Beschreibung als Zufallsprodukt? Anwendung und Funktion der literarischen Beschreibung in literarischen Texten: Franz Kafka - Die Verwandlung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
34 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Erzählung und Beschreibung
2.1. Allgemeine Grundlagen
2.2. Erzählung und Beschreibung in Franz Kafkas Literaturverständnis

3. Franz Kafka: „Die Verwandlung“
3.1. Inhalt und Struktur der „Verwandlung“
3.2. Die drei Konflikte des Gregor Samsa – Umstände der Verwandlung
3.2.1. Konflikt 1: Gregors Stellung in der Familie Samsa
3.2.2. Konflikt 2: Gregors Rolle in der Arbeitsgesellschaft
3.2.3. Konflikt 3: Gregors Suche nach dem wahren Sein
3.3. Gregor und sein Umfeld – eine Frage der Kommunikation
3.4. Die Innenwelt und die Außenwelt
3.3.2. Die Sprache
3.4. „Die Verwandlung“ – Kafkas Kritik an der Gesellschaft

4. Beschreibung in der „Verwandlung“ Franz Kafkas
4.1. Wo setzt Kafka Beschreibung ein?
4.1.1. Beschreibungsthema 1: Handelnde Personen und Charaktere
4.1.2. Beschreibungsthema 2: Feindbilder
4.1.3. Beschreibungsthema 3: Essen und Nahrung
4.1.4. Beschreibungsthema 4: Der Käfer als Erlebender
4.1.5. Beschreibungsthema 5: Die Verwandlung – Zwischen Mensch und Tier
4.2. Warum beschreibt Kafka? – Von der Funktion der Beschreibung
4.2.1. Funktion der Beschreibung handelnder Personen und Charaktere 24
4.2.2. Funktion der Beschreibung von Feindbildern
4.2.3. Funktion der Beschreibung von Essen und Nahrung
4.2.4. Funktion der Beschreibung des Käfers als Erlebendem
4.2.5. Funktion der Beschreibung der Verwandlung zwischen Mensch und Tier
4.3. Beschreibungsnotwendigkeit contra Zufallsprodukt

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was bedeutet[1] es, existent zu sein? Diese Frage stellen sich Menschen überall auf der Welt. Der Sinn des Lebens ist genauso unwirklich zu durchdringen wie die Zukunft. Was wäre, wenn man nicht der wäre, der man ist, sondern in die Rolle eines anderen Wesens schlüpfte? Auch diese Vorstellung bewegt den individuellen Philosophen. Doch keiner kann diese Situation abschätzen bzw. erleben.

Franz Kafka hat in seiner „Verwandlung“ eine solche Situation geschaffen, die bildlicher gar nicht vorstellbar ist. Doch zu welchem Zweck schafft ein Dichter eine Szenerie, in der ein Mensch, in ein Tier verwandelt, versucht, seine Existenz zu sichern. Dieser Mensch, von dem die Geschichte erzählt wird, könnte jeder auf der Welt sein, denn das Tier ist nur Symbol für Veränderung. Dieser Mensch in Tiergestalt beobachtet nun seine Umwelt, um seine neue Rolle als Tier einzuordnen. Dabei muss er mit schwierigen Problemen und Konstellationen umgehen.

Die Geschichte ist eine Erzählung. Kafka bezeichnet sie selbst so. Doch beim ersten Lesen hält sich der Blick immer wieder weniger an der raren Handlung als vielmehr an den sozusagen illustrierten Stellen fest und fragt sich: „Was will mir diese Erzählung eigentlich sagen?“ Und mehr noch fragt sich der Leser, warum ihn weniger die Handlung fasziniert als vielmehr die Bilder, die dargestellt werden. Nun könnte man natürlich die Geschichte interpretieren, um eine Vorstellung zu bekommen, was Franz Kafka sagen will, und der Leser beantwortet sich unmittelbar die erste Frage. An dieser Stelle interessiert aber noch mehr, warum er gerade diese Art und Weise wählt, um seine Aussage zu verkünden. Warum erzählt er nicht eine Geschichte wie einen Actionfilm? Warum müssen es diese sprachlichen Bilder sein, warum diese Abbildungen einer Wirklichkeit in Form von bloßer Bildbeschreibung? Der aufmerksame Leser sucht auch nach einer Antwort auf die zweite Frage: Welche Funktion haben eigentlich diese Bilder und Beschreibungen in der Aussageabsicht Kafkas? Oder sind diese Bilder nur unwichtige Spielereien des Dichters oder gar nur Zufall?

Im Folgenden soll eine Textinterpretation Aufschluss darüber geben, was Franz Kafka mit seiner „Verwandlung“ zum Ausdruck bringen will. Im Anschluss soll dann die Funktion der beschreibenden Elemente dieser Kafkaschen Wahrheit bestimmt werden, um einen Zufall oder eine Relevanz für die Aussage des Textes auszuschließen. Eine Orientierung in die Begriffswelt von Beschreibung und Erzählung zwischen der Forschung und Kafka wird allerdings als Hilfestellung notwendig sein und deshalb vorangestellt.

2. Erzählung und Beschreibung

2.1. Allgemeine Grundlagen

Ein epischer Text beinhaltet oft mehrere wichtige Darstellungselemente. Neben den Charakteren einer Geschichte steht meist die Handlung im Vordergrund. Handlung wird erzählt, d.h. eine Geschichte ist eine Erzählung einer real existenten Situation oder einer in der Phantasie möglichen Konstellation pro Zeit. Neben der schlichten Erzählung eines Sachverhaltes über einen bestimmten Zeitraum hinweg stützen oft noch weitere Elemente die Textaussage. Zu diesen Elementen zählen z. B. der historische Rückblick in Form von auftauchenden Schriftstücken oder Personen aus der Vergangenheit oder auch die von einem auktorialen Erzähler hinzu gefügten Argumentativa für den Leser. Die Beschreibung ist ein weiteres dieser Elemente. Beschreibend können bereits vereinzelte Adjektive sein, die ein Faktum genauer bestimmen. Aber auch Genauigkeit und Detailtreue bei der mimetischen, also nachahmenden Abbildung von Objekten oder Sachverhalten hinterlassen beschreibende Spuren.

Per definitionem ist die Beschreibung eine „Schilderung von Personen, Sachen oder Sachverhalten durch Aufzählung sichtbarer Eigenschaften“[2]. Diese Eigenschaften müssen für jedermann äußerlich mit bloßem Auge sichtbar sein. Je nach Erzählsituation und Motivation kann die Beschreibung wertneutral oder wertend erfolgen. In der Antike wurde die Beschreibung im Bereich der Rhetorik als Mittel eingesetzt, um eine Erzählung zu veranschaulichen und beim Leser oder Zuhörer Affekte zu rühren.

Während die meisten Texte von der Erzählung bestimmt werden, scheint ohne Beschreibung von Gegenständen und Sachverhalten die Erzählung zum Scheitern verurteilt, da sie wenig Überzeugungskraft aufweist. Denn erst die Beschreibung und andere Elemente liefern dem Leser die Informationen über den schlichten Handlungsverlauf hinaus, wenngleich dieser auf Zeit, Ort und Personen fokussiert. Insofern stellt die Forschung die berechtigte Frage, ob Erzählung ohne Beschreibung überhaupt möglich ist. Bislang dominiert die Erzählung die beschreibenden Momente, die den Texten durch sinnvollen Gebrauch und angemessene Sprache eigentlich erst die künstlerische Note, Literarizität und bleibenden Wert geben.

2.2. Erzählung und Beschreibung in Franz Kafkas Literaturverständnis

Auch Franz Kafka hat sich wie so viele Schriftsteller vor und nach ihm mit der Erzählung und der Beschreibung beschäftigt. Doch während einige die Beschreibung als pure Notwendigkeit einer guten Erzählung verstehen und damit literarische Texte von nicht literarischen Texten scheiden, stellt Kafka diese Frage vorerst hinter seinen Anspruch an Literatur zurück. Während er mit seinem Werk „gegen die Grenze“[3] anstürmt, katapultiert er sich in eine literarische Sphäre, die einer klaren Unterscheidung zwischen Erzählung und Beschreibung keinen Boden gibt. Er löst sich von den herrschenden Grenzen und schafft der Literatur eine „Befreiung im Akte des Schreibens“[4], d.h. Beschreibung und Erzählung werden als Begriffe schwammig. Ist eine eindeutige Abgrenzung so wichtig, wenn die Wirkung stimmt?

Diese Frage beantwortet Kafka, so sehr seine Texte paradox sind ist auch er der Paradoxe, positiv. In seinem Werk erhält die Erzählung auf Grund der spezifischen Position des Erzählers, Akteurs und auch Lesers eine entscheidende Bedeutung. Deshalb bemüht sich Kafka, „möglichst situationell zu erzählen“[5]. Die enorme Bedeutung der Erzählung rekrutiert sich bei Kafka aus der Tatsache, dass der Leser es in der Regel mit einem personalen Erzähler zu tun hat, d.h. die Geschichte nur durch den Blickwinkel einer Person erzählt bekommt. Dabei gibt sich „der erscheinende Erzähler [...allerdings...] deutlich als das Medium zu erkennen, durch das uns die Welt mitgeteilt wird“[6]. In der Regel „wird der Leser in der gleichen Unwissenheit belassen wie der Held. – So wird durch diese streng bewahrte Erzählerhaltung die Intensität des Erzählens gesteigert“[7] und damit der Erzählung eine herausragende Bedeutung und Präsenz beigemessen.

Gleichzeitig beinhaltet diese Erzählhaltung eine kontinuierliche Verfolgung der Zeit und eine „Unumkehrbarkeit des Ablaufs der Erzählung“[8], da sie auf den erzählenden Charakter festgelegt ist und dieser nicht in der Zukunft oder Vergangenheit weiterexistieren kann.

Dennoch beschränkt sich Kafka in seinem Werk nicht ausschließlich auf die Erzählung als erklärendes Element. Von Hause aus bestätigte er stets, „er habe sich im öffentlichen wie im privaten Bereich als Beobachter verstanden“[9]. Das Beobachtungsmoment bildet die oben angeführte Detailgenauigkeit, die eine Beschreibung beinhalten kann, und somit ist Franz Kafka geradezu prädestiniert für eine beschreibende Literatur. „Im Vollzug des Schreibens gelingt es dem Dichter, aus dem Gesetz der ‚sinnlichen Welt‘, aus dem unerbittlichen Machtkampf der Subjekte [...] herauszuspringen; es gelingt ihm, jenen unabhängigen Standpunkt des inneren Lebens einzunehmen, ohne deshalb auf sprachliche Darstellung verzichten zu müssen. Denn das Schreiben ist für ihn ‚Tat-Beobachtung‘“[10]. Allerdings setzt er die beschreibenden Elemente gezielter und bewusster ein, als es der Leser nach diesen Feststellungen erwarten würde. Wie gezielt werden wir zu einem späteren Zeitpunkt ergründen können. Bei der Umsetzung seiner Beobachtungen wendet Kafka dagegen ein Prinzip an, das weit verbreitet ist. Er wandelt die Beobachtungen in Bilder, d.h. er formuliert keine Begriffe, sondern verbildlicht seine Beobachtungen von der Welt[11]. „Was er in Bilder übersetzt, sind nicht Begriffe, sondern Situationen.“[12] Seine Bilder verkörpern die Beschreibungskomponente seiner Erzählungen. Sie sind das informative Beiwerk zur schlichten Faktenwiedergabe der Erzählung. Somit fasst Kafka die Begriffe Erzählung und Beschreibung an, ohne sie wirklich voneinander trennen zu wollen und zu können.

3. Franz Kafka: „Die Verwandlung“

3.1. Inhalt und Struktur der „Verwandlung“

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“[13] So beginnt die Erzählung, die etwas Surreales vorführt. Ein Mensch geht des Abends ins Bett, um am nächsten Morgen um vier Uhr wie jeden Tag aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, und plötzlich ist alles anders und er wird zum Tier. Ohne Vorwarnung wird er und durch die auf ihn beschränkte Erzählposition auch der Leser direkt in medias res geworfen. Kurz gefasst durchlebt der Protagonist eine befristete Zeit der Veränderung gegenüber seiner Familie, seiner Arbeitswelt und sich selbst. Er mutiert zum Ungeziefer und muss lernen, damit umzugehen, bis er schließlich an den Konflikten scheitert und ohne die eigentliche Chance zu erkennen und wahrzunehmen, zu Grunde geht. Der „Sinn der Verwandlung Gregors [wird] nirgends ausdrücklich festgestellt. Über die Ursachen ist der Leser ebenso wie die Hauptgestalt im Unklaren, denn er erhält seine Informationen nur durch das Bewusstsein und die Überlegungen und Beobachtungen des Protagonisten“[14]. Die personale Erzählposition zeigt sich genauer, wenn der Leser „Gregors Blick [...] zum Fenster“[15] folgen muss und nur seinen Gedanken und seinem Gehörten beiwohnt.

Kafka nutzt diese Erzählposition bewusst, um den Leser seiner unberechenbaren Verwirrung zu überlassen und erst später zu durchschauen, was die Verwandlung da überhaupt verwandelt.

„Ein Mann erwacht des Morgens in seinem Bett. Das Demütigende seiner Existenz hat ihn überwältigt. Zu einem eigenen Leben hat er nicht gefunden, Angst und Zögern haben ihn zurück gehalten vor dem entscheidenden Schritt ins Freie. Noch immer ist er nur Sohn, der wirkliche Mensch wurde nie geboren. Sein bisheriges Leben war Schlaf. Doch dem, der zu lange zögert, beginnt der Alptraum erst im Erwachen.“[16]

Der Alptraum vollzieht sich für Gregor Samsa in drei Kapiteln. Sie sind klar voneinander unterschieden und stellen drei klassische Etappen in einem Umwandlungsprozess dar. Jede ist von der anderen durch einen ungefüllten aber definierten Zeitraum getrennt. „Zeigt der erste [Teil] den Moment der Verwandlung und das Ende von Gregors menschlicher und beruflicher Existenz und der zweite die Zeit des in die Familie eingeschlossenen Ungeziefers, so schildert das dritte Kapitel sein Sterben und seinen endlichen Tod.“[17] Während die beiden ersten Kapitel sowohl den Niedergang des gefestigten Daseins eines Menschen als auch den Aufstieg der Persönlichkeit dieses Menschen in eine neue geistige Ebene widerspiegelt, zeigt das letzte Kapitel den Absturz durch die Befreiung der Familie von einem Untier und umgekehrt die Befreiung durch den Absturz. „Der Tod Gregor Samsas, mit dessen Augen der Leser bisher das Geschehen weitgehend zu sehen geglaubt hat, suggeriert nun einen Wechsel der Erzählperspektive. Der Schluss der Geschichte wird sachlich und distanziert wie von einer höheren Warte mitgeteilt.“[18] Das lässt dazu verleiten, dem Tod eine positive Färbung abzugewinnen, zeigt aber auch, dass der „tote“ Erzähler sich von der letzten Konsequenz seines Daseins als dem Scheitern der eröffneten geistigen Aufstiegschance abgrenzt. Somit ist die Erzählung mit dem Tod der Hauptfigur nicht beendet. Sie geht wieter, wenngleich Kafka selbst das Ende seiner Geschichte als „unlesbar“ ablehnte.

In zahlreichen Briefen an seine Lebensgefährtin Felice Bauer beschrieb Kafka oft genug sein Unwohlsein auf Grund der Geschichte um die Verwandlung. Er fühle sich umpanzert und wolle aus Angst die Wand hinauf kriechen bei dem Gedanken an seine kleine ekelhafte Geschichte.[19] Dass ein Vergleich mit Kafkas eigener Existenz nicht nur auf Grund seiner Formulierungen seines Unbehagens naheliegt, zeigt sich sehr genau in der Umsetzung seiner Beobachtungen der elterlichen Wohnung. „Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden“[20], wie Kafkas eigenes Zimmer auch. Auch die Anordnung der Türen zu den angrenzenden Zimmern drängt einen Vergleich zur Realität auf. So wie sich Kafka in seinem Zimmer eingekreist fühlte, ergeht es auch Gregor Samsa.[21] Die Zimmeranordnung entspricht sogar seiner „psychischen Situation in der Familie“[22]. Obwohl er gegen diese Situation rebelliert, wird der „Blickpunkt von Gregors Zimmer aus“[23] während der Erzählung nie verändert.

„Kafkas Werk widersetzt sich gewöhnlich jedem Versuch einer auf strikte Einhelligkeit bedachten, ‚harmonisierenden‘ Deutung. Die Fremdheit zwischen der erzählten Welt mit ihren widersprüchlichen Figuren und Ereignissen, dem Nebeneinander von Realem und scheinbar Irrealem, und der empirischen Erfahrungswelt des Lesers ist zu groß, als dass es diesem gelänge, im direkten Zugriff den ‚Sinn‘ der literarischen Aussage zu erschließen oder ihn mit seiner konkreten Alltagswirklichkeit problemlos zu verrechnen“[24]. Wohl aus diesem Grund bleibt dem Leser die Unmöglichkeit, die Rebellion gegen Gregors Konflikte erfolgreich zu beenden, bis zum Ende ein Rätsel. Er scheitert beim Versuch, gegenüber „sich selbst, gegenüber Familie, Gesellschaft und Beruf seine geistig-seelische Existenz zu retten“[25], ohne über den Sinn seiner Rebellion nachzudenken. Im Folgenden wollen wir Gründe für die Rebellion aufzeigen und die Sinnfrage angehen.

3.2. Die drei Konflikte des Gregor Samsa – Umstände der Verwandlung

3.2.1. Konflikt 1: Gregors Stellung in der Familie Samsa

Ursprünglich existierte Gregor Samsa als funktionierendes Moment innerhalb einer intakten Familie. Denn er fügte sich in die ihm zugeschriebene Rolle. Gregor verdiente den Unterhalt für die gesamte Familie.[26] Während seine Asthma kranke Mutter und der behäbig gewordene Vater nach dem Bankrott des Geschäftes auf seine finanzielle Unterstützung bauen, soll Gregor auch noch für die „Schuld seines Vaters büßen, indem er seine berufliche Laufbahn ganz diesem Zwang unterwirft. Der Beginn einer eigenen Berufstätigkeit ist aber neben der Ehe im gewöhnlichen Menschenleben einer der entscheidenden Augenblicke des Erwachsen- und Selbstständigwerdens, der Lösung von der Familie“[27]. Gregor unterlässt diesen Prozess, um seine Familie mit bestem Wissen und Gewissen zu unterstützen und ordnet sich selbst unter. Hierin besteht ein Grund, warum Gregors unbewusst unterdrücktes Selbst rebelliert und durch eine Verwandlung zum Tier zum Vorschein kommt. Denn als Tier kann Gregor die angestammte Rolle in der Familie nicht mehr einnehmen.

Mit seiner Position in den Familienverhältnissen als Ernährer steuert Gregor auf Kollisionskurs mit dem Vater. Der erlebt gerade keine sehr produktive Phase, fühlt sich aber einem ödipalen Kampf mit dem Sohn verpflichtet[28], und drückt ihm auch deshalb die eigenen Schulden auf. Damit kompensiert er die eigene Verwandlung und setzt andererseits die „vollständige und endgültige des Sohnes“[29] in Bewegung. Zu einem Ungeziefer verwandelt hat Gregor nun keine Chance mehr, die dem Vater übergeordnete Position einzunehmen. Stattdessen rehabilitiert sich der Vater durch besondere Unterdrückung und Brutalität gegenüber dem abhängig gewordenen Sohn, der nur noch „ängstliche(n) Seitenblicke(n) nach dem Vater“[30] riskiert. Doch der Vater verdirbt Gregor den Spaß und treibt ihn ohne Rücksicht durch die Wohnung, bombadiert ihn mit Obst[31] und kommt allein aus „Familienpflicht“[32] zur Besinnung.

Mit der Rehabilitierung des Vaters als Folge der Verwandlung des Sohnes muss die Familie zwar einen „beruflichen Abstieg“ und die „Verschlechterung der [finanziellen] Verhältnisse“[33] in Kauf nehmen, aber dafür wird er „vom überflüssigen Greis wiederum zum nützlichen Arbeiter und Träger einer Uniform, die Mutter verdient als Näherin für ein Modegeschäft, und die Schwester lernt ‚Stenographie und Französisch, um vielleicht später einmal einen besseren Posten zu erreichen‘.“[34]

Diese familiäre Veränderung erfolgt ohne die Berücksichtigung des Sohnes Gregor. Der findet in der Familie wie bereits früher kein Verständnis für seine Situation, wird widerwillig geduldet[35]. Die „erlittene Lieblosigkeit verkörpert sich als Ungestalt“[36] und wird so zur vordrängendsten Rebellionsgrundlage. Gregor fühlt sich mehr und mehr als Ausgestoßener. Eine Verständigung mit den Eltern scheitert bereits, bevor seine Verwandlung sichtbar wird. „Ihm ist nicht wohl“[37] äußerte die Mutter, als er nicht zum Dienst erschien, wenngleich Gregor eine Verwandlung zur Verbesserung seiner Lage durchmacht. „Die Umkehrung der Hierarchie hat die Gefühlsbindungen innerhalb der Familie zerstört“[38] und in Gregor eine gehörige Unzufriedenheit hervorgerufen. Diesem Konflikt stellt sich Gregor entgegen, indem er sein Innerstes nach außen kehrt und sich verwandelt. Diese Verwandlung bleibt jedem Menschen offen, denn das Potenzial ist in jedem vorhanden.[39]

Die von Gregor nur ungenügend erfahrene Liebe in der Vergangenheit erlangt er durch seine Verwandlung allerdings auch nicht. Die Familie beweist „ihre Unfähigkeit [..., das Wesen mit eigenem Status...] durch Humanität und Toleranz zu erhalten“[40] und verurteilen den veränderten Sohn sogar. „Das Bewusstsein der Befreiung in der Familie nach Gregors Tod ist die stärkste Verurteilung seiner Existenz“[41], die daran scheiterte, dass er zuerst zu wenig aufbegehrte und dann zu spät zu sehr rebellierte. Denn „die Eltern verstanden das alles nicht so gut“[42].

[...]


[1] Diese Arbeit wurde in neuer Rechtschreibung verfasst. Zitate wurden ohne Kenntlichmachung an die neuen Rechtschreibregeln angepasst.

[2] Günther Schweikle/ Irmgard Schweikle (Hg.): Metzler Literatur Lexikon, 2., überarbeitete Auflage, Stuttgart 1990, S. 46.

[3] Christian Eschweiler: Kafkas Erzählungen und ihr verborgener Hintergrund, Bonn-Berlin 1991, S. 127.

[4] Barbara Beutner: Die Bildsprache Franz Kafkas, München 1973, S. 9.

[5] Hartmut Binder: Motiv und Gestaltung bei Franz Kafka, Bonn 1966, S. 266.

[6] Martin Walser: Beschreibung einer Form, München 1961, S. 21.

[7] Martin Walser, S. 29.

[8] Martin Walser, S. 40.

[9] Wilfried Thürmer: Beschreibung, in: Hartmut Binder (Hg.): Kafka-Handbuch in zwei Bänden, Bd.2 (Das Werk und seine Wirkung), Stuttgart 1979, S. 131.

[10] Susanne Kessler: Kafka-Poetik der sinnlichen Welt: Strukturen sprachkritischen Erzählens, Stuttgart 1983, S. 157.

[11] Vgl. Karl-Heinz Fingerhut: Bildlichkeit, in: Hartmut Binder (Hg.): Kafka-Handbuch in zwei Bänden, Bd.2 (Das Werk und seine Wirkung), Stuttgart 1979, S. 151.

[12] Günther Anders: Franz Kafka – Pro und Contra, in: Die Neue Rundschau 58, 1947, S. 139; zitiert nach Peter Beicken 1998, S. 142.

[13] Franz Kafka: Die Verwandlung, in: Franz Kafka: Erzählungen. Hg. v. Rolf Toman, Köln 1995, S. 87.

[14] Peter U. Beicken: Franz Kafka. Eine kritische Einführung in dir Forschung, Frankfurt/Main 1974, S. 261.

[15] Franz Kafka, S. 87.

[16] Wolfgang Matz: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Motive zu einer Lektüre von Kafkas „Verwandlung“, in: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Text und Kritik. Franz Kafka, München 1994, S. 76.

[17] Wolfgang Matz, S. 81.

[18] Christian Eschweiler, S. 140.

[19] Vgl. Karl-Heinz Fingerhut 1979, S. 147.

[20] Franz Kafka, S. 87.

[21] Vgl. Peter Beicken: Franz Kafka. Die Verwandlung – Erläuterungen und Dokumente, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart [Reclam] 1998, S. 121.

[22] Walter H. Sokel: Franz Kafka. Tragik und Ironie. Zur Struktur seiner Kunst, München-Wien 1964, S. 77f.; zitiert nach Peter Beicken 1998, S. 121.

[23] Hartmut Binder 1966, S. 272.

[24] Christian Hamm: Textinterpretation und Ästhetische Erfahrung. Zu den Möglichkeiten und Grenzen eines „realistischen“ Umgangs mit Franz Kafka, Hamburg 1980, S. 107.

[25] Christian Eschweiler, S. 95.

[26] Vgl. Peter U. Beicken 1974, S. 268.

[27] Wolfgang Matz, S. 78.

[28] Hellmuth Kaiser: Franz Kafkas Inferno. Eine psychologische Deutung seiner Strafphantasie, in: Imago 17, 1931, S. 55; zitiert nach Peter Beicken 1998, S. 138.

[29] Wolfgang Matz, S. 79.

[30] Franz Kafka, S. 105.

[31] Vgl. Franz Kafka, S. 106; 126-127.

[32] Franz Kafka, S. 127.

[33] Peter Beicken 1998, S. 125.

[34] Wolfgang Matz, S. 81-82.

[35] Vgl. Franz Kafka, S. 127.

[36] Peter Beicken 1998, S. 84.

[37] Franz Kafka, S. 95.

[38] Wolfgang Matz, S. 79.

[39] Vgl. Jürgen Born: Franz Kafka. Kritik und Rezeption zu seinen Lebzeiten, Frankfurt/Main 1979, S.76f.

[40] Peter U. Beicken 1974, S. 271.

[41] Peter U. Beicken 1974, S. 271.

[42] Franz Kafka, S. 103.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Beschreibung als Zufallsprodukt? Anwendung und Funktion der literarischen Beschreibung in literarischen Texten: Franz Kafka - Die Verwandlung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Theorie der literarischen Beschreibung
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
34
Katalognummer
V14931
ISBN (eBook)
9783638202039
ISBN (Buch)
9783656536482
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beschreibung, Zufallsprodukt, Anwendung, Funktion, Texten, Franz, Kafka, Verwandlung, Theorie
Arbeit zitieren
Björn-Christian Schüßler (Autor), 2000, Beschreibung als Zufallsprodukt? Anwendung und Funktion der literarischen Beschreibung in literarischen Texten: Franz Kafka - Die Verwandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14931

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