Endlich ist es soweit, das Kind wird eingeschult. Mit gemischten Gefühlen schicken die Eltern ihren Erstklässler ‚ins Leben’. Viele Fragen gehen ihnen dabei durch den Sinn: Wie wird es sich entwickeln? Wird es gut mitkommen? Was ist, wenn Probleme entstehen? Andererseits, das Kind war reif für neue Herausforderungen. Zumindest hat das Gesundheitsamt diese elterliche Beobachtung bestärkt. Bei dem Schulreifetest gab es weder gesundheitliche noch sprachliche Probleme. Also kann doch nichts schief gehen – oder?
Auch der Lehrer/in hat sich emotional auf die neue Klasse einzustellen versucht. Viel Arbeit wurde in die Organisation zum problemlosen Start und für den weiteren Unterrichtsverlauf aufgewendet. Doch schon nach den Herbstferien stellt er fest, dass ein Kind trotz aller Bemühungen, Übungen und Hilfestellungen von seiner Seite und der der Eltern im Deutschunterricht überhaupt nicht mitkommt. An der Intelligenz scheint es nicht zu liegen, die hat es in den anderen Fächern genug unter Beweis gestellt. Schon das Lesen macht dem Schüler Probleme, von den vielen Fehlern beim Schreiben von so oft geübten Worten ganz zu schweigen.
Woran liegt das? Sowohl der Lehrer als auch die Eltern sind sich einig, es muss eine andere Ursache haben. Vielleicht kann hier ein Schulpsychologe helfen?
Nach ausführlichen Einzelgesprächen des Psychologen mit den Eltern und dem Lehrer schlägt der Facharzt vor, einen Test zu machen, um die Probleme des Schulanfängers genauer lokalisieren zu können. Zu diesem Zweck stellt er das Verfahren „Der Rundgang durch Hörhausen“ von Martschinke, Kirschhock & Frank vor, welches zur Diagnose und Förderung im Schriftspracherwerb vor allem für Erstklässler konzipiert wurde (ausführliche Erläuterung unter VIII. 2. 1).
Nach dem Test steht fest: Es liegt nicht an den kognitiven Fähigkeiten, sondern an der schlecht ausgebildeten phonologischen Bewusstheit des Kindes. Nun wird ein Plan erstellt, nach dem der Junge diese Fähigkeiten im Rahmen des Verfahrens üben kann…
Trotz aller Maßnahmen bleiben die Zweifel der Eltern. Zu viele Fragen beschäftigen sie noch: Was ist das eigentlich, phonologische Bewusstheit? Und ist sie überhaupt trainierbar? Macht der ganze Aufwand Sinn?
Im Folgenden wird der Antwort auf diese Fragen im Rahmen des bisherigen Forschungsstandes nachgegangen und die phonologische Bewusstheit auf ihre Eigenschaften und Bedeutung hin untersucht.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Phonologische Bewusstheit im Rahmen der Sprachbewusstheit
II. 1 Phonologische Bewusstheit
II. 1. 1 Definition
II. 1. 2 Analysetypologie der Phonologischen Bewusstheit
II. 2 Phonem-Graphem-Korrespondenz / Graphem-Phonem-Korrespondenz
II. 3 Rekodieren / Dekodieren
II. 4 Problem
II. 5 Sprachbewusstheit
II. 5. 1 Definition
II. 5. 2 Bereiche der Sprachbewusstheit
II. 5. 3 Fazit
III. Relevanz der phonologischen Bewusstheit
III. 1 Vorläufermerkmale des Schriftspracherwerbs
III. 2 Phonologisches Sprachverständnis bei Vorschulkindern
IV. Studie zur phonologischen Bewusstheit
IV. 1 Versuchsplan
IV. 2 Trainingsprogramm
IV. 3 Die Tests
IV. 3. 1 Der Vor- und Nachtest
IV. 3. 2 Der Metaphonologische Transfertest
IV. 3. 3 Der Lese- und Rechtschreibtest
IV. 4 Trainingseffekte
IV. 4. 1 Unmittelbare Trainingseffekte – Nachtest
IV. 4. 2 Langfristige Trainingseffekte – Metaphonologischer Transfertest
IV. 4. 3 Langfristiger Trainingseffekt – Lese- und Rechtschreibtest
IV. 5 Zusammenfassung der Ergebnisse
IV. 6 Fazit
V. Weitere Studien
V. 1 Trainingsstudie von LUNDBERG, FROST und PETERSEN
V. 2 SCHNEIDER - Adaption der Trainingsstudie von LUNDBERG u. a.
V. 3 CUNNINGHAM - Studie
V. 4 HATCHER, HULME und ELLIS
VI. Contra – Studien
VI. 1 TORGESEN, WAGNER und ASHOTTE
VI. 2 WEINER
VI. 3 MANNHAUPT
VI. 4 Fazit
VII. Zeitpunkt für das Training der phonologischen Bewusstheit
VIII. Phonemanalytische Kompetenzen bei Schulbeginn
VIII. 1 Einleitung
VIII. 2 Verfahren zur Erfassung phonemanalytischer Kompetenzen
VIII. 2. 1 Diagnose und Förderung im Schriftspracherwerb. Der Rundgang durch Hörhausen von Martschinke, Kirschhock & Frank
VIII. 2. 2 Das Bielefelder Screening (BISC) zur Erkennung von Lese Rechtschreibschwierigkeiten von Jansen, Mannhaupt, Marx & Sowronek
VII. 2. 3 Andere Diagnoseverfahren
IX. Förderprogramme zur Übung phonologischer Bewusstheit
IX. 1 „Hören, lauschen, lernen“ von Küspert, P. & Schneider W.
IX. 2 Diagnose und Förderung im Schriftspracherwerb. Der Rundgang durch Hörhausen von Forster, M. & Martschinke, S.
X. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung der phonologischen Bewusstheit für den Schriftspracherwerb und klärt die wissenschaftlich fundierte Frage, ob und unter welchen Bedingungen diese Kompetenz gezielt trainiert werden kann, um Lernschwierigkeiten bei Schulanfängern vorzubeugen.
- Grundlagen der phonologischen Bewusstheit und Sprachbewusstheit
- Zusammenhang zwischen phonologischer Bewusstheit und Lese-/Rechtschreibleistungen
- Analyse empirischer Trainingsstudien und deren langfristige Effekte
- Kritische Auseinandersetzung mit "Contra-Studien"
- Diagnoseverfahren für phonemanalytische Kompetenzen bei Schulbeginn
- Vorstellung effektiver Förderprogramme für die Praxis
Auszug aus dem Buch
II. 1. 2 Analysetypologie der Phonologischen Bewusstheit
Um die phonologischen Fähigkeiten besser herausfinden und präzisieren zu können, werden sie nach ihrer Analysefunktion unterteilt und entsprechend benannt:
1. 2. 1 Segmentieren /Analysieren: Gliederung eines Wortes in vorgegebene linguistische Einheiten, z.B. Gliedern von gesprochenen Worten in Silben, Phoneme, Abtrennen eines Segments z.B. Anlauts, Silbenbeginns oder Reims (Schreiben von Silbenbögen).
1. 2. 2 Identifizieren (hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, deshalb ist ein Festlegen des Schweregrades notwendig):
• Herausfinden bestimmter Phoneme in den Wörtern, z.B. Heraushören eines Lautes
• Bestimmen der Position einer Einheit im Wort (ob Anfang, Mitte oder Ende)
1. 2. 3 Synthesieren: Vorgegebene linguistische Einheiten sollen zusammen gefügt werden, z.B. vorgesprochene Silben in Worte zusammenfassen.
1. 2. 4 Manipulieren: Linguistische Einheiten sollen weggelassen, hinzugefügt oder vertauscht werden, z.B. Laute weggelassen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Herausforderungen beim Schriftspracherwerb und stellt die zentrale Fragestellung der Trainierbarkeit der phonologischen Bewusstheit vor.
II. Phonologische Bewusstheit im Rahmen der Sprachbewusstheit: Dieses Kapitel definiert zentrale Fachbegriffe und unterteilt die Sprachbewusstheit in verschiedene funktionale Bereiche.
III. Relevanz der phonologischen Bewusstheit: Hier wird der Zusammenhang zwischen phonologischer Bewusstheit als Vorläufermerkmal und dem Erfolg beim Erlernen des Lesens und Schreibens erläutert.
IV. Studie zur phonologischen Bewusstheit: Das Kapitel stellt eine empirische Untersuchung vor, die den Trainingserfolg bei Vorschulkindern anhand verschiedener Testverfahren dokumentiert.
V. Weitere Studien: Es werden ergänzende wissenschaftliche Untersuchungen angeführt, die die positiven Effekte von Trainingsprogrammen bestätigen.
VI. Contra – Studien: Hier werden kritische Positionen dargestellt, die Zweifel an der isolierten Trainierbarkeit der phonologischen Bewusstheit äußern.
VII. Zeitpunkt für das Training der phonologischen Bewusstheit: Das Kapitel diskutiert die pädagogische Notwendigkeit und den optimalen Zeitpunkt für Fördermaßnahmen.
VIII. Phonemanalytische Kompetenzen bei Schulbeginn: Es werden Diagnoseverfahren vorgestellt, um den individuellen Förderbedarf von Schulanfängern zu ermitteln.
IX. Förderprogramme zur Übung phonologischer Bewusstheit: Dieses Kapitel präsentiert konkrete Förderprogramme und Materialien für den Einsatz in Schule und Kindergarten.
X. Resümee: Das Resümee fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer engen Kooperation zwischen Elternhaus und Schule.
Schlüsselwörter
Phonologische Bewusstheit, Schriftspracherwerb, Sprachbewusstheit, Metaphonologie, Phonemanalyse, Lautsynthese, Schulanfang, Leselernprozess, Rechtschreibschwäche, Förderprogramme, Diagnoseverfahren, Trainingseffekte, Alphabetschrift, Vorschulförderung, Segmentierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung der phonologischen Bewusstheit für Kinder beim Erlernen des Lesens und Schreibens sowie die Möglichkeiten, diese Fähigkeit durch gezielte Programme zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretischen Grundlagen der phonologischen Bewusstheit, die Analyse empirischer Studien, die Vorstellung geeigneter Diagnoseverfahren sowie erprobte Förderkonzepte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, auf Basis der aktuellen Forschung zu klären, ob die phonologische Bewusstheit eine trainierbare Größe ist und welchen Beitrag ein solches Training zur Prävention von Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten leisten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender Forschungsstudien sowie der Auswertung empirischer Erkenntnisse aus Trainingsuntersuchungen und pädagogischen Diagnoseinstrumenten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung, die detaillierte Darstellung von Trainingsstudien (einschließlich kritischer Positionen), die Diskussion des Zeitpunkts für Fördermaßnahmen sowie die Vorstellung diagnostischer und förderdiagnostischer Verfahren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind phonologische Bewusstheit, Schriftspracherwerb, Metaphonologie, Phonemanalyse, Förderprogramme, Diagnose und präventive Intervention.
Warum wird im Text zwischen "engerem" und "weiterem" Sinn der phonologischen Bewusstheit unterschieden?
Diese Unterscheidung ist notwendig, da die phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne (Silben/Reime) vielen Kindern leichter fällt, während die phonologische Bewusstheit im engeren Sinne (Phonemanalyse) kognitiv anspruchsvoller ist und oft gezielter Instruktion bedarf.
Welche Rolle spielt der "Matthäus-Effekt" bei der phonologischen Bewusstheit?
Der Matthäus-Effekt ("Wer da hat, dem wird gegeben werden") beschreibt, dass Kinder mit einer gut entwickelten phonologischen Bewusstheit leichter lesen lernen, was wiederum ihre Sprachkompetenz weiter steigert, während Kinder mit Defiziten zunehmend den Anschluss verlieren können.
- Citar trabajo
- Lilli Fröse (Autor), 2008, Schriftspracherwerb - Ist phonologische Bewusstheit trainierbar?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149545