Auch heute bringt Schillers Werk die Menschen zum Staunen und Nachdenken. So auch in der Inszenierung von Nicolas Stemann, das im Oktober 2008 am Thalia Theater in Hamburg Premiere feierte. Mit seiner individuellen Art Stücke zu inszenieren, gelang es Nicolas Stemann Die Räuber auf eine neue, moderne und aufregende Weise dem Publikum näher zu bringen. Diese Hausarbeit wird sich mit dieser Inszenierung genauer auseinandersetzen und
insbesondere auf die Umsetzung und Darstellungsweisen eingehen. Hierfür sollen die Methoden und Mittel der Aktualisierung im Fokus der Untersuchung stehen. Wie setzt Stemann das Werk um? Welche Mittel setzt er ein? Welche Intentionen verfolgt er? Und
damit zusammenhängend: Entspricht es überhaupt noch der Vorlage?
Diese Fragen ziehen automatisch die Diskussion über Werktreue und Regietheater mit sich. Um abwägen zu können, ob Stemanns Die Räuber noch als werktreu oder als völlig neues Stück in Erscheinung tritt und somit eher in die Kategorie des Regietheaters fällt, ist es von Nöten, zuvor eine Begriffserklärung zu geben. Was zeichnet ein werktreues Stück
aus und was das Regietheater? Kann Regietheater werktreu sein? Mit diesen Fragestellungen soll diese Arbeit beginnen, um anschließend näher auf die Inszenierung einzugehen.
Bei der Analyse des Stücks soll die erste Szenen des ersten Aktes detailliert untersucht werden. Um auf die Mittel der Umsetzung einzugehen, wird der Fragebogen für Aufführungsanalysen von Patrice Pavis zu Rate gezogen. Abschließen wird das dritte
Kapitel mit der Frage nach Werktreue oder Regietheater von Nicolas Stemanns Inszenierung von Schillers Die Räuber. Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, einen Einblick in die Umsetzungs- und Aktualisierungsmöglichkeiten von Klassikern, wie Die Räuber, zu erhalten. Außerdem soll vermittelt werden, inwiefern diese Mittel das Stück determinieren, was sie aussagen können
und ob sie die Inszenierung von dem Grundlagentext entfernen. Ich möchte abschließend eine mögliche Antwort bieten, die über Werkreue oder Regietheater dieser Inszenierung entscheidet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Regietheater und Werktreue - Eine Begriffsklärung
2.1. Regietheater
2.2. Werktreue
3. Schillers Die Räuber von Nicolas Stemann
3.1. Die Inszenierung am Thalia Theater in Hamburg: Auffälligkeiten und Aktualisierungen
3.1.1. Die Viermann-Konstellation
3.1.2. Projektionen und Handkamera
3.1.3. Textabweichende Personen und Handlungen
3.2. Szenenanalyse nach Patrice Pavis
3.3. Regietheater oder Werktreue?
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Nicolas Stemanns Inszenierung von Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ am Hamburger Thalia Theater. Ziel ist es, die eingesetzten regietechnischen Mittel der Aktualisierung zu analysieren und zu prüfen, ob diese Inszenierung noch als „werktreu“ bezeichnet werden kann oder bereits die Kriterien des Regietheaters erfüllt.
- Analyse der methodischen Mittel in der Inszenierung (z.B. Viermann-Konstellation, Medieneinsatz)
- Diskussion der theoretischen Begriffe „Regietheater“ und „Werktreue“
- Anwendung des Analyse-Fragebogens nach Patrice Pavis auf ausgewählte Schlüsselszenen
- Untersuchung der intendierten Wirkung moderner Darstellungsweisen auf das Publikum
- Beurteilung der Texttreue trotz inszenatorischer Abweichungen
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Die Viermann-Konstellation
Wie bereits erwähnt zeichnet sich Stemanns Stück durch den Einsatz ganz neuer Mittel aus. Am augenscheinlichsten ist der Brüderchor bzw. die Räuberbande. Mit einer viermannstarken Gruppe junger Männer beginnt Stemanns Inszenierung. Sie tragen das gleiche Kostüm: eine lockere Hose, ein Hemd und einen Pullunder. Die Haare sind streng zurückgekämmt. In großen Lettern springt dem Zuschauer der Schriftzug Die Räuber ins Auge – ein deutlicher und klarer Hinweis darauf, was nun gespielt wird. Doch die Verwirrung beginnt: Das Gespräch zwischen dem alten Moor und seinem Sohn Franz wird durch die vier Schauspieler dargestellt. Sie sprechen die Texte von Franz als auch von seinem Vater; mal im Wechselspiel, mal im Chor oder es löst sich ein Einzelner aus der Gruppe und spricht einige Zeilen des Dialogs. Hierbei kommt es auch dazu, dass einer der Gruppe dem Sprecher ins Wort fällt oder nach begonnener Rede mitspricht und/oder den Satz vollendet. Auch der fingierte Brief, den Franz angeblich aus Leipzig erhalten hat, wird von den vier Schauspielern durch eine empathische und aufbrausende Weise inszeniert. „Ein furioses Stimmenoratorium, bei dem Schillers Texte quer zu Rollenzuordnung zwischen den Schauspielern mäandert“: Somit beschreibt Ortrud Gutjahr anschaulich, was mit Schillers Texten durch die Aufteilung bzw. die Nichtaufteilung auf die Schauspieler passiert. Was schwierig und für viele Theaterbesucher befremdlich wirkt, ist, dass dadurch keine eindeutige Rollenzuweisung möglich ist. Wer ist der alte Moor und wer Franz? Zwar kann man erkennen, welche Textpassagen dem alten Moor zugeschrieben sind, da die Schauspieler seinen Text mit einer verstellten Stimme sprechen, doch wer genau nun der alte Moor sein könnte, ist nicht zuzuordnen. Im Laufe des Stücks wird dies weder gelöst, noch wird es einfacher, denn die vier Schauspieler übernehmen auch die Texte der Räuber sowie die von Karl. Ein verwirrendes doch eindrucksvolles Mittel, denn die Stimmengewalt und das Herausbrüllen der Regieanweisung bringen nicht nur am Ende des Gesprächs zwischen Franz und seinem Vater das Publikum dazu, starken Beifall zu spenden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Inszenierungsanalyse und Darlegung der zentralen Forschungsfrage bezüglich Werktreue und Regietheater.
2. Regietheater und Werktreue - Eine Begriffsklärung: Theoretische Herleitung und Abgrenzung der beiden zentralen Begriffe im theaterwissenschaftlichen Kontext.
3. Schillers Die Räuber von Nicolas Stemann: Detaillierte Untersuchung der Inszenierungspraxis, inklusive der Anwendung von Analysemethoden zur Bewertung der textlichen und szenischen Umsetzung.
4. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und abschließende Bewertung der Inszenierung.
Schlüsselwörter
Nicolas Stemann, Die Räuber, Friedrich Schiller, Regietheater, Werktreue, Thalia Theater, Inszenierungsanalyse, Patrice Pavis, Theatersemiotik, Dramenanalyse, Aufführungspraxis, Moderne Theatermittel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Inszenierung von Schillers „Die Räuber“ durch den Regisseur Nicolas Stemann und untersucht, wie moderne künstlerische Mittel auf die Vorlage wirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Begriffe Regietheater und Werktreue, die Frage nach dem Umgang mit klassischen Texten sowie die praktische Anwendung semiotischer Analysemethoden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, ob Stemanns Inszenierung als „werktreu“ gelten kann oder ob sie die Grenzen zum Regietheater überschreitet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den von Patrice Pavis entwickelten Fragebogen für Aufführungsanalysen, um die Inszenierung methodisch in verschiedene Aspekte wie Bühnenbild, Spielweise und Raumstruktur zu zergliedern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit konkreten Inszenierungsmerkmalen wie der Viermann-Konstellation, der Arbeit mit Handkamera und Projektionen sowie der Bedeutung der Nebenfiguren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Regietheater, Werktreue, Aufführungsanalyse, Intermedialität und die Interpretation klassischer Dramatik beschreiben.
Warum wird Franz Moor in Stemanns Inszenierung von vier Schauspielern dargestellt?
Dies dient dazu, die Zerrissenheit der Figur zu verdeutlichen und ein „Stimmenoratorium“ zu erzeugen, das den Wahn und den psychischen Druck von Franz unterstreicht.
Was ist die Rolle des „Dienerpärchens“ in diesem Stück?
Das Dienerpärchen wurde von Stemann neu eingeführt, um mehrere Nebenfiguren zu bündeln und einen geisterhaften Kontrast zu den Hauptfiguren herzustellen.
Wie bewertet die Arbeit das Ende von Franz Moor?
Der Mord an Franz durch die Räuber wird als drastische Abweichung von der Vorlage gewertet, welche die Interpretation der Figur Karls massiv verändert.
Kommt die Arbeit zu einem eindeutigen Schluss?
Eine eindeutige Kategorisierung ist nicht möglich, da Stemann den dramatischen Text Schillers zwar fast unangetastet lässt, diesen jedoch in eine hochgradig moderne, multimediale Theaterform übersetzt.
- Quote paper
- Alexandra Krüger (Author), 2010, Schillers 'Die Räuber' in der Inszenierung von Nicolas Stemann - Zwischen Regietheater und Werktreue, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149399