Der Friede von Brest-Litovsk im Kontext deutscher Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg


Seminararbeit, 2010
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Der Friede von Brest-Litovsk: Einleitende Erläuterungen zum Thema

II. Der Weg zu den Friedensverhandlungen: Hoffen auf den Separatfrieden
II.1. Überblick über die politische und militärische Situation in Ostmitteleuropa zur Jahreswende 1917/18
II.2. Kriegsziele im Osten vor der Jahreswende 1917/18: Forderungen von Reichs- leitung, Militär, Industrie und gesellschaftlichen Gruppen

III. Die Friedensverhandlungen: Zwischen Verständigung und Siegfrieden
III.1. Die unterschiedlichen deutschen Konzeptionen während der Verhandlungen
III.2. Überblick über den Ablauf der Verhandlungen

IV. Das Ergebnis der Verhandlungen: Der Friedensvertrag von Brest-Litovsk
IV.1. Die Bestimmungen und Auswirkungen des Vertrags
IV.2. Rezeption des Vertrags im Deutschen Reich: Reaktionen von OHL, Kühl- mann und Reichstagsparteien

V. Schlussbetrachtungen: Fazit und Ausblick
V.1. Fazit: Der ambivalente Charakter des Friedensvertrags
V.2. Ausblick: Die Bedeutung des Friedensvertrags für die Geschichte Osteuro- pas

VI. Literatur- und Quellenverzeichnis
VI.1. Literaturverzeichnis
VI.2. Quellenverzeichnis

VII. Anhang
VII.1. Karte: Territoriale Verluste Russlands durch den Friedensvertrag von Brest- Litovsk
VII.2. Erklärung über das eigenständige Verfassen der Hausarbeit

I. Der Friede von Brest-Litovsk: Einleitende Erläuterungen zum Thema

„Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei einerseits und Rußland andererseits erklären, daß der Kriegszustand zwischen ihnen beendet ist. Sie sind entschlossen, fortan in Frieden und Freundschaft miteinander zu leben.“[1]

Dieser erste Artikel des am 3. März 1918 unterzeichneten Friedensvertrags von Brest-Litovsk steht symbolisch für das Ende von mehr als dreieinhalb Jahren Blutvergießen an der Ostfront im Ersten Weltkrieg.

Einhergehend mit der allgemeinen Fokussierung auf die westlichen Kriegsschauplätze unter Vernachlässigung der Kampfhandlungen im Osten[2] wird diesem Friedensschluss heute häufig viel weniger Beachtung geschenkt als etwa dem Versailler Vertrag. Dabei hatte er durchaus eine herausragende Bedeutung für die weitere geschichtliche Entwicklung im Osteuropa des 20. Jahrhunderts. Selbst heute noch sind seine territorialen Bestimmungen zum Teil konstituierend für die politische Landkarte dieser Region.

Deshalb ist es ratsam, sich näher mit dem Frieden von Brest-Litovsk und vor allem seinem Zustandekommen zu befassen. Unter welchen Bedingungen kam es zum Friedensschluss? Welche widerstreitenden Interessen spielten dabei eine Rolle und welches hat sich schließlich durchgesetzt? Was für Ergebnisse brachte der Vertrag letztlich und was hatten diese für Folgen?

Zur Beantwortung dieser Fragen ist angesichts des begrenzten Umfangs einer Proseminar-Hausarbeit eine Einschränkung auf die deutsche Perspektive sinnvoll, da das Reich als bedeutendstes Mitglied der Mittelmächte ihre Politik gegenüber Ostmitteleuropa maßgeblich prägte.[3] Dieses Vorgehen schließt kleinere Exkurse auf die russische Sichtweise nicht aus, sofern sie dem umfassenderen Verständnis dienen. Ebenso bietet es sich an, einen inhaltlichen Schwerpunkt auf die verschiedenen Kriegsziel-Konzeptionen bezüglich Osteuropa zu setzen, um Muster deutscher Ostpolitik im Ersten Weltkrieg herauszuarbeiten.

Methodisch erscheint ein dreiteiliger Aufbau angemessen, um zum Schluss zu einer fundierten Beantwortung der Fragestellungen zu kommen: Zunächst wird der Weg zu den Friedensverhandlungen unter besonderer Berücksichtigung der ambivalenten Kriegszielvorstellungen innerhalb des Reichs skizziert. Im Anschluss erfolgt eine Analyse der unterschiedlichen deutschen Konzeptionen in Brest-Litovsk sowie des konkreten Verhandlungsablaufs. Schließlich werden dessen Ergebnisse und die Reaktionen darauf in Abhängigkeit zum zuvor Erarbeiteten vorgestellt.

Die verwendete Literatur basiert zu großen Teilen auf den Monographien der deutschen Geschichtswissenschaft der 1960er Jahre, wo nach einhelliger Meinung „Pionierarbeit“[4] zum Thema geleistet worden ist. Nichtsdestotrotz wurden auch die Werke neuerer Autoren berücksichtigt. Als Quellen dienten neben dem obligatorischen Vertragstext selbst hauptsächlich Protokolle sowie Denkschriften zeitgenössischer Politiker, Diplomaten und Militärs.

II. Der Weg zu den Friedensverhandlungen: Hoffen auf den Separatfrieden

Die Verhandlungen und Ergebnisse von Brest-Litovsk müssen im Kontext ihrer Vorgeschichte betrachtet werden: Nur unter Kenntnisnahme der außenpolitischen Situation im Winter 1917/18 und der inneren Debatten im Deutschen Reich über die Kriegsziele gegenüber Russland ist ein tiefer gehendes Verständnis möglich.

II.1. Überblick über die politische und militärische Situation in Ostmitteleuropa zur Jahreswende 1917/18

Nachdem in der Februarrevolution 1917 die innenpolitischen Spannungen Russlands deutlich offenbart wurden, setzte die deutsche Führung gezielt auf eine Stärkung der revolutionären Kräfte beim Kriegsgegner, da dieser nun als „das schwächste Glied in der feindlichen Kette erschien“[5] und aus der Entente herausgelöst werden sollte, wie Außenminister[6] Kühlmann[7] anmerkte. Daher unterstützte man Lenin[8] bei der Einreise nach Russland finanziell und logistisch.

Der Bolschewisten-Führer gewann dort bei den unzufriedenen Massen zunehmend an Einfluss und wurde durch die Parole „Brot und Frieden“, die sich klar von der kriegsbefürwortenden Politik der bürgerlichen Kerenski[9] -Regierung abhob, populär. Dies „bereitete der neuen Revolution, für die Lenin unermüdlich agitierte, den Boden.“[10] Als seine Bolschewisten dann ab dem 7. November in der Oktoberrevolution die Macht übernahmen bemühte er sich in seinem „Dekret über den Frieden“ sofort um eine Beendigung des Krieges – freilich unter der Prämisse, dass dies „ohne Annexionen [...] und Kontributionen“[11] geschehen solle.

Angesichts der militärischen Lage erschien den Russen ein Friedensschluss unabdingbar: Nachdem die Kampfhandlungen an der Ostfront zunächst durch einen Bewegungskrieg mit größeren wechselseitigen Landgewinnen ohne entscheidenden Vernichtungsschlag geprägt gewesen waren[12], hatte sich das Blatt im Jahr 1917 nämlich zusehends gewendet: Als die Kerenski-Offensive gegen Galizien im Juli scheiterte und seine Armee durch die „Kriegsmüdigkeit der russischen Soldaten“[13] im Zerfall begriffen war, gelangen den Mittelmächten immense Vorstöße in das Hinterland des Gegners. Deshalb ersuchte die neue russische Führung um einen Waffenstillstand, der dann am 15. Dezember in Kraft trat. Die Truppen der Mittelmächte waren zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine Linie von Kurland bis nach Bessarabien vorgedrungen.

In dieser Situation, die durch den beginnenden russischen Bürgerkrieg noch verschärft wurde[14], baten die Bolschewisten um Verhandlungen, um zu dem von Deutschland lang erhofften Separatfrieden zu kommen. Sie begannen am 22. Dezember 1917 in der besetzten Stadt Brest-Litovsk in Weißrussland.

II.2. Kriegsziele im Osten vor der Jahreswende 1917/18: Forderungen von Reichsleitung, Militär, Industrie und gesellschaftlichen

Schon lange vor der Kriegswende an der Ostfront gab es deutsche Planspiele, wie im Falle eines Sieges über Russland die Zukunft Ostmitteleuropas aussehen sollte. Diese Kriegsziele waren jedoch kein Konsens in der deutschen Führung und Gesellschaft. Stattdessen gab es verschiedenste Überlegungen und Denkrichtungen der jeweiligen Protagonisten, die je nach persönlichem Schwerpunkt recht unterschiedlich ausfallen konnten.

Reichskanzler Bethmann Hollweg[15] etwa sah als allgemeines Ziel des Krieges die „Sicherung des Deutschen Reiches nach [...] Ost auf erdenkliche Zeit. Zu diesem Zweck muß [...] Rußland von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker gebrochen werden.“[16] In seinem berühmt gewordenen „Septemberprogramm“ von 1914 konzentrierte er sich jedoch auf die Forderungen im Westen und formulierte lediglich, dass „die Rußland gegenüber zu erreichenden Ziele später geprüft“[17] werden sollten.

Ähnlich wie Bethmann Hollweg blieb die gesamte zivile Führung des Reichs, einschließlich der Diplomaten des Auswärtigen Amtes und der Parteipolitiker des Reichstags, vage in ihrer Ostpolitik: Die Kriegsziele variierten je nach aktueller militärischer Lage zwischen recht umfangreichen Annexionsplänen[18] und einer status-quo-ante-bellum-Verständigung[19], um zu einem Separatfrieden zu kommen.

Die Forderungen des Militärs waren dagegen wesentlich konkreter: Geleitet von strategischen Überlegungen für den Fall eines weiteren Krieges in der Zukunft[20] machte die Oberste Heeresleitung unter anderem in einem Gutachten vom 23. Dezember 1916 unmissverständlich klar, was sie für Vorstellungen hatte. So sollten Teile Polens annektiert und dessen Rest in Abhängigkeit zu Deutschland gehalten werden. Außerdem wurden Gebietserweiterungen im Baltikum angemahnt, um dort Flottenstützpunkte für die uneingeschränkte Beherrschung der Ostsee zu errichten.[21]

Ebenso machten sich Vertreter der Industrie Gedanken über die Gestaltung Osteuropas nach dem Krieg und ließen sich dabei von der „Notwendigkeit, das deutsche Rohstoffpotential für die Zukunft sicherzustellen“[22] leiten. Erzberger[23] etwa forderte 1914 die „Zersplitterung des russsischen Kolosses“ und die „Befreiung der nicht-russischen Völkerschaften ´vom Joch des Moskowitertums` unter deutscher militärischer Oberhoheit“[24]. Thyssen[25] sprach sich neben Annexionen im Baltikum sogar für Gebietserweiterungen bis in den Kaukasus aus, um die dort vorhandenen reichen Bodenschätze nutzbar zu machen.[26]

[...]


[1] Friedensvertrag von Brest-Litovsk, Auszug. In: LINKE, Horst Günther (Hrsg.): Quellen zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen. Darmstadt 1998, S. 53-56, hier: S. 53.

[2] Vgl. GROß, Gerhard: Die vergessene Front. Der Osten 1914/15. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung. Paderborn u.a. 2006, S. 2.

[3] Vgl. BIHL, Wolfdieter: Österreich-Ungarn und die Friedensschlüsse von Brest-Litovsk. Wien/Köln/ Graz 1970, S. 18.

[4] DOERING-MANTEUFFEL, Anselm: Ostmitteleuropa, Brest-Litovsk und die europäische Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg. Zur Bedeutung der Historiographie der sechziger Jahre für die Gegenwart. In: ELZ, Wolfgang/NEITZEL, Sönke (Hrsg.): Internationale Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Winfried Baumgart zum 65. Geburtstag. Paderborn u.a. 2003, S. 205-215, hier: S. 205.

[5] Vgl. Telegramm Kühlmanns an den Verbindungsoffizier des Auswärtigen Amtes im Großen Hauptquartier, Auszug. In: LINKE (Hrsg.): Quellen deutsch-sowjetische Beziehungen, S. 32.

[6] Im damaligen Sprachgebrauch eigentlich „Staatssekretär des Auswärtigen“; entspricht heute dem Außenminster.

[7] Richard von Kühlmann (1873-1948): von August 1917 bis Juli 1918 Staatssekretär des Auswärtigen Amtes.

[8] Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924), genannt Lenin: Führer der Bolschewisten und Gründer der Sowjetunion.

[9] Alexander Fjodorowitsch Kerenski (1881-1970): Chef der russischen Übergangsregierung zwischen Februar- und Oktoberrevolution .

[10] MEYER, Fritjof: „Lenin arbeitet nach Wunsch“. Der Zusammenbruch des Zarenreichs. In: BURGDORFF, Stephan/WIEGREFE, Klaus (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg. Die Urkatastophe des 20. Jahrhunderts. München 2004, S. 121-126, hier: S. 124.

[11] Dekret Lenins über den Frieden, Auszug. In: LINKE (Hrsg.): Quellen deutsch-sowjetische Beziehungen, S. 29-31, hier: S. 29.

[12] Vgl. STONE, Norman: Ostfront. In: HIRSCHFELD, Gerhard/KRUMEICH, Gerd/RENZ, Irina (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2009, S. 762-764, hier: S. 762.

[13] GLOECKNER, Eduard: Vor 75 Jahren, In: Europäische Sicherheit, 42 (1993), S. 129-131, hier: S. 130.

[14] Vgl. VON RAUCH, Georg: Geschichte des bolschewistischen Russland. 3. Aufl. Wiesbaden 1955, S. 126.

[15] Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921): deutscher Reichskanzler von 1909-1917.

[16] FISCHER, Fritz: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Sonderausgabe. Düsseldorf 1967, S. 93.

[17] Septemberprogramm Bethmann Hollwegs, Auszug. In: BIHL, Wolfdieter (Hrsg.): Deutsche Quellen zur Geschichte des Ersten Weltkriegs. Darmstadt 1991, S. 61-62, hier: S. 62.

[18] Vgl. FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 167 f.

[19] Vgl. Denkschrift von Loebell, Auszug. In: BIHL (Hrsg.): Quellen Erster Weltkrieg, S. 78-85, hier: S. 80 ff.

[20] Vgl. DOERING-MANTEUFFEL: Ostmitteleuropa, S. 206.

[21] Vgl. FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 263.

[22] FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 97.

[23] Matthias Erzberger (1875-1921): Politiker, hatte enge Verbindungen zum Thyssen-Konzern.

[24] FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 97.

[25] August Thyssen (1842-1926): Industrieller, Leiter einer der größten europäischen Montankonzerne.

[26] Vgl. FISCHER: Griff nach der Weltmacht, S. 97.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Friede von Brest-Litovsk im Kontext deutscher Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar Neuzeit: Der Erste Weltkrieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V149378
ISBN (eBook)
9783640598618
ISBN (Buch)
9783640598632
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Seminararbeit wurde vom Dozenten ausdrücklich gelobt. Er betonte, dass er "selten" so wenig an einer Hausarbeit auszusetzen gehabt hatte.
Schlagworte
Brest-Litovsk, Brest-Litowsk, Brest, Litovsk, Litowsk, 1. Weltkrieg, Kriegsziele, Friedensvertrag, Frieden, Russland, Deutsches Reich
Arbeit zitieren
Manuel Franz (Autor), 2010, Der Friede von Brest-Litovsk im Kontext deutscher Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149378

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