert: Eine Stunde der Versuchung. Kirchenkampf im „Dritten Reich“ (1), Adventgemeinde, Nr. 5 1985, 4.

[75] Wort zum Frieden. Evangelische Kirchen zum 8. Mai. Adventgemeinde, Nr. 5 1985, 4.

[76] Johannes Hartlapp: Eine Stunde der Versuchung. Kirchenkampf im „Dritten Reich“ (3), Adventgemeinde, Nr. 7 1985, 5.

[77] A.a.O. 4.

[78] Hartlapp: Die Adventgemeinde im Dritten Reich. Adventecho 19/84, Hamburg 1985, 8-9.

[79] Leserbrief von Werner Hoge, Adventecho 4/85, Hamburg 1986, 39.

Ende der Leseprobe aus 124 Seiten

Details

Titel
Schuldverarbeitung und Schuldbekenntnisse der Freikirchen nach dem Dritten Reich
Hochschule
Theologische Hochschule Friedensau  (Kirchengeschichte)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
124
Katalognummer
V149212
ISBN (eBook)
9783640603749
ISBN (Buch)
9783640603602
Dateigröße
1068 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schuld, Schuldbekenntnis, Schuldverarbeitung, Freikirche, Kirche, Drittes Reich, Nazizeit, Nazideutschland, Versagen
Arbeit zitieren
Matthias Scheel (Autor:in), 2007, Schuldverarbeitung und Schuldbekenntnisse der Freikirchen nach dem Dritten Reich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149212

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