Konflikte in Partnerschaften

Der Beitrag der Bindungstheorie im integrativen Modell


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Thematik und Aufbau der Arbeit

2. Konflikte
2.1 Soziale Konflikte
2.2 Die Besonderheiten des Paarkonflikts

3. Integratives Modell des Paarkonflikts
3.1 Modellabschnitt 1 (blaue Pfeile): Konflikte als Beziehungskosten
3.2 Modellabschnitt 2 (gelbe Pfeile): Umgang mit Konflikten
3.3 Modellabschnitt 3 (rote Pfeile): Ursachen von Konflikten

4. Paarkonflikte aus bindungstheoretischer Sicht
4.1 Entstehung und Grundgedanken der Bindungstheorie
4.2 Klassifikationssysteme und Erhebungsmethoden
4.2.1 Im Kindesalter
4.2.2 Im Erwachsenenalter
4.3 Grundlegende Bindungsprozesse in Paarbeziehungen
4.4 Das Erklarungspotential der Bindungstheorie im integrativen Modell
4.4.1 Nahe-Distanz-Konflikt bzw. Modellabschnitt
4.4.2 Austausch- sowie lern- und verhaltenstheoretische Ansatze bzw Modellabschnitte 1 und 2

5. Beispiele fur Interventionen auf Basis der Bindungstheorie
5.1 Praventive Mafinahmen in der Kindheit
5.2 Paarinterventionen zur Prevention von Beziehungsstorungen
5.2.1 Wirksamkeit von Paarinterventionen
5.2.2 Selektive praventive Paarintervention

6. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Thematik und Aufbau der Arbeit

Die Bindungstheorie befasst sich mit der Neigung des Menschen, enge, von intensiven Gefuhlen getragene Beziehungen zu anderen zu entwickeln. Gegenstand der Bindungsforschung sind Aufbau und Veranderung enger Beziehungen im Lebenslauf, ihre Manifestation im Verhalten und ihre Representation in Gedachtnis und Sprache. Bindung wird neben Nahrungsaufnahme und Sexualitat als eigenstandiges, primares menschliches Bedurfnis gesehen. Lange Jahre befasste sich die Bindungsforschung schwerpunktmabig mit Bindung im Kleinkinderalter. In den letzten Jahren beeinflusste die Bindungstheorie zunehmend wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Partnerschaftsforschung.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Paarkonflikten aus bindungstheoretischer Sicht. Die Bindungstheorie stellt diesbezuglich einige interessante Vorhersagen und Hypothesen auf, die hier zusammengefasst werde. Daruber hinaus werden Paarinterventionen und Beratungsansatze vorgestellt, die auf bindungstheoretischen Uberlegungen grunden und deren Ziel es ist Paarkonflikte, die aus unsicheren Bindungsreprasentationen entstehen, aufzulosen und damit die Beziehungszufriedenheit zu erhohen.

2. Konflikte

Unter Konflikten versteht man im Allgemeinen den ZusammenstoB von mindestens zwei unterschiedlichen, polarisierenden Handlungstendenzen, die einen reibungslosen Handlungsablauf unterbrechen. Treten miteinander unvereinbare Handlungstendenzen innerhalb einer Person auf, so spricht man von intraindividuellen Konflikten. Besteht eine Unvereinbarkeit von Handlungenabsichten zwischen verschiedenen Akteuren (z.B. einzelne Personen oder Gruppen) handelt es sich um interindividuelle bzw. soziale Konflikte.

2.1 Soziale Konflikte

Obwohl soziale Konflikte demnach Storungen des gewohnten Handlungsablaufes darstellen, sind sie doch auch ein fester Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens.

Im Allgemeinen uberwiegt ein negatives Konfliktverstandnis, das stark vom menschlichen Wunsch nach Einigkeit und Ordnung beeinflusst wird und Konflikte grundsatzlich dysfunktional erscheinen lasst. Diese Sichtweise unterscheidet jedoch nicht zwischen dem Konflikt und seiner Austragungsform, die u.U. tatsachlich dysfunktional sein kann. Der negativen Sichtweise steht die durchaus positive Erkenntnis des Soziologen Balla (1989) gegenuber, wonach soziale Konflikte Antriebskrafte des sozialen Wandels sind, da sie an der Konstruktion neuer Normen und Institutionen beteiligt sind sowie den wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt anregen. Somit sind sie fur den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess unentbehrlich.

Das Konfliktdreieck von Galtung (2001) verdeutlicht die Mechanismen sozialer Konflikte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Konfliktdreieck nach Galtung (2001)

Es zeigt den unaufloslichen Zusammenhang zwischen den drei Konflikt-Komponenten Widerspruch, Einstellungen und Verhalten. Widerspruch und rechtfertigende Einstellungen bleiben bei einem Konflikt zunachst im Dunkeln. Erst das Verhalten der Parteien zeigt den Konflikt an. Es wird deutlich, dass ein objektiver Widerspruch allein nicht ausreicht, um einen Konflikt zu begrunden; vielmehr muss sich mindestens eine Partei dieses Konflikts auch subjektiv bewusst sein und mit ihrem Verhalten auf eine Veranderung der unbefriedigenden Situation drangen.

2.2 Die Besonderheiten des Paarkonflikts

Paarkonflikte sind spezifische soziale Konflikte, die innerhalb einer Paarbeziehung auftreten. Aus den allgemeinen Ausfuhrungen uber soziale Konflikte ergibt sich, dass Paarkonflikte ubiquitare Storungen des normalen Handlungsablaufes innerhalb von Paarbeziehung sind, die aus der sozialen Situation der Partner, den Unterschieden in ihren Interessenskonstellationen oder der charakteristischen Wechselbeziehung ihrer Personen- und Situationsmerkmale entstehen. Mindestens einer der beiden Partner muss sich dieser Storung subjektiv bewusst sein und auf eine Losung der unbefriedigenden Situation drangen. Paarkonflikte sind jedoch keinesfalls als dysfunktional zu betrachten, da sie im Falle konstruktiver Austragungsformen durchaus zur Weiterentwicklung der Beziehung beitragen konnen.

Nach Lewin (1940) bergen Paarbeziehungen aufgrund besonderer Anforderungen ein erhohtes Konfliktpotential. Auf der Ebene der Bedurfnissituation haben beide Partner unterschiedliche Rollenanforderungen an den jeweils anderen, die Ausdruck ihrer vielfaltigen und widerspruchlichen Bedurfnisse sind. Oft fuhrt dies dazu, dass Fremd- und Selbstbilder in einer Beziehung nicht ubereinstimmen. Auf der Ebene des Raums der freien Bewegung resultiert aufgrund der Verbundenheit der Paargruppe eine besondere Enge, die es erschwert, ein ausgewogenes Verhaltnis zwischen Getrenntheit und Verbundenheit zu finden. Zudem mussen die Partner die Mitgliedschaft in der Ehegruppe in Relation zur Mitgliedschaft in anderen Gruppen setzen und entscheiden, wie viel Bedeutung ihr im Vergleich zu diesen zukommt. Auf jeder der drei Ebenen kann es aufgrund unterschiedlicher Bedurfnisse oder Meinungen zu Konflikten kommen.

3. Integratives Modell des Paarkonflikts

Im Folgenden werden diejenigen Variablen und Zusammenhange, die in der Trennungs- bzw. Konfliktforschung in Bezug auf Partnerschaften empirisch untersucht wurden, in einem Integrativen Modell (Abb. 2), das austauschtheoretische, lern- und verhaltenstheoretische sowie weitere relevante Ansatze vereint, vorgestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Der Paarkonflikt, seine Ursachen, Folgen & Moderatoren (Grau & Bierhoff, 2003)

3.1 Modellabschnitt 1 (Blaue Pfeile): Konflikte als Beziehungskosten

Konflikte und Streitereien konnen im Sinne des austauschtheoretischen Investitionsmodells von Rusbult (1983) als Beziehungskosten betrachtet werden und haben Einfluss auf die Unzufriedenheit der Partner, welche in manchen Fallen zur Trennung fuhrt. Allerdings gibt es eine bedeutende Anzahl konfliktbelasteter Ehen und Partnerschaften, in denen ein oder beide Partner uber einen langeren Zeitraum hochgradig unzufrieden sind, die sich aber dennoch als „stabil“ erweisen. Der Zusammenhang zwischen Beziehungszufriedenheit und Trennung ist demzufolge differenzierter zu betrachten. Er wird von weiteren Variablen moderiert, die im Modell als Trennungsbarrieren bzw. Alternativen zur Partnerschaft bezeichnet werden und die den Grad der Verpflichtung (Commitment) gegenuber der Partnerschaft bestimmen.

Wenn die Beziehungsinvestitionen eines Partners hoch sind (z.B. gemeinsame Kinder) und gleichzeitig keine Beziehungsalternativen wahrgenommen werden, so wird dieser Partner laut Rusbult (1983) auch bei hoher Konfliktbelastung und daraus resultierender Unzufriedenheit mit grofier Wahrscheinlichkeit in der Beziehung verbleiben.

Rusbult (1983) uberprufte seine Theorie in einer Langsschnittstudie an 30 Paaren. Dabei zeigte sich, dass mit einer Ausnahme alle Variablen in den postulierten Zusammenhangen standen. Lediglich die Beziehungskosten, zu denen auch Paarkonflikte gezahlt werden, wiesen weder mit der Beziehungszufriedenheit, noch mit den Trennungsbarrieren systematische Zusammenhange auf.

Dies konnte daran liegen, dass austauschtheoretische Ansatze ausschliefilich kognitive Vorgange berucksichtigen, wahrend Emotionen nicht einbezogen werden. Zudem mangelt es austauschtheoretischen Ansatzen an interindividuellen Uberlegungen. So bietet das Investitionsmodell keine Erklarung dafur, wie und warum sich die grundlegenden Bewertungsstandards und Vergleichsmafistabe im Lauf des Lebens entwickeln, welche Trennungsbarrieren und Verpflichtungen wichtiger als andere sind und warum sich Menschen in dieser Hinsicht unterscheiden.

3.2 Modellabschnitt 2 (Gelbe Pfeile): Umgang mit Konflikten

Im Rahmen lern- und verhaltenstheoretischer Ansatze liegt das Interesse nicht beim Streitthema sondern beim Verhalten der Streitenden. Grundannahme dieser Ansatze ist, dass Probleme und Konfliktsituationen in einer Partnerschaft unvermeidlich sind, der Umgang damit jedoch entscheidend fur den Beziehungserfolg ist. Der postulierte Zusammenhang zwischen Konflikt und Trennung wird moderiert durch Konfliktlosefertigkeiten, die wiederum durch Lernprozesse beeinflusst werden. Insbesondere die Art der Kommunikation entscheidet daruber, ob ein Konflikt gelost werden kann oder zu einer spateren Trennung fuhrt. Entsprechend existieren mehr oder weniger funktionale, die Beziehung fordernde und dysfunktionale, die Beziehung belastende Kommunikations- und Interaktionsmuster. Storungen im Alltag konnen z.B. auftreten, wenn der Partner nicht den vorgestellten Idealen entspricht und Versuche unternommen werden, ihn in die gewunschte Richtung zu verandern. Nach Gottman (1994) besteht eine langfristig dysfunktionale Strategie darin, den Partner durch aversives Verhalten in Form von Norgeln, Kritik, Schreien, Liebesentzug, etc. zur Veranderungen zu zwingen. Zu einer schier endlosen Spirale negativer Interaktionen kommt es, wenn entsprechend den Prinzipien des Modelllernens der bestrafte Partner ebenfalls zu BestrafungsmaBnahmen greift, um seine Wunsche durchzusetzen.

Meeks et al. (1998) untersuchten in einer Fragebogenstudie mit 140 Paaren spezifische Teilaspekte des partnerschaftlichen Kommunikationsgeschehens, die fur die Entstehung partnerschaftlicher Konflikte bedeutsam sind. Die Ergebnisse zeigen, dass die wahrgenommene sogenannte effektive Kommunikation der Partner, eng mit der befriedigenden Gestaltung einer Beziehung verbunden ist. Als effektiver Kommunikations- bzw. Konfliktstil wurden innerhalb der Studie konstruktive Beitrage, basierend auf einem angestrebten Informationsaustausch, Zusammenarbeit und gegenseitigem Verhandeln identifiziert; im Gegensatz dazu bestand ein ineffektiver Kommunikationsstil aus destruktiven Beitragen, haufiger Kritik, der offenen AuBerung von Verargerung und Sarkasmus.

Ahnlich wie in den austauschtheoretischen Ansatzen, fehlen auch den Lern- und verhaltenstheoretischen Ansatzen die emotionalen und differentiellen Blickwinkel. Sie konnen z.B. nicht erklaren, warum Paare trotz destruktiver Kommunikationsmuster an einer Beziehung festhalten und bieten keine Erklarungen dafur, warum Personen unterschiedliche Konfliktlosestrategien und Konfliktlosefertigkeiten in eine Beziehung bringen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Konflikte in Partnerschaften
Untertitel
Der Beitrag der Bindungstheorie im integrativen Modell
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Persönlichkeit und Partnerschaftsentwicklung
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
33
Katalognummer
V149249
ISBN (eBook)
9783640597451
ISBN (Buch)
9783640597130
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikte, Partnerschaften, Beitrag, Bindungstheorie, Modell
Arbeit zitieren
MA Jasmin Rödig (Autor), 2009, Konflikte in Partnerschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149249

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