Exzessiver Alkoholkonsum von Jugendlichen

Eine empirische Untersuchung zu jugendlichem Konsumverhalten, Trinkmotiven und Auswirkungen von exzessiv Alkohol konsumierenden Mädchen und Jungen


Bachelorarbeit, 2009

100 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Jugendalter und seine Besonderheiten
2.1 Die zentralen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters
2.2 Alkoholkonsum im Zusammenhang mit den Entwicklungsaufgaben

3. Die Substanz Alkohol
3.1 Alkohol und seine Wirkung
3.2 Von Missbrauch, Rausch und Binge Drinking
3.3 Alkoholkonsum von Jugendlichen
3.3.1 Einflussfaktoren auf vermehrten Alkoholkonsum bei Jugendlichen
3.3.2 Auswirkungen und Folgen exzessiven Alkoholkonsums
3.3.3 Die Gefahr einer Abhangigkeitserkrankung
3.4 Alkoholpravention

4. Fragestellung und Design der empirischen Untersuchung
4.1 Forschungsgegenstand und Forschungsfragen
4.2 Untersuchungsansatz und Methode
4.2.1 Auswahl der Stichprobe
4.2.2 Das ,schulerVZ’
4.2.3 Erhebungsinstrument
4.3 Durchfuhrung der Untersuchung
4.3.1 Stichprobenbeschreibung
4.3.2 Auswertung und Datenanalyse
4.4 Methodische Probleme der Untersuchung

5. Darstellung und Diskussion der Ergebnisse der Untersuchung
5.1 Trinkverhalten und Trinkgelegenheiten Jugendlicher
5.2 Jugendliche Trinkmotive
5.3 Auswirkungen exzessiven jugendlichen Alkoholkonsums
5.4 Auffalligkeiten im Umfeld jugendlicher Alkoholkonsumenten
5.5 Praventionsmoglichkeiten
5.5.1 Beurteilung von Praventionsmoglichkeiten
5.5.2 Praventionsverbesserungsvorschlage aus der Sicht der Jugendlichen
5.6 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

6. Schlussbemerkungen

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Christine ist erst 15. Polizisten haben sie an einer LandstraBe gefunden. Ihr Zustand ist bedrohlich. Die Diagnose: Alkoholvergiftung. Der Rettungswagen bringt Christine ins Krankenhaus. Sie wird in der Notaufnahme untersucht. Sie ist nicht ansprechbar; niemand weiB, wie viel sie getrunken hat.

Thomas wurde an einer S-Bahn-Haltestelle gefunden. Er ist bewusstlos. Der Rettungswagen bringt ihn in die Notaufnahme des Krankenhauses. Die Diagnose lautet Alkoholvergiftung. Er hat 2,2 %% im Blut. Thomas droht vollig das Bewusstsein zu verlieren, seine Atmung verschlechtert sich. Er wird auf die Intensivstation verlegt. Am nachsten Morgen sagt Thomas, er habe nicht im Krankenhaus landen wollen. Es sei halt so gekommen. Er habe es einfach ubertrieben und seine Grenzen nicht gekannt.

Diese Ausschnitte einer Fernsehreportage1 machen deutlich, wie aktuell und gefahrlich der exzessive Alkoholkonsum von Jugendlichen ist. In der letzten Zeit haufen sich derartige Berichte uber jugendliche Alkoholexzesse, die nicht selten im Krankenhaus enden. Die Anzahl von Jugendlichen mit exzessiven Trinkmustern wachst und es zeichnet sich eine immer fruhere und haufigere Alkoholmissbrauchsproblematik im Jugendalter ab. Fruher konsumierten vorwiegend Jungen derart exzessiv Alkohol. Seit einigen Jahren nehmen aber auch solche Trinkmuster bei Madchen stark zu.

Welche Motivationen, Ziele und Wunsche verstecken sich hinter einem solchen Verhalten? Dieser Frage soll u. a. in dieser Arbeit nachgegangen werden. Hierzu wurde eine eigens fur diese Arbeit erstellte empirische Untersuchung durchgefuhrt.

Im zweiten Kapitel dieser Arbeit wird zunachst ein Blick auf die Besonderheiten der Jugendphase mit ihren typischen Entwicklungsaufgaben geworfen. Im Kapitel 3 folgt die Darstellung der Substanz Alkohol: seine Wirkungsweise und seine Konsumformen Missbrauch und ,Binge Drinking’. Zudem werden Einflussfaktoren und Auswirkungen jugendlichen Alkoholkonsums beschrieben sowie die Gefahr einer Abhangigkeitserkrankung erlautert. Im Weiteren wird uber die Alkoholpravention informiert. Das Kapitel 4 beinhaltet die Vorstellung und die Beschreibung der empirischen Untersuchung, welche im Rahmen dieser Arbeit durchgefuhrt wurde. Im funften Kapitel werden die gewonnen Ergebnisse der Studie dargestellt und interpretiert.

Aus Grunden der Lesbarkeit wird in der folgenden Arbeit die mannliche Form in der Bezeichnung von Personen verwendet. In der Regel sind hiermit beide Geschlechter gemeint. Wenn geschlechtsspezifische Unterschiede gemeint sind, werden diese im Text eigens betont.

2. Das Jugendalter und seine Besonderheiten

Das Jugendalter ist das Ubergangsstadium in der Entwicklung des Menschen vom Kind hin zum vollen Erwachsensein. Es beinhaltet die Pubertat, welche direkt an die Kindheit anschlieBt, und die Adoleszenz. Die Pubertat beginnt bei Madchen etwa ab dem 10. Lebensjahr, bei Jungen etwa ab dem 12. Lebensjahr. „Charakteristisch fur diese Phase ist eine Hormonumstellung des Korpers, die zur Ausreifung der sekundaren Geschlechtsorgane fuhrt“ (Schrader 2007, 283). An die Geschlechtsreife schlieBt sich die Entwicklungsphase der Adoleszenz an. In der Adoleszenz finden diverse psychische, emotionale, kognitive und soziale Veranderungen statt. Sie stellt eine Art der Vorbereitung auf Lebensformen, Rechte und Pflichten des Erwachsenseins dar (vgl. King 2007, 5).

2.1 Die zentralen Entwicklungsaufgaben des Jugendalters

Im Jugendalter sehen sich Madchen und Jungen einer Vielzahl altersspezifischer Aufgaben der Selbst- und Beziehungsregulation, so genannte Entwicklungsaufgaben, gegenuber. Die zentralen Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz sind die Integration von Korper und Sexualitat, die Entwicklung eines tragfahigen Selbstkonzeptes und einer personlichen Identitat und die beginnende Ablosung von den Eltern sowie die Einordnung in soziale Gruppen (vgl. Hulshoff 2006, 228).

Die korperlichen Veranderungen mussen verarbeitet und ins Leben integriert werden. Die Frage, ob man ,ok’ ist, beschaftigt alle Jugendlichen mehr oder weniger. Der vermeintlichen oder tatsachlichen Reaktion der Umwelt auf das AuBere eines Jugendlichen kommt eine auBerordentlich groBe Bedeutung bei. Das eigene Korperbild und damit auch das Selbstbild und Selbstwertgefuhl ist noch nicht gefestigt und somit verletzlicher als in anderen Entwicklungsphasen (vgl. Hulshoff 2006, 217 f).

Die Akzeptanz des Korpers hangt eng mit der Entwicklung einer geschlechtsspezifischen Rolle zusammen. Diese Entwicklung orientiert sich nicht nur an biologischen Grundmustern. Wie ein Mann oder eine Frau idealtypisch zu sein hat, wird sehr stark kulturell definiert. Gesellschaftliche Erwartungen spielen daher eine groBe Rolle. Besonders bedeutsam sind allerdings geschlechtsbezogene Rollenmuster, Erwartungen und Pragungen, die einen Menschen bereits in seiner fruhsten Kindheit beeinflussen. Mit zunehmendem Alter orientieren sich Jugendliche, was ihre geschlechtsspezifischen Rollen angeht, vermehrt an Idolen und Vorbildern aus der Umwelt (vgl. ebd., 222 f).

Viele Bedurfnisse, wie das Bedurfnis nach Sexualitat, entstehen in der Jugendphase neu oder in anderer Auspragung als in der Kindheit. Vor allem das Verlangen nach korperlicher und sexueller Betatigung kann gegebenenfalls mit Misserfolgserlebnissen und starken Selbstwertkrisen einhergehen (vgl. ebd., 218).

„Weitere vor allem sozial relevante Aufgaben in der Adoleszenz bestehen darin, eine Reihe von Werten und Uberzeugungen als Richtschnur fur das eigene Verhalten zu erwerben, also eine eigene tragfahige Weltanschauung zu entwickeln sowie verantwortliches Verhalten in der Sozietat anzustreben und zu ubernehmen“ (Hulshoff 2006, 224). Da die pluralisierte und individualisierte Gesellschaft keine einheitlichen Werte, Normen und Ziele vorgibt bzw. vermittelt, wird der Weg zur eigenen Lebensgestaltung erschwert. Das breite Spektrum an Moglichkeiten und Freiraumen fuhrt gerade in dem labilen Zeitraum des Jugendalters zu Unsicherheiten und kann eine Uberforderung in der Lebensplanung mit sich bringen (vgl. VoBmann 2008, 9 f). Mit zunehmender emotionaler und sozialer Reife gelingt es dem Jugendlichen, gesellschaftliche Normen und Werte kritisch zu uberprufen und sie zu einem stimmigen Weltbild, der Richtschnur eigenen Handelns, zu integrieren. „Letztlich geht es also darum, Werte, Uberzeugungen und Verhaltensweisen zu entwickeln, die vor sich selbst und vor anderen verantwortet werden“ (Hulshoff 2006, 225).

Eine weitere wichtige Entwicklungsaufgabe besteht darin, eine Unabhangigkeit von den Eltern und anderen Erwachsenen zu erreichen, sowohl in finanzieller, weltanschaulicher und kognitiver Hinsicht als auch im Lebensalltag. Daruber hinaus gilt es, eine emotionale Distanz zu erreichen (vgl. Hulshoff 2006, 226). Die Familiendynamik in der Pubertat ist gepragt von der Bewaltigung des beginnenden familiaren Ablosungsprozesses. Sowohl der Jugendliche als auch die Eltern stehen vor dem Widerspruch, einerseits einander zu brauchen und andererseits die Ablosung vorzubereiten. „Dieser Ablosungsprozess steht im Spannungsfeld von zentripitalen Bindungskraften, die den Jugendlichen in der Familie halten und ihm Halt geben, sowie zentrifugalen AusstoBungskraften, die ihn aus der Familie in die Eigenstandigkeit schicken“ (Hulshoff 2006, 226 f). „In den heftigen Aggressionen eines Autoritatsprotestes gelingt es dem Jugendlichen, sich abzulosen und eigenstandig zu werden. Depression, Ruckzug und infantile Regression schutzen ihn mitunter davor, sich vorschnell auf neue und ihn uberfordernde Wagnisse einzulassen“ (ebd., 220).

Die Ablosung vom Elternhaus tragt somit zur Identitatsbildung, Unabhangigkeit und Selbstandigkeit bei. Dieser Prozess ist unumganglich, sogleich er auch schmerzhaft sein kann.

Im Ablosungsprozess von der Herkunftsfamilie orientieren sich Jugendliche zunehmend an Gleichaltrigen. Die so genannten Peer-Groups haben einen enormen Einfluss auf die Entwicklung und Sozialisation der Jugendlichen. Im Sozialverband werden Rollen ausprobiert, es konnen Konkurrenz erfahren sowie Positionen angestrebt oder verteidigt werden. Zudem entstehen Beziehungen und Freundschaften sowie erste Partnerschaften. „Die Gruppe Gleichaltriger [...] spielt eine wichtige Rolle zur Stabilisierung des eigenen emotionalen und kognitiven Erlebens“ (Hulshoff 2006, 224). Peers bieten Orientierungspunkte fur den Entwicklungsprozess und MaBstabe zur subjektiven Selbsteinschatzung. Sie sind hoch bedeutsam fur die Ubernahme von Verhaltensweisen und leisten wichtige Hilfestellungen bei der Bewaltigung von Entwicklungsaufgaben (vgl. Bellutti 2006, 20). „Zeitweilen kann die Gruppe so wichtig werden, dass ihre Ziele und Ideale mitunter unkritisch ubernommen werden“ (Hulshoff 2006, 224).

Die Bewaltigung der anforderungsreichen Jugendphase ist „sowohl von der Anzahl der zu bewaltigenden Aufgaben, als auch von den sozialen und den personlichen Ressourcen, uber die ein jeder verfugt abhangig“ (Friedrich 2005, 11). Dem uberwiegenden Teil der Jugendlichen gelingt es, die einzelnen Entwicklungsschritte zu bewaltigen, auch wenn im Verlauf Spannungen, Widerspruche oder Konflikte und Krisen auftreten konnen (vgl. VoBmann 2008, 10). In der Pubertat auftretende emotionale Krisen sind normal. Sie sprechen fur Kraft und Vitalitat, fur Entwicklung und eine sich zunehmend konsolidierende Identitat des Jugendlichen (vgl. Hulshoff 2006, 220). Eine an sich fur die Pubertat ,normale’ und typische Entwicklungskrise kann jedoch auch zu einer ,pathologischen’ Krise werden, indem die Symptomatik eine Eigendynamik entfaltet und wichtige phasenspezifische Entwicklungsschritte verhindert (vgl. ebd., 230).

2.2 Alkoholkonsum im Zusammenhang mit den Entwicklungsaufgaben

Alkohol ist ein fester Bestandteil unserer Alltagskultur. Der Erwerb eines verantwortlichen Umgangs mit Alkohol gehort daher ebenfalls zu den entwicklungsspezifischen Aufgaben der jungen Heranwachsenden.

Im Rahmen der Entwicklungsaufgaben gibt es diverse Funktionen, die der Alkoholkonsum fur Jugendliche ausuben kann. Zum einen kann er Ausdruck eines personlichen Stils oder der Suche nach grenzuberschreitenden Erfahrungen sein. Zum anderen erleichtert Alkohol den Zugang zu gleich- oder gegengeschlechtlichen Gleichaltrigen. Alkoholkonsum kann auch als exzessiv-ritualisiertes Verhalten fungieren. Des Weiteren kann durch das Trinken von Alkohol die Unabhangigkeit von den Eltern demonstrieren oder die elterliche Kontrolle bewusst verletzten. ,SpaB haben’ und das ,Leben genieBen’ sind weitere Funktionen im Rahmen eines subkulturellen Lebensstils. Alkoholkonsum kann aber auch Ausdruck sozialen Protests bzw. eine gewollte Normverletzung sein. Nicht zuletzt kann Alkohol eine spannungs- und stressregulierende Funktion einnehmen sowie als Ausdruck des Erwachsenseins oder als Form der Selbstdarstellung im Kreise Gleichaltriger dienen (vgl. Bellutti 2006, 52 f; Riedinger 2007, 27 f).

Das reine Probier- und Neugierverhalten ist entwicklungsgemaB und normal. Der Missbrauch von Alkohol kann aber Ausdruck einer fortdauernden Pubertatskrise sein. Subjektiv nicht losbar erscheinende Probleme, seelische oder soziale Konflikte und unertraglich erscheinende Emotionen konnen betaubt werden. Die besondere Jugendkultur, in der dies geschieht, tragt weiter zur Verfestigung des Suchtverhaltens bei. SchlieBlich kann es zur Abhangigkeit von der als Unterstutzung empfundenen Droge kommen, sodass eine Veranderung ohne (professionelle) Hilfe nicht mehr moglich ist (vgl. Hulshoff 2006, 232).

3. Die Substanz Alkohol

„Das sozialmedizinische Problem in Deutschland und auch in Europa ist [...] die Alkoholabhangigkeit“ (Trost 2004, 279 f). Laut der Drogenaffinitatsstudie 2008 der Bundeszentrale fur gesundheitliche Aufklarung (BZgA) konsumieren 9,5 Millionen Menschen in Deutschland Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Etwa 1,3 Millionen Menschen sind alkoholabhangig. Jedes Jahr sterben ca. 73.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums (vgl. Batzing 2009, 38).

Besonders im Jugendalter zeichnet sich eine fruhere und haufigere Alkoholmissbrauchsproblematik ab. Immer haufiger trinken Jugendliche vor dem vierzehnten Lebensjahr. 75,8 % der 12- bis 17-Jahrigen in Deutschland haben Erfahrungen mit Alkohol. 21,8 % der Jungen und 12,8 % der Madchen dieser Altersgruppe konsumieren wochentlich Alkohol. 20,4 % der Jugendlichen haben Erfahrungen mit Rauschtrinken (vgl. Batzing 2009, 38 f). Obwohl die Zahlen von 2007 auf 2008 wieder leicht gesunken sind, ist der Alkoholkonsum Jugendlicher nach wie vor ein Problem in Deutschland.

3.1 Alkohol und seine Wirkung

Das Wort ,Alkohol’ stammt aus dem Arabischen. Al cohol (al-Kuhl) bedeutet ,das feine Puder’ bzw. ,die Augenschminke’ (vgl. Schmidt 1986, 109). Die chemische Bezeichnung ist Athylalkohol bzw. Athanol (C2H5OH). Athanol ist eine farblose, brennend schmeckende Flussigkeit. Durch die Garung von Zuckerarten, die durch Hefe in Alkohol und Kohlensaure gespalten werden, entsteht Alkohol. Trinkalkohol darf nur durch die Hefegarung von Pflanzenteilen, Melasse, Starke oder Zucker gewonnen werden (vgl. Feuerlein 1989, 19).

Alkohol hat in vielerlei Hinsicht Relevanz. Er ist ein Energietrager mit erheblichem Joulegehalt und somit ein Nahrungsmittel. Als Genussmittel ist er Bestandteil in zahlreichen Getranken. Die meisten alkoholischen Getranke enthalten neben Alkohol aber noch eine Reihe von Begleitstoffen, die dem jeweiligen Getrank die spezifische Geschmacks- bzw. Duftqualitat verleihen. Alkohol hat zudem eine berauschende und deutlich toxische Wirkung (vgl. ebd., 3, 14 f). Er kann aber auch als Heilmittel bzw. Pharmakon eingesetzt werden. Alkohol hat somit kulturhistorische, gesellschaftspolitische, volkswirtschaftliche und fiskalische Bedeutungen (vgl. Bergler et al. 2000, 7).

Alkohol zahlt in Deutschland zu den Suchtmitteln, deren Erwerb, Besitz und Handel legal sind (Deutsche Hauptstelle fur Suchtfragen e.V. 2008, 1). Die Verfugbarkeit von Alkohol ist sehr hoch. Im internationalen Vergleich ist er in Deutschland fur einen geringen Preis erhaltlich. Dies bedingt, dass die Konsumraten fur Alkohol sehr hoch sind.

„Alkohol diffundiert nach der Aufnahme durch die Schleimhaute des oberen Verdauungstraktes in die Blutbahn. Durch die Mundhohle und Speiserohre werden nur geringe Mengen, durch den Magen ca. 20 % und durch den oberen Dunndarm der Rest aufgenommen“ (Schmidt 1986, 110). Die Diffusion ist abhangig von der Alkoholkonzentration bzw. den Begleitstoffen. Bereits wenige Minuten nach der oralen Aufnahme ist Alkohol bereits im Blut nachweisbar. Nach etwa 30-60 Minuten ist die hochste Konzentration des Alkohols im Blut erreicht. Die Verteilung geschieht relativ rasch und gleichmaBig in alle Organe und Gewebe. Etwa 60-90 Minuten nach Trinkende ist die Verteilung im Korper abgeschlossen und die Blutalkoholkonzentration (BAK) entspricht nun weitgehend der des Gewebes. Sie ist abhangig von der Alkoholmenge, von der Resorptionsgeschwindigkeit, vom Korpergewicht bzw. der Menge des Korperwassers und von der Geschwindigkeit der Alkoholelimination (vgl. Feuerlein 1989, 20 f).

Alkohol wird im Korper durch Oxidation abgebaut. Auf diese Weise werden etwa 90-95 %, vorwiegend in der Leber, eliminiert. Der Rest wird durch die Nieren (0,5-2 %, maximal 5g/l Urin), durch die Lungen (1,6-6 %) und durch die Haut (SchweiB, maximal 0,5 %) ausgeschieden. Nur geringfugige Mengen werden durch den Speichel ausgeschieden (vgl. Feuerlein 1989, 21).

Pro Stunde werden unter normalen Bedingungen etwa 120-150mg Alkohol pro Kilogramm Korpergewicht verstoffwechselt. Dies entspricht einer Alkoholmenge von ca. 10g pro Stunde bzw. maximal ca. 240g Alkohol in 24 Stunden fur einen normalgewichtigen, gesunden Erwachsenen (vgl. Wissenschaftliches Kuratorium der Deutschen Hautstelle fur Suchtfragen e.V. 2003, 22).

„Die Wirkung von Alkohol ist in erster Linie abhangig von der konsumierten Menge und vom Alkoholgehalt des Getrankes. Aber auch die individuelle korperliche und seelische Verfassung spielen eine Rolle“ (Deutsche Hauptstelle fur Suchtfragen e.V. 2007, 2).

Der Korper reagiert auf Alkohol mit Schwindelgefuhlen, einem erhohten Puls und erweiterten BlutgefaBen. Der Alkohol fuhrt zu vermehrtem Schwitzen, beeintrachtigt die Fahigkeit des Gehirns, die Korpertemperatur zu regulieren und beeinflusst die Absonderung von Magensaure. Zudem wird das Bedurfnis zu urinieren erhoht. Es konnen auch Storungen des Gedachtnisses und der Orientierung auftreten. Die Koordinations- und die Wahrnehmungsfahigkeit werden beeintrachtigt, es kommt zu undeutlicher Aussprache und Vergiftungserscheinungen, wie z.B. Erbrechen oder im Extremfall zum Atemstillstand.

Bei geringen Dosen wirkt Alkohol euphorisierend und senkt Hemmschwellen, z.B. fur riskantes Verhalten. Des Weiteren andert sich das Verhalten, indem er z.B. aggressiver macht. Alkohol bewirkt weiterhin Stimmungsschwankungen und erhoht das Risiko fur Depressionen und Suizid (vgl. Deutsche Hauptstelle fur Suchtfragen e.V. 2007, 2; Friedrich 2005, 7).

Die Blutalkoholkonzentration wird in Promille (%c) angegeben. Dies entspricht der Alkoholmenge in Gramm pro Liter Blut (vgl. Deutsche Hauptstelle fur Suchtfragen e.V. 2007, 1). 0,5 %% Blutalkoholkonzentration entsprechen somit 0,5 Gramm Alkohol pro Liter Blut.

Die Deutsche Hauptstelle fur Suchtfragen e.V. (2007, 3) legt einen risikoarmen Alkoholkonsum fur Frauen bis zu 12g Reinalkohol am Tag, fur Manner bis 24g fest. Ein riskanter Konsum besteht hiernach bei Frauen bei mehr als 12g bis 40g Reinalkohol taglich und bei Mannern bei mehr als 24g bis 60g taglich. Trinken Frauen mehr als 40g bis 80g und Manner mehr als 60g bis 120g Reinalkohol am Tag, besteht bei ihnen ein gefahrlicher Konsum. Ein Hochkonsum besteht bei Frauen bei mehr als 80g und bei Mannern bei mehr als 120g reinen Alkohols am Tag.

„Aufgrund physiologischer Unterschiede wie dem Korpergewicht, anderer psychologischer Bedingungen (Konsumerfahrung) und geringer entwickeltem Urteilsvermogen konnen bei Jugendlichen die fur Erwachsene entwickelten Kriterien nicht einfach ubernommen werden“ (Bellutti 2006, 66). Bei Kindern und Jugendlichen gelangt der Alkohol aufgrund der durchlassigeren Blut-Hirn-Schranke schneller als bei Erwachsenen vom Blut ins Gehirn. Dort verursacht er eine Beeintrachtigung psychophysischer Funktionen. Zudem ist der Alkoholabbau durch das noch unreife Enzymsystem unzulanglich. Dies bewirkt, dass die Alkoholvertraglichkeit bei Kindern und Jugendlichen deutlich geringer entwickelt ist als bei Erwachsenen (vgl. Bergler et al. 2000, 85 f). „Die Alkoholtoleranz von Kindern und Jugendlichen ist aufgrund biologisch-physiologischer Gegebenheiten und auch wegen der noch nicht abgeschlossenen Reifeprozesse niedriger als die Alkoholtoleranz Erwachsener“ (ebd.). Da Manner physiologisch begrundet eine hohere Alkoholvertraglichkeit haben als die Frauen, ist davon auszugehen, dass auch Jungen gegenuber Madchen eine hohere Alkoholvertraglichkeit besitzen (vgl. ebd.). Bergler et al. legten fur Jugendliche im Alter von 16 bis 17 Jahren etwa zwei Drittel der fur Erwachsene genannten Alkoholmengen zugrunde. Fur Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren entsprechen die Werte etwa einem Drittel der Werte fur Erwachsene.

Alkohol ist eine Droge, die in unserer Kultur voll integriert ist und deren Konsum in vielen sozialen Bezugen zur alltaglichen Gestaltung des Lebens dazugehort. Er wird aufgrund der erwunschten Wirkungen der sich einstellenden Euphorie und der Spannungsreduzierung konsumiert. „Diese psychischen Effekte sind es, die den Reiz der Droge Alkohol ausmachen“ (Stimmer & Muller-Teusler 1999, 23).

Gleichzeitig sind die Herstellung und der Vertrieb von Alkohol ein groBer Wirtschaftsfaktor. Rund 525 Millionen Euro wurden allein im Jahr 2003 in Werbung fur alkoholhaltige Getranke investiert (vgl. VoBmann 2008, 38).

„Das Trinken von Alkohol besitzt soziale Funktionalitat. Alkohol ist Symboltrager und Konstruktionsmittel sozialer Wirklichkeit. Sein Konsum ist sozial geregelt und normiert - Abweichungen werden stigmatisiert, sanktioniert oder auch tabuisiert“ (Haag 2007, 41 f). Inwiefern ein bestimmtes Alkoholkonsumverhalten als tolerabel oder aber als problematisch bezeichnet wird, hangt somit von individuellen und gesellschaftlichen sowie im wissenschaftlichen Bereich akzeptierten Norm- und Wertvorstellungen ab (vgl. Bergler et al. 2000, 18).

3.2 Von Missbrauch, Rausch und Binge Drinking

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert den einmaligen bis standigen Konsum einer Droge ohne medizinische Notwendigkeit bzw. in einer ubermaBigen Dosierung als Missbrauch. Eine ubermaBige Dosierung trifft insbesondere fur den Alkoholmissbrauch im Rahmen von z.B. Bierfesten oder Karnevalsveranstaltungen zu, bei denen auch erhebliche Rauschzustande noch toleriert oder sogar angestrebt werden. Alkoholmissbrauch liegt aber auch dann vor, wenn bei unpassenden Gelegenheiten, wie z.B. im StraBenverkehr, Alkohol konsumiert wird (vgl. Stimmer & Muller-Teusler 1999, 20). Zudem ist von einem Missbrauch zu sprechen, wenn es durch die Alkoholwirkung zu vorubergehenden, aber deutlich sichtbaren Veranderungen der psychischen und/oder physischen Funktionen des Konsumenten kommt, wie z.B. bei einem Rauschzustand (vgl. Feuerlein 1989, 4). „Missbrauch heiBt noch nicht Abhangigkeit, bei Abhangigkeit liegt jedoch zugleich Missbrauch vor“ (Stimmer & Muller-Teusler 1999, 21).

In unserer Gesellschaft ist der Ubergang vom Konsum zum Missbrauch flieBend. Das gesellige Trinken wird bei allen sich bietenden Gelegenheiten gefordert, zum Teil sogar exzessiv. Zugleich wird das Zwecktrinken zur Minderung korperlicher und seelischer Konflikte vollkommen geduldet, sogar uber die Werbung und das Fernsehen durchaus in Richtung Normalitat geruckt (vgl. ebd., 86 f).

„Das Wort ,Rausch’ [...] impliziert im gangigen Sprachgebrauch einen hohen Grad von lustbetonter Gefuhlsbewegung“ (Feuerlein 1989, 99). Ein akuter Rausch bzw. eine akute Vergiftung (Intoxikation) ist ein vorubergehender Zustand nach der Aufnahme von Alkohol oder anderen psychotropen Substanzen mit Storungen des Bewusstseins, der kognitiven Funktionen, der Wahrnehmung, des Affektes, des Verhaltens oder anderer psychophysiologischer Funktionen und Reaktionen (vgl. Dilling et al. 2005, 90 f). Der Alkoholrausch ist auch von einer Reihe vegetativer Storungen gefolgt, die als ,Kater’ bezeichnet werden (vgl. Feuerlein 1989, 101).

Backmund teilte den Alkoholrausch bzw. die -intoxikation in vier Stadien ein. Im ersten Stadium, bei einer Blutalkoholkonzentration (BAK) von 0,5 bis 1,5 Promille, beginnt ein nichttoleranter Mensch bereits verwaschen und mehr als sonst zu reden. Teilweise wirkt er distanzlos und benommen, sein Gang kann unsicher und ataktisch sein. In diesem ersten Stadium sind die Menschen oft leicht reizbar und aggressiv. Im zweiten Stadium (BAK 1,5 bis 2,5 Promille) wird uberwiegend zusatzlich ein Glucksgefuhl empfunden. Jedoch kann die Stimmung auch sehr gereizt und aggressiv werden. Das Gehen ist nur noch muhsam und schwankend moglich. Im Stadium 3 (BAK 2,5 bis 3,5 Promille) benotigt der Intoxikierte dringend medizinische Hilfe. Im Vordergrund stehen Verwirrtheit, Benommenheit oder gar Bewusstlosigkeit. Schmerzen werden nicht mehr empfunden. Zudem kann eine lebensbedrohliche Unterzuckerung entstehen. Die

Koordination und der Gang sind, soweit noch moglich, schwer gestort. Bei einer Blutalkoholkonzentration von uber 3,5 Promille ist der Nichttolerante komatos und in hochster Lebensgefahr. Die Reflexe sind erloschen, auch auf Schmerzreize reagiert der Intoxikierte nicht mehr. Der Tod kann durch Erbrechen und Aspiration2 eintreten, wodurch insbesondere Kinder und Jugendliche bereits in niedrigen Stadien der Intoxikation bedroht sind. Im vierten Stadium kommt es zu Atemstorungen. Diese konnen auch zu einer Atemlahmung mit unmittelbar folgendem Kreislaufstillstand ubergehen (vgl. Backmund 2007, 173 f). Die Alkoholvergiftung tritt bei den meisten Menschen ab einer Blutalkoholkonzentration von 3 Promille auf. Todlich verlaufende Alkoholvergiftungen sind ab einer Blutalkoholkonzentration von 5 bis 8 Promille zu erwarten, allerdings sind auch schon bei niedrigeren BAK Todesfalle eingetreten (vgl. Bellutti 2006, 68). Entscheidend fur die individuelle Auspragung des Alkoholrauschs ist aber nicht nur die BAK, sondern auch andere Faktoren wie zum Beispiel die korperliche Konstitution oder die gegenwartige psychische Verfassung. „Das Gehirn von Kindern, Jugendlichen und alten Menschen ist wesentlich anfalliger auf die Wirkung von Alkohol“ (ebd.).

Der Begriff ,Binge Drinking’ (engl. ,to binge on something’ = sich mit etwas voll stopfen) beschreibt den exzessiven bzw. ubermaBigen Alkoholkonsum zu einer bestimmten Gelegenheit mit dem Ziel, einen Rausch herbeizufuhren. Ubersetzt bedeutet der Begriff ,Rauschtrinken’, umgangssprachlich wird er unter anderem als ,Komasaufen’ bezeichnet (vgl. Batzing 2008, 58). Es handelt sich hierbei um eine Form exzessiver Alkoholaufnahme meist hochprozentiger Getranke in groBen Mengen und in kurzer Zeit. „Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht unter ,Binge Drinking’ den Konsum von funf und mehr alkoholischen Standardgetranken zu einer Gelegenheit“ (ebd.). Ein Standardglas Alkohol entspricht hierbei etwa 10g Ethanol (Fischer & Lammel 2009, 49). Fur Frauen wird eine niedrigere Alkoholmenge von vier oder mehr alkoholischen Getranken zur Definition angesetzt, da sie aus biologischen Grunden weniger Alkohol zur Erlangung eines Rauschzustandes benotigen als Manner (vgl. Haag 2007, 47 f). Fur Manner entspricht diese Menge etwa 1,25 Liter Bier oder 0,6 Liter Wein und mehr. Fur Frauen entspricht sie etwa 1,0 Liter Bier oder 0,5 Liter Wein und mehr.

Insbesondere bei Jugendlichen ist in den letzten 15 Jahren eine steigende Risikobereitschaft zu beobachten, wenn es darum geht, Alkohol in solch gefahrlicher Weise zu konsumieren. Es scheinen sich unter Teenagern Trinkrituale entwickelt zu haben, bei denen der Rausch Teil einer sozialen Interaktion ist. „Es geht darum, innerhalb kurzer Zeit groBe Mengen an Alkohol zu sich zu nehmen und sich massiv zu betrinken“ (Backmund 2007, 172) und somit einen moglichst intensiven Rauschzustand zu erleben. Eine weitere auffallige Entwicklung ist, dass Jugendliche den Alkohol haufig direkt aus der Flasche trinken. Dies geschieht haufig im Gehen. Somit findet das Trinken quasi ,nebenbei’ statt. Der Alkoholkonsum wird so beliebig, wirkt unbedeutend und wird als lockere Selbstverstandlichkeit ritualisiert. Gleichzeitig verlieren die Jugendlichen die Kontrolle uber die getrunkene Menge (vgl. Kuttler 2008, 17). Durch das Trinken ,nebenbei’ sind Jugendliche sehr uberrascht, oft erschrocken, von der teilweise lebensbedrohlichen Eskalation des Geschehens (vgl. ebd., 15).

Im Jahr 2008 gaben 20 % der 12-17-jahrigen Jugendlichen an, mindestens einmal im letzten Monat ,gebingt’ zu haben. Hieraus sticht besonders die Gruppe der 16- bis 17- Jahrigen hervor (vgl. Batzing 2009, 39).

Von dieser Form des exzessiven Alkoholkonsums konnen erhebliche gesundheitliche Risiken ausgehen, die durchaus auch lebensbedrohlich sein konnen. Allein „die Zahl von 10- bis 20-Jahrigen mit akuter Alkoholintoxikation im Krankenhaus hat sich zwischen 2000 und 2006 von 9.500 auf 19.500 mehr als verdoppelt“ (Kuttler 2008, 14). Im Jahr 2007 waren es bereits 23.165 Jugendliche. „Binge Drinking gilt als ein Indikator fur riskanten bzw. problematischen Alkoholkonsum“ (Batzing 2009, 38 f).

3.3. Alkoholkonsum von Jugendlichen

An dieser Stelle ist zu erwahnen, dass der groBte Teil der deutschen Jugendlichen einen unproblematischen Umgang mit Alkohol hat. Ein ernst zu nehmender, aber in der Relation sehr viel kleinerer Anteil der Jugendlichen weist jedoch missbrauchliche oder sogar alkoholabhangige Konsummuster auf (vgl. Bergler et al. 2000, 21).

Im Alter von 10 bis 14 Jahren trinken die meisten Jugendlichen das erste Mal Alkohol. Die ersten Erfahrungen sammeln sie oft innerhalb der Familie oder bei Familienfesten. Der Beginn des haufigeren Suchtmittelkonsums von Jugendlichen liegt bei etwa 14 Jahren (vgl. Friedrich 2005, 8). Die ersten Rauscherfahrungen machen 29 % der Jugendlichen vor dem 15. Lebensjahr (vgl. Stimmer & Muller-Teusler 1999, 118 f). Die Aufnahme des Konsums bzw. der Einstieg in den Konsum findet uberwiegend in der Gleichaltrigengruppe statt und hangt wesentlich von der Verfugbarkeit des Alkohols und geeigneten Verhaltensmodellen ab (vgl. Fischer & Lammel 2009, 28).

Laut der BZgA betrug die pro Kopf konsumierte Alkoholmenge der 12-17-Jahrigen im Jahr 2007 durchschnittlich 50,4g pro Woche. Bei den weiblichen Jugendlichen hat sich der Alkoholkonsum auf niedrigerem Niveau in die gleiche Richtung entwickelt (vgl. Batzing 2008, 58).

Einen regelmaBigen Konsum von mindestens einmal in der Woche weisen im Jahr 2008 17,4 % der Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren auf. Dies entspricht 21,8 % der Jungen und 12,8 % der Madchen (vgl. Batzing 2009, 39).

Einen riskanten Alkoholkonsum weisen 6,6 % der mannlichen und 5,8 % der weiblichen Jugendlichen dieses Alters auf. Ein gefahrlicher bzw. ein Hochkonsum besteht bei 2,5 % der Jungen und bei 1,5 % der Madchen (vgl. ebd.).

Ein regelmaBiger Konsum findet sich im Durchschnitt bei 2,4 % der 11-jahrigen Jungen und bei 0,6 % der Madchen dieses Alters. Bei den 13-Jahrigen finden sich bereits 11,3 % der Jungen und 8,5 % der Madchen, die regelmaBig trinken. Unter den 15-Jahrigen findet sich bei 37 % der Jungen und bei knapp einem Viertel der Madchen ein regelmaBiger Alkoholkonsum. „Die Zahlen sind erschreckend hoch, drucken sie doch den Alkoholkonsum derer aus, die nach dem Jugendschutzgesetz noch keinen Alkohol erwerben durfen und diesen eigentlich in der Offentlichkeit auch nicht konsumieren durfen“ (Settertobulte 2003, 3).

3.3.1 Einflussfaktoren auf vermehrten Alkoholkonsum bei Jugendlichen

Die Ursachen bei der Entstehung eines vermehrten Alkoholkonsums bei Jugendlichen sind von Person zu Person unterschiedlich. „Das Verhalten muss also sowohl vor dem Hintergrund der individuellen Biografie, als auch in Bezug zur sozialen Lebenswelt betrachtet werden“ (Friedrich 2005, 10).

Es werden die sozialen von den intrapersonellen Einflussfaktoren unterschieden.

Zu den sozialen Einflussfaktoren gehoren u. a. die sozio-okonomischen Faktoren. Alkohol ist heutzutage leicht zuganglich und an vielen Bahnhofen und Tankstellen rund um die Uhr verfugbar. Zudem werden die entsprechenden Jugendschutzgesetze oft nicht eingehalten. „Alkohol ist gunstiger zu bekommen, verbreiteter und der Erwerb durch Jugendliche weniger durch soziale Kontrolle eingeschrankt als in der Vergangenheit. Im Vergleich zum verfugbaren Taschengeld sind Alkoholika leicht erschwinglich und bezogen auf die Entwicklung der Lebenshaltungskosten in den vergangenen Jahren gunstiger geworden“ (Kuttler 2008, 16). Diese Faktoren begunstigen Jugendalkoholkonsum.

Eine groBe Rolle spielen auch die Eltern bzw. der elterliche Erziehungsstil. Kinder und Jugendliche orientieren sich an dem Verhalten und Handeln ihrer Eltern. Somit hat auch der Alkoholkonsum der Eltern einen deutlichen Einfluss auf das Konsumverhalten ihrer Kinder. Dieser Einfluss kann sowohl positiv als auch negativ sein (vgl. Bergler et al. 2000, 34). Das bedeutet, dass die „Familie der wichtigste Lernort ist, um Trinkmuster und Trinksitten festzulegen“ (ebd.). Das Risiko fur Kinder von alkoholabhangigen Eltern selbst alkoholabhangig zu werden ist somit eindeutig erhoht. Bei fast einem Drittel aller spateren Alkoholiker ist mindestens ein Elternteil selbst alkoholabhangig gewesen. Besonders Sohne von alkoholabhangigen Vatern weisen ein problematischeres Trinkverhalten und schwere Formen von Alkoholabhangigkeit auf (vgl. ebd., 35).

Eine groBe Rolle spielt auch der elterliche Erziehungsstil. Sowohl ein verstarkt autoritares als auch ein wenig an Regeln orientiertes und inkonsistentes Erziehungsverhalten haben negative Auswirkungen auf den Alkoholkonsum Jugendlicher (Bergler et al. 2000, 36).

Auch ein hohes MaB an familiaren Konflikten sowie Trennungen und Scheidungen der Eltern erhohen das Risiko fur einen fruhen Einstieg und einen spateren Alkoholmissbrauch. Eine fehlende emotionale Bindung an die Eltern hat ebenfalls Effekte auf den Substanzkonsum der Jugendlichen (vgl. Leppin 2000, 68 f).

Die gleichaltrigen Freunde sind ein weiterer wichtiger Einflussfaktor fur den Alkoholkonsum, da sich das Trinkverhalten wesentlich an dem der Gleichaltrigen orientiert. „Konsumieren die Mitglieder einer Peerguppe stark, dann konsumieren die Freunde mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls stark“ (Fischer & Lammel 2009, 90). Alkoholkonsum in der Gruppe dient dazu, Zusammenhalt, Starke und eine Abgrenzung von der Erwachsenenwelt zu demonstrieren (vgl. Bergler et al. 2000, 39).

Umgekehrt kann aber auch die mangelnde Integration in eine solche Gleichaltrigengruppe dazu fuhren, dass Alkohol konsumiert wird (vgl. Scherbaum 2007, 172 f).

Zu den intrapersonellen Einflussfaktoren zahlt zum einen das Geschlecht. Das Risiko von mannlichen Jugendlichen zu Problemkonsumenten zu werden ist nach wie vor hoher als das von weiblichen. Ursachen hierfur sind u. a. genetische und personliche Faktoren, aber auch das nach wie vor unterschiedliche Werte- und Normensystem, das fur weibliches und mannliches Verhalten herrscht (vgl. Leppin 2000, 72). In der letzten Zeit zeigen sich allerdings gewisse Angleichungsprozesse im Konsumverhalten der Madchen.

Zum anderen scheinen auch genetische Faktoren eine Rolle zu spielen. „Der einzelne Organismus reagiert unterschiedlich auf Alkohol. Genetische Faktoren beeinflussen Resorption, Stoffwechsel, spezifische Wirkungen und Zellmembrane, Transmitter-, Enzymsysteme und damit die Wirkungen auf Erfolgsorgane sowie die Ausscheidung des Alkohols“ (Schmidt 1986, 99). Zwillings- und Adoptionsstudien ergaben, dass ein genetisches Risiko an einer Alkoholabhangigkeit zu erkranken, viermal so hoch ist, wie bei risikoarmen Personen (vgl. Leppin 2000, 72 f). Die genetische Disposition wird unter Umstanden aber erst von weiteren Faktoren ,aktiviert’ (vgl. ebd., 74). Genetische Ursachen werden also als Grund fur einen auffalligen Alkoholkonsum oder auch Alkoholabhangigkeit nicht ausgeschlossen. Die Forschung in diesem Bereich ist jedoch lange noch nicht abgeschlossen (vgl. Friedrich 2005, 18).

Dispositionelle Faktoren haben ebenfalls Einfluss auf die Entwicklung eines vermehrten oder exzessiven Alkoholkonsums bei Jugendlichen. „Zum Suchtmittelkonsum disponieren auch Personlichkeitszuge wie Impulsivitat und Risikoverhalten“ (Scherbaum 2007, 171 f). Auch das haufige Uberschreiten sozialer Regeln (Delinquenz) gilt als Risikofaktor. Diese Variablen bestimmen wiederum die Wahl des Freundeskreises und die Nahe zu den Eltern, „was auf die sozialen Normen bezuglich des Umgangs mit Alkohol zuruckwirkt“ (Blomeyer et al. 2008, 23). Jugendliche mit derartigen Verhaltensstorungen beginnen meist fruher mit dem Konsum von Alkohol und konsumieren exzessiver als andere Jugendliche (vgl. Leppin 2000, 77). Es ist ein starker Zusammenhang zwischen antisozialen Verhaltensstorungen in der Kindheit und einer Alkoholabhangigkeit im Erwachsenenalter nachweisbar (vgl. ebd., 76).

Nicht zuletzt spielt auch das Stresserleben und die Stressbewaltigung eine Rolle. Das Erleben von Belastungen fuhrt zu einer emotionalen Missbefindlichkeit und vermindert das Kontrollerleben. Alkohol reduziert dagegen Anspannung und Unbehagen. Er wird von Jugendlichen als etwas Entspannendes und Beruhigendes angesehen, der Probleme fur eine gewisse Zeit verschwinden lasst bzw. von ihnen ablenkt. Die steigenden Leistungs- und Qualifikationsanforderungen an Jugendliche sind mit Gefuhlen von Leistungsversagen und Stress verbunden. Nicht selten werden auch Schulschwierigkeiten mit Alkoholkonsum und -missbrauch kompensiert (vgl. Friedrich 2005, 16). Vor allem Madchen reagieren verstarkt mit Alkoholkonsum auf stressreiche Ereignisse (vgl. Leppin 2000, 78). „Der Gebrauch von Alkohol wird dann problematisch, wenn die Belastung weiter steigt und der Jugendliche keinen anderen Weg findet oder finden will bzw. ihm nicht dabei geholfen wird, einen anderen Weg zu finden“ (Friedrich 2005, 11).

Ob und inwieweit tatsachlich psychoaktive Substanzen wie Alkohol gebraucht oder missbraucht werden, hangt von einem langfristigen kumulativen Prozess ab, in welchem verschiedene dieser Einflussfaktoren ineinander greifen, miteinander interagieren und sich in ihrer Wirkung verstarken oder blockieren (vgl. Leppin 2000, 67). Haufen sich jedoch im Laufe des Lebens diverse Risikofaktoren oder treten sie in bestimmten Konstellationen auf, wird die Wahrscheinlichkeit von Anfalligkeiten, Abweichungen und auch Suchterkrankungen erhoht (vgl. Riedinger 2007, 41).

3.3.2 Auswirkungen und Folgen exzessiven Alkoholkonsums

Exzessiver Alkoholkonsum oder Alkoholmissbrauch sind mit einer Reihe von physischen, psychischen, sozialen oder materiellen Beeintrachtigungen verbunden (Leppin 2000, 65). Diese sind nicht nur von der Dauer und Menge der Alkoholaufnahme, sondern auch von Alter, Geschlecht, Vorschadigung, individueller Vertraglichkeit sowie von zahlreichen Umweltfaktoren abhangig (vgl. Schmidt 1986, 109). Die Risiken exzessiven Alkoholkonsums wie Rauschtrinkens werden von den

Jugendlichen in der Regel unterschatzt. Die Forschung belegt aber sowohl kurz-, als auch mittel- und langfristige Gefahren (vgl. Blomeyer et al. 2008, 23).

Die unmittelbaren Auswirkungen bei exzessivem Alkoholkonsum konnen dramatisch ausfallen. Gerade im fruhen Jugendalter treten diese negativen Effekte schon bei einer relativ kleinen Menge konsumierten Alkohols auf (vgl. Settertobulte & Richter 2007, 18). So kann es zu riskanten Verhaltensweisen unter Alkoholeinfluss kommen, wie z.B. die Teilnahme am StraBenverkehr oder ein gefahrliches Sexualverhalten. Delinquentes oder gewalttatiges Verhalten unter Alkoholeinfluss ist nicht selten, wobei Jungen ein hoheres AusmaB an delinquentem Verhalten zeigen als Madchen. „Fast jede 2. Gewalttat von Jugendlichen wird unter Alkohol- oder Drogeneinfluss verubt“ (Trost 2004, 317).

„Alkohol ist ein Zellgift. Jede Zelle und somit jedes Organ konnen geschadigt werden. Kontinuierlicher Konsum kann daher zu schweren Erkrankungen fuhren“ (Backmund 2007, 170 f), wie z.B. Leberschaden, hirnorganischen Storungen oder Herz- Kreislauferkrankungen. Gerade bei jungen Menschen konnen bereits regelmaBig konsumierte geringe Mengen, schneller als bei Erwachsenen, zu korperlichen und seelischen Schadigungen fuhren, da die Psyche und der Korper noch nicht ausgereift und somit vulnerabler fur die Auswirkungen von Alkohol sind (vgl. Trost 2004, 316). So kann der ubermaBige Konsum von Alkohol wahrend der jugendlichen neuronalen Entwicklung mit einer Verschlechterung der geistigen Leistungsfahigkeit und Gehirngesundheit sowie mit funktionellen und strukturellen Schaden einhergehen (vgl. Tapert 2007, 65). Daruber hinaus zeigt sich auch ein erhohtes Risiko fur andere psychiatrisch Diagnosen wie Depressionen und Schizophrenien (vgl. Riedinger 2007, 43).

Die Zeitspanne vom Missbrauch bis hin zur Abhangigkeit ist bei Jugendlichen gegenuber dem Organismus Erwachsener verkurzt. So kann eine Alkoholabhangigkeit bereits innerhalb weniger Monate entstehen (vgl. Leppin 2000, 65). Je fruher das Einstiegsalter in den Alkoholkonsum, desto schneller kann es zu einer Abhangigkeitsentwicklung kommen (vgl. Trost 2004, 316).

Das Risiko eines zusatzlichen Missbrauchs anderer psychoaktiver Substanzen sowie das Risiko fur Suizidalitat werden erhoht (vgl. Klein 2001, 4). Immer wieder kommt es auch bei Jugendlichen zu Todesfallen durch Aspiration, Atemstillstand oder Herzversagen. „Uber 10 Prozent der Todesfalle unter jungen Frauen und ca. 25 Prozent der Todesfalle unter jungen Mannern stehen in Zusammenhang mit Alkoholkonsum“ (Kuttler 2008, 15).

Folgen im sozialen Bereich betreffen vor allem die Familie und die Schule bzw. den Arbeitsplatz. Exzessiver Alkoholkonsum kann zum Scheitern der Bewaltigung von jugendtypischen Entwicklungsaufgaben fuhren, zu dem u. a. schulische Misserfolge, instabile Ausbildungs- / Beschaftigungsverhaltnisse, gescheiterte Partnerbeziehungen, Gewalttatigkeit in der Beziehung, Teenager-Schwangerschaften und ,falsche’ Freunde gehoren (vgl. Laucht 2007, 47 f). Ebenso steigt das Risiko fur Probleme in der Familie und im gesellschaftlichen Kontext (vgl. Bellutti 2006, 63).

3.3.3 Die Gefahr einer Abhangigkeitserkrankung

Der Ubergang vom Gebrauch uber Missbrauch bis hin zur Abhangigkeit verlauft schleichend.

Nach dem ICD-10 handelt es sich beim Abhangigkeitssyndrom um eine Gruppe korperlicher, Verhaltens- und kognitiver Phanomene, bei denen der Konsum einer Substanz fur die betroffene Person Vorrang hat gegenuber anderen Verhaltensweisen, die von ihr fruher hoher bewertet wurden. Wesentliche Charakteristika der Abhangigkeit sind der aktuelle Konsum oder der starke Wunsch, eine psychotrope Substanz zu konsumieren. Der innere Zwang, Substanzen zu konsumieren, wird meist dann bewusst, wenn versucht wird, den Konsum zu beenden oder zu kontrollieren. (vgl. Dilling et al. 2005, 92 f).

Die physische Abhangigkeit ist gekennzeichnet durch Entzugserscheinungen, vegetative Symptome, aber auch psychische Symptome. Durch erneute Zufuhr der Substanz bessern sich diese Symptome rasch. Durch physiologische Mechanismen erhoht sich die Toleranz des Korpers fur die Droge. Dadurch kommt es zum Verlangen nach Dosissteigerung und zu Abstinenzerscheinungen. Die psychische Abhangigkeit kennzeichnet sich durch ein unabweisbares Verlangen nach der immer wiederkehrenden Einnahme einer Substanz. Diesem Verlangen werden nach und nach, ohne Rucksicht auf die Folgen, alle Lebenskrafte untergeordnet. Es entsteht ein Teufelskreis aus Verlangen, Beschaffung und Verheimlichung. Die seelische Abhangigkeit kann die korperliche auch nach erfolgtem Entzug uberdauern (vgl. Trost 2004, 282).

[...]


1 ARD-Reportage ‚Saufen bis der Arzt kommt – Kinder im Vollrausch’ vom 03.07.2008. Anzusehen ist die Reportage unter www.dokumentarfilm24.de/2008/07/03/komasaufen-jugendlicheund-alkohol-konsum/

2 Aspiration bedeutet das Eindringen flussiger oder fester Stoffe in die Atemwege (vgl. Pschyrembel 2004, 152).

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Exzessiver Alkoholkonsum von Jugendlichen
Untertitel
Eine empirische Untersuchung zu jugendlichem Konsumverhalten, Trinkmotiven und Auswirkungen von exzessiv Alkohol konsumierenden Mädchen und Jungen
Hochschule
Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - Abteilung Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
100
Katalognummer
V149423
ISBN (eBook)
9783640607839
ISBN (Buch)
9783640607648
Dateigröße
1689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alkohol, Jugendliche, Komasaufen, Binge Drinking, Alkoholmissbrauch
Arbeit zitieren
Anneke Krüskemper (Autor), 2009, Exzessiver Alkoholkonsum von Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149423

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