Gemeindepädagogik in russlanddeutschen Freikirchen in der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart


Doktorarbeit / Dissertation, 1998
616 Seiten, Note: cum laude

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1 Die rußlanddeutschen Freikirchen als Untersuchungs-gegenstand

In dieser Arbeit geht es um die neuen gemeindepädagogischen Bemühungen der rußlanddeutschen Freikirchen in Deutschland, die exemplarisch anhand des Bundes Taufgesinnter Gemeinden dargestellt werden. Da die

Gemeindepädagogik stets in einem bestimmten sozio-kulturellen Rahmen stattfindet, ist es notwendig, diesen zuerst zu skizzieren. Dabei soll es um die statistischen Angaben der Aussiedlerzahlen, 1 der Konfessionszugehörigkeit und der übergemeindlichen Strukturen der rußlanddeutschen Freikirchen gehen.

1.1 Allgemeiner Überblick: Rußlanddeutsche in Deutschland

1.1.1 Statistische Angaben zu den Aussiedlerzahlen

In der Zeit von 1950 bis 1996 sind 3.686.452 Aussiedler nach Deutschland eingewandert: 1.440.782 aus Polen, 1.540.298 aus der ehemaligen Sowjetunion, 425.029 aus Rumänien, 104.998 aus der ehemaligen CSFR und

167.345 aus sonstigen Gebieten. 2

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In den letzten Jahren bilden die Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion den größten Anteil der Einwanderer aus dem Osten. Die Zahlen sehen hier wie folgt aus: Im Jahre 1995 sind 217.898 nach Deutschland gekommen: 1.675 aus Polen, 209.409 aus der ehemaligen Sowjetunion, 6.519 aus Rumänien und 293

1 Falls nicht anders angeben, werden die Begriffe „Aussiedler“ und „Rußlanddeutsche“ synonym verwendet.

2 „Zuzug der Aussiedler 1950-1995“ 7 und „Registrierten Personen 1996“ 8.

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aus sonstigen Gebieten. 3 Im Jahre 1996 haben 177.751 Personen als Aussiedler den deutschen Boden betreten. Das Zahlenverhältnis bezüglich der Herkunftsländer sieht ähnlich wie 1995 aus: 1.175 aus Polen, 172.181 aus der ehemaligen Sowjetunion, 4.284 aus Rumänien und 111 aus sonstigen Gebieten. 4

Der Trend der letzten Jahre scheint anzuhalten. So sahen im März 1997 die Zahlenverhältnisse wie folgt aus: 62 aus Polen, 9.440 aus der ehemaligen

Sowjetunion, 134 aus Rumänien und 6 aus sonstigen Gebieten. 5

Die Statistik und die politisch-wirtschaftliche Situation in den Herkunftsländern der Aussiedler sprechen dafür, daß das zahlenmäßige Verhältnis sich auch in Zukunft kaum ändern wird. Auch wenn die allgemeine Zahl der Aussiedler in Deutschland zurückgeht, muß davon ausgegangen werden, daß in den nächsten Jahren immer noch viele Aussiedler aus der

ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland einwandern werden. 6 Dieser Trend hat Auswirkungen auf die christlichen Gemeinden der rußlanddeutschen Freikirchen. Durch den starken Zuzug von neuen Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion, von denen zunehmend viele keine Christen sind, wachsen die Notwendigkeit und die Möglichkeit des evangelistischmissionarischen Einsatzes der rußlanddeutschen Freikirchen.

1.1.2 Konfessionszugehörigkeit der Rußlanddeutschen

Als Ergänzung zu den Zahlen der Aussiedler soll hier die Konfessionszugehörigkeit der Rußlanddeutschen präsentiert werden. Da es bei dieser Arbeit um rußlanddeutsche Freikirchen geht, sollen diese etwas detaillierter vorgestellt werden.

3 „Zuzug der Aussiedler 1995“ 15.

4 „Registrierte Personen 1996“ 8.

5 „Das Bundesministerium des Innern informiert“ 10.

6 Vgl. Ebd., 10.

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Mit Hilfe eines Diagramms läßt sich die Zusammensetzung der rußlanddeutschen Freikirchen im Jahre 1997 wie folgt darstellen:

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Der Überblick zeigt, daß die kirchliche und besonders freikirchliche Landschaft sich in Deutschland in den letzten Jahren wesentlich verändert hat. Die im 16. Jahrhundert fast ausgerottete evangelische Täuferbewegung ist im Lande der Reformation in einem nie dagewesenen Ausmaß vorhanden. Es ist zu hoffen, daß es in den nächsten Jahrzehnten zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den rußlanddeutschen und einheimischen Freikirchen kommt, in der täuferische Prinzipien neu entdeckt und in die Praxis umgesetzt werden.

1.2 Konkrete Darstellung: Der Bund Taufgesinnter Gemeinden

1.2.1 Geschichte

Am 18. September 1989 trafen sich in Lemgo Vertreter aus sieben rußlanddeutschen Freikirchen, um sich gemeinsam im Lichte der Bibel, der Geschichte und der gegenwärtigen Situation in Deutschland Gedanken über eine

mögliche Zusammenarbeit von Gemeinden zu machen. 50 Nach langem Austausch und intensiver Gebetsgemeinschaft waren sich alle Teilnehmer einig, Schritte in Richtung einer Zusammenarbeit zu unternehmen. Was ursprünglich nur als ein unverbindliches Treffen gedacht war, wurde zur Geburtsstunde des Bundes Taufgesinnter Gemeinden. Noch am gleichen Abend wurden gewählt sieben

50 Vgl. Löwen, „Konzept“.

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1.2.2 Grundlage

Die Grundlage der Zusammenarbeit der BTG-Gemeinden bilden das revidierte Glaubensbekenntnis der Vereinigten Christlichen Taufgesinnten Mennonitischen

Brüdergemeinden in Rußland von 1902 und die Chicagoerklärung zur Bibel. 54 Obwohl das Glaubensbekenntnis von 1902 die Handschrift der Mennonitenbrüder trägt, war es in seiner ursprünglichen Fassung eine Kopie des Glaubensbekenntnisses der deutschen Baptisten mit mennonitischen

Ergänzungen wie Wehrlosigkeit, Eidesverweigerung und Fußwaschung. 55 Die revidierte Fassung, an der noch gearbeitet wird, soll ein täuferisches Glaubensbekenntnis darstellen, das sowohl baptistische als auch mennonitische Züge aufweist. 56

1.2.3 Grundsatz

Obwohl der BTG den Namen „Bund“ führt, sieht er sich eher als eine Arbeitsgemeinschaft von selbständigen Gemeinden. Der wichtigste organisatorische Grundsatz des BTG ist daher auch die Selbständigkeit der Mitgliedsgemeinden. Die Zusammenarbeit der Gemeinden wird nur in den Bereichen angestrebt, in denen man die Aufgaben gemeinsam besser erledigen kann. Um jegliche Einmischung des Bundes in die inneren Angelegenheiten der Gemeinden zu verhindern, wurde auf der Mitgliederversammlung des Bundes folgender Beschluß gefaßt: „In der Regelung ihrer inneren Angelegenheiten und im sonstigen Gemeindeleben ist jede Gemeinde unabhängig und selbständig. Die Ausgestaltung der Gemeindestruktur und der Gemeinderichtlinien ist Sache der betreffenden Mitgliedsgemeinde“. 57 Weiter heißt es: „Bei Streitfragen innerhalb einer Gemeinde und beim Auftreten von Lehrunterschieden oder anderen

54 Vgl. Glaubensbekenntnis, 1902 und Schirrmacher, Bibeltreue in der Offensive.

55 Zur Geschichte des Glaubensbekenntnisses der Mennonitenbrüder siehe Löwen, Beziehungen 38-40.

56 An der revidierten Fassung des Glaubensbekenntnisses arbeitet zur Zeit das dem BTG angeschlossene Bibelseminar Bonn. Die vorläufige Fassung ist im Anhang dieser Arbeit zu finden.

57 Satzung des BTG § 3.2-3.3.

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Differenzen darf der Bund einigen Brüdern einen Schlichtungsauftrag erteilen, [nur] wenn die Gemeinde dies mit einer 2/3 Mehrheit so beschließt und beantragt“. 58 Diese starke Betonung der Selbständigkeit der Gemeinden liegt in den schlechten Erfahrungen begründet, die man in Verbänden mit zentralistischer Führung in der ehemaligen Sowjetunion und in Deutschland gemacht hat. Die siebenjährige Geschichte des BTG hat gezeigt, daß man diesem Prinzip treu geblieben ist. Zur Zeit besteht eher die Gefahr, daß die Gemeinden immer individualistischer werden, was einer effektiven Zusammenarbeit zum Teil im Wege steht.

1.2.4 Grundziele

Der Bund hat sich zum Ziel gesetzt, den Gemeinden in der Verwirklichung ihres dreifachen Auftrages behilflich zu sein: (1) Gott zu verherrlichen (Eph 1, 3-14); (2) Christen zuzurüsten (Eph 4, 11-16); (3) Verlorene für Christus zu gewinnen

(Mt 28, 18-20). 59 Um dies zu erreichen, werden vom Bund laut der Satzung folgende Aufgaben wahrgenommen:

Förderung der Gemeinschaft zwischen einzelnen Gemeinden; Schulung und Weiterbildung aller Gemeindemitarbeiter; Förderung der Innen- und Außenmission einschließlich sozialer, jugenderzieherischer und

seniorenausgerichteter Dienste in praktischer Betätigung christlicher Nächstenliebe im Sinne der Diakonie, insbesondere in Entwicklungsländern; Herausgabe einer gemeindebezogenen Zeitschrift und anderer christlicher Schriften sowie deren Verbreitung; Durchführung von Tagungen und Glaubenskonferenzen; Aus- und Umsiedlerbetreuung einschließlich Hilfestellungen zur geistlichen und sozialen Integration; Hilfestellungen zur Gründung neuer Gemeinden. 60

An einer anderen Stelle werden die Aufgaben noch konkreter formuliert:

1. Betreuung von rußlanddeutschen Aussiedlern; 2. Schulung und Zurüstung von Gemeindemitarbeitern; 3. Förderung der Jugend- und Kinderarbeit in den Gemeinden; 4. Gemeinsame Missions- und Evangelisationsprojekte; 5. Förderung der Zusammenarbeit von Gemeinden durch Kanzeltausch, gegenseitige Besuche von Gemeinden und anderen gemeinsamen

58 Ebd., § 3.4.

59 Löwen, „Bund Taufgesinnter Gemeinden“ 123.

60 Satzung des BTG § 2.2.

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organisiert und durchgeführt werden, weil sie von den einzelnen Gemeinden und Personen als eine selbstverständliche Aufgabe nach Bedarf wahrgenommen wurde.

1.2.5 Gemeinsame Projekte

Das Bibelseminar Bonn

Vor der Entstehung des Bibelseminars Bonn fand die Schulung und Zurüstung von Gemeindemitarbeitern der BTG-Gemeinden primär durch das Missionswerk

„Logos“ statt. 64 Dieses Werk wurde im Jahre 1976 ins Leben gerufen, um den Gemeinden in der Sowjetunion mit Hilfe einer Fernschule (BEE) 65 eine biblischtheologische Ausbildung anzubieten. Aufgrund der Nachfrage in den Kreisen der Aussiedler nach einer theologischen Ausbildung entstand im Rahmen des

Missionswerkes „Das Seminar für biblisch-theologische Ausbildung“. 66 Diese Ausbildung wurde als Alternative zur Tagesbibelschule gesehen. Im Prospekt des Seminars, das 1989 herausgegeben wurde, heißt es:

Logos ist ein gemeindeorientiertes Seminar, das ehrenamtlichen und vollzeitigen Gemeindemitarbeitern eine biblisch-theologische Ausbildung vor Ort (in der Gemeinde) anbietet. Die Notwendigkeit einer alternativen Ausbildungsmethode ergibt sich aus der Tatsache, daß viele aktive Gemeindemitglieder aus familiären, zeitlichen, finanziellen und anderen Gründen nicht in der Lage sind, eine ortsgetrennte Ausbildung an einer Tagesbibelschule in Anspruch zu nehmen. Als Grundlage für diese Art von Ausbildung dient ein Fernstudienprogramm (TEE = Theological Education by Extension), das das Ziel verfolgt, die Mitarbeiter am Ort auszubilden. Das Konzept für dieses Programm wurde 1960 in Lateinamerika entwickelt und hat sich bereits in vielen Ländern der Welt bewährt. 67

Bis 1995 wurden durch dieses Programm sehr viele Mitarbeiter der rußlanddeutschen Gemeinden mit Hilfe von Intensivkursen und Studiengruppen in den Gemeinden geschult. Neben der theologischen Zurüstung wurden auch

64 Siehe zur Geschichte von Logos Friesen, „Logos International feiert das 10jährige Jubiläum“ 18f. Vgl. auch Penner, „Logos und wir“ 25f.

65 BEE für Biblical Education by Extension.

66 Vgl. „Theological Education for the Umsiedler Churches“; Logos Jahresbericht des Vorsitzenden vom 31. Oktober 1990; Logos Jahresprogramm 1990; Das Logos Programm.

67 Das Logos Programm 3.

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werden können, werden primär anhand der Apostelgeschichte untersucht. Die Apostelgeschichte bildet die Fortsetzung der Evangelien und zeigt ihren Lesern, wie die Jünger Jesu Christi Jesus selbst und seinen Auftrag verstanden und ausgeführt haben. Als Zeugen des Lebens, der Lehre, des Todes, der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu Christi waren die Jünger in der Lage, das in die Praxis umzusetzen, was sie unmittelbar von Jesus gehört und gelernt hatten. Die Apostelgeschichte ist daher historisch gesehen eine der wichtigsten Quellen für das Studium der Ekklesiologie.

Da es in diesem Teil der Arbeit um die Darstellung einer Ekklesiologie aus einer neutestamentlichen Perspektive geht, wird hier primär mit dem Urtext und den theologischen Wörterbüchern zum Neuen Testament gearbeitet. Zusätzlich werden auch Kommentare und andere Werke herangezogen, wenn diese für die Klarstellung eines biblischen Sachverhaltes nötig sind.

2.1 Begriffsbestimmung

2.1.1 Der biblische Befund

In der Lutherbibel wird der Begriff „Gemeinde“ mit dem griechischen Wort

GX MMNJUKK a übersetzt. Mit GX MMNJUK a wurde im profanen Griechisch die

Volksversammlung beschrieben. Sie stellte die von einem Herold

herausgerufenen (GX MM = heraus; MCNGK PP = rufen) und zusammengerufenen rechtsfähigen Bürger des Landes dar. 134 Dieser Versammlung wurden viele Rechte eingeräumt, denn sie konnte über Fragen der Innen- und Außenpolitik (Bündnisse, Verträge, Finanzen, Krieg und Frieden) entscheiden. Zusätzlich wurden Gesetzesänderungen und in Ausnahmefällen auch Rechtsprechungen durch diese Institution beschlossen. Die Versammlung begann gewöhnlich mit Gebeten und Opfern für die Götter der Stadt. Die Beschlüsse wurden

demokratisch durch Stimmenmehrheit gewonnen. Das Wort GX MMNJUK C blieb im

griechischen und hellenistischen Raum stets „auf die Gesamtheit der Polis und

Vgl. Schmidt, „GX MMNJUKK C“ 516f; Bauer, Wörterbuch 477f; Coenen, „Kirche“ 784; Coenen, 134

„Church“ 291. Ein Beispiel für diesen Gebrauch von GX MMNJUKK C liefert Lukas in Act 19, 32. 39f.

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Sprachgebrauch dagegen ging es um die (horizontale) Beziehung der Menschen untereinander. Denn Gemeinde wurde hier als eine sich selbst regierende demokratische Gesellschaft gesehen. Im Neuen Testament sind laut Herbert Lockyer diese beiden Aspekte verschmolzen:

That the pre-Christian history of the word had a direct bearing upon its Christian implication is evident from the fact, that the Ecclesia of the New Testament is likewise viewed as being a theocratic democracy; that is, a society of those who are free, but who are always conscious that this freedom springs from obedience to their King. 141

Das Neue Testament gebraucht GX MMNJUK C primär, um die neutestamentliche

Heilsgemeinde zu beschreiben. In dieser Hinsicht hat das Wort drei Bedeutungen: (1) Die „Gesamtgemeinde, die Gesamtheit aller von und zu Christus Berufenen, welche im Besitze, in der Gemeinschaft seines Heils sich befinden, die Kirche, die Gemeinschaft der Heilsgenossen“ (Act 2, 47; 5, 11; 9, 31; 1 Kor 6, 4; 14, 4. 5. 12; Eph 1, 22; 3, 10; Kol 1, 18. 24). (2) Die „neutest[amentliche] Heilsgemeinde in lokaler Begrenzung“ (Röm 16, 5; 1 Kor 16, 19; Kol 4, 15). (3) „Die versammelte Gemeinde, Versammlung der Gemeinde“ 142 (1 Kor 11, 18; 14, 19. 28. 35).

2.1.2 Die Bedeutung von „Kirche“ und „Gemeinde“

Die Begriffe „Kirche“ und „Gemeinde“ werden heute in der deutschen Sprache gebraucht, um die neutestamentliche Heilsgemeinde zu beschreiben. Hierbei können beide Begriffe mehrere Bedeutungen haben.

Der Begriff „Kirche“ ist dem spätgriechischen Wort MWW TKMQPP (Gotteshaus) entlehnt. 143 Kyrikon ist eine Vulgärform des 4. Jahrhunderts für das ältere Wort kyriakon, das „eigtl. ‘das zum Herrn gehörige’ (ergänze Haus)“ bedeutet, und „eine Substantivierung des Adj. kyriakos ‘zum Herrn (gr. kyrios) gehörig’“

141 Lockyer, Doctrines 230. Laut Schrage, „Ekklesia“ 178-202, stellt der Gebrauch des Begriffes GX MMNJUKK C im Neuen Testament eine Eigenbildung der hellenistisch-christlichen Gemeinde dar.

142 Cremer, Wörterbuch 550f.

143 Wahrig, Wörterbuch 2104.

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Gemeinschaft im Evangelium sich ereignende, lokal begrenzte Gestalt von ‘Kirche’ zur Sprache. 150

Trotz dieser Differenzierung werden heute beide Begriffe für den gleichen Sachverhalt gebraucht. Es ist festzustellen, daß je nach Lexikon man entweder den Begriff „Gemeinde“ oder „Kirche“ für den gleichen Sachverhalt verwendet. Nicht selten werden sie auch gemeinsam unter der Überschrift „Gemeinde/Kirche bzw. Kirche/Gemeinde “ behandelt.

Luther übersetzte GX MMNJUK C konsequent mit Gemeinde. Er entschied sich für

diese Übersetzung, „weil er das römisch-katholische Kirchenrecht und die sich daraus ergebende päpstlich-bischöfliche Struktur der mittelalterlichen Kirche mit ihrer Macht- und Prachtentfaltung ablehnte“. 151 Die evangelischen Freikirchen haben den Begriff „Gemeinde“ folgerichtig dem Begriff „Kirche“ vorgezogen. Hier wird immer das gottesdienstliche Gebäude nicht als Kirche, sondern als Gemeindehaus bezeichnet. Da es in dieser Arbeit um die Gemeindepädagogik unter Freikirchen geht, wird hier von „Gemeinde“ die Rede sein.

2.2 Der Auftrag der Gemeinde

2.2.1 Der Missionsauftrag der Gemeinde nach Mt 28, 18-20

Jesus formulierte seinen letzten Willen an seine Jünger und somit auch den Auftrag an die Gemeinde vor seiner Himmelfahrt mit folgenden Worten:

Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin [RQTGWSGG PVGL] und macht alle Nationen zu Jüngern [OCSJVGW UCVGGRC PVCCVC GG SPJ], und tauft [DCRVK \QPVGL] sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt [FKFC UMQPVGL] sie alles zu

bewahren, was ich euch geboten habe! Und siehe, [ich] bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters. (Mt 28, 18-20)

150 Möller, „Gemeinde“ 317.

151 Haarbeck, „Gemeinde“ 138.

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Evangelisations-, Tauf- und Lehrbefehl an die Gemeinde Jesu Christi verstanden werden. Durch ihn wird auch der Dienst der Gemeinde an der Welt und an den Christen zum Ausdruck gebracht. In Bezug auf die Welt hat die Gemeinde daher die Verantwortung der Evangelisation und in Bezug auf die Gemeinde die Verantwortung des Lehrdienstes.

2.2.2 Der Auftrag der Gemeinde nach Eph 1, 3-14

In der Ausführung über die heilsgeschichtliche Stellung der Gemeinde im

Epheserbrief 179 läßt Paulus einen anderen wichtigen Auftrag der Gemeinde zum Vorschein kommen. In Eph 1, 3-14 entfaltet er den Heilsplan des

dreieinigen Gottes mit der Gemeinde, 180 dessen Verwirklichung die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umspannt. In diesem Zusammenhang teilt er seinen Lesern das Heilshandeln des Vaters (Vv. 3-6), des Sohnes (Vv. 7-12) und des Heiligen Geistes (Vv. 13-14) mit der Gemeinde mit. Am Ende jedes Abschnittes erwähnt Paulus die Absicht des Heilshandelns des dreieinigen Gottes. Sowohl das Heilshandeln des Vaters (V. 6a) als auch des Sohnes (V. 12a) und des Heiligen Geistes (V. 14b) sollen zum Lob seiner

Herrlichkeit [GKX LLGG RCKPQPFQ ZJLLCWX VQWW ] dienen.

Mit der Präposition GKX L wird auf das Ziel bzw. die Absicht des Heilshandelns Gottes hingewiesen. 181 Den Inhalt dieses Zieles bringt er mit G RCKPQP FQQ ZJLL

179 Vgl. Stadelmann, Epheserbrief 20. 23-53.

Auch wenn Paulus in Eph 1, 3-14 durch das Personalpronomen JB OGKK LL das Heilshandeln 180

Gottes auf sich und seine Leser bezieht, kann davon ausgegangen werden, daß er hier von der universalen Gemeinde als Leib Christi spricht, was durch die Vv. 22-23 belegt wird. Zum Gebrauch von GKX L siehe „Louw-Nida“: „GKX L prep. w. acc. into, in; (1) spatially, 181

denoting motion toward a place, after verbs of going, sending, moving to, toward, into (MT 9.7); (2) denoting direction of address, after verbs of speaking, telling, teaching, preaching to (MK 13.10); (3) temporally, w. indication of the time up to which someth. continues until, to (MT 10.22); (4) modally, to indicate degree or intensity GKX L VG NQL to the end, to the utmost, completely (1TH 2.16); (5) logically; (a) to indicate purpose in order to, with a view to, for the purpose of (MT 26.28); (b) to indicate reason for, because of, in view of (MT 12.41); GKX LVQW VQQfor this reason, therefore (MK 1.38); (c) to denote the purpose of a divine appointment (HE 1.14) or a human appointment in the Lord's will (AC 13.2); (d) to denote a specific goal, the direction of an action to an intended end to, unto, for, with a view to (MT 3.11); (6) denoting relationship; (a) in a neutral sense with reference to, regarding (EP 5.32); (b) in a hostile sense against (RO 8.7); (c) in a friendly sense toward, for, in (RO 15.26); (7) in uncommon usage; (a) of presence in a place, where GX Pmight be expected in (AC 19.22b); (b) in Semitic fashion, to replace a predicate

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Details

Titel
Gemeindepädagogik in russlanddeutschen Freikirchen in der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Hochschule
Evangelische Theologische Faculteit, Leuven  (Evangelische Theologische Fakultät, Leuven (Löwen), Belgien)
Note
cum laude
Autor
Jahr
1998
Seiten
616
Katalognummer
V149280
ISBN (Buch)
9783640597215
Dateigröße
3102 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russlanddeutsche, Gemeindepädagogik, Religionspädagogik, Russlanddeutsche Freikirchen, Russlanddeutsche Christen, Freikirchen, Russland, Christian Education, Didaktik, Russlanddeutsche Geschichte, Gemeindeverständnis, Mission, Evangelisation, Jesus Christus, Neues Testament, Altes Testament, Bund Taufgesinnter Gemeinden, Aussiedlerzahlen, Bibelseminar Bonn, Missionsauftrag, Taufe, Ekklesiologie, Gottesdienst, Katechese, Religionsunterricht, Christliche Erziehung, Religiöse Erziehung, Evangelikale, Lehrdienst im Alten Testament, Lehrdienst im Neuen Testament, Erziehung, Publikationstätigkeit der russlanddeutschen Freikirchen, Sowjetunion, Heiligung, Erhaltung der „reinen“ Gemeinde, Wesen der Gemeinde, Trennung von Kirche und Staat, allgemeine Priestertum aller Gläubigen, Frauen als Trägerinnen des Gemeindelebens, Kirchenlandschaft, Untergrundkirche, Heilige Schrift als Autorität und Maßstab für Lehre und Leben, Gewissensfreiheit, Schulwesen der Deutschen in Russland, russischer Baptismus, Deutscher Baptismus in Russland, Evangelische Gemeinden in Russland, Römisch-katholische Kirche in Russland, Periode der Auswanderung der Deutschen in Russland, Periode der Neuorientierung der Deutschen in Russland, Periode der Auslösung der Deutschen in Russland, Periode des Höchststandes der Deutschen in Russland, Periode des Aufbaus der Deutschen in Russland, historische und kulturell-religiöse Hintergrund der Deutschen in Russland, Heinrich Löwen, Mennoniten, Russische Baptisten, Deutsche Baptisten in Russland, Katholiken in Russland, Protestanten in Russland, Sozialpsychologische Funktion der Gemeinde, Rick Warren, pädagogisches Kultursystem der Russlanddeutschen, Evangeliumschristen in Russland
Arbeit zitieren
Dr. Heinrich Löwen Jr. (Autor), 1998, Gemeindepädagogik in russlanddeutschen Freikirchen in der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149280

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