Während intensiver Beschäftigung mit vorliegendem Thema, hat mich zunächst die Situation der Menschen nach Kriegsende sehr beschäftigt, erstaunt und berührt. Folgende Fragen waren für mich wegweisend: Welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten taten sich nach Kriegsende auf? Wie konnte diese Kriegsgeneration in diesem Land nach einer Zeit, in der sie selbst meist nicht wusste wofür sie kämpfte und die am Ende nur noch Schrecken beinhaltete, zu einem einigermaßen „normalen Leben“ übergehen? Woher hatte sie diese Kraft genommen, dieses Land wieder zu verändern, mit einem unbändigem Willen? Die Antworten darauf versuche ich im ersten Kapitel ausführlich zu erarbeiten, denn in dieser kurzen Zeit zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder werden auch die Vorraussetzungen für die spätere Reisewelle geschaffen. In der Literatur wird meistens das Wirtschaftswunder als der Auslöser für die Prosperität der westdeutschen Gesellschaft der „Langen Fünfziger“ Jahre angesehen. In Punkt 1.4. werde ich diese Aussage kritisch und aus der Situation der Zeitgenossen diskutieren.
Die Mobilisierungschancen der Westdeutschen haben sich in den „Langen Fünfzigern“ sehr stark gewandelt. Das Auto rollte nun über die neugebauten Straßen und hatte damit ebenso eine enorme Bedeutung für den Tourismus. In Kapitel 2 soll dieses Thema kurz und prägnant behandelt werden.
Nachdem die ersten 2 Wellen, die Fress- und Bekleidungswelle1, abgeflaut waren, widmeten sich die Bundesbürger immer mehr dem Reisen, so dass eine Reisewelle, die ganz in der Tradition des Reisefiebers der 30er2 steht, dokumentiert werden kann. Ich möchte in Kapitel 3 erörtern, wie es zu dieser Reisewelle kam. Dabei sollen unter anderem folgende Fragen beantwortet werden: Wer waren die Reisenden und wer die Nicht-Reisenden? Welche Unternehmen boten überhaupt Gesellschaftsreisen an? Wohin reiste man? Welche Länder wurden zuerst bereist? Wie kam man zum ersehnten Urlaubsort? Wurde die Urlaubsreise zum „Prestige-Objekt“? Gab es Ähnlichkeiten mit der Entwicklung in der DDR?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Zeit zwischen dem Ende des II. Weltkrieges und dem Wirtschaftswunder
1.1. Die Situation Deutschlands und der Menschen nach Kriegsende
1.2. Die touristische Lage
1.3. Politische Veränderungen – der Aufschwung kommt
1.4. Das Wirtschaftswunder – eine kritische Betrachtung
2. Die Mobilisierung – eine wichtige Zutat zur bevorstehenden Reisewelle
3. Die Reisewelle der 50er Jahre – der Beginn des Massentourismus
3.1. Die Sehnsucht nach dem Reise
3.2. Inlandsreisen und Reiseverhalten
3.2.1. Campin
3.3. Ausländische Ziel
3.4. Kleiner Exkurs: Sozialtourismus
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sozioökonomischen Bedingungen und die Entwicklung des Tourismus in der frühen Bundesrepublik Deutschland, ausgehend vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Beginn der wirtschaftlichen Rezession 1966/67, um den Wandel vom knappen Überleben zum aufkommenden Massentourismus zu analysieren.
- Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage Deutschlands nach 1945
- Die Rolle der Motorisierung als Voraussetzung für das Reiseverhalten
- Der Wandel der Reisegewohnheiten und die Entstehung des Massentourismus
- Die Bedeutung von Inlands- versus Auslandszielen in der Nachkriegszeit
- Der Einfluss wirtschaftlicher Entwicklungen auf die Urlaubsgestaltung
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Sehnsucht nach dem Reisen
Was könnte nicht besser die Sehnsucht nach dem Reisen versinnbildlichen als Lieder und Filme? Sozialwissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang auch von Eskapismus, die Flucht aus der Wirklichkeit, die Ende der Vierziger/Anfang der Fünfziger Jahre unter harter Arbeit, Angst und Traumata erfüllt war. Die Schallplattenindustrie profitierte davon am meisten, und mit ihr das Radio, als „das elektronische Leitmedium überhaupt“, bevor es vom Fernseher abgelöst wird. Die sogenannte „Leichte Musik“ mit Schlagern wie „Komm ein bisschen nach Italien“, „Weiße Rosen aus Athen“ oder „Ganz Paris träumt von der Liebe“ und Interpreten wie Freddy Quinn und Bruce Low stillten zunächst den Wunsch nach heiler Welt. Dessen ungeachtet wurde das von Gerhard Winkler schon 1946 komponierte und von Rudi Schurike 1949 gesungene Lied über die „Capri-Fischer“ in den Fünfzigern zum Synonym für Urlaub und Entspannung. Italien wird zum Sehnsuchtsbild der Westbürger. Dies zeigt sich auch an den Erfindungen der Industrie, die Capri-Eis und Caprihose kreieren. Filme wie „Das Schwarzwaldmädel“ trugen zum Kinoboom der Nachkriegszeit bei. Bis 1952 zählten die 6400 Lichtspielhäuser der BRD 820 Millionen Besuchern. Mit trivialen dramaturgischen Mitteln einer Liebesgeschichte und Heimatfilmen, mit Natur und Happy Ends, versuchte man den Schlager mit dem Film zu verbinden, ungeachtet der schauspielerischen Leistungen der Darsteller. Der Eskapismus und die Kompensation prägten den Unterhaltungstrieb nicht nur in Film und Schlager, auch der Sport übernahm eine „therapeutische Funktion“. Nach der ersten Goldmedaille nach dem Krieg bei den Olympischen Spielen und einem Triumph in der Weltmeisterschaft im Feldhandball trug nicht zuletzt der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern zum positiven Kollektivgefühl bei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Zeit zwischen dem Ende des II. Weltkrieges und dem Wirtschaftswunder: Dieses Kapitel beleuchtet die prekären Lebensumstände der deutschen Bevölkerung nach 1945 und den mühsamen Weg zum ökonomischen Wiederaufbau unter schwierigen Rahmenbedingungen.
2. Die Mobilisierung – eine wichtige Zutat zur bevorstehenden Reisewelle: Hier wird die zentrale Bedeutung des Automobils als neues Prestigeobjekt und Beförderungsmittel für die wachsende individuelle Mobilität in der jungen Bundesrepublik erörtert.
3. Die Reisewelle der 50er Jahre – der Beginn des Massentourismus: Dieses Kapitel analysiert das aufkommende Reisebedürfnis, den Wandel von Zielgebieten und die veränderte touristische Nachfrage der Fünfziger Jahre.
4. Resümee: Das Fazit fasst zusammen, wie sich die Urlaubsreise durch den steigenden Wohlstand und die zunehmende gesellschaftliche Nivellierung von einem exklusiven Privileg zu einem für die breite Masse erschwinglichen Konsumgut entwickelte.
Schlüsselwörter
Wirtschaftswunder, Nachkriegszeit, Massentourismus, Reisewelle, Motorisierung, Urlaubsverhalten, Eskapismus, Bundesrepublik, Sozialtourismus, Reiseziele, Konsumgesellschaft, Wirtschaftsentwicklung, Mobilität, Tourismusgeschichte, Wiederaufbau.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung des Tourismus in Westdeutschland von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zum Ende der Fünfziger Jahre und analysiert, wie sich das Reisen vom Luxusgut zum Massenphänomen entwickelte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der ökonomische Aufstieg im Zuge des Wirtschaftswunders, die zunehmende Motorisierung, der Einfluss der Unterhaltungsmedien auf die Sehnsüchte der Menschen sowie die veränderten Reiseströme.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die psychologischen Motive aufzuzeigen, die nach der Entbehrung der Kriegsjahre zu einer regelrechten Reisewelle führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kulturwissenschaftliche Analyse, die historische Literatur, statistische Daten und zeitgenössische Quellen kombiniert, um die touristische Entwicklung in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der Ausgangslage nach dem Krieg, die Bedeutung der Automobilisierung für die Reisefreiheit sowie die detaillierte Betrachtung von Trends, Urlaubsorten und dem Verhalten der Touristen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wirtschaftswunder, Massentourismus, Motorisierung, Mobilität, Reisewelle und der gesellschaftliche Wandel in der jungen Bundesrepublik.
Welche Rolle spielte das Automobil bei der Entstehung des Tourismus?
Das Auto wurde zur entscheidenden Voraussetzung für den Massentourismus, da es individuelle Unabhängigkeit vom starren Fahrplan der Bahn bot und zu einem zentralen Prestigeobjekt der deutschen Identität wurde.
Wie veränderte sich das Reiseverhalten in den 50er Jahren konkret?
Urlaubsreisen entwickelten sich von einer seltenen Ausnahme zu einer sozialen Norm, wobei zunehmend auch ausländische Ziele wie Italien an Bedeutung gewannen und die Urlaubszeit zur festen Größe im Jahresrhythmus wurde.
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- Stefanie Roehling (Author), 2007, Die Reisewelle der Fünfziger Jahre – Der Beginn des Massentourismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149237