Im Sommer 2020 absolvierte ich ein sechswöchiges Praktikum in einer Tagesgruppe, das mir tiefgehende Einblicke in die Arbeit teilstationärer und stationärer Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe bot. In diesem Bericht wird das Handlungsfeld der Erziehung in einer Tagesgruppe beschrieben und die spezifische Einrichtung, in der das Praktikum stattfand, vorgestellt. Anschließend werde ich meine Praxistätigkeit reflektieren, wobei ein besonderer Fokus auf den theoretischen Hintergründen von Raum in der Pädagogik liegt. Es werden grundlegende Perspektiven aus der Forschungsgeschichte sowie Denkanstöße aus phänomenologischen und raumanthropologischen Theorien betrachtet, um die Auswirkungen unterschiedlicher räumlicher Kontexte auf das pädagogische Handeln zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Arbeitsfeld: Erziehung in einer Tagesgruppe
3 Praktikumsstelle: Tagesgruppe
4 Darstellung & Reflexion der eigenen Praxistätigkeit
5 Analyse der Erzeugung von Raum im Rahmen der Gestaltung von neuen Räumlichkeiten und des Umzugs der Praktikumsstelle
5.1 Theoretischer Hintergrund: Raum in der Erziehungswissenschaft
5.1.1 Theoretischer Rahmen – Grundlegendes
5.1.2 Phänomenologische & Raumanthropologische Denkanstöße für die pädagogische Raumgestaltung
5.2 Reflexion der Erzeugung von Raum und dessen pädagogische Rolle im Praktikum
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der Bedeutung von Räumen in der teilstationären Kinder- und Jugendhilfe auseinander. Basierend auf einem sechswöchigen Praktikum wird analysiert, wie pädagogische Prozesse durch räumliche Gegebenheiten beeinflusst werden, wobei insbesondere die baulichen Umbrüche während einer Umzugsphase der Einrichtung im Fokus stehen.
- Bedeutung pädagogischer Räume in der Kinder- und Jugendhilfe
- Sozialkonstruktivistische und phänomenologische Raumtheorien
- Wechselwirkung zwischen Raumbedingungen und Arbeitsatmosphäre
- Raum als Instrument der erzieherischen Strukturierung
- Die Rolle des "Heims" in der teilstationären Erziehung
Auszug aus dem Buch
5.1.2 Phänomenologische & Raumanthropologische Denkanstöße für die pädagogische Raumgestaltung
Eine theoretische Perspektive, die gut vereinbar mit der sozialkonstruktivistischen Sicht ist und dabei die materielle Dimension ebenfalls nicht vernachlässigt, ist die Phänomenologische. Die Phänomenologie fokussiert die individuelle Erfahrung von Erscheinungen in der sinnlich-körperlichen Welt. Erscheinungen, oder Phänomene, können beispielsweise die Räumlichkeiten einer Tagesgruppe sein, die bei den KlientInnen und MitarbeiterInnen über ihre Sinne bestimmte Erfahrungen auslösen. Personen schreiben ihren Eindrücken Bedeutung zu und erleben sie jeweils subjektiv und affektiv. Situationen werden ganzheitlich und direkt erlebt und mit Bedeutung verbunden. Darüber hinaus geht dieses „Erleben“ immer mit einem persönlichen „Ergehen“ einher. Ergehen meint ein persönliches Befinden und von einer Situation (bspw. eine bestimmte Gestaltung von Räumlichkeiten) beeinflusste Gefühlslage: „Räume des Ergehens […] tangieren die Individuen in einem atmosphärischen Sinne.“
Zudem werden Dinge grundsätzlich in einem bestimmten Kontext und einer gewissen Ausrichtung der Aufmerksamkeit wahrgenommen. Bedeutungszuschreibungen geschehen nicht völlig frei, sondern sind beeinflusst von biographischen Erlebnissen und Sozialisation. Infolgedessen postuliert Hasse eine „dynamische Wirklichkeit“ – die phänomenologisch verstandene Wirklichkeit ist nicht objektiv, physikalisch messbar und auch nicht abstrakt, sondern von einem „spürenden Subjekt“ abhängig.
Aus einer anthropologischen Sicht bestätigt Michael Göhlich die phänomenologische Idee eines subjektiven Raumerlebens: „[Es gibt] keinen wertneutralen Raum, sondern qualitativ unterschiedene Orte. Der erlebte Raum ist der Raum, wie er für den Menschen da ist.“ Raum gehört wesentlich zum menschlichen Sein dazu. Der Mensch hat zum einen ein Bedürfnis nach Offenheit, aber auch nach Geschlossenheit und Sicherheit im Raum.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Motivation für das Thema Raum in der Pädagogik ein, die durch praktische Erfahrungen während eines Umzugs in einer Tagesgruppe entstand.
2 Arbeitsfeld: Erziehung in einer Tagesgruppe: Dieses Kapitel erläutert die rechtlichen und konzeptionellen Grundlagen der teilstationären Hilfen zur Erziehung sowie die typischen Problemlagen der Zielgruppe.
3 Praktikumsstelle: Tagesgruppe: Hier wird der spezifische institutionelle Rahmen und die alltägliche Arbeitsweise der Einrichtung beschrieben, in der das Praktikum absolviert wurde.
4 Darstellung & Reflexion der eigenen Praxistätigkeit: Dieses Kapitel bietet einen Einblick in die konkreten Aufgaben und die persönlichen Erfahrungen während der sechswöchigen Praktikumszeit, insbesondere unter den Bedingungen eines provisorischen Standorts.
5 Analyse der Erzeugung von Raum im Rahmen der Gestaltung von neuen Räumlichkeiten und des Umzugs der Praktikumsstelle: Dieser Teil führt theoretische Perspektiven ein und analysiert die pädagogische Bedeutung der Raumgestaltung im Kontext der gemachten Praxiserfahrungen.
6 Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der theoretischen Überlegungen mit der praktischen Beobachtung, dass Raum in pädagogischen Settings stets durch Bedeutungszuschreibungen konstruiert wird.
Schlüsselwörter
Raumgestaltung, Pädagogik, Tagesgruppe, Kinder- und Jugendhilfe, Phänomenologie, Sozialkonstruktivismus, Spatial Turn, Raumtheorie, Ergehensraum, Lebenswelt, Erziehung, Praxisreflexion, Institutionelle Pädagogik, Raumaneignung, Hilfe zur Erziehung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die räumliche Dimension sozialpädagogischer Handlungsfelder, explizit am Beispiel einer Tagesgruppe für Kinder und Jugendliche.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themenfelder sind die erziehungswissenschaftliche Raumtheorie, die Bedeutung von Materialität im pädagogischen Setting sowie die Reflexion von Teamdynamik und Arbeitsatmosphäre in der Jugendhilfe.
Welches primäre Ziel und welche Forschungsfrage liegen der Arbeit zugrunde?
Das Ziel ist es, die theoretischen Begriffe der Raumproduktion mit den praktischen Erfahrungen einer Umbruchsphase (Umzug) in einer Tagesgruppe zu verbinden, um die pädagogische Relevanz räumlicher Gestaltung besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine praxisreflexive Arbeit, die auf Literaturanalyse (Sozialkonstruktivismus, Phänomenologie) und der Beobachtung/Reflexion der eigenen Praxistätigkeit basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung des Feldes, die Darstellung der eigenen Praxis und eine intensive theoretische und praktische Analyse, wie Räume durch Akteure konstruiert und als pädagogisches Werkzeug genutzt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Raumgestaltung, Tagesgruppe, Phänomenologie und Erziehungswissenschaft.
Welche Rolle spielt der Umzug während des Praktikums für die Analyse?
Der Umzug fungiert als Katalysator, da er die Mitarbeiter zwang, sich explizit mit der räumlichen Gestaltung auseinanderzusetzen, wodurch sich die "Wirkmacht" der Raumerzeugung im Team deutlich zeigte.
Warum wird der Begriff "sanfte Gewalt" im Kontext der Raumplanung verwendet?
Der Autor führt an, dass strategische Raumplanung durch die Vorgabe von Grenzen und Nutzungsmöglichkeiten non-verbal Verhalten steuert und somit erzieherisch wirkt, was eine moralische Komponente besitzt.
- Arbeit zitieren
- Katharina Schröders (Autor:in), 2021, Reflexion der Praxiserfahrung in einer Tagesgruppe vor dem Hintergrund des Begriffs Raum in der Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1494895