Die vorliegende Lehrprobenstunde stellt die dritte Unterrichtsstunde innerhalb der fünfzehnstündigen Unterrichtseinheit »Handlungs- und produktionsorientierter Umgang mit der Ganzschrift „Ben liebt Anna“« dar. Die Stunde bezieht sich formal auf die erste Schlüsselszene des zweiten Kapitels des Buches (S.12-13), in der die Protagonistin Anna vorgestellt wird und als neue Schülerin in Bens Klasse kommt. Die Schüler sollen sich, ausgehend von eigenen Vorstellungen und Gedanken zum Thema »Fremd sein in einer Klasse«, mit dieser ersten Schlüsselszene des zweiten Kapitels intensiv befassen. Indem sie einen Tagebucheintrag aus der Perspektive Annas verfassen, sollen sie zeigen, dass sie sich empathisch in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin einfühlen können. Vor allem im Hinblick auf das bevorstehende Ende ihrer Grundschulzeit und dem damit verbundenen Schulwechsel, werden die Relevanz und der Lebensweltbezug der Situation Annas für die Schüler deutlich: Sie werden durch die Auseinandersetzung mit Annas erstem Tag in ihrer neuen Klasse einerseits sensibilisiert für die Situation »fremd in einer Klasse zu sein« und erhalten andererseits die Möglichkeit, über die mit dem nahenden Schulwechsel verbundenen persönlichen Hoffnungen und Ängste zu sprechen und diese schriftlich zum Ausdruck zu bringen.
In der vorliegenden Stunde steht die im Roman literarisch verarbeitete Problematik des Umgangs mit Fremdheit im Vordergrund und nicht die Liebesgeschichte zwischen Ben und Anna. So erhielten die Schüler in der Einführungsstunde der Einheit einen ersten Zugang zum Kernthema des Buches, indem sie mittels einer Collage ihre individuellen Assoziationen zum Begriff »Liebe« artikulierten und anhand des Titelbildes bereits einen Bezug zur Thematik der Ganzschrift herstellten. Nachdem in der darauffolgenden Stunde zunächst der Aufbau des Buches besprochen wurde, lernten die Schüler anhand der Lektüre des ersten Kapitels den Protagonisten Ben kennen, entwickelten erste Vorstellungen zu dessen Gefühls- und Lebenswelt und verschriftlichten seine Fantasien, Gedanken und Empfindungen. Während in der vierten und fünften Stunde der Einheit die Hauptfiguren des Buches und deren Beziehung untereinander im Mittelpunkt stehen, werden in den darauffolgenden Stunden nacheinander jeweils zentrale Bedeutungsaspekte der einzelnen Kapitel – vor allem im Hinblick auf die Entwicklung der »Liebesbeziehung« zwischen Ben und Anna – bearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Bedingungsfeld
1.1 Schule und Situation des LAA
1.2 Klasseninterne Bedingungen
2. Sachanalyse
2.1 Peter Härtling
2.2 Der Roman »Ben liebt Anna«
2.3 Interpretationsaspekte des zweiten Kapitels
3. Didaktische Analyse
3.1 Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht
3.2 Begründung und Einordnung des Themas im Lehrplan
3.3 Voraussetzungen der Lerngruppe bezüglich der Kompetenzen
3.4 Didaktische Reduktion
4. Kompetenzen
4.1 Die Kompetenzerwartung der Stunde (Grobkompetenz)
4.2 Teilkompetenzen
5. Methodische Entscheidungen
5.1 Darstellung der Unterrichtsschritte und deren Begründung unter Berücksichtigung methodischer Überlegungen
6. Verlaufsplanung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Unterrichtsstunde zielt darauf ab, die Schüler für die Problematik des Fremdseins in einer Klasse zu sensibilisieren, indem sie sich empathisch in die Gedanken- und Gefühlswelt der Romanfigur Anna aus Peter Härtlings "Ben liebt Anna" einfühlen und deren Erlebnisse sowie eigene Vorstellungen in einem Tagebucheintrag reflektieren.
- Empathieentwicklung durch den perspektivischen Tagebucheintrag.
- Literarische Auseinandersetzung mit dem Thema "Fremdsein" und Ausgrenzung.
- Nutzung produktionsorientierter Verfahren im Deutschunterricht.
- Verknüpfung literarischer Inhalte mit der eigenen Lebenswelt.
Auszug aus dem Buch
A 6 – Kapitelabschnitt »Ben liebt Anna« (Kapitel 2/Seite 12-13)
Anna war zu Beginn des vierten Schuljahrs neu in die Klasse gekommen. Herr Seibmann, der Klassenlehrer, hatte sie an einem Morgen vor sich durch die Tür geschoben und gesagt: Das ist eure neue Mitschülerin. Sie heißt Anna Mitschek. Seid nett zu ihr. Sie ist erst seit einem halben Jahr in Deutschland. Vorher lebte sie mit ihren Eltern in Polen.
Alles war komisch an Anna.
Sie hatte keine Jeans an, sondern ein zu langes, altmodische Kleid. Sie hatte nur einen Zopf und auch der war zu lang. Sie war blass und dünn und schniefte.
Ben fand Anna scheußlich.
Ein paar fingen an zu kichern.
Benehmt euch, sagte Herr Seibmann. Er setzte Anna neben Katja an den Tisch und Katja rückte gleich ein bisschen weg von Anna. Anna tat so, als merke sie das alles nicht.
Ben fand, Anna passe nicht in die Klasse. Er musterte sie noch einmal. Da hob sie den Kopf und guckte ihn an. Er fuhr richtig zusammen. Sie hatte riesige braune Augen, die waren ungeheuer traurig. Solche Augen hatte er noch nie gesehen. Er wusste auch nicht, wie er darauf kam, sie traurig zu finden. Er dachte: Solche Augen darf man nicht haben. Sie machen einem Angst. Er sah nicht mehr hin.
In den nächsten Tagen kümmerte sich niemand um Anna. Herr Seibmann mahnte die Klasse nicht gemein zu sein. Wenn Anna wenigstens mal heulen würde, dachte Ben. Das tat sie nicht.
Katja fand Anna ekelhaft. Die stinkt, meinte sie, und richtig schreiben kann sie auch nicht. Mit zehn kann die nicht einmal richtig schreiben.
Bernhard sagte: Die kann vielleicht polnisch schreiben.
Die ist überhaupt eine Polin und keine Deutsche, sagte Katja. Das war Ben zuviel. Er packte Katja am Arm. Hör bloß auf. Du stinkst doch selber.
Zusammenfassung der Kapitel
Bedingungsfeld: Analyse der schulinternen Situation, der Rolle des Lehramtsanwärters sowie der soziokulturellen und lernpsychologischen Bedingungen der Klasse 4.2.
Sachanalyse: Einordnung des Werkes von Peter Härtling in den sozialkritischen Realismus und Interpretation der thematischen Schwerpunkte des zweiten Kapitels.
Didaktische Analyse: Begründung für die Wahl des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts sowie Einordnung in den Kernlehrplan und didaktische Reduktion.
Kompetenzen: Definition der Grob- und Teilkompetenzen, die sich auf Empathiefähigkeit, Textproduktion und Reflexionsfähigkeit beziehen.
Methodische Entscheidungen: Erläuterung der methodischen Schritte, wie Fantasiereise und Tagebuchschreiben, zur Erreichung der Lernziele.
Verlaufsplanung: Detaillierte tabellarische Darstellung des Unterrichtsablaufs inklusive Zeitplan, Aktionsformen und methodischen Kommentaren.
Schlüsselwörter
Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht, Ben liebt Anna, Peter Härtling, Fremdsein, Empathie, Grundschule, Deutschunterricht, Tagebucheintrag, Sozialkritischer Realismus, Integrationsprozess, Identitätsentwicklung, Literaturdidaktik, Klassengemeinschaft, Fantasiereise, Schülerbezug.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit stellt den Entwurf für eine Prüfungslehrprobe im Fach Deutsch in der Grundschule dar, die sich mit dem handlungs- und produktionsorientierten Umgang mit der Ganzschrift "Ben liebt Anna" von Peter Härtling befasst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Umgang mit Fremdheit, die sozialen Mechanismen der Ausgrenzung in einer Klasse sowie die Förderung von Empathie und Identitätsbildung bei Grundschülern.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, dass die Schüler sich empathisch in die Situation der neuen Mitschülerin Anna einfühlen und ihre Gedanken und Gefühle im Kontext des "Fremdseins" kreativ in einem Tagebucheintrag reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht angewendet, wobei gezielt Verfahren wie die Fantasiereise und kreative Schreibaufträge (Tagebucheintrag) zur Textarbeit genutzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Sachanalyse des Romans und des Autors, eine didaktische Analyse der Unterrichtseinheit unter Berücksichtigung von Lehrplanvorgaben, eine Kompetenzdefinition sowie methodische Entscheidungen für den Unterrichtsverlauf.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht, Fremdsein, Empathie, Identitätsentwicklung, Integrationsprozess und literarisches Lernen in der Grundschule.
Welche Bedeutung hat die Fantasiereise in der Stunde?
Die Fantasiereise dient als emotionaler Zugang zur Thematik des "Fremdseins", um die Schüler auf den nahenden Schulwechsel vorzubereiten und die Identifikation mit der Protagonistin Anna zu erleichtern.
Warum wurde für die Schüler ein "Tipp-Blatt" erstellt?
Das Tipp-Blatt dient der Differenzierung, um leistungsschwächere Schüler beim Schreibprozess zu unterstützen und Schreibblockaden durch das Bereitstellen hilfreicher Stichwörter zu vermeiden.
- Quote paper
- Sebastian Schmidt (Author), 2010, Handlungs- und produktionsorientierter Umgang mit der Ganzschrift „Ben liebt Anna“ - Anna ist fremd in der Klasse (Kapitel 2) , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149489