Der Walpurgisnachtstraum in Goethes "Faust I"

Seine Entstehung, sein Inhalt und seine Bedeutung für das Drama


Seminararbeit, 2010
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung

3.1. Formale Aspekte
3.2. Inhaltliche Aspekte

4. Der Walpurgisnachtstraum als Teil des Faust I

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Walpurgisnachtstraum gehört wohl zu den umstrittensten Szenen des Faust I. Dies hängt weniger mit der Interpretation seines Inhalts zusammen, als mit der Fra-ge, wieso Goethe diese Szene, die auf den ersten Blick nicht das Geringste mit der Handlung des Dramas oder auch nur mit den in ihm behandelten Problemfeldern zu tun hat, überhaupt in das Drama aufnimmt. In dieser Arbeit soll zunächst die Entsteh-ungsgeschichte der beiden Fassungen der Szene (oder des Stücks), die schon Ansätze zur Klärung dieser Frage liefert, behandelt werden. Auch in der darauf folgenden kurzen Analyse einiger formaler Kriterien der Szene wird sich zeigen, dass sie, zu-mindest in Teilen, durchaus auf das Drama zugeschnitten ist. Die Diskrepanz zwisch-en Rahmen- und Binnenhandlung des Walpurgisnachtstraums wird in der Inhalts-analyse thematisiert. In diesem Zusammenhang wird auch gezeigt, dass es sich bei den vierundvierzig Strophen nicht um eine bloße Aneinanderreihung spöttischer Äußerungen Goethes handelt, sondern dass der Szene ein bestimmtes komposito-risches Prinzip zugrunde liegt. Im letzten Teil der Arbeit soll dann die Rolle des Wal-purgisnachtstraums im Faust I diskutiert werden. Dabei wird sich zeigen, dass es sich bei der Szene nicht bloß um einen zeitkritisch-satirischen Einschub Goethes in das Drama handelt, sondern dass sie durchaus mit den sie umgebenden Szenen in Be-ziehung steht.

2. Entstehung

Vermutlich im September 1797 sandte Goethe eine Epigrammsammlung mit dem Titel Oberons und Titanias goldene Hochzeit an Friedrich Schiller. Sie war für den Musenalmanach auf das Jahr 1797 vorgesehen. Diesen Almanach, der sich in Arti-keln und Rezensionen mit der zeitgenössischen Literaturszene auseinandersetzte, aber auch Platz für die Veröffentlichung von Lyrik bot, gab Schiller in den Jahren 1786 bis 1800 heraus. Die Sammlung von Spottversen auf literarische Zeitgenossen sollte eine Fortsetzung der Xenien werden, die Goethe und Schiller gemeinsam gegen den damaligen, aus ihrer Sicht mittelmäßigen Literaturbetrieb geschrieben hatten, und die ebenfalls im Musenalmanach veröffentlicht werden sollten.

An dem Text zu Oberons und Titanias goldne Hochzeit hatte Goethe von Juli bis September 1797 gearbeitet. Doch Schiller, der die Absicht hatte, den Streit mit den Kollegen beizulegen, lehnte die ihm zugesandten Verse als zu spöttisch ab und schrieb an Goethe, diese seien so gut, dass er mehr daraus machen solle.[1] In seinem Antwortbrief vom 20. Dezember 1797 zeigte sich Goethe einverstanden mit Schillers Entscheidung und berichtete, dass der Text „nun um das Doppelte“ gewachsen sei und dass er ihn in den Faust aufnehmen wolle.[2] Die erwähnte Erweiterung muss zwi-schen September und Dezember 1797, eventuell während Goethes Aufenthalt in der Schweiz stattgefunden haben, lässt sich aber nicht genauer datieren. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang scheint eine Feststellung, die Hans Arens bezüglich des Textumfangs der im Dezember vorliegenden Erweiterung macht und von der aus man damit Rückschlüsse auf die frühe Fassung vom September ziehen kann.[3] Grund-lage der Betrachtung ist die Fassung des Walpurgisnachtstraums in der Erstausgabe des Faust I von 1808. In dieser enthält die Szene zweiundvierzig Vierzeiler (Die Fi-guren des Tanzmeisters und des Fidelers wurden erst in der Fassung von 1828 hin-zugefügt).Wenn Goethe nun an Schiller schreibt, die Szene sei ‚um das Doppelte‘ gewachsen, so müsste sie den dreifachen Umfang des Originals haben, was bei zwei-undvierzig Vierzeilern hieße, dass die ursprüngliche Fassung aus nur vierzehn Vier-zeilern bestanden hätte. Da aber allein die Rahmenhandlung[4], die des Titels wegen ja schon existiert haben muss, aus acht Vierzeilern besteht, blieben lediglich sechs Spottverse für den Mittelteil übrig. Arens vermutet, dass Goethe ein Anwachsen auf den doppelten Umfang gemeint haben muss. Dies würde bedeuten, dass die Fassung vom September einundzwanzig Vierzeiler enthielt, davon dreizehn mit zeitkritischem Inhalt. Diese These halte ich, gerade wegen Goethes ursprünglicher Absicht, Ober-ons und Titanias goldene Hochzeit als Fortsetzung der zeitkritischen Xenien zu pub-lizieren, für sinnvoll und schließe mich ihr an.

Festzuhalten bleibt also, dass Goethe den Walpurgisnachtstraum (wie er später hei-ßen sollte) in zwei Fassungen schrieb, die zeitlich kein halbes Jahr auseinander la-gen. Die erste, kürzere Fassung ist dabei als eigenständiges Werk zu verstehen, die zweite, erweiterte Fassung als Teil eines größeren Ganzen, des Faust. Was den Wal-purgisnachtstraum mit dem Drama verbindet und warum Goethe diese (doch schein-bar zur restlichen Handlung gar nicht passende) Szene in seinen Faust aufnahm, wird in Teil 4 genauer untersucht werden.

3.1. Formale Aspekte

Bei der Betrachtung der vierundvierzig allesamt vier Verse umfassenden Strophen des Walpurgisnachtstraums unter formalen Aspekten ergibt sich eine Unterschei-dung in zwei Haupt- und drei Nebentypen. Beim ersten Haupttyp (A), nach dessen Muster sechzehn Strophen verfasst sind, sind der erste und der dritte Vers trochäisch, der zweite und der vierte Vers jambisch. Dies betrifft die Strophen 3-5, 7-11, 18, 21, 36, 37, 40-42 und 44. Der zweite Haupttyp (B) besteht aus vier jambischen Versen und wird in den Strophen 14, 19, 20, 22-24 und 27-35 verwendet. In der Summe er-gibt dies fünfzehn Verse. An dieser Stelle sei ein Einschub erlaubt, der Hans Arens´ Thesen[5] zum Aussehen der frühen und der erweiterten Fassung des Walpurgisnachts-traums zusammenfasst. Im Hinblick auf die unterschiedliche Strophenform der bei-den Haupttypen ist dies von entscheidender Bedeutung, ist deren zufällig scheinende Folge doch keineswegs willkürlich, sondern rührt von den verschiedenen Ent-stehungsstadien her. Arens versucht eine Rekonstruktion der ersten (= Xenien -)Fassung, indem er alle Strophen, die auf den Blocksberg, auf das dort vertretene Personal, speziell den Teufel und auf die mit ihm zusammenhängende Hölle Bezug nehmen, ebenso die erst 1828 hinzugefügten Strophen 29 und 30, aussortiert. Wie in Teil 2 bereits dargestellt, verbleiben damit einundzwanzig Strophen, nämlich: 2-11, 14, 25 und 36-44. Vergleicht man diese Strophen mit denen, die oben für die Ver-wendung des A-Typs aufgeführt sind, so ergibt sich eine Schnittmenge von vierzehn Strophen. Vergleicht man damit dann noch die fünfzehn Strophen, die als B-Typ be-zeichnet sind, so findet sich nur eine Strophe (14) dieses Typs unter den als Bestand-teil der ursprünglichen Fassung angenommenen Strophen. Betrachtet man nun die vorher von Arens aussortierten Strophen, so stellt man fest, dass sich unter ihnen vierzehn vom B-Typ finden, in den als ursprünglich angenommenen Strophen sind es nur zwei (18, 21). Der Unterschied ist deutlich: Dem ursprünglich als Xenien -Fort-setzung geplanten Teil liegt der A-Typ (1,3: Trochäus; 2,4: Jambus) zugrunde, dem Teil, der inhaltlich auf die Verwendung im Faust ausgerichtet ist, der B-Typ (1-4: Jambus).

Neben diesen zwei Haupttypen findet man noch drei weitere Strophenformen: In sieben Strophen (13, 15, 15-17, 25, 26 und 39) ist der erste Vers ein Trochäus, die Verse 2-4 sind Jamben; drei Strophen sind komplett trochäisch (1, 6, 43). Die Strophen 2, 12 und 38 sind gänzlich unregelmäßig.

[...]


[1] Brief Schillers an Goethe vom 2.10.1797, Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe I, hrsg. von Siegfried Seidel, Leipzig 1984, S. 421

[2] Brief Goethes an Schiller vom 20.12.1797, Ebd. S. 456

[3] Hans Arens: Kommentar zu Goethes Faust I, Heidelberg 1982, S. 412 [im Folgenden: Arens]

[4] Vgl. Teil 3

[5] Arens, S. 412 f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Walpurgisnachtstraum in Goethes "Faust I"
Untertitel
Seine Entstehung, sein Inhalt und seine Bedeutung für das Drama
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Goethes "Faust" im kulturellen Kontext
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V149390
ISBN (eBook)
9783640597024
ISBN (Buch)
9783640597079
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marcel, Klinke, Goethe, Faust, Walpurgisnachtstraum, Walpurgisnacht, Traum, Oberon, Titania, goldene Hochzeit, Drama
Arbeit zitieren
Marcel Klinke (Autor), 2010, Der Walpurgisnachtstraum in Goethes "Faust I", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149390

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Walpurgisnachtstraum in Goethes "Faust I"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden