Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, anhand der Betrachtung dreier Freikirchen deren Prozesse der Vergangenheitsbewältigung und Schuldverarbeitung in Bezug auf das eigene Verhalten im Dritten Reich darzustellen und miteinander zu vergleichen. Ein besonderer Fokus soll dabei auf den offiziellen Erklärungen der drei Freikirchen zu Verhalten, Schuld und Versagen im NS-Deutschland liegen.
Die Arbeit beginnt mit einer sehr allgemeinen Betrachtung über „Lage und Verhalten der Freikirchen im Dritten Reich“.
Wegen der ungeheuren Größe des Themas beschränke ich mich hierbei und im Folgenden auf die Bischöflich methodistische Kirche , den Bund der Baptistengemeinden (ab 1941 Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden) und die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, wobei letztere ob des leichteren Zugangs zu Quellenliteratur den Schwerpunkt bildet. Für die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten erfolgt darüber hinaus eine gesonderte, kurze Skizzierung der eigenen Lage im Dritten Reich, da die Gemeinschaft zur damaligen Zeit nicht Mitglied in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) war und auch kaum als Freikirche angesehen wurde. Es wird sich aber zeigen, dass sich ihr Verhalten während und nach der NS-Zeit nicht wesentlich unterschied von dem anderer Freikirchen. Nach der Darstellung der Schuld- und Vergangenheitsverarbeitung anhand öffentlicher und persönlicher Stellungnahmen, Dokumenten und Verlautbarungen werden in einem dritten Schritt die offiziellen Erklärungen der drei Freikirchen zu Verhalten, Schuld und Versagen im Dritten Reich auf inhaltliche sowie äußere Aspekte (Entstehungszeit und -anlass, Veröffentlichung und Wirkung des Textes) untersucht und anschließend miteinander verglichen.
In der folgenden Erarbeitung soll das Bewusstsein leitend sein, dass die Betrachtung von Schuld und Schuldverarbeitung aus einer Außenperspektive immer in der Gefahr steht, zu einer „Schuldzuweisung“ und damit selbst zu „Schuld“ zu werden, wenn nur noch das Versagen und nicht mehr die Menschen in ihren spezifischen Lebenssituationen gesehen werden. Um der Glaubhaftigkeit der christlichen Kirchen und ihrer Gläubigen willen ist es dennoch unbedingt erforderlich, dass das eigene Verhalten vor dem Hintergrund der Bibel – das heißt vor ethischen und theologischen Gesichtspunkten - ständig reflektiert wird, um mögliches Fehlverhalten zu erkennen, vor Gott und Menschen um Vergebung bitten zu können und frei zu werden für Gegenwart und Zukunft.
Inhaltsverzeichnis
2 Einleitung
3 Lage und Verhalten der Freikirchen im Dritten Reich
4 Schuldverarbeitung der Freikirchen in der Zeit nach der NS-Diktatur
4.1 Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland
4.1.1 Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten im Dritten Reich
4.1.2 Die Schuldfrage in der Zeit des Umbruchs
4.1.3 Erste Ansätze einer Rede von „Schuld“ in der adventistischen Zeitschrift „Der Botschafter“
4.1.4 Schuldverarbeitung in den 70er und 80er Jahren
4.1.5 Erste Anträge auf ein Schuldbekenntnis in den 80er Jahren
4.1.5.1 Die Entwicklung in der DDR
4.1.5.2 Die Entwicklung in der BRD
4.1.6 Die Nachwendezeit
4.1.6.1 Die Erklärung zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995
4.1.6.2 Die Erklärung der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland und Österreich zum 60. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945
4.1.7 Zusammenfassung und Bewertung
4.2 Die Methodistenkirche in Deutschland
4.2.1 Die BMKD am Ende des Zweiten Weltkrieges
4.2.2 Die Frage nach der „Schuld“ und die „Brüderliche Resolution an die Gemeinden“ vom 25./26. Juli 1945
4.2.3 Die „Erklärung [der Methodistenkirche] über die Stellung der Kirche zur gegenwärtigen Lage“ vom Dezember 1945
4.2.4 Weitere Verlautbarungen zum Verhalten der BMKD im Dritten Reich aus dem Jahr 1946
4.2.4.1 Die „Entschließung“ an die Gemeinden vom Februar 1946
4.2.4.2 Die „Botschaft an die Mutterkirche“ vom Mai 1946
4.2.4.3 „Botschaft von Bischof F. H. Otto Melle“ an die Zentralkonferenz vom November 1946
4.2.5 Das gemeinsame Wort der evangelisch-methodistischen Kirche der BRD und der DDR anlässlich des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht vom 9. November 1938
4.2.6 Zusammenfassung
4.3 Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden
4.3.1 Der deutsche Baptismus am Ende des Krieges
4.3.2 Nachkriegsrundbrief vom 25. Juni 1945
4.3.3 Die „Brüderliche Resolution“ vom 25./26. Juli 1945
4.3.4 „Unser Weg“ – der Rechenschaftsbericht von Paul Schmidt
4.3.5 Ernsthafte Mahner
4.3.6 Das Schuldbekenntnis des BEFG in der BRD 1984
4.3.7 Nachwirkungen der Erklärung von 1984
4.3.8 Zusammenfassung
5 Die Erklärungen im Vergleich
5.1 Die „Erklärung [der Methodistenkirche] über die Stellung der Kirche zur gegenwärtigen Lage“ vom Dezember 1945
5.1.1 Inhaltliche Aspekte
5.1.1.1 Wie ist der Text aufgebaut?
5.1.1.2 Wie wird Schuld und Versagen beschrieben?
5.1.1.3 Welche Aussagen werden zum Holocaust und zum Verhalten gegenüber Juden gemacht?
5.1.1.4 Bringt der Text echte Reue zum Ausdruck?
5.1.1.5 Welche theologischen Gedanken liegen der Erklärung zugrunde?
5.1.1.6 Welches Ziel verfolgt der Text?
5.1.2 Äußere Aspekte
5.1.2.1 Wann ist der Text entstanden?
5.1.2.2 Wie wurde der Text veröffentlicht?
5.1.2.3 Welche Wirkung hat der Text erzielt?
5.2 Das „Hamburger Schuldbekenntnis“ des [westdeutschen] Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden von 1984
5.2.1 Inhaltliche Aspekte
5.2.1.1 Wie ist der Text aufgebaut?
5.2.1.2 Wie wird Schuld und Versagen beschrieben?
5.2.1.3 Welche Aussagen werden zum Holocaust und zum Verhalten gegenüber Juden gemacht?
5.2.1.4 Bringt der Text echte Reue zum Ausdruck?
5.2.1.5 Welche theologischen Gedanken liegen der Erklärung zugrunde?
5.2.1.6 Welches Ziel verfolgt der Text?
5.2.2 Äußere Aspekte
5.2.2.1 Wann ist der Text entstanden?
5.2.2.2 Wie wurde der Text veröffentlicht?
5.2.2.3 Welche Wirkung hat der Text erzielt?
5.3 Die Erklärung der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland und Österreich zum 60. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945
5.3.1 Inhaltliche Aspekte
5.3.1.1 Wie ist der Text aufgebaut?
5.3.1.2 Wie wird Schuld und Versagen beschrieben?
5.3.1.3 Welche Aussagen werden zum Holocaust und zum Verhalten gegenüber Juden gemacht?
5.3.1.4 Bringt der Text echte Reue zum Ausdruck?
5.3.1.5 Welche theologischen Gedanken liegen der Erklärung zugrunde?
5.3.1.6 Welches Ziel verfolgt der Text?
5.3.2 Äußere Aspekte
5.3.2.1 Wann ist der Text entstanden?
5.3.2.2 Wie wurde der Text veröffentlicht?
5.3.2.3 Welche Wirkung hat der Text erzielt?
5.4 Zusammenfassung und Vergleich
6 Auswertung und Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Prozesse der Vergangenheitsbewältigung und Schuldverarbeitung bei drei ausgewählten Freikirchen im Hinblick auf ihr Verhalten während der Zeit des Nationalsozialismus. Ziel ist es, die offiziellen Erklärungen dieser Kirchen inhaltlich und äußerlich zu analysieren und miteinander zu vergleichen, um aufzuzeigen, wie sie sich mit der eigenen Rolle im NS-Staat auseinandergesetzt haben.
- Vergleich der Schuldverarbeitung der Siebenten-Tags-Adventisten, der Methodistenkirche und des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden.
- Analyse offizieller Verlautbarungen und Erklärungen zum Verhalten im Dritten Reich.
- Untersuchung der theologischen Rechtfertigungsmuster und der pietistischen Traditionen bei der Aufarbeitung der Geschichte.
- Reflektion über die Schwierigkeiten bei der öffentlichen Anerkennung von Schuld und Verantwortung.
- Untersuchung der zeitlichen Verzögerungen und der Einflüsse von innerkirchlichen sowie internationalen Faktoren auf den Aufarbeitungsprozess.
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten im Dritten Reich
Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten wurde von anderen Kirchen und Freikirchen in der Zeit des Nationalsozialismus und noch lange danach unter die Rubrik Sekten oder Sondergemeinschaften gezählt. Die heutigen Gastmitgliedschaften im ACK und im VEF lagen für die Gemeinschaft am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 noch in weiter Ferne. Zudem trugen die Auseinandersetzungen mit der im Ersten Weltkrieg abgespaltenen Splittergruppe der Siebenten-Tags-Adventisten Reformbewegung, mit dem Dauerbrenner römischer Katholizismus und mit der Person Ludwig Richard Conradi erheblich dazu bei, dass die Sicht der Führungspersönlichkeiten der Gemeinschaft in der Zeit des Nationalsozialismus fast ausschließlich nach innen gerichtet war. Daneben waren aber auch theologische Gründe ausschlaggebend dafür, dass sich die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland in hohem Maße loyal zum nationalsozialistischen Staatswesen verhielt und kaum gegen offensichtliche Missstände Protest einlegte.
In Bezug auf Röm 13 sahen die Siebenten-Tags-Adventisten in der Institution des Staates eine göttliche Einrichtung, wobei diese an keine bestimmte Staatsform gebunden sei. „Der Adventist betrachtet also ausnahmslos jede Obrigkeit als von Gott eingesetzt. Für ihn repräsentiert sie ein Teil der gottgewollten Ordnung.“ Dies trug dann auch maßgeblich dazu bei, dass sich Adventisten selbst in äußerst bedrängten Situationen weiter loyal zum NS-Regime verhielten, wobei hier nicht vergessen werden darf, dass es dennoch immer wieder einzelne Adventisten gab, die sich in passivem oder aktivem Widerstand gegen den antigöttlichen und unmenschlichen Staat stellten, sei es in der Verweigerung des Waffendienstes, dem Verstecken von Juden oder anderen „staatsfeindlichen“ Handlungen.
Zusammenfassung der Kapitel
4.1 Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland: Dieses Kapitel beleuchtet das loyale Verhalten der Gemeinschaft im Dritten Reich, die späte Aufarbeitung der Schuldfrage und die langsame Entwicklung eines Bewusstseins für eigenes Versagen, insbesondere in Bezug auf die Judenfrage.
4.2 Die Methodistenkirche in Deutschland: Das Kapitel analysiert die methodistischen Reaktionen nach dem Krieg, die geprägt waren von einer Identifikation mit der Notsituation des deutschen Volkes, sowie die Bemühungen, das kirchliche Werk vor externer Kritik zu schützen.
4.3 Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden: Hier wird der Prozess der Geschichtsaufarbeitung bei den Baptisten und Brüdergemeinden beschrieben, der in dem „Hamburger Schuldbekenntnis“ von 1984 seinen wichtigsten Ausdruck fand.
5 Die Erklärungen im Vergleich: Dieses Kapitel stellt die verschiedenen Erklärungen der drei Freikirchen gegenüber, untersucht deren Struktur, Theologie und Absichten und zeigt deutliche Unterschiede in der Tiefe und Offenheit der Schuldbekenntnisse auf.
Schlüsselwörter
Schuldverarbeitung, Vergangenheitsbewältigung, Nationalsozialismus, Freikirchen, Siebenten-Tags-Adventisten, Methodisten, Baptisten, Schuldbekenntnis, NS-Staat, Kirchengeschichte, Drittes Reich, Kollektivschuld, Judenfrage, Versagen, Pietismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Frage, wie drei bedeutende deutsche Freikirchen – die Siebenten-Tags-Adventisten, die Methodistenkirche und der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden – nach 1945 ihr Verhalten und ihre Mitschuld während der Zeit des Nationalsozialismus verarbeitet und reflektiert haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle der Freikirchen im NS-Staat, ihre Haltung gegenüber der staatlichen Obrigkeit (Röm 13), das Ausbleiben kritischer Distanz zur Judenverfolgung sowie die langfristigen Prozesse der Aufarbeitung und die Formulierung von Schuldbekenntnissen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, die Prozesse der Vergangenheitsbewältigung dieser Freikirchen darzustellen und miteinander zu vergleichen, wobei ein besonderer Fokus auf den offiziellen Stellungnahmen und Schulderklärungen liegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine kirchenhistorische Analyse durch, bei der öffentliche Verlautbarungen, interne Dokumente, persönliche Briefe und geschichtswissenschaftliche Sekundärliteratur ausgewertet werden, um die offizielle Positionierung der Freikirchen nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Geschichte der drei Freikirchen im Dritten Reich, ihre Reaktionen nach Kriegsende, die ersten zaghaften Anfänge einer Aufarbeitung in den 70er und 80er Jahren sowie die schlussendlichen Schulderklärungen und deren kritische Einordnung durch den Autor.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Schuldverarbeitung, Vergangenheitsbewältigung, Nationalsozialismus, Schuldbekenntnis, Kirchengeschichte und die jeweilige Konfessionsbezeichnung charakterisieren.
Warum fiel die Resonanz auf die Erklärungen in den Gemeinden oft so gering aus?
Der Autor führt dies unter anderem auf das pietistische Erbe zurück, welches Glaube als Privatsache betrachtete, sowie auf das Sendungsbewusstsein der Freikirchen, das oft von einer Sorge um das „eigene Werk“ geprägt war, was eine kritische Rückschau auf die NS-Zeit erschwerte.
Welche Rolle spielte das „Hamburger Schuldbekenntnis“ für den BEFG?
Es wird als ein bedeutender Schritt angesehen, der durch den Anstoß Einzelner entstand und eine kritische Auseinandersetzung innerhalb der baptistischen Gemeinden anregte, auch wenn der Begriff des „Schuldbekenntnisses“ von der Leitung offiziell zunächst vermieden wurde.
- Arbeit zitieren
- Matthias Scheel (Autor:in), 2007, Schuldverarbeitung und Schuldbekenntnisse der Freikirchen nach dem Dritten Reich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149212