Diese Quellenkritik untersucht das Werk "Sclavenfang in Afrika" von R. Hartmann und analysiert das darin dargestellte Bild der Sklaverei. Die Arbeit beleuchtet, wie Hartmanns Herkunft aus dem Deutschen Reich sein Verständnis und seine Darstellung der afrikanischen Sklaverei beeinflusst haben könnte. Im Zentrum steht die Frage, inwieweit seine Perspektive durch koloniale und eurozentrische Denkweisen geprägt ist und wie sich diese in der Darstellung der Sklaverei in Afrika widerspiegeln. Dabei wird das Werk sowohl im historischen als auch im kulturellen Kontext des späten 19. Jahrhunderts verortet.
Inhaltsverzeichnis
1. Äußere Quellenkritik
2. Innere Quellenkritik
3. Quelleninterpretation
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert den zeitschriftenartikel „Sclavenfang in Afrika“, veröffentlicht 1872 in „Die Gartenlaube“, um zu verstehen, welches Bild von Sklaverei in der Quelle konstruiert wird und wie dieses im Kontext der nationalen Identität sowie der kolonialen Geschichte des damaligen Deutschen Reiches verortet werden kann.
- Analyse der narrativen Konstruktion von Sklaverei in massenmedialen Formaten des 19. Jahrhunderts
- Untersuchung der Entmenschlichung und Stereotypisierung von Täter- und Opfergruppen
- Kritische Reflexion der Rolle Deutschlands in der globalen Sklavereigeschichte
- Überprüfung der Authentizität eines angeblichen Augenzeugenberichts versus fiktionaler Erzählmittel
- Kontrastierung der Darstellung mit dem historischen Hintergrund wirtschaftlicher Verflechtungen
Auszug aus dem Buch
3. Quelleninterpretation
Neben der Intention des Verfassers, einen für das Massenblatt Gartenlaube gut verwendbare Erzählung zum schreiben, lässt sich ein weiteres Motiv erkennen. Die anschauliche Schilderung der Brutalität der Nomadenkrieger lässt die überfallenen Dinkas als hilflose Opfer, die aber trotzdem mutig sind, insgesamt in einem eher positiven Licht erscheinen: „mutig wie Löwen werfen sie sich ihren Angreifern entgegen“ (S. 343). Dies deckt sich mit der Tendenz in den restlichen Schriften des Autors, ein positives Bild von Afrikanern zu zeichnen (s.o.). Nichtsdestotrotz wird aber durch den vorliegenden Täter-Opfer-Dualismus ein jeweils stereotypes und implizit animalisches Bild der beiden Gruppen konstruiert.
Erstens scheinen die Täter des Sklavenfanges nicht von rationalen Motiven geleitet, sondern sind von religiösem Eifer getrieben, was an zahlreichen Stellen zum Ausdruck kommt: „im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen“ (S. 343). Ihre Menschlichkeit wird ihnen implizit abgesprochen durch die Abartigkeit ihrer Ernährung auf der Reise („trübes Lehmwasser“) und durch die Unmenschlichkeit und offensichtliche Brutalität in ihrem Umgang mit den Dinkas: „Eisenherz eines Nomaden“ (S. 343). Im Anbetracht der Herkunft aus dem westlichen Kulturkreis sowohl des Verfassers als auch der Leserschaft stehen hier implizit die Brutalität und Animalität der „braunen Nomaden islamitischer Religion“ (S. 343) im Gegensatz zur westlichen, zivilisierten und christlichen Gesellschaft des Deutschen Reiches. Sklaverei erscheint hier als Phänomen, das dem religiösen Aberglauben und der triebgeleiteten Aggression einer nicht-sesshaften, nicht-weißen Gruppe von Menschen entspringt und nicht als globales Phänomen, in welches die Gebiete des Deutschen Reiches (bevor es dieses offiziell gab) maßgebliche Verwicklungen hatten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Äußere Quellenkritik: Dieses Kapitel verortet den Artikel im zeitgeschichtlichen Kontext der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ und analysiert deren Rolle als Massenblatt zur Unterhaltung und moralischen Belehrung des bürgerlichen Publikums.
2. Innere Quellenkritik: Hier wird der Inhalt des Artikels zusammengefasst und die Authentizität des Textes hinterfragt, wobei die Erzählung als fiktionaler Bericht entlarvt wird, der von tatsächlichen Forschungsreisen des Autors inspiriert wurde.
3. Quelleninterpretation: In diesem Teil wird die Konstruktion der Täter-Opfer-Beziehung beleuchtet und aufgezeigt, wie der Autor durch die Entmenschlichung aller Beteiligten das Phänomen Sklaverei in weite Ferne rückt, um so die deutsche Mitverantwortung auszublenden.
Schlüsselwörter
Sklaverei, Gartenlaube, Robert Hartmann, Dinka, Sklavenjagd, Kolonialismus, Quellenkritik, Entmenschlichung, Stereotypisierung, Deutsches Reich, 19. Jahrhundert, Transatlantischer Sklavenhandel, Fiktionalisierung, Eurozentrismus, Sudan
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht eine Quelleninterpretation des 1872 in der „Gartenlaube“ erschienenen Artikels „Sclavenfang in Afrika“ hinsichtlich seiner Wirkung und historischen Einordnung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der postkoloniale Blick auf historische Sklavenberichte, die mediale Konstruktion von Stereotypen über Afrikaner und die Leugnung deutscher Verwicklungen in den globalen Sklavenhandel.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, welches Bild von Sklaverei im untersuchten Text konstruiert wird und wie dieses Bild zur Herkunft des Autors und seiner Leserschaft im Deutschen Reich in Bezug steht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet die klassische Methode der Quellenkritik (äußere und innere Kritik) sowie eine inhaltsanalytische Interpretation zur Dekonstruktion der dargestellten Stereotype an.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Authentizität des Berichts, die Strategien der Entmenschlichung durch den Autor und den bewussten Ausschluss der historischen Mitverantwortung Deutschlands an der Sklaverei.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie „Sklaverei“, „Quellenkritik“, „Entmenschlichung“ und „koloniale Verstrickungen“ gekennzeichnet.
Warum wird der Bericht als fiktional eingestuft?
Obwohl der Autor tatsächlich bereiste Gebiete beschreibt, belegen Zeitablauf und inhaltliche Details, dass er bei den geschilderten Ereignissen nicht anwesend war und der Text als dramatische Erzählung für ein Unterhaltungsmagazin verfasst wurde.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Täter- und Opferbild?
Beide Gruppen werden als „andere“ und „nicht-zivilisiert“ gezeichnet; während der Autor den Dinka zwar ein gewisses „mutiges“ Wesen zuschreibt, werden sowohl sie als auch die Beduinen durch Tiervergleiche in ihrer Menschlichkeit entfremdet.
Welche Bedeutung hat das „Eisenherz eines Nomaden“ für die Interpretation?
Diese Phrase dient der Autorin dazu aufzuzeigen, wie dem Täter die Zivilisiertheit abgesprochen wird, was den Kontrast zur vermeintlich christlichen, zivilisierten Gesellschaft des Deutschen Reiches verstärkt.
Welcher Widerspruch wird zwischen der Quelle und der Geschichte des deutschen Reiches aufgezeigt?
Die Quelle stellt Sklaverei als ein rein fremdes, barbarisches Phänomen dar, während die historische Faktenlage belegt, dass deutsche Handelsstrukturen und Wirtschaftsregionen maßgeblich von den Erträgen des Sklavenhandels profitierten.
- Arbeit zitieren
- Katharina Schröders (Autor:in), 2024, Kritische Analyse von R. Hartmanns "Sclavenfang in Afrika". Das Bild der Sklaverei und der deutsche Blickwinkel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1494896