Sylvia Plaths "Daddy": Eine inhaltliche und rhetorische Erörterung


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2001

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

You do not do, you do not do Du passt nicht mehr, du passt nicht mehr,

Any more, black shoe Schwarzer Schuh

In which I have lived like a foot In dem ich wie ein Fuß wohnte

For thirty years, poor and white Dreißig Jahre lang, arm und weiß

Barely daring to breathe or Achoo. Kaum wagend zu atmen oder zu niesen.

Daddy, I have had to kill you. Papa, ich musste dich töten.

You died before I had time— Du starbst bevor ich soweit war--

Marble-heavy, a bag full of God, Marmorschwer, ein Sack voller Gott,

Ghastly statue with one gray toe Gräßliche Statue mit einer grauen Zehe

Big as a Frisco seal So groß wie ein Friscoseehund

And a head in the freakish Atlantic Und ein Kopf im unberechenbaren Atlantik

Where it pours bean green over blue Wo sich bohnengrün über blau ergießt

In the waters off beautiful Nauset. In den Wassern vor dem schönen Nauset.

I used to pray to recover you. Ich betete immer um deine Rückkehr.

Ach, du. Ach, du.

In the German tongue, in the Polish town In deutscher Sprache, in der polnischen
Stadt

Scraped flat by the roller Platt gedrückt von der Walze

Of wars, wars, wars. Der Kriege, Kriege, Kriege.

But the name of the town is common. Aber der Name der Stadt ist häufig.

My polack friend Mein polnischer Freund

Says there are a dozen or two. Sagt, es gibt ein Dutzend oder zwei.

So I never could tell where you Also wusste ich nie, wohin du

Put your foot, your root, Deinen Fuß setztest, deine Wurzeln,

I never could talk to you. Ich konnte nie mit dir sprechen.

The tongue stuck in my jaw. Die Zunge steckte in meinem Mund.

It stuck in a barb wire snare. Sie steckte in einer Stacheldrahtschlinge.

Ich, ich, ich, ich, Ich, ich, ich, ich,

I could hardly speak. Ich konnte kaum sprechen.

I thought every German was you. Ich dachte jeder Deutsche warst du.

And the language obscene Und die widerliche Sprache

An engine, an engine Eine Lokomotive, eine Lokomotive

Chuffing me off like a Jew. Die mich forttrug wie einen Juden.

A Jew to Dachau, Auschwitz, Belsen. Einen Juden nach Dachau, Auschwitz, Belsen.

I began to talk like a Jew. Ich begann zu sprechen wie ein Jude.

I think I may well be a Jew. Ich glaube ich bin wohl eine Jüdin.

The snows of the Tyrol, the clear beer of Vienna Die Schneemassen von Tirol, das klare
Bier von Wien

Are not very pure or true. sind nicht sehr rein und echt.

With my gipsy ancestress and my weird luck Mit meiner Zigeunermutter und meinem
Schicksal

And my Taroc pack and my Taroc pack Und meinem Tarockpäckchen, und meinem

I may be a bit of a Jew. Tarockpäckchen, bin ich wohl ein bisschen
Jude.

I have always been scared of you, Ich hatte immer Angst vor dir,

With your Luftwaffe, your gobbledygoo. Mit deiner Luftwaffe, deinem Geschwafel.

And your neat mustache Und deinem hübschen Schnurrbart

And your Aryan eye, bright blue. Und deinem arischen Auge, leuchtend blau.

Panzer-man, panzer-man, O You.. Panzer-Mann, Panzer-Mann, oh, du.

Not God but a swastika Nicht Gott, sondern ein Hakenkreuz

So black no sky could squeak trough. So schwarz, dass kein Himmel durch

Every woman adores a Fascist, Jede Frau schwärmt für einen Faschisten,

The boot in the face, the brute Den Stiefel im Gesicht, das Scheusal

Brute heart of a brute like you. Brutales Herz eines Scheusals wie du.

You stand at the blackboard, daddy, Du stehst an der Tafel, Papa,

In the picture I have of you, Auf dem Bild, das ich von dir habe,

A cleft in the chin instead of your foot Ein Grübchen am Kinn anstatt deines
Fusses

But no less a devil for that, no not Aber nicht minder der Teufel für das, nein,
um

Any less the black man who Nichts weniger der schwarze Mann, der

Bit my pretty red heart in two. Mein hübsches rotes Herz entzwei biss.

I was ten when they buried you. Ich war zehn als sie dich begruben.

At twenty I tried to die Mit zwanzig versuchte ich zu sterben

And get back, back, back to you. Und zu dir zurück, zurück, zurück zu
kommen.

I thought even the bones would do. Ich dachte, sogar die Knochen würden
reichen.

But they pulled me out of the sack, Aber sie holten mich raus aus dem Sack,

And they stuck me together with glue. Und sie klebten mich zusammen mit Leim.

And then I knew what to do. Und dann wusste ich, was zu tun war.

I made a model of you, Ich machte ein Modell von dir,

A man in black with a Meinkampf look Einen Mann in schwarz mit einem Mein- Kampf-Aussehen

And a love of the rack and the screw. Und einer Liebe zur Streckbank und Daumenschraube.

And I said I do, I do. Und ich sagte Ja, Ja.

So daddy, I´m finally through. Also Papa, ich bin endlich fertig.

The black telephone´s off at the root, Das schwarze Telefon ist ausgesteckt,

The voices just can´t worm through. Die Stimmen können einfach nicht mehr durchkriechen.

If I´ve killed one man, I´ve killed two— Wenn ich einen Mann tötete, dann tötete ich zwei--

The vampire who said he was you Den Vampir, der sagte, er wäre du

And drank my blood for a year, Und mein Blut ein Jahr lang trank,

Seven years, if you want to know. Sieben Jahre, wenn du es wissen willst.

Daddy, you can lie back now. Papa, du kannst dich jetzt zurücklegen.

There´s a stake in your fat black heart Da ist ein Pfahl in deinem fetten schwarzen Herzen

And the villagers never liked you. Und die Dorfbewohner mochten dich nie.

They are dancing and stamping on you. Jetzt tanzen und stampfen sie auf dir.

They always knew it was you. Sie wussten immer, dass du es warst.

Daddy, daddy, you bastard, I´m through. Papa, Papa, du Bastard, ich bin fertig.

1. Einleitung

Sylvia Plath hat ihre komplizierte Beziehung zu ihrem Vater in zahlreichen Werken behandelt. Otto Plath starb als sie noch sehr klein war, und es scheint, dass Plath seinen Tod nie wirklich überwinden konnte. Trauer, Wut und Enttäuschung darüber spiegeln sich in vielen ihrer Gedichte wider.

„Daddy“ entstand am frühen Morgen des 12. Oktober 1962, zu einer sehr unruhigen Zeit in Sylvia Plaths Leben. Ihr Ehemann, der Schriftsteller Ted Hughes, war einen Tag zuvor aus dem gemeinsamen Haus in England ausgezogen. Wie besessen schrieb Plath täglich mindestens ein Gedicht, manchmal mehrere, und verarbeitete darin ihre Vergangenheit und die ihr zugefügten Verletzungen. (Alexander 298-299)

„Daddy“ ist ein autobiographisches Gedicht, in dem sowohl das lyrische Ich als auch die Autorin selbst sich nicht nur Vergangenes vergegenwärtigt, sondern auch versucht, Erlebtes zu verarbeiten und zu überwinden.

In einem Interview für die BBC beschrieb Sylvia Plath „Daddy“ folgendermaßen:

„Here is a Poem spoken by a girl with an Electra complex. Her father died while she thought

he was God. Her case is complicated by the fact that her father was also a Nazi and her mother

very possibly part Jewish. In the daughter the two strains marry and paralyse each other - she

has to act out the awful little allegory once over before she is free of it.“ (Melander 29)

Der Vergleich mit Elektra ist naheliegend, da auch Sylvia Plath ihren Vater nicht richtig kannte. Dass ihr Vater ein Nazi und ihre Mutter Jüdin war, ist unwahrscheinlich. ( Melander 29) Vielmehr ist anzunehmen, dass Plath diese familiären Begebenheiten auswählte, um die Tragik, die hinter ihrer eigenen Lebensgeschichte steckt, zu steigern.

Plath durchlebte in diesem Gedicht all ihre Emotionen, die sie dem Vater gegenüber empfunden hatte. Tatsächlich hat man am Ende den Eindruck, sie hätte sich dadurch von ihm endgültig befreit. Offen bleibt jedoch, ob sie sich für die Freiheit auf dieser Welt oder für die im Jenseits entschieden hatte. Sylvia Plath nahm sich 5 Monate nach „Daddy“ das Leben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Sylvia Plaths "Daddy": Eine inhaltliche und rhetorische Erörterung
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V149224
ISBN (eBook)
9783640601066
ISBN (Buch)
9783640601233
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sylvia, Plath, Gedichtanalyse, Linguistik, Rhetorik, Literatur, Literaturwissenschaft, Gedicht, Ted, Hughes, Daddy, Vater, Vaterfigur, Klangmalerei, Nazi, Juden, jüdisch, poem, linguistics, literature, lyrisch, suicide, Motiv, Tochter, Familie, Dichtung
Arbeit zitieren
Magister Artium Melanie Bobik (Autor), 2001, Sylvia Plaths "Daddy": Eine inhaltliche und rhetorische Erörterung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149224

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