Seit elf Jahren lebe ich inzwischen in Berlin. In dieser Großstadt sind die aus der Teilung und der Vereinigung des Landes resultierenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Bevölkerung in den täglichen Begegnungen präsent wie in kaum einer anderen Region der Bundesrepublik. [...]
Germanistik, Philologie, Kommunikationswissenschaft oder Psychologie, so könnte man denken, sind die klassischen Fachbereiche, die sich mit der hier zugrundegelegten Fragestellung beschäftigen. In der Tat erscheint ein Exkurs in diese Wissenschaftsbereiche nötig, um das Problem umfassend in seiner Komplexität zu bearbeiten. Dennoch haben die Konsequenzen, die sich aus den Ergebnissen des aktuellen Forschungsstandes ergeben, durchaus Auswirkungen auf die verschiedensten Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und werden somit eben auch für einen Politologen relevant.
Ausgangsfragen, Hypothesenbildung und Aufbau der Arbeit
Grundlage dieser Arbeit ist die Annahme, dass auch 15 Jahre nach der Vereinigung Unterschiede in der Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen bestehen. Zunächst möchte ich diese spezifischen Differenzen beispielsweise anhand nonverbaler Kommunikation und der Kommunikationskontexte herausarbeiten. Am Anfang steht also die Frage, worin sich die Sprache in den beiden Teilen der Bundesrepublik heute unterscheidet, und in welcher Entwicklungstendenz diese Differenzen sich bewegen. Die Konsequenzen, die sich aus dieser Bestandsaufnahme für die Menschen von der ersten Begegnung an, über private und berufliche Beziehungen hinweg bis hin zur öffentlichen Meinung und der Politik in dieser Gesellschaft ergeben, sind dann im folgenden Kapitel Untersuchungsgegenstand. Dabei soll gefragt werden, wie sich die unterschiedlichen Kommunikationsformen auswirken. Nicht zuletzt wird es darum gehen, wie wir es schaffen können, Nachteile aus den Kommunikationsunter-schieden zu vermeiden und die darin liegenden Vorteile zu nutzen. Aus der Frage-stellung, wie die Unterschiede in der Sprache aussehen, wozu sie führen, und wie wir damit umgehen, lässt sich also als Grundlage für diese Arbeit die Hypothese formulieren, dass die Kommunikationsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen nicht nur zu Problemen und Missverständnissen führen, sondern auch ein Potential zur Bereicherung unserer Gesellschaft und deren zwischenmenschlichen Beziehungen darstellen können.
Gliederung
1 Einleitende Vorbemerkung
1.1 Themenfindung und Abgrenzung
1.2 Ausgangsfragen, Hypothesenbildung und Aufbau der Arbeit
2 Bestandsaufnahme: Kommunikationsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland
2.1 Nonverbale Kommunikation
2.2 Kommunikationskontext
2.3 Im Wandel der Zeit: das gesprochene Wort
2.3.1 Exkurs: Differenzen zwischen Nachkriegszeit und Wende
2.3.2 Sprachwandel nach der Wende
2.3.3 Vier Phasen der Ost- Westkommunikation
3 Konsequenzen der Kommunikationsunterschiede
3.1 Begegnungen
3.2 Beziehung und Familie
3.3 Beruf
3.4 Medien
3.5 Politik
4 Abschließendes Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die anhaltenden Kommunikationsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen 15 Jahre nach der Wiedervereinigung, um zu analysieren, wie diese Differenzen Missverständnisse hervorrufen und ob sie Potenzial für eine gesellschaftliche Bereicherung bieten.
- Analyse nonverbaler Kommunikationsmuster und deren Einfluss auf zwischenmenschliche Begegnungen.
- Untersuchung unterschiedlicher Kommunikationskontexte (Individualität vs. Gemeinschaftsorientierung).
- Darstellung des sprachlichen Wandels und der ideologischen Prägung von Begriffen.
- Evaluation der Auswirkungen auf private Beziehungen, den Berufsalltag und die politische Kultur.
Auszug aus dem Buch
2.1 Nonverbale Kommunikation
Der Mensch kommuniziert immer, auch wenn er noch gar kein Wort gesprochen hat. Kommunikationswissenschaftler behaupten, dass sich bereits innerhalb der ersten sieben Sekunden einer Begegnung entscheidet, ob sich Menschen sympathisch oder unsympathisch sind, ob ein Gespräch stattfindet, oder man sich lieber aus dem Weg geht. Mimik, Körperhaltung und -bewegungen, die Kleidung, die Haut und Frisur, der Geruch und die Ausstrahlung werden dabei wahrgenommen. Alles wird jeweils von beiden Gesprächspartnern zu einem Muster zusammengefügt, mit bisherigen Erfahrungen abgeglichen und so eine erste Einordnung des Gegenübers vorgenommen. Gleichzeitig findet eine nonverbale Interaktion statt: lächelt der andere und wenn wie, oder schaut er eher grimmig? Schaut man sich bei der Begegnung in die Augen und wie lange? Wie groß ist dabei der Abstand, den man voneinander hält?
Diese Eindrücke werden noch verstärkt durch einen unterschiedlich als „normal“ empfundenen Abstand beim Gespräch. Der Westdeutsche tendiert zu einer zwischen zehn und 30 Zentimeter größeren Körperdistanz zu seinem Gesprächspartner. Während also der Ostdeutsche diese für sein Empfinden zu große Distanz durch ein Näherrücken zu korrigieren versucht, weicht der Westler sehr schnell wieder ein bis zwei Schritte zurück, um einen angemessenen Gesprächsabstand herzustellen. Unverbindlichkeit, Distanznahme und Abweisung auf der einen Seite stehen Aufdringlichkeit, Einengung und Beklemmung als resultierende Gefühle auf der anderen Seite gegenüber.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitende Vorbemerkung: Die Einleitung stellt die Motivation des Verfassers dar und begründet die Relevanz der Untersuchung von Kommunikationsunterschieden aus politikwissenschaftlicher Perspektive.
2 Bestandsaufnahme: Kommunikationsunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Dieses Kapitel analysiert nonverbale Signale, unterschiedliche Kommunikationskontexte und den historischen Wandel des Sprachgebrauchs in Ost und West.
3 Konsequenzen der Kommunikationsunterschiede: Hier werden die praktischen Auswirkungen der kommunikativen Differenzen auf alltägliche Begegnungen, das Familienleben, das berufliche Umfeld sowie Medien und Politik erörtert.
4 Abschließendes Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass die kulturellen Unterschiede zwar fortbestehen, aber durch gegenseitige Akzeptanz als Chance für eine tiefere Einheit verstanden werden können.
Schlüsselwörter
Kommunikationsunterschiede, Ostdeutschland, Westdeutschland, Wiedervereinigung, Nonverbale Kommunikation, Sprachwandel, Sozialisation, Missverständnisse, Identität, Gesellschaft, Politische Kultur, Diskurs, Kommunikation, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, warum 15 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung weiterhin spürbare Unterschiede in der Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen bestehen und welche Ursachen diese haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die nonverbale Kommunikation, die unterschiedlichen Kommunikationskontexte (Gemeinschaft vs. Individualität), der sprachliche Wandel nach der Wende sowie Auswirkungen auf Beruf, Familie und Politik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie unterschiedliche Kommunikationskulturen Missverständnisse erzeugen und wie durch ein gegenseitiges Bewusstsein diese Differenzen als bereicherndes Potenzial genutzt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse des aktuellen Forschungsstandes, die Auswertung von Fachliteratur sowie soziologische und kommunikationswissenschaftliche Theorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der nonverbalen und kontextuellen Unterschiede sowie eine detaillierte Untersuchung der Konsequenzen dieser Differenzen in verschiedenen gesellschaftlichen Lebensbereichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Kommunikationsunterschiede, Wiedervereinigung, Sozialisation, sprachlicher Wandel, kulturelle Identität und gesellschaftliche Integration.
Wie unterscheidet sich der Blickkontakt bei Ost- und Westdeutschen?
Ostdeutsche pflegen tendenziell einen längeren, intensiveren Blickkontakt, was von Westdeutschen oft als aufdringlich empfunden wird, während der kürzere Blickkontakt der Westler von Ostdeutschen häufig als Desinteresse interpretiert wird.
Welche Rolle spielt die Zeit in der Kommunikation zwischen Ost und West?
Im Westen dominiert oft der Wunsch nach Effizienz und Geschwindigkeit, während im Osten ein langsameres Reifen von Gedanken und eine höhere Qualität der Zeit betont werden, was zu unterschiedlichen Sprechrhytmen führt.
Warum ist das Thema für die Politikwissenschaft relevant?
Sprache ist ein Ausdruck der politischen Kultur; da sich diese Kulturen in Ost und West historisch unterschiedlich entwickelt haben, beeinflussen sie bis heute das gesellschaftliche Miteinander und das Verständnis der Demokratie.
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- Helmut Schäfer (Author), 2005, Kommunikationsunterschiede in Ost- und Westdeutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149593