Kriminalisierung von Fußballfans. Erscheinungsformen, Wirkungen, Probleme

Aktive Fans zwischen Stigmatisierung und Reaktanz


Magisterarbeit, 2009

176 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. ZIEL DER ARBEIT
1.1 Erkenntnisinteresse und Fragestellung
1.2 Theoretische Sensibilisierung
1.3 Aufbau der Arbeit

2. DEFINITORISCHE ABGRENZUNGEN
2.1 Abweichendes Verhalten
2.2 Gewalt im, durch und im Umfeld von Sport
2.3 Kriminalisierung
2.4 Stigmatisierung
2.5 Aktive Fanszene

3. EXPLIKATION DER UNTERSUCHTEN GRUPPEN
3.1 Aufteilung der FuBballzuschauer nach Kriterien
3.1.1 Polizeiliche Einteilung in Kategorie A, B und C
3.1.2 Einteilung nach Motiven fur den Stadionbesuch
3.1.3 Einteilung nach Gruppen-Zugehorigkeit innerhalb der Szene
3.1.3.1 „Normalos“
3.1.3.2 „Kutten“
3.1.3.3 Hooligans
3.1.3.4 Ultras
3.1.3.5 „Hooltras“
3.2 Bewertung von Zuschauergruppen unter dem Aspekt der Kriminalisierung

4. [EXKURS] FUBBALLFANS, AUSSCHREITUNGEN UND PROBLEMATISIERUNGEN HISTORISCH

5. URSACHEN FUR GEWALT, RANDALE UND AUSSCHREITUNGEN IN DER FUBBALLFANSZENE - FORSCHUNGSDEBATTE
5.1 Erklarungen zur Entstehung von Gewalt bei FuBballspielen
5.1.1 Sozialraumliche Grunde fur Ausschreitungen im FuBball
5.1.2 Gesellschaftliche Ursachen fur Ausschreitungen im FuBball
5.1.3 Sportbezogene Ursachen fur Ausschreitungen im FuBball
5.1.4 Veranstaltungsbezogene Ursachen fur Ausschreitungen im FuBball
5.1.5 Medienbezogene Ursachen fur Ausschreitungen im FuBball
5.2 Bewertung des Stands der Ursachenforschung

6. MABNAHMEN ZUR BEKAMPFUNG VON AUSSCHREITUNGEN IM FUBBALL
6.1 Institutionelle Reaktionen auf Zuschauerausschreitungen bis 1989
6.2 Das Nationale Konzept Sport und Sicherheit (NKSS)
6.2.1 Einrichtung einer Koordinationsstelle fur Fanprojekte
6.2.2 Einfuhrung bundesweiter Stadionverbote
6.2.3 Empfehlungen fur bauliche Sicherheitsstandards und organisatorisch-betriebliche Bedingungen im Stadion im NKSS
6.3 Zentrale Informationsstelle fur Sporteinsatze
6.4 Datei „Gewalttater Sport“
6.5 Polizeiliche MaBnahmen im Kontext von FuBballspielen
6.6 Bewertung der ordnungspolitischen MaBnahmen

7. UNTERSUCHUNGSFOKUS UND UBERGEORDNETE THEORIEKOMPLEXE
7.1 Theoretische Grundlagen des Labeling Approachs
7.1.1 Deviante Karrieren
7.1.1.1 Abweichende Laufbahnen nach Howard S. Becker
7.1.1.2 Der Verlauf eines Etikettierungsprozesses nach Stephan Quensel
7.2 Theorie der psychologischen Reaktanz

8. METHODISCHES VORGEHEN
8.1 Datenmaterial und Erhebungskontext
8.1.1 Teilnehmende Beobachtung an Spieltagen
8.1.2 Inhaltsanalyse von Szenepublikationen
8.1.3 Problemzentrierte Leitfadeninterviews mit Akteuren der aktiven Fanszene
8.2 Auswertungsverfahren und Analyseschritte

9. ERGEBNISSE
9.1 Analysekategorien
9.1.1 Kriminalisierungs- und Stigmatisierungserfahrungen
9.1.2 Fremdbilder zu Selbstbildern - abweichende Identitaten?
9.1.3 „Aufschaukelnde“ reziproke Feindbilder
9.1.4 Medien als Beschleuniger fur abweichendes Verhalten?
9.1.5 Psychologische Reaktanz bei Freiheitseinengungen
9.1.6 Eingriffe in die Selbstregulierung der Fanszene
9.2 Bewertung der Ergebnisse
9.3 Modell Kriminalisierung, Stigmatisierung, Reaktanz

10. FAZIT EINER ANALYSE ABWEICHENDEN FANVERHALTENS

11. LITERATUR
11.1 Wissenschaftliche Literatur
11.2 Internet-Quellen
11.3 Literatur Inhaltsanalyse Zeitschriften
11.4 Literatur Inhaltsanalyse Bucher
11.5 Abbildungen

12. ANHANG
I Interviewleitfaden (Muster)
II Transkripte
a) Transkript 1
b) Transkript 2
c) Transkript 3
III Teilnehmende Beobachtungen
d) Teilnehmende Beobachtung 1 - TeBe - FCE
e) Teilnehmende Beobachtung 2 - FCM - FCE

1. Ziel der Arbeit

M.: „FuBballfans im Visier? Weil sie anders sind. Weil sie eine eigene Kultur haben. Weil uns ankotzt, was uns vorgesetzt wird. Weil wir was unternehmen, was sich der Kontrolle entzieht. Weil das der Staat nicht vermitteln und der Burger uns nicht verstehen kann. Deshalb waren und sind wir im Visier. Weil das keiner begreift. Vielleicht ist es sogar unbegreifbar. FuBballfans gelten als aussatzig und schmutzig - sie sind schlichtweg nicht einzuordnen. “[1]

Was ist „anders“ an FuRballfans, weshalb sind sie „im Visier“ und wie gehen sie damit um, wenn sie nicht nur als „schmutzig“, sondern auch als gewalttatig und storend „eingeordnet“ werden? Anleihen aus dem oben stehenden Zitat eines aktiven Fans geben eine erste Richtung vor, wohin diese Arbeit gehen soll - erklarende Einblicke in die Fremdsicht und Selbstsicht auffalliger FuRballfans. Dabei ist die FuRballkultur ohnehin ein Massenphanomen, das innerhalb und auRerhalb des Stadions in vielerlei Hinsicht polarisiert, insbesondere bezuglich auffallenden Fanverhaltens.

FuRball ist in Deutschland der Zuschauermagnet unter allen Sportarten. Im Schnitt besuchten in der Saison 2008/09 fast 42.000 Zuschauer pro Spiel die Partien der ersten beiden Ligen.[2] Aufgrund modernisierter Stadien, verbesserter Infrastruktur und vieler namhafter Spieler durften dabei in Zukunft noch mehr Menschen die Arenen und Stadien deutscher FuRballvereine besuchen.

Im Stadion selbst verhalt sich ein GroRteil der FuRballzuschauer recht alltaglich. Es wird mit dem Nebenmann geplaudert, applaudiert und bei einem schlechten Spiel geflucht. Dessen ungeachtet tragen die starke Emotionalitat des Sports, die Identifikation mit einer Stadt und einem Verein sowie ausgepragte Rivalitaten zu anderen Fans dazu bei, dass sich im FuRballumfeld auch auffalliges Verhalten etablieren konnte.[3] Dabei zahlen Pobeleien, gewalttatiges Verhalten oder der Gebrauch von Feuerwerkskorpern im Stadion zu den Dingen, welche seitens der Verbande, Sicherheitsorgane und der friedlichen Zuschauer am meisten geachtet werden.

Dennoch vergeht kaum ein Wochenende, nach welchem nicht mindestens eine Meldung uber Gewalt und randalierende Fans im FuRballumfeld publik wird. Wahrend die Medien und das offentliche Umfeld der Vereine diese Taten und ihre Tater meist verstandnislos und ablehnend betrachten, bewerten eben jene ihr Verhalten als legitime Ausdrucksformen einer expressiven und starken Fan- Szene. Eine Szene, die sich jahrzehntelang bis heute im Sog der Massenveranstaltung FuRball entwickelte, veranderte und in verschiedene subkulturelle Stromungen aufgliederte (Vgl. auch Kapitel 3).

Seit Anfang der 1980iger Jahre wird das Phanomen von fuRballbezogenen Ausschreitungen in Deutschland gesellschaftlich problematisiert (Vgl. Bruder et al. 1988, 19.) und damit auch jene, die fur dieses neu geschaffene Problem verantwortlich sind - Fans und Zuschauer.

Wenngleich in den vergangenen drei Jahrzehnten etliche MaRnahmen gegen Gewalt und Randale von FuRballfans unternommen wurden[4], konnte das regelmaRige Auftreten dieser Erscheinungen zu keiner Zeit vollends abgewendet werden. Weder Richtlinien zur Stadionsicherheit, noch Videouberwachung oder Gewalttaterdateien schafften und schaffen es, dieses Problem dauerhaft zu losen.[5] Zu groR erscheinen die Anreize fur erlebnisorientierte junge Menschen, im Fanblock und auf dem Weg zum Stadion ihren modernen Abenteuerspielplatz zu suchen. Zu selbststandig existieren Fankulturen in einer Parallelwelt neben dem eigentlichen Sportgeschehen. Und zu sehr wirkt das Bild einer standigen Kontrolle und Kriminalisierung auf das Selbstbild der Szene zuruck, als dass sie sich vollstandig davon emanzipieren konnte. An dieser Stelle setzt die vorliegende Arbeit an. Ihr Ziel ist es zu veranschaulichen, wie eine gesteigerte Kontroll- und Sanktionspolitik kontrar zu den intendierten Zwecken wirken kann. Dazu werden die wichtigsten Kriminalisierungstendenzen der vergangenen Jahrzehnte geschildert und in Beziehung zu Annahmen des Labeling Approachs sowie der Theorie der psychologischen Reaktanz gestellt.

Der weit verbreiteten Ansicht, das Problem der Fandelinquenz sei trotz praventiver, repressiver, baulicher und padagogischer Gegenschritte nicht losbar, da aktive FuRballfans per se eine Neigung zur Devianz inne hatten, wird im Rahmen dieser Arbeit das Modell einer sich selbst erfullenden Prophezeiung gegenubergestellt. Die hypothetischen Mechanismen dieses Konstrukts werden in einer qualitativen Studie analysiert. Diese bildet den Schwerpunkt der Arbeit (Vgl. Kapitel 9).

Die vorliegende Untersuchung richtet sich vor allem an Institutionen, die mit Gruppen von auffalligen FuRballfans in Beruhrung kommen. Ihr Inhalt soll zum kritischen Reflektieren von Sanktionsmotiven sowie der Verbreitung und Anwendung aversiver Fremdbilder anregen.

1.1 Erkenntnisinteresse und Fragestellung

Vor dem dargestellten Hintergrund zielt das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit auf negative Konsequenzen fur das Phanomen abweichenden Fanverhaltens ab, welche erst durch die gesellschaftliche Problematisierung und Sanktionierung hervorgerufen werden.

Dabei werden mit Fokus auf einen Entdeckungszusammenhang folgende Forschungsfragen untersucht:

- Wie stehen Fans der aktiven Fanszene Kriminalisierung und ordnungspolitischen Interventionen gegenuber?
- Welche (kontraproduktiven) Effekte im Hinblick auf abweichendes Fanverhalten konnen diese Maftnahmen auslosen?

Dazu werden zwei Leitthesen verfolgt:

Ordnungspolitische Eingriffe in die Fanszene losen einen Stigmatisierungsprozess aus, der aktive Fans generell in eine ungesetzliche Ecke stellt. Daruber hinaus konnen erhohte SicherheitsmaRnahmen auch Widerstand erwecken, da sich Fans in ihren legitimen Freiraumen eingeengt fuhlen. Hinsichtlich der hier formulierten Thesen entsteht eine weitere Forschungsfrage:

- In welcher Weise stehen Mechanismen und Faktoren fur das Phanomen einer institutionell verstarkten Fandevianz in Beziehung?

Um die Forschungsfragen zu beantworten, wurden zunachst Prozesse der Kriminalisierung der letzten Jahrzehnte in Deutschland zusammengefasst und bewertet. Daneben stutzt sich der Hauptteil der Arbeit auf eine qualitative Studie, bei der mittels Auswertung von Szenepublikationen, zwei Feldbeobachtungen und vor allem Interviews mit vier Hooligans / Ultras Antworten auf die oben stehenden Fragen gefunden werden sollen (Vgl. auch Kapitel 8 und 9).

1.2 Theoretische Sensibilisierung

Theoretische und empirische Studien, Monographien und Aufsatze, Erklarungen und Empfehlungen sind zum Thema Fanausschreitungen im FuRballkontext in Fulle vorhanden.[6] Seitdem Gewalt, Randale und Extremismus im Stadion gesellschaftlich problematisiert werden, versuchen zahlreiche Ansatze das Phanomen des abweichenden Verhaltens bei SportgroRveranstaltungen zu beschreiben und zu erklaren. Allein die Bezeichnungen des Problems bzw. der Problemverursacher deuten meist schon auf eine dahinter stehende theoretische Grundausrichtung hin. Ob dabei von einer „Subkultur der Hooligans"[7] gesprochen wird, von „Modernisierungsverlierern“[8] oder von „Zuschaueraggressionen“[9], jeder Terminus impliziert ein eigenes theoretisches Bild der Abweichung und eine Sicht auf den Abweichler oder die abweichende Gruppe. Soweit die Anschauungen uber Ursache, Wirkung und Pravention in diesem Thema auch auseinander gehen, so sind sich doch fast alle Experten einig, dass FuRballzuschauer potentiell ein interventionsbedurftiges Sicherheitsproblem darstellen.

Was bisher in wenigen Analysen auftaucht ist die Frage nach der Wirkung die solche wissenschaftlich, medial oder institutionell erzeugten Problembilder auf die Gesellschaft und damit letztendlich auf die Abweichler selbst haben. Die offentliche Stigmatisierung von FuRballfans als „Storenfriede“, „Randalebruder“, „Rowdys“, oder schlicht der Fankultur als ein medial inszeniertes Schreckenszenario kann dazu fuhren, dass randalierendes Verhalten gefordert und verstarkt wird. Diese Ansicht vertreten etikettierungstheoretische Modelle.

Die Betrachtung des Gesamtkomplexes Zuschauergewalt im FuRball, unter der Perspektive einer institutionell erzeugten und sich selbst erfullenden Prophezeiung wurde in der bisherigen Forschungspraxis noch nicht in fruchtbarer Weise dargestellt. Nicht umsonst fuhrt Gunter A. Pilz[10] (1993) auf, dass die Untersuchung von sich selbst verstarkenden Effekten und gewaltspezifischen Ruckkoppelungssystemen im Stadion bisher zu den Schwachen auf dem Gebiet der Fanforschung zahlt (Vgl. Pilz 1993, 168.). Trotz dieser Anmerkungen sind bisher empirische Studien auf diesem Gebiet kaum vorhanden. Lediglich hypothetische Ansatze mit vagen Rekursen auf Labeling-Theorien, Medienwirkungsforschung und sozialpsychologische Modelle existieren in der Literatur.

In einer theoretischen Arbeit zum Thema ,Hooliganismus’ prasentiert der Autor Marius Birnbach die These, dass das Bild AuRenstehender uber junge FuRballfans selbst zum Motor gewalttatigen Verhaltens werden konne (Vgl. Birnbach 2006, 72.). In der Argumentation stellt er die Normsetzung der Verbande und Behorden voran, welche Rechtsverletzungen im Fanbereich definieren und durch die Anwendung des Legalitatsprinzips die Verursacher als gesellschaftsfeindliche Gewalttater stigmatisieren. Daraufhin werde die Stigmatisierung von den Medien aufgegriffen, verstarkt[11] und wirke auf die offentliche Meinung zuruck, welche sich in den Handlungen der Politik niederschlagt. Diese treibe dabei erneute Etikettierungen voran, auf der Basis eines scheinbar etablierten Gemeinkonsenses (Vgl. Birnbach 2006, 72.). Die Moglichkeiten fur junge FuRballfans, sich danach im Rahmen ihrer subkulturellen Raume, auf der Ebene gangiger Gesellschafsnormen konform zu verhalten, schwinden. Beispielsweise tragt die flachendeckende Kamerauberwachung in Stadien dazu bei, dass beinahe jede kleinste Wunderkerze im Fanblock einer Person zugeordnet und zur Anzeige gebracht werden kann. Dadurch ist es fur FuRballfans schwer, ihre jugendliche Emotionalitat, Abenteuerlust und Leidenschaft auszuleben, ohne dabei gegen Regeln zu verstoRen. Der letzt genannte Effekt kann zu Problemen fuhren, die von den Fans selbst erkannt werden. Deshalb ist der empirische Teil der vorliegenden Arbeit unter anderem auf diesen Punkt fokussiert.

Auch die Stadionarchitektur konne laut Birnbach eine self-fulfilling-prophecy bewirken. Abgrenzung, „Kafighaltung“ und universelle Repression erzeugten Antipathien und Widerstande innerhalb der Fanszene, welche im Sinne des Thomas-Theorems[12] Ausschreitungen zur Folge haben konnten (Vgl. Birnbach 2006, 13f.). Die Wahrnehmung eines Umfeldes, in der Fans als potentielle Gewalttater eingezaunt und hinter Plexiglas gehalten werden, kann bei einigen Akteuren eben jenes vorgefertigte Bild Realitat werden lassen. Auch Teile dieser „Bildnisse“ und deren Wirkungen auf reale Interaktionen, sollen empirisch untersucht werden (Vgl. Kapitel 9).

Schmidt (2007) stellt in einer analytischen Arbeit einen ahnlichen Effekt heraus. Ohne konkrete Wirkweisen zu explizieren behauptet er, dass vor allem die Gruppe der Ultras und Auswartsfahrer einem Kriminalisierungs- und Stigmatisierungsprozess unterliegt. Dieser ruhre aus der Anwendung hooliganspezifischer MaRnahmen auch auf neuere auffallige Zuschauerbewegungen (Vgl. Schmidt 2007, 86f). Durch Wandlungen im Zuschauerverhalten in den letzten Jahren konnten alte fruchtbare Konzepte im neuen Kontext durchaus kontraproduktiv wirken.

Jurgen Scheidle (2000) bringt die Wirkweise einer solchen ausgrenzenden Etikettierung auf den Punkt, wenn er sagt[13]:

„Der Bezug zum FuRball geht verloren. Hooligans werden vom FuRball weggedrangt. Was sowieso schon immer vermutet wurde, - Hooligans hatten keinen Bezug zum FuRball / Verein - ist nun kunstlich eingetreten. Integration durch die soziale Gruppe oder den Bundesligaverein in den Gesamtzusammenhang FuRball findet nicht mehr statt. [...] Die internen Strukturen von Jugendgruppen sorgen fur die Einhaltung innerer und auRerer Regeln. Dieser nicht zu unterschatzende Mechanismus in der Szene kann nicht mehr stattfinden, da gerade „die Alten“ aus dem Verkehr gezogen werden sollen"

(Scheidle 2000, 150f.)

Ahnlich argumentieren Bruder et al. (1988), indem sie betonen, dass Medien durch ihr „agenda setting" einen Anteil dazu beitrugen, die vordefinierte Problemlage nicht auf Veranderung zielen zu lassen, sondern auf „Abgrenzung und Eliminierung" (Vgl. Bruder et al. 1988, 19f.). Die Reaktionen der Fans auf Abweichungen seien meist rein ordnungspolitischer oder baulicher Art. (Vgl. Bruder et al. 1988, 23.). Hinsichtlich eines reaktanten Verhaltens auf polizeiliche Eingriffe konstatieren Bruder et al (1988, 28.):

„Diese gewandelten Polizeistrategien, die zu einer zunehmend ordnungspolitischen Besetzung der Fan-Kultur fuhren und den Handlungsspielraum der Fans zunehmend einengen, tragen mit dazu bei, dass das Problem der Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen zu eskalieren droht, [...].“

Die besondere Bedeutung der Medien als beschleunigender Faktor in einem Etikettierungsprozess wird in zahlreichen Publikationen erwahnt[14]. Dabei kommen die Ausfuhrungen meist auf einen gemeinsamen Nenner. Die oft einseitige und negativ gepragte Aufmerksamkeit der Medien erzeugt ein falsches Bild der FuRballfanszene. Von diesem Bild fuhlen sich Gewalt affine Personen bestatigt und Gewalt ablehnende Personen abgeschreckt. Es kommt zu einem Vorgang, welcher als sich selbst erfullende Prophezeiung beschrieben werden kann.

Zur Bearbeitung der Forschungsfragen werden oben stehende Thesen mit Grundannahmen der Labeling- und Reaktanztheorie kombiniert (Vgl. auch Kapitel 7).

1.3 Aufbau der Arbeit

Die vorangegangen Unterkapitel geben einen Oberblick uber die Zielstellung der Arbeit und verknupfen Forschungsfragen mit einer ersten theoretischen Sensibilisierung, wobei Thesen von Autoren vorgestellt werden, die im Erkenntnishorizont des Erkenntnisinteresses liegen.

Wichtige begriffliche Abgrenzungen haufig verwendeter Termini sowie eine ausfuhrliche Bestimmung der Fokusgruppen, werden in den Kapiteln 2 und 3 abgehandelt.

In einem Exkurs geht der Verfasser auf historische Problematisierungen von auffalligem Zuschauerverhalten bei Sportveranstaltungen ein (Kapitel 4) und gibt im Anschluss einen Einblick in die Forschungsdebatte zur Fandelinquenz /- devianz (Kapitel 5). Hierbei wird in soziale, sportbezogene, veranstaltungsbezogene und medienbezogene Ursachenforschung unterteilt. Kapitel 6 gibt einen breiten Oberblick uber Formen, AusmaRe und Entwicklung institutioneller Reaktionen auf abweichendes Fanverhalten und bildet somit die Betrachtungsbasis fur Prozesse einer Kriminalisierung von FuRballfans in den vergangenen Jahrzehnten.[15]

Labeling-Approach und Reaktanztheorie sind als forschungsleitende Ansatze in Kapitel 7 beschrieben. Neben hypothetischen Annahmen aus der Literatur und praktischen Expertisen, fungieren die oben genannten Theoriekomplexe als Ideengeber fur die empirische Forschung.

Nachdem die Methodik der qualitativen Herangehensweise beschrieben wird (Kapitel 8), widmet sich das neunte Kapitel der ausfuhrlichen Auswertung des Basismaterials unter Betrachtung von sechs analytischen Kategorien. Darin stellt ein visualisiertes Modell die kontraproduktiven Wirkungen innerhalb einer sich selbst erfullenden Prophezeiung dar.

Die Arbeit gliedert sich im GroRen und Ganzen in zwei Hauptkomplexe. Einer bedient dabei theoretische und formale Fragen (Kapitel 3,4,5,7,8), der zweite geht empirisch-analytisch an das Thema heran (Kapitel 6,9). Dennoch bauen beide Komplexe in ihrer Struktur und wissenschaftlichen Zielfuhrung aufeinander auf.

2. Definitorische Abgrenzungen

Einige Begriffe, die in der vorliegenden Arbeit haufig Verwendung finden und aufgrund ihrer Bedeutung fur das Thema zentral sind, sollen zum besseren Verstandnis nachstehend definiert werden.

2.1 Abweichendes Verhalten

Eine klare Definition abweichenden Verhaltens kann es nur vor dem Hintergrund einer bestimmten theoretischen Betrachtungsweise geben. So fuhrt Lamnek (1993) eine normorientierte Definition auf, welche von einer juristischen Herangehensweise ausgeht. GemaR dieser Definition ist abweichendes Verhalten jenes Verhalten, das sich von gesellschaftlich kodifizierten Normen absetzt. Das Problem dieser Definition ist ihre fehlende Weite. Sie lenkt ihr Augenmerk lediglich auf Verhalten, welches gegen bereits verrechtlichte Normen verstoRt (Lamnek 1993, 45f.). Eine eher interaktionistische Perspektive definiert abweichendes Verhalten als jene Verhaltensweisen, die den getroffenen Verhaltensanforderungen widersprechen. Problem dieser erwartungsbezogenen Definition ist, dass im konkreten Interaktionsprozess auch abweichendes Verhalten erwartbar sein kann und dass Normenkonflikte nicht beachtet werden (Vgl. Lamnek 1993, 46ff.).

Fur die vorliegende Arbeit und ihre theoretische Grundausrichtung bietet sich eine alternative Definition abweichenden Verhaltens an - die sanktionsorientierte Definition. Sie geht davon aus, dass abweichendes Verhalten immer dann vorliegt, wenn Interaktionspartner negativ sanktionierend auf eine Verhaltensweise reagieren und diese einer Person oder Personengruppe zuschrieben (Vgl. Lamnek 1993, 48.). Dies entspricht am ehesten einem etikettierungstheoretischen Entwurf. Auch wenn sie Probleme mit sich bringt[16], so kann sie das Phanomen von Stigmatisierung und Kriminalisierung recht gut erfassen. Dennoch muss festgehalten werden, dass diese reaktionsorientierte Herangehensweise eher dazu dient, die Entstehung von Abweichungen, Abweichlern und deren gesellschaftliche Sanktionierung zu beleuchten, als weniger die feststehende und kodifizierte Norm in jeder neuen Situation in Frage zu stellen. Eine normative Komponente muss in jedem Fall immer berucksichtigt werden (Vgl. Lamnek 1993, 52f.).

2.2 Gewalt im, durch und im Umfeld von Sport

Das wichtigste, weil von AuRenstehenden am meisten sanktionierte abweichende Verhalten von FuRballfans, ist die Gewaltausubung. Unklare Begriffe, wie Ausschreitungen, Randale, Verwustung oder Rowdytum enthalten im Kern meist Elemente der Gewaltausubung gegen Menschen oder Gegenstande. Deshalb soll dieser Begriff im Folgenden definitorisch erlautert werden.

In der Gewaltforschung unterscheidet man nach der Quelle der Gewalt:

1) personale Gewalt: Ist Gewalt von Personen, bezogen auf den Sport, psychisch und physisch und kann auch von Zuschauern ausgehen.
2) strukturelle Gewalt: Meint Gewalt von Institutionen, gesellschaftlichen Strukturen, die bezogen auf den Sport von Vereins- und Verbandsstrukturen ausgehen.

3) kulturelle Gewalt: Umfasst Wertorientierungen, Handlungsleitlinien der Gesellschaft bzw. des Sports und wird in drei Arten unterschieden:
3a) expressive Gewalt: Gewalttatiges Verhalten, welches lustvoll begangen wird und aufgrund der eigenen oder sozialen Akzeptanz ohne Belastungen des eigenen Gewissens erlebt wird.
3b) instrumentelle Gewalt: Kalkuliertes, geplantes Verhalten, welches gesellschaftliche Normen bewusst uberschreitet um ubergeordnete Ziele zu erreichen. Argumentiert Rational-Choice- ahnlich und sieht illegitimes Verhalten als rationale Form der Konfliktlosung.
3c) reaktive Gewalt: Gewalt als Erwiderung eines verletzendes Verhalten anderer Personen (im Sinne personaler oder auch struktureller Gewalt).

(Vgl. Pilz 2008, 288.)

Fur das Forschungsanliegen bietet sich eine Mischung aus verschiedenen Gewaltdefinitionen an. Tendenziell ist samtliche Gewalt personale Gewalt. Diese kann dabei, gemaR theoretischen Ansatzen, Reaktion auf eine erlebte strukturelle Gewalt sein. Die Art der Gewaltausubung im Sport unterscheidet sich zudem nach untersuchter Gruppe. Wahrend Hooligangewalt eher als expressiv zu betrachten ist, versteht sich die Gewaltausubung vieler Ultras als reaktive Form (Vgl. Pilz 2006, 13, 197.).

2.3 Kriminalisierung

Mit Kriminalisierung ist der Prozess gemeint, im Zuge dessen bestimmte Handlungen von einem Rechtsgeber als kriminell gedeutet werden. Dabei vollzieht sich in einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess meist ein Umschwung eines Verhaltensmerkmals zu einer Rechtsnorm, welche bisweilen mit strafrechtlichen Sanktionen belegt sein kann. Unter sozialer Kriminalisierung wird der Strafgesetzgebungsprozess verstanden, unter individueller Kriminalisierung hingegen das „Kriminellmachen“ einzelner Personen. (Vgl. Schneider 1987, 82.) Auf Letzteres bezieht sich auch der Fokus dieser Untersuchung.

Wie schon in den Ausfuhrungen zu abweichendem Verhalten empfiehlt sich fur die vorliegende Arbeit eine interaktionistisch-konstruktivistische Betrachtungsweise. Kriminalitat ist demnach zunachst eine Reaktion der Gesellschaft auf eine Handlung und kein factum sui generis. Die Tat wird nicht verurteilt, weil sie ein Verbrechen ist, sondern weil sie verurteilt wird, ist sie ein Verbrechen (Vgl. Durkheim 1988, 130.). Diese Definition sollte unter dem Anbetracht von Fanstraftaten berucksichtigt werden, wenn in der vorliegenden Arbeit etikettierungstheoretische Ideen aufgegriffen werden. Ein GroRteil, der heute mit Sanktionen belegten Handlungen von FuRballfans, galt vor wenigen Jahrzehnten als nicht kriminell.

2.4 Stigmatisierung

Stigmatisierung ist ein in der vorliegenden Arbeit haufig benutzter Begriff. Dabei steht er in der Regel im Zusammenhang mit Kriminalisierung, Zuschreibung und Ausgrenzung innerhalb eines etikettierungstheoretischen Kontexts. Um den Begriff der Stigmatisierung nicht in einem Schwebezustand der Bedeutungsneutralitat zu belassen, empfiehlt es sich, ihn zunachst definitorisch abzugrenzen.

Stigmatisierung als Prozess reiht sich in Denkmodelle ein, bei denen Devianz als sozialer Definitionsprozess gedeutet wird, dessen Folgen eine gesellschaftliche Randstandigkeit der Definierten auslost (Vgl. Hohmeier 1975, 6.).

Ein Stigma ist ein Merkmal einer Person oder Personengruppe, welches in sozialen Beziehungen einer negativen Definition unterliegt. Dieses beruht auf Typisierungen und Verallgemeinerungen gemachter Erfahrungen und druckt sich im Verhalten der Gesellschaft gegenuber der randstandigen Gruppe aus (Vgl. Hohmeier 1975, 6f.). Im Fall von FuRballfans bezieht sich die Stigmatisierung in erster Linie auf das abweichende Verhalten, folglich dem VerstoR gegen kodifizierte und nicht kodifizierte Normen.

Daruber hinaus ist im Stigmatisierungsprozess maRgeblich, dass dem Trager des Stigmas weitere negative Merkmale zugeschrieben werden. Die Zuschreibung zusatzlicher Eigenschaften stellt die Stigmatisierung als generalisiertes Muster einer sozialen Einordnung einer Person dar (Vgl. Hohmeier 1975, 7f.). Hooligans oder abweichenden FuRballfans werden oft Arbeitslosigkeit, haufige Trunkenheit oder psychosoziale Defizite unterstellt, um dieser Gruppe weitere negative Zuschreibungen zuzurechnen. So konnen machthabende Stigmatisierer ihre Definitionsprozesse effektiver durchsetzen (Vgl. Hohmeier 1975, 9f.).

Stigmata haben die gesellschaftliche Funktion der Komplexitatsreduktion. Sie ordnen bisher unbekannte Situationen bzw. Personen einem Schema zu, welches den Umgang mit Ungewohntem erleichtert. Auf der anderen Seite losen Stigmatisierungen auch Fehleinschatzungen und pauschalierende Wahrnehmungsverzerrungen aus (Vgl. Hohmeier 1975, 10f.). Anhand der Selektion bei Einlasskontrollen zu FuRballspielen lasst sich eine solche Stigmatisierung aufgrund verschiedener Merkmale anschaulich machen. Dort werden zumeist jugendliche Fans ohne Fankleidung und in so genanntem Casual-Outfit[17] besonders hart kontrolliert, wahrend altere Fans in Vereinsfarben oft unkontrolliert den Eingangsbereich durchlaufen konnen.[18] Die Folgen einer Stigmatisierung konnen sein, dass problematisierte Personen als gesellschaftliche Partner keine Anerkennung mehr finden und dies weitere Ungleichbehandlungen nach sich ziehen kann (Vgl. Hohmeier 1975, 13.). Dies wird in Kapitel 7.1 detailliert beschrieben.

2.5 Aktive Fanszene

Der Begriff ,aktive Fanszene’ steht hierbei fur Personen, die sich entweder allein oder aber meist in Gruppen besonders an der Unterstutzung ihrer Mannschaft bei Heim- und Auswartsspielen beteiligen[19]. Dies kann uber die verbale und optische Unterstutzung im Stadion, allerdings auch uber Zunden von Pyrotechnik, Angriffe auf gegnerische Fans und weiteren abweichenden Verhaltensmustern geschehen. Die Gruppe der aktiven Fans uberschneidet sich personell meist mit Ultras, Hooligans oder „Allesfahrern“. Eben jenen extremen und fanatischen Anhanger eines FuRballclubs, wie sie fast jeder groRere Verein aufweisen kann. Im folgenden Kapitel soll detaillierter uber die verschiedenen Stromungen innerhalb der Fanszene informiert werden.

3. Explikation der untersuchten Gruppen

Besucher von FuRballspielen bilden keine homogene Masse. Auch wenn medial oft ein einheitliches und klischeebeladenes Bild von FuRballfans gezeichnet wird, unterscheiden sich Stadionganger untereinander nicht nur nach Geschlecht, Alter oder sozialem Status, sondern auch nach ihrer subkulturellen Zugehorigkeit, ihren Besuchsmotiven oder ihrem Standpunkt zu Gewalt. Dementsprechend gibt es Gruppen, die eher als andere von sanktionierenden MaRnahmen betroffen sind und Kriminalisierungen erfahren. Das folgende Kapitel soll einen Oberblick uber die strukturelle Zusammensetzung des FuRballpublikums geben und dabie Gruppen herausfiltern, die fur den Untersuchungsbereich der Arbeit von Bedeutung sind.

3.1 Aufteilung der FuBballzuschauer nach Kriterien

In den folgenden Unterkapiteln sollen institutionelle, wissenschaftliche und szeneubliche Einteilungen vorgestellt werden, welche Zuschauer im Stadion nach differierenden Merkmalen unterscheiden.

3.1.1 Polizeiliche Einteilung in Kategorie A, B und C

Die Polizei unterteilt FuRballfans je nach Neigung zu Gewalttaten in drei Kategorien, welche seit 1991[20] Bestand haben:

- Kategorie A: der friedliche Fan
- Kategorie B: der gewaltbereite oder gewaltgeneigte Fan
- Kategorie C: der gewaltsuchende Fan (Vgl. ZIS Jahresbericht FuRball 2006/07, 5f.)

Der Kategorie A-Fan ist ausschlieRlich am Sport interessiert, friedlich und reagiert aversiv gegenuber Gewalt. B-Fans dagegen werden hinsichtlich gewaltsamer Ausschreitungen differenzierter betrachtet. Sie suchen nicht ausdrucklich nach Auseinandersetzungen, jedoch wenn diese stattfinden beteiligt sich oft eine Vielzahl von B-Fans daran. Die eigentliche Gewalt forcierenden Gruppen stellen Angehorige der Kategorie C. Diese sind im Rahmen von FuRballspielen primar an der Auseinandersetzung und Gewaltausubung interessiert und suchen diese auch regelmaRig (Vgl. Losel / Bliesener 2006, 231.).

In der Saison 2006/2007 schatzen die Polizeibehorden in den Bundesligen 1 und 2 zusammengenommen 2308 C-Fans, sowie 6105 B-Fans, fur die Regionalligen kamen jeweils noch 2445 (B) und 878 (C) als problematisch erachtete Fans hinzu (Vgl. ZIS Jahresbericht FuRball 2006/07, 7f.). Wenngleich diese Zahl zunachst recht groR klingt, ist die Gruppe Gewalt suchender oder explizit Gewalt geneigter Fans ein verschwindend geringer Teil im Stadionbild. Stadionverbote, Repression und andere Auflagen fuhren dazu, dass „Problemfans“ systematisch von FuRballspielen ausgeschlossen werden und mittlerweile in den Stadien - zumindest der oberen Ligen - fast ausschlieRlich Zuschauer der Kategorie A zu finden sind. Dies kann allerdings von Verein zu Verein oder in Abhangigkeit der Spielbrisanz schwanken.

Institutionelle MaRnahmen zur Bekampfung von FuRballgewalt sind vorwiegend auf Angehorige der Kategorien B und C ausgelegt. Dennoch kommen auch friedliche Fans ab und an mit Pravention und Repression im Rahmen von FuRballspielen in Kontakt. Es besteht daher zusatzlich die Gefahr einer Kriminalisierung von Gruppen, die im eigentlichen Sinne nicht dem Gewaltspektrum angehoren.

Vor allem die Gruppe der B-Fans wird in der behordlichen Kategorienbildung nicht sehr trennscharf abgegrenzt und hinsichtlich ihrer Gewaltmotivationen nicht untergliedert.

3.1.2 Einteilung nach Motiven fur den Stadionbesuch

In der sozialwissenschaftlichen Literatur hat sich eine Dreiteilung der FuRballfans in konsumorientierte, fuRballzentrierte und erlebnisorientierte Zuschauer durchgesetzt. Zuruckgehend auf eine Studie von Heitmeyer und Peter (1988, 32f.) wurden diese Typen, teils in leichter Abwandlung von zahlreichen Autoren ubernommen.[21]

Der konsumorientierte, kritische, kundenahnliche Besucher mochte zunachst guten und fairen Sport geboten bekommen. Die Angehorigen rekrutieren sich laut Losel und Bliesener (2001) groRtenteils aus der Mittel- und Oberschicht (Vgl. Losel / Bliesener 2001, 10.). Innerhalb des Stadions findet man diese Zuschauergruppe meist in VIP-Logen oder Sitzplatzen, aber auch in ruhigeren Stehplatzbereichen. Fur sie ist der Besuch eines FuRballspiels eine Nachmittagsunterhaltung unter vielen, also zeitweilig auch austauschbar. Etwa 90% der Stadionbesucher sind diesem Typus zuzuordnen (Vgl. Ek 1996, 29.).

Nicht austauschbar hingegen ist das Erlebnis Stadion fur die Gruppe der fuRballzentrierten Fans. Sie sind von der Alterstruktur her junger und oft in offiziellen oder inoffiziellen Fanclubs organisiert (Vgl. Aschenbeck 1998, 91.). Ihr vornehmlicher Standpunkt sind die Stehrange der Stadien. Das Hauptgeschehen fur die fuRballzentrierten Fans liegt beim Spiel oder in der Wechselwirkung zwischen Spiel und Unterstutzung im Fanblock. Eine hohe Identifikation und Leidenschaft fur den Verein zeichnet diese Gruppe ebenso aus, wie ein hohes Aktivierungspotenzial. Ob dieses Potenzial auch zu Gewalt und Ausschreitungen fuhren kann, hangt von bestimmten Faktoren ab. Tendenziell ist diese Gruppe zwar aufgrund von fanspezifischer Kleidung und Gebaren auffallig, hingegen als friedlich einzustufen. Kriminalisierungsprozesse betreffen sie, aufgrund ihrer Nahe zum Fan-Geschehen (z.B. auf Auswartsfahrten), zwangslaufig.

Die dritte Gruppe innerhalb der FuRballzuschauer sind die erlebnisorientierten Fans. Ihr Verhaltnis zum Spiel ist eher ambivalent, da sie ihre eigene Anwesenheit als Erlebnis steigerndes Potenzial ansehen (Vgl. Aschenbeck, 91f.). Das Stadion wird als Treffpunkt und Ort sozialen Geschehens, weniger als Spielstatte angesehen. Aus der Gruppe der erlebnisorientierten Fans rekrutieren sich Hooligans und andere, fur die Polizei als problematisch geltende Fanklientel. Die meisten MaRnahmen gegen Fangewalt und Ausschreitungen beziehen sich auf diese Gruppe. Diese ist aber, wie auch die Gruppe der fuRballzentrierten Fans, in sich noch heterogen und verlangt nach weiteren Differenzierungen, welche in der einschlagigen Literatur nicht getroffen werden.

3.1.3 Einteilung nach Gruppen-Zugehorigkeit innerhalb der Szene

Nahezu jeder groRere Verein besitzt innerhalb seiner Fanszene verschiedene Szene-Gruppen, die sich anhand von Merkmalen auch vereinsubergreifend kategorisieren lassen.

Dabei geht es meist um Selbstzuschreibungen, was die Angehorigkeit zu einer Subkultur angeht (Ultras, Hooligans) oder um Fremdzuschreibungen durch andere Gruppen bzw. Szenekenner („Normalos“, „Kutten“, „Hooltras“).

3.1.3.1 „Normalos“

Der Begriff des „Normalo-Fans“ ist ursprunglich eine eher abwertend gemeinte Floskel aktiverer Fangruppen, welche weniger engagierte und leidenschaftliche Stadionbesucher bezeichnet. Im GroRen und Ganzen sind „Normalos“ eher zu den konsumorientierten Zuschauern zu zahlen, machen also einen GroRteil der Besucherklientel aller Altersgruppen aus und befinden sich zumeist in den Sitzplatzbereichen (Vgl. Weigelt 2004, 28f.). Sie verhalten sich im Stadion eher passiv, sind kaum auffallig gekleidet und vornehmlich an sportlich-eventisierten Belangen interessiert. Von „Normalos“ gehen in der Regel keine Randale aus. Dagegen verurteilen sie Gewalt und Ausschreitungen im FuRball wegen der negativen Konsequenzen fur die Vereine oder weil sie selbst Sicherheitsbedenken beim Stadionbesuch hegen. Sie besuchen unregelmaRig und stark erfolgs-/attraktivitatsgebunden das Stadion. Die Gruppe der „Normalo- Fans“ stellt keine einheitliche oder gar organisierte Einheit dar, sondern ist eine reine Fremdzuschreibung.

3.1.3.2 „Kutten“

„Kuttenfan“ ist ein etwas veralteter Begriff fur diejenigen Zuschauer, welche oft auffallig mit Schals, Huten, speziellen Jacken oder Westen gekleidet ins Stadion gehen und dort in erster Linie ihre Vereinstreue auffrischen. Ihre Motivation zum FuRballbesuch entspringt also der Fixierung auf ihre Stadt und ihre Mannschaft. „Kutten“ haben haufig feste Stammplatze innerhalb des Fanblocks und sind oft in Fanclubs organisiert. Zumeist werden sie als friedliche, fuRballzentrierte Besucher angesehen, von denen aber in bestimmten Ausnahmesituationen auch Gewalthandlungen ausgehen konnen, beispielsweise unter Alkoholeinfluss oder im Zuge von Solidarisierungsaktionen gegen die Polizei. Dadurch, dass Kutten auch oft Auswartsspiele ihrer Mannschaft besuchen kommen sie in Kontakt mit der Polizei und stehen zudem in deren Fokus.

3.1.3.3 Hooligans

Unter Hooligans werden vorwiegend junge Manner verstanden, die sich im Stadion oder im Umfeld von Sportveranstaltungen zusammenfinden um gewalttatige und randalierende Auseinandersetzungen mit anderen Hooligan- Gruppen zu suchen (Vgl. Bliesener 2006, 289.). Dabei hat sich im Laufe der Jahrzehnte von England ausgehend auch auf dem europaischen Festland eine eigene Hooligan-Kultur etabliert, die vereinsubergreifend in Erscheinung tritt.

Einen besondere Aufmerksamkeit erlebte das Hooliganphanomen erstmals nach den Ausschreitungen im Brusseler Heysel-Stadion 1985, woraufhin auch international die Bekampfung von FuRball-Gewalttatern intensiviert wurde. Zyklisch kehrten danach Hooligans in das offentliche Interesse zuruck, in Deutschland Anfang der Neunziger sowie nach den schweren Gewalttaten deutscher Hooligans bei der WM 1998 in Frankreich (Vgl. Losel / Bliesener 2001, 7.).

Analytische und empirische Arbeiten uber Hooliganismus, seine Verbreitung, Ursachen und Bekampfung sind mittlerweile zahlreich vorhanden.[22] Meist werden Hooligans als Subgruppe von FuRballfans beschrieben, die zwischen 15 und 35 Jahre alt sind, allen sozialen Schichten angehoren und auf der Suche nach sozialer Anerkennung, Selbstbehauptung oder nach dem Gewalt-Kick sind (Vgl. Bliesener 2006, 289; Pilz 2009, 188ff.). Hooligans sind dabei weniger sportfixiert als andere Fangruppen. Sie vertreten zwar in der Regel einen Verein oder eine Allianz von befreundeten Vereinen, veranstalten aber ihre Zusammenkunfte und Kampfe heutzutage weitestgehend auRerhalb der Stadien. So kommt der anfanglich emotionalen und anlassbezogenen Gewalt eine rationalere und berechnendere Komponente hinzu. Die Gewalthandlungen von Hooligans sind in der Regel nicht instrumentell und affektiv, sondern geplant und zum Selbstzweck, was dieser Gruppe ein noch groReres Unverstandnis seitens der Offentlichkeit hervorbrachte, als ohnehin schon herrschte (Vgl. Aschenbeck 1998, 118-121.). Wenn Hooligans in Gruppen im Stadion prasent sind, sondern sie sich meist sichtbar von den restlichen aktiven Fans ab. Entweder dadurch, dass sie den Sitzplatzbereich wieder fur sich entdecken, aber auch durch einen meist sportlich- modischen Kleidungsstil, der sie von den Schaltragern und „Normalos“ abhebt.

Hooligans werden oft zwei Identitaten unterstellt. Eine als angepasster Burger, die andere als Angehoriger einer Subkultur, welche nach Gewalt und Randalen strebt (Vgl. Pilz 2009, 190.). Innerhalb dieser Subkultur gibt es in der Regel auch Statusunterschiede, die zu Hierarchien fuhren. Meist bestehen diese Gruppen aus einigen wenigen Anfuhrern, einem harten Kern und dessen Dunstkreis. Nach einer Studie von Losel und Bliesener korrelieren bestimmte Positionen innerhalb der Gruppe mit Intelligenz, biographischer Belastung und Aggressionsneigung (Vgl. Losel / Bliesener 2006, 237ff.).

Wenngleich die Literatur und auch die institutionellen MaRnahmen meist explizit auf das Hooligan-Phanomen gerichtet sind, hat sich die Fanszene im letzten Jahrzehnt gewandelt und umstrukturiert. Gewalttaten werden heute oft noch unter dem Deckmantel ,Hooliganismus’ subsumiert, obwohl die Gruppen, von denen heutzutage Ausschreitungen ausgehen, als auch die Form und die Motive der Gewalt sich in vielen Belangen geandert haben (Vgl. Pilz 2006.). Diesem Wandlungsprozess tragen auch die folgenden Kapitel Rechnung.

3.1.3.4 Ultras

Im vergangenen Jahrzehnt behauptete sich der Fantypus Ultra in deutschen Stadien. Die Bezeichnung ,Ultra’ kommt aus dem Italienischen und steht dort fur die besonders extremen und extrovertierten Fangruppen. In deutschen Stadien sind Ultras, in Anlehnung an die sudlandische Fankultur seit Mitte der 1990iger Jahre prasent und verzeichnen seitdem wachsenden Zuspruch. Grundlegende auRerliche Merkmale sind ihr aktives Auftreten wahrend der Spiele (Gesange, Choreographien, Pyrotechnik) und ihre szeneubliche Kleidung (z.B.: Seidenschals, Kapuzenpullover, Windbreaker, Trainingshosen).

Gunter A. Pilz hat in seiner Studie uber die Wandlungen des Zuschauerverhaltens (2006) auch die Ultra-Kultur analysiert. Er kam dabei zu zahlreichen Thesen uber das Verhalten, Selbstverstandnis und auch uber das abweichende Verhalten der Ultras.

Zunachst lasst sich festhalten, dass es die eine deutsche Ultraszene nicht gibt. Wenngleich viele Gruppen bestimmte Ideale, wie eine dauerhafte Unterstutzung des Teams, eine konsumkritische Haltung und Erlebnisorientierung teilen, variieren politische Einstellungen oder Einstellungen zu Gewalt unter den Gruppen teilweise (Vgl. Pilz 2006, 12.). Die Ultras begreifen sich als den Inbegriff von FuRballkultur und prangern die Entfremdung des Sports in Richtung Okonomie an (Pilz 2006, 72ff; 2009, 193.). Dabei ubernehmen Ultras viele Zeichen einer Protest- und Demonstrationskultur (Vgl. Pilz 2006, 13.). Eng verbunden mit der Unterstutzung der jeweiligen Mannschaft ist auch immer eine selbstdarstellerische Komponente, die dem kreativen Messen mit anderen Ultra- Gruppen vorausgeht (Vgl. Pilz 2006, 12.). Generell sind Kreativitat, eine positive Einstellung und Support-Orientierung die Ideale der Ultra-Bewegung, allerdings besitzen sie aufgrund des hohen Selbststatusgefuhls und der Gangelung durch verschiedene Institutionen auch ausgepragte Feindbilder. Vor allem die, ihrer Ansicht nach uberhart (re-)agierende Polizei, die Verbande und Vereine und die Medien gelten als besonders unbeliebt in Ultra-Kreisen (Vgl.: Pilz 2006, 14f.). Ultras sind zwar keine Hooligans, werden aber medial ofter in einem Atemzug mit ihnen genannt. Normalerweise definieren sich Ultras aber nicht uber gewalttatige Auseinandersetzungen und treten auch weitestgehend fuRballorientiert in Erscheinung (Vgl. Pilz 2006, 13f.). Auch regieren Ultras und Hooligans unterschiedlich auf Polizeiprasenz. Wahrend Hools gerade bei Nicht-Erscheinen von Polizei ihre Gewalthandlungen begehen, fuhlen sich Ultras oft erst bei verstarkten polizeilichen Vor-Ort-MaRnahmen zu aggressivem und verteidigendem Verhalten genotigt (Vgl. Pilz 2009, 197.).

Gordon Schmidt (2007) stellt fest, dass die verstarkten MaRnahmen gegen Hooliganismus in den 1990er Jahren nicht nur zu einer Verdrangung der Hooligan-Problematik gefuhrt haben, sondern auch, dass diese Konzepte vorschnell gegenuber entstehenden Ultra-Gruppen eingesetzt wurden. Dies beinhaltete einen kriminalisierenden und stigmatisierenden Effekt (Vgl. Schmidt 2007, 86.). Dieser soll im empirischen Teil der Arbeit naher beleuchtet werden (Vgl. Kapitel 9).

3.1.3.5 „Hooltras“

Als neuester Typ innerhalb der Fanszene etablierte sich in den letzten Jahren laut Gunter A. Pilz (2009) ein Hybrid aus Hooligan- und Ultra-Einflussen. Der Begriff dient der Unterscheidung des gewaltbereiten vom friedlichen Teil der Ultras (Vgl. Pilz 2009, 193.).

Das Problem sieht Pilz darin, dass die gangigen Ultra-Gruppen in Deutschland sich mittlerweile von einem klaren Bekenntnis gegen Gewalt distanzieren und dass viele der erlebnisorientierten Jugendlichen, die sich fruher moglicherweise den Hooligans angeschlossen hatten, mit der Ultra-Attitude sympathisieren (Vgl. Pilz 2009, 193f.). Gewalt und Randale stehen bei vielen jugendlichen Fans heute auf einer Stufe mit Gesangen und Choreographien um die Oberlegenheit und Starke der Gruppe zu untermauern. Dabei wird das eigene Ultra-Dasein haufig auch mit in das Alltagsleben genommen. Man reprasentiert also nicht nur im Stadion seinen Verein, sondern auch an allen anderen Platzen des offentlichen Lebens und es konnen sich dort ebenfalls fuRballbezogene ritualisierte Gewalthandlungen etablieren (Vgl. Leistner 2008, 129.).

Eine weitere Entwicklung, die zur Entstehung des Hooltra-Typus beitragt, ist der Gewalttourismus (Vgl. Pilz 2009, 197.). Gerade bei Auswartsspielen und brisanten Begegnungen locken das Krawall-Image und die durch die Ultras betriebenen Mobilisierungskampagnen viele Jugendliche zum FuRball, die normalerweise aus sportlichem Desinteresse fernbleiben wurden. Dies ist in etwa vergleichbar mit der Dynamik von Zwischenfallen zu 1.-Mai-Demonstrationen. So entsteht bei vielen Auswartsfahrern der Erwartungsdruck, irgendetwas erleben zu mussen. Etwas das provoziert, aufputscht oder aus dem Rahmen fallt. Dass Randale und Gewalt mitunter Teil dieses Komplexes sind, muss nicht verdeutlicht werden.

„Hooltra“ als neue Fantypologie spiegelt die Ambivalenz inszenierter, forcierter Gewalt und der gleichzeitigen Suche nach einer, wie auch immer gearteten groReren subkulturellen Zugehorigkeit mit eigenen Zielen und Idealen wider. Die Mischung der Erlebnis-, Feind- und Darstellungsorientierung fuhrt zu schrankenloser Selbstbehauptung, teils auch mittels Gewalt.

3.2 Bewertung von Zuschauergruppen unter dem Aspekt der Kriminalisierung

Die in dieser Arbeit untersuchten Kriminalisierungseffekte treffen nicht gleichermaRen auf alle Zuschauergruppen zu. Die Masse der A-Fans, bzw. der konsumorientierten Zuschauer, welche gelegentlich Heimspiele besuchen und in der Fanszene nicht fest verankert sind, werden vermutlich ordnungspolitische Kontrolle, Repression und Prevention nicht standig und unmittelbar erfahren. So fallen beispielsweise die Einlasskontrollen, die Anzahl der Ordner, aber auch die Hohe der Trennzaune in den Sitzplatzbereichen der gemaRigten Fans geringer aus, als beispielsweise in der Stehplatzkurve oder den Gasteblocken. Die Merkmalszuweisungen an Erlebnisorientierte, B-Fans, Ultras und sonstigen aktiveren Fangruppen im Stadion bestimmen den Grad ihrer potentiellen Gefahrlichkeit und damit einem Interventionsbedurfnis seitens der Institutionen. Diese Gruppen sind es aber auch, die sich oft unrechtmaRig behandelt, ausgegrenzt und kriminalisiert vorkommen. Deshalb liegt das Augenmerk der Analyse dieser Arbeit auf der oben genannten Klientel. Die Subgruppe der Hooligans muss dabei, zumindest teilweise bewusst ausgeklammert werden, da die Anreize fur Gewalt fur sie unabhangig von behordlichen Einflussen bestehen und sie innerhalb eines subkulturellen Kontexts, offensiv mit Kontrolle und Kriminalisierung umgehen.

4. [EXKURS] FuBballfans, Ausschreitungen und Problematisierungen historisch

Dass Randale und Gewalt mit FuBbaii nichts zu tun hatten, wie es haufig in und auRerhalb von FuRballstadien konstatiert wird, kann mit Blick auf die Historie des Sports bestenfalls als normative Aussage betrachtet werden. Im Gegenteil:

„Die Geschichte des FuRballs, dies ist nur den wenigsten bewusst, ist bei genauerer Betrachtung eine Geschichte des Aufruhrs, der Ausschreitungen, der Unordnung, kurz des abweichenden Verhaltens.“ (Dunning 1983, 124.).

Allgemein scheint Sport in seiner Auspragung als Zuschauerereignis seit jeher Anziehungspunkt fur ausschreitendes Massenverhalten zu sein. Schon in der Antike wurde von betrunkenen und randalierenden Zuschauern bei sportlichen Wettkampfen berichtet, denen durch Alkoholverbote sowie korperlicher Zuchtigung begegnet wurde (Vgl. Pilz 1998, 129.).

Die Neigung zu Devianz und beinahe kriegerischen Auswuchsen wohnt auch dem FuRball seit seiner anfanglichen Phase als VolksfuRball inne. In diesen Zeiten konnte dabei noch keine Unterscheidung in Spieler und Zuschauer getroffen werden. Im Mittelalter, als durch FuRballsport in seinen urtumlichen, regellosen Ursprungen noch ganze Dorfer gegeneinander antraten, waren Gewalt und Unruhen seine standigen Begleiter. Sogar konigliche Anweisungen, das FuRballspiel aufgrund der Gefahrdung des inneren Friedens zu verbieten, sind aus GroRbritannien Anfang des 13. Jahrhunderts uberliefert (Vgl. Aschenbeck 1998, 10.).

Ebenfalls in seiner Entwicklung zum Zuschauersport war der FuRball nie befreit von Ausschreitungen. Wenngleich diese in der Vergangenheit, wie heute, keine Normalitat darstellten, war der Sport in regelmaRiger Wiederkehr ein Schauplatz abweichenden Zuschauerverhaltens. Dunning (1983) kommt zu der These, dass das FuRballspiel allgemein und zu jeder Zeit ein „Problem“ war, jedoch erst durch die vermehrte mediale und institutionelle Aufmerksamkeit zu einem sozialen Problem groRerer Relevanz anwuchs (Vgl. Dunning 1983, 124ff.).

Bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird auch in Deutschland uber gewalttatige und pobelnde FuRballfans berichtet (Vgl. Pilz 1998, 129; Aschenbeck 1998, 119f.). Dennoch wurden gewalttatige Exzesse von FuRballzuschauern Anfang und Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch nicht in der Form bewertet und sanktioniert, wie es heutzutage der Fall ist. Gewalt und Randale waren zwar unschone, aber durchaus als ublich erachtete Begleiterscheinung eines wilden Proletariersports (Vgl. Aschenbeck 1998, 120.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Polizeiliche Maßnahme bei Fußballspiel 1908 in Stuttgart

Wahrend demnach abweichendes Verhalten von FuRballanhangern kein modernes Problem darstellt, so haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten die gezeigten Dimensionen und damit auch analytischen Sichtweisen, sowie der mediale und ordnungspolitische Gehalt verandert.

Gesellschaftspolitische Relevanz bekamen FuRballausschreitungen in Deutschland ab Mitte der 1970er Jahre. Dietrich Schulze-Marmeling (1992, 245.) macht dafur nicht eine qualitative Veranderung der Devianz aus, sondern das Ziel, dem Arbeitersport FuRball zu einem kommerziellen, massentauglichen und medialen Ereignis zu verhelfen. Die Formen der Gewalt, wie sie beispielsweise unter dem Begriff Hooliganismus seit dieser Zeit beobachtet werden, seien also „Relikte proletarischer Offentlichkeit“ (Schulze-Marmeling 1992, 246.).

Zudem lassen sich im Hinblick auf die fuRballerische Moderne auch Veranderungen in der Art und den Auslosern von Ausschreitungen finden. Wahrend gesamtgesellschaftlich die Gewaltakzeptanz eher rucklaufig war, loste sich die FuRballgewalt vom unmittelbaren Spielgeschehen, lief in teilweise organisierten Formen ab und bot der Offentlichkeit somit ein Bild sinnloser Zerstorungswut (Vgl. Pilz 1998, 129 f.). Endgultig geachtet und institutionell heiR debattiert wurde das Problem der Fangewalt im Zuge der Tragodien im Brusseler Heysel-Stadion (1985), sowie im Sheffielder Hillsborough-Stadion (1989), bei denen zusammen uber 100 Menschen ums Leben kamen. Wenngleich in beiden Fallen auch organisatorische sowie architektonische Grunde eine Rolle spielten[23], wurden doch medial immer wieder Hooligans und gewaltsuchende Fans als Ausloser der Katastrophen benannt. (Vgl. Schulze-Marmeling 1992, 270ff, ders. 1995, 19f.). Dabei wurden Aspekte von Wechselwirkungen zwischen der schlechten und missachtenden Behandlung der Fans und ihrem Verhalten weitestgehend negiert. Unter dem Druck der Offentlichkeit wandelten sich nicht nur die allgemeine Auffassung von einer unerwunschten aber bis dato tendenziell kontrollierbaren Fangewalt, sondern auch die baulichen, rechtlichen und polizeilichen MaRnahmen zur Bekampfung des Problems. Umfassende architektonische Modernisierungen gingen in England der fruhen 1990er Jahre einher mit einer Verdrangung der ursprunglichen Fan-Klientel (Vgl. Schulze- Marmeling 1995, S. 20.). Hooligans und ihre subversive Kultur gerieten in das Blickfeld von Medien, Politik, Polizei und Verbanden, nicht nur in GroRbritannien, sondern auch auf dem europaischen Kontinent. Die MaRnahmen zur Bekampfung dieses Phanomens brachten allerdings auch fur den „normalen“ Fan Einschrankungen, die in Deutschland zwar etwas verzogert einsetzten, jedoch - und so die Leitthese der vorliegenden Arbeit - neue Arten reaktiver Devianz hervorbrachten. Diese resultierten aus einer Kriminalisierung, eines nicht unerheblichen Teils der aktiven Fanszene.

5. Ursachen fur Gewalt, Randale und Ausschreitungen in der FuBballfanszene - Forschungsdebatte

Die offentliche Aufmerksamkeit fur Gewalt, Randale und abweichendes Zuschauerverhalten bei FuRballspielen ist seit Jahrzehnten ungebrochen. Verstarkt wird sie dabei mehr oder weniger regelmaRig durch spektakulare Falle von Hooligangewalt, Rechtsextremismus oder ausufernder Pyromanie in deutschen Stadien. Die offentlich-mediale Suche nach Ursachen verweist meist entweder auf Singularitaten wie Alkoholmissbrauch und Arbeitslosigkeit einzelner Fans oder auf Allgemeinplatze wie einem gesamtgesellschaftlichen Versagen. Dass weder mit normativen Globalaussagen noch mit Einzelmerkmalen ein fruchtbarer Beitrag zur Ursachenforschung geliefert wird, sollte hierbei klar erscheinen.

Die Tatsache, dass der FuRball seit Jahrzehnten auch Schauplatz gewalttatigen Zuschauerverhaltens ist, sich die Krawallszene in einer Art Parallelwelt verselbststandigte und trotz polizeilicher Beobachtung weiterhin besteht, zeigt, dass dieses Phanomen auRerst vielschichtig und analytisch schwer handhabbar auftritt.

In den folgenden Kapiteln wird eine Einsicht in die bisherige Ursachenforschung gegeben. Dazu soll ein Oberblick uber allgemeine Stromungen in der FuRballfanszene verdeutlichen, dass die Neigung zu Gewalt und Ausschreitungen auch innerhalb der, als problematisch angesehenen Fangruppen, stark variiert.

5.1 Erklarungen zur Entstehung von Gewalt bei FuBballspielen

Ebenso heterogen wie die zu untersuchende Gruppe, fallen auch die Ansatze aus, welche das Aufkommen von Gewalt und Ausschreitungen im Sport untersuchen. Wahrend sich vor allem in der Kleingruppenforschung zu personlichen Dispositionen von Hooligans entwicklungs- und sozialpsychologische Annahmen durchgesetzt haben, gehen pragmatischere Ansatze von massenpsychologischen und sportbezogenen Grunden aus. Als[24] gesellschaftlich-strukturell wurde FuRballgewalt vor allem im englischen Raum interpretiert. Dabei fanden neben modernisierungstheoretischen auch marxistische Ideen ihre Anwendung.

Die folgenden Ansatze und Hinweise zur Erklarung von devianter Fankultur und Gewalt im FuRball geben einige Ansatze der wissenschaftlichen Analyse des Themas der letzten zwei Jahrzehnte wieder. Dabei ist auffallig, dass die meisten Ansatze eher dem theoretisch-hypothetischen Spektrum zuzuordnen sind. Empirische Befunde zur Entstehung von Gewalt bei FuRballspielen findet man seltener, wenngleich einige Trends in der Jugendgewaltforschung dem entsprechen, was Beobachter auch im FuRballbereich konstatieren (Vgl. Albrecht 2006, 162, 165.). Zur spezifischen Hooliganproblematik finden sich eine Reihe quantitativer und qualitativer Untersuchungen, welche auf Personlichkeitsstrukturen abzielen (Vgl. Ek 1996; Weigelt 2004; Losel / Bliesener 2006.), Eine systematische und ausfuhrliche Auflistung zu Ursachen der Gewalt im Stadion findet sich im Endgutachten der Gewaltkommission der Bundesregierung aus dem Jahre 1990 (Vgl. Schwind / Baumann 1990, 96-101.). Auf dieses Gutachten wurde in der Folgezeit nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftlich Rekurs genommen (Pilz 1995, Ders. 1998.).

Mit Bezugnahme auf die jeweiligen Erst- und Zwischengutachten von Psychologen (Losel et al. 1990.), Kriminologen (Kerner et al. 1990.), Psychiatern (Remschmidt et al. 1990.), Polizeipraktikern (Stumper et al. 1990.), Strafrechtspraktikern (Wassermann et al. 1990.) und Strafrechtswissenschaftlern (Otto et al. 1990.), sowie dem Sondergutachten zu „Problemen der Fanausschreitungen“ (Weis et al. 1990.) fasst das Endgutachten die Grunde fur Stadiongewalt unter

- sozialraumlichen
- sportbezogenen
- veranstaltungsbezogenen
- gesellschaftsbezogenen und
- medienbezogenen Faktoren zusammen.

Im Folgenden wird diese Einteilung ubernommen, um theoretische Ansatze systematisch zu ordnen. Die vorgestellte Literatur prasentiert nicht das vollstandige Spektrum der veroffentlichten Studien zur Gewalt und Ausschreitungen im FuRball. Es wird versucht, die wichtigsten Ansatze zu erwahnen und ferner jene, welche fur die Forschungsfrage dieser Arbeit wichtig erscheinen. Dabei ist eine genaue Zuordnung der Ansatze zu den jeweiligen Kategorien nicht immer moglich, da viele Ansatze multikausale Argumentationsketten verfolgen.

5.1.1 Sozialraumliche Grunde fur Ausschreitungen im Fuftball

FuRballfans bewegen sich in der Regel nicht als isolierte Einzelganger in und auRerhalb des Stadions, sondern sind eingebettet in „subkulturelle, gruppenahnliche Zusammenhange ohne klare Rollendifferenzierung“ (Schwind et al. 1990, 97.). Diese konnen von losen regelmaRigen Treffs im Fanblock, uber die Zugehorigkeit zu einem organisierten Fanclub, bis hin zu verschworenen und nach auRen abgeschotteten Gemeinschaften reichen, bei denen sich mit der Zeit eigene Werte, Normen und Hierarchien ausbilden.[25]

Besonders geeignet, um gruppendynamische Prozesse innerhalb der FuRballfanszene zu erfassen, erscheint die Subkulturtheorie. Dieser Zweig, der seine Ursprunge in der Erforschung von Banden hat[26], geht davon aus, dass es in modernen Gesellschaften mit komplexen Sozialstrukturen subkulturelle Gruppen gibt, welche nicht dem allgemeinen Werte- und Normenkonsens folgen. Innerhalb dieser Subkulturen entstehen eigene Werte und Ordnungssysteme, welche mitunter abweichende oder kriminelle Zuge annehmen konnen (Vgl. Lamnek 1993, 143.). Meist werden Subkulturen mit einer deprivierten oder randstandigen Lage assoziiert, ihre Entstehung als eine Antwort auf die etablierte dominante Kultur gesehen. Thrasher (1936) beschreibt erstmals Merkmale einer Subkultur. So sind neben einer spontanen und ungeplanten Entstehung, enge personliche Kontakte, die Bindung an ein gemeinsames Territorium, die Forcierung von Konflikten, sowie die Herausbildung gemeinsamer Normen, Traditionen und Symbolen fur eine Subkultur von Bedeutung (Vgl. Thrasher 1936, 45-58.). Diese

Merkmale treffen auch auf abweichende Gruppen in der FuRballfanszene, beispielsweise Hooligangruppen zu. Die Typen von Subkulturen, die am ehesten auf die FuRballfanszene angewandt werden konnten, sind die „mannliche Basis Subkultur“, sowie die „konfliktorientierte Subkultur“. Diese werden als nicht utilitaristisch, bosartig, negativistisch und autonom beschrieben, unterscheiden sich aber nach GroRe, Vernetzung und Mobilitat voneinander (Vgl. Lamnek 1993, 158.). Ursprunglich werden diese Typen von Subkulturen mit niedrigen sozialen Lagen in Verbindung gebracht. Dieser Punkt kann im Hinblick auf die heterogene Struktur der Fanszene nicht aufrechterhalten werden. Denkbar ist dennoch, dass sich in abweichenden Gruppen Personen zusammenfinden, die in irgendeiner Art und Weise mit Anpassungsproblemen und Statusunsicherheit zu kampfen haben, um so uber alternative Werte Anerkennung finden.

Das Widerspruchliche an der FuRballfanszene, betrachtet aus einer subkulturellen Perspektive ist, dass sie in oft bewusster Abgrenzung zum bestehenden Normensystem der Gesellschaft wiederum ein eigenes, oft streng reglementiertes System von Codes und Regeln aufbaut (Vgl. Aschenbeck 1998, 96.). Mit Blick auf die Entstehung von Ausschreitungen bei Sportveranstaltungen kann argumentiert werden, dass diese von Gruppen getragen werden, welche sich in einem subkulturellen Kontext bewegen. Dieser wiederum ist gepragt von ubersteigerten Mannlichkeitsnormen, groRerer Skepsis gegenuber bewahrten gesellschaftlichen Zielen und umfasst einen Personenkreis, welcher Anerkennung und soziale Integration nur uber abweichende Aktivitaten erreichen. Die meist jugendlichen Gruppenmitglieder erlangen dabei einerseits Grenzerfahrungen, welche sie im ublichen Alltag nicht ausleben konnen und andererseits moralische Rechtfertigung durch die weiteren Mitglieder.

Ahnlich der von Sykes und Matza (1968) formulierten Neutralisierungsthese legitimieren die Gruppenmitglieder innerhalb ihres subkulturellen Kontexts ihre individuellen und kollektiven Abweichungen wechselseitig (Vgl. Sykes / Matza 1968, 362ff.). Die im Endgutachten der Gewaltkommission von 1990 aufgefuhrten Grunde der Identitatssuche, wechselseitigen Bestatigung, der sozialen Deprivation und den mitunter aggressiven Verhaltensnormen (Vgl. Schwind / Baumann 1990, 97.) finden ihre theoretische Fundierung in Subkultur- und Peer- Group-Theorien wieder, welche die gruppendynamischen Prozesse in der FuRballfanszene erklaren konnen. Dabei finden subkulturelle Annahmen oftmals Anknupfungen zu weiteren Theorien abweichenden Verhaltens.

5.1.2 Gesellschaftliche Ursachen fur Ausschreitungen im FuBball

Die sozialstrukturellen Ursachen fur Fangewalt im Sport sind vielschichtig. Gemeinhin wird argumentiert, dass gewisse gesellschaftliche Rahmenbedingungen das Entstehen von individueller und kollektiver Gewalt begunstigen. Meist verbleiben jedoch diese Ansatze nur in einem theoretischen Kontext. Empirische Untersuchungen uber sozialstrukturelle Grunde fur Hooliganismus und Fanausschreitungen sind rar.

Marxistische Ansatze, welche vor allem in England rezipiert werden, gehen von einer oppositionellen FuRballkultur der Arbeiterklasse aus, welche den Hooligan als modernen proletarischen Klassenkampfer im Protest zur Kommerzialisierung sieht (Vgl. Taylor 1971.).

Dagegen betont der zivilisationstheoretische Ansatz die Ventilfunktion, die dem gesellschaftlichen Subsystem FuRball zukommt. Im Laufe des Zivilisationsprozesses hat sich der moderne Mensch Affektkontrolle und Zivilisierung gegenuber seinen Mitmenschen angewohnt. Der ritualisierte Ausbruch von Gewalt im FuRballkontext ist eine Moglichkeit, die aggressiven Triebe auszuleben und das Gewalttabu zu umgehen (Vgl. Elias 1978, ders. 1980.). Dabei hat der FuRball seit jeher die Eigenschaft eine Plattform fur diese Triebbefriedigung bereitzustellen. Das Problem der Fanausschreitungen sei also nach Meinung der Figurationstheoretiker kein Neues (Vgl. Dunning 1983, 124f.). Grunde werden dabei in den Besonderheiten der Massenveranstaltung FuRball mit seinen symbolhaften Rivalitaten gesehen.

Neben eher makrosoziologischen Theorien, finden auch sozialisationstheoretische Ansatze Eingang in die Ursachenforschung von Hooligangewalt. Dabei wird zum einen die Loslosung von traditionellen Sozialisationsinstanzen betont, welche einhergeht mit jugendlicher Vergesellschaftung in Peer-groups (Vgl. Illi 2004, 27f.). Andererseits lose aber auch allgemein fehlgeleitete Sozialisation Lernprozesse aus, welche dann in Zusammenspiel mit situativen Faktoren zu aggressivem Verhalten fuhren konnen (Vgl. Losel / Bliesener 2006, 234.). In Studien wurde bestatigt, dass Hooligangewalt und der Zusammenschluss in delinquente FuRballfangruppen

Ausdruck einer auffalligen psychosozialen Entwicklung seien.[27] Lose! und Bliesener (2001) weisen in ihrer Studie darauf hin, dass Personen mit aggressiven Tendenzen nur deshalb in der FuRballfanszene landen wurden, weil sie in einem fuRballbegeisterten Umfeld sozialisiert werden, andernfalls hatten sie sich einer alternativen abweichenden Subkultur angeschlossen bzw. gehoren dieser auch parallel an (Vgl. Losel / Bliesener 2006, 237.). Auch innerhalb der Hooligangruppen gibt es noch Differenzierungen hinsichtlich psychosozialer Belastungen. Wahrend die Anfuhrer der Gruppen meist okonomisch und gesellschaftlich integriert seien, zeige ein GroRteil des harten Kerns und weiterer Kreise gewalttatiger Gruppen Sozialisationsdefizite, niedrige Intelligenz und allgemeine Aggressionsneigungen (Vgl. Losel / Bliesener 2006, 238f.).

In einer neuren vergleichenden Studie zu gewalttatigen Jugendkulturen von Schafer-Vogel (2007) bezieht die Autorin die Hinwendung zu Hooligangruppen auf einen gesellschaftlichen Verfall kommunikativer Strukturen. Gewalt fungiere als „universelle Ersatzsprache“, die den Ausdruck einer Kommunikationsverarmung darstelle. Gleichzeitig werden uber Gewaltakte negative Emotionen kommuniziert (Vgl. Schafer-Vogel 2007, 95f.). Zerruttete familiare Verhaltnisse, soziale Desintegration, mangelnde Solidaritat und Erlebnisarmut fuhren viele Jugendliche dazu, sich gewalttatigen Subkulturen anzuschlieRen, um dort durch klar ersichtliche Feindbilder und Gemeinschaftsrituale gesellschaftliche Artikulation erlangen (Vgl. Schafer-Vogel 2007, 550-555.).

[...]


[1] Interviewauszug aus Patzug 2008, 26, Titel: „Teutonen, Black Panther, Immerzu. Erinnerungen an die FuRball-DDR - Dynamo-Fan seit 1971.“.

[2] Vgl. Internet-Quelle: http://www.dfl.de/de/dfl/fragen/index.php [Stand: 17.09.2009].

[3] Daneben gibt es eine Reihe anderer angenommener Grunde, die in dieser Arbeit expliziert werden.

[4] Nicht zuletzt intensiviert vor FuRball-GroRereignissen, wie der WM 2006 in Deutschland, der EM 2008 in Osterreich, etc.

[5] Wenngleich Restriktionen und Kontrolle, Teile einer gewalttatigen FuRballkultur wie sie in den 1980er und 90er Jahren auftrat, eindammen bzw. verdrangen konnte.

[6] fur den deutschsprachigen Raum z.B.: Schwind/Baumann 1990; Pilz 1995; Ek 1996; Gehrmann/Schneider 1998; Losel et al. 2001; Meier 2001; Weigelt 2004; Pilz 2006; etc.; Vgl. auch Kapitel 5 der vorliegenden Arbeit.

[7] Weigelt 2004.

[8] z.B. Pilz in (Internet-Quelle): http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=JJYQBK, [Stand 13.08. 2009]; Pilz 2005, 7.

[9] Gabler et al. 1982.

[10] Gunter A. Pilz zahlt zu den wichtigsten Vertretern der Fanforschung in Deutschland. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zahlen, neben einem Lehrstuhl am Institut fur Sportwissenschaften der Universitat Hannover seit 30 Jahren die regelmaRige Erstellung von Gutachten zur Fankultur und Sportgewalt fur die Bundesregierung. Seit 2006 ist er als Fanberater fur den DFB tatig. Zudem publizierte und ko-publizierte er in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Abhandlungen zur Fandevianz und Medienwirkungen.

[11] Dabei rekurriert er auf die Annahme von Gunter Pilz, der die These aufstellt, dass Medien zur Problemdefinition von FuRballfans beitragen, da sie Gewalt oft dramatisiert, verkurzt und einseitig darstellt.

[12] Thomas Theorem: „If men define situations as real, the are real in their consequences.”

(Thomas / Thomas 1928, 572.).

[13] Vor dem Hintergrund der Beurteilung von Stadionverboten.

[14] Siehe Kapitel zu Ursachenforschung „medienbezogene Faktoren".

[15] Dabei wird sich auf die aktive Fanszene in der BRD bezogen.

[16] z.B. das Dunkelfeld-Paradoxon - abweichendes Verhalten wird im Hellfeld sanktioniert, wahrend das gleiche Verhalten im Dunkelfeld sanktionsfrei bleibt, demnach streng genommen kein abweichendes Verhalten mehr darstellt (Vgl. Lamnek 1993, 49.).

[17] Sportliche, freizeitliche Mode, meist eher schlicht.

[18] Bsp. auch Transkript 3, S. 159. (im Anhang).

[19] Damit sind eben nicht passive Zuschauer gemeint, die das FuRballspiel als ein Zeitvertreib unter vielen sehen (Vgl. Kapitel 4.1.2 - ,konsumorientierte Zuschauer’).

[20] Abschlussbericht der AG „FuRball und Gewalt“ vom 23.07.1991 (Vgl. ZIS Jahresbericht FuRball 2006/07, 5.).

[21] Bsp.: Pilz 1992, Ek 1996, Aschenbeck 1998, Illi 2004, u. a.

[22] Siehe im deutschsprachigen Raum u.a.: Bohnsack et al. 1995,; Ek 1996; Gehrmann/Schneider 1998; Losel /Bliesener 2001; Meier 2001; Illi 2004; Weigelt 2004.

[23] Baufalligkeit der Tribune (Brussel), ungeregelte Kartenvergabe, fehlende Fluchtwege und ubermaRiger Polizeieinsatz (Sheffield).

[24] Oder gerade wegen?

[25] Dies ist oft bei Hooligangruppen zu beobachten.

[26] Geht zuruck auf die „Chicagoer-Schule“ der 1920er Jahre.

[27] Ein ausfuhrlicher Oberblick uber diese Studien in Losel / Bliesener 2006, 235ff.

Ende der Leseprobe aus 176 Seiten

Details

Titel
Kriminalisierung von Fußballfans. Erscheinungsformen, Wirkungen, Probleme
Untertitel
Aktive Fans zwischen Stigmatisierung und Reaktanz
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
176
Katalognummer
V149345
ISBN (eBook)
9783640603855
ISBN (Buch)
9783640604005
Dateigröße
1997 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der empirische Teil besteht aus mehreren qualitativen Interviews, welche im Anhang komplett transkribiert zu finden sind.
Schlagworte
Fußball, Fans, Hooligans, Ultras, Hooltras, Randale, Stigmatisierung, Reaktanz, Etikettierung, Labeling, Qualitative Forschung, Fankultur, Abweichendes Verhalten, Kriminalität, Devianz, Kontrolle, Repression
Arbeit zitieren
Konrad Langer (Autor), 2009, Kriminalisierung von Fußballfans. Erscheinungsformen, Wirkungen, Probleme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149345

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kriminalisierung von Fußballfans. Erscheinungsformen, Wirkungen, Probleme



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden