Inwiefern schlägt sich der Wandel Günter Kunerts in seinem Berlin-Bild nieder?

Ein Vergleich der Gedichte „Es sind die Städte“ und „Vision an der Oberbaumbrücke“


Hausarbeit, 2008

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Es sind die Stadte
2.1. Historische Einordnung
2.2. Thematik
2.3. Form
2.4. Inhaltsanalyse

3. Vision an der Oberbaumbrucke
3.1. Historische Einordnung
3.2. Thematik
3.3. Form
3.4. Inhaltsanalyse

4. Schluss

5. Quellenverzeichnis

6. Anhang: Gedichte
6.1. Es sind die Stadte
6.2. Vision an der Oberbaumbrucke

1. Einleitung

Man nehme an, man sei noch nie in Berlin gewesen und mochte diese Stadt anhand von Literatur kennen lernen. Naturlich wurde es sich hierfur anbieten, eine GroBstadtlyrik- Anthologie zu besorgen. Doch wurde man hier ein klares Bild von Berlin vorgezeichnet bekommen? Wahrscheinlich nicht, denn in uber 100 Jahren deutscher GroBstadtdichtung hat sich die Stadt verandert, ebenso wie der Blick, der auf sie geworfen wird. Ruckten Expressionisten wie Arno Holz das Elend der Arbeiterschicht noch in den Mittelpunkt, bekommen wir in den Werken neuerer Dichter wie Durs Grunbein beispielsweise einen Eindruck vom Geschehen in einer Berliner U-Bahn.

Doch die GroBstadt dient in der Lyrik nicht nur als Schauplatz vielfaltigster menschlicher Erscheinungen, sondern auch als Projektionsflache fur Traume und Hoffnungen sowie fur Albtraume und Abgrunde des Menschen.

Diese Themen der GroBstadtlyrik mischen sich in den Gedichten von Gunter Kunert unter den Eindruck der bewegten Geschichte Berlins, die der Autor am eigenen Leib erfahren hat:

Aber ich will von meiner Stadterfahrung sprechen, von einem Berlin, wie es moglicherweise niemals existiert hat und wie ich es doch ganz genau beschreiben konnte: eben mein Berlin, das, wovon ich uberzeugt bin, kaum dem Berlin einer anderen Person, eines anderen Schriftstellers gliche. Denn mein Berlin besteht nicht nur aus Stein und Beton, aus Asphalt und Glas, aus Autobahn und Funkturm, aus Altbausubstanz und Neubauvierteln, es besteht ebenso aus vergegenstandlichter Geschichte und damit aus nichts anderem als lauter Erinnerungen. Und selbst dort, wo es sich radikal verandert hat, wo es niedergewalzt und neu errichtet wurde, ruft es, nicht zuletzt gerade durch solchen Wandel, das Erinnern wach: ein Erinnern, das dem Phantomschmerz ahnelt.[1]

Kunert und Berlin sind durch dasselbe Schicksal verbunden. Es sind die Narben der deutschen Geschichte, die sich sowohl an den Gemauern der GroBstadt, als auch am Werk des Dichters ablesen lassen.

Der deutsche Schriftsteller und Essayist wird 1929 als Sohn des Kaufmanns in Berlin geboren. Da seine Mutter Judin ist, wird er von den Nationalsozialisten als „wehrunwurdig“ erklart und nicht zum Krieg eingezogen. Bereits 1947 erscheint sein erstes Gedicht in der Berliner Tageszeitung. Der junge Autor wird von Johannes R. Becher und Bertholt Brecht gefordert und erlangt in der DDR rasch Anerkennung. Doch schon bald eckt Kunert mit seinen zunehmend kritischen Werken bei der Parteifuhrung an. Bis zu seiner Ausburgerung 1979 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin.

Heute wohnt er mit seiner Frau in Schleswig-Holstein und kann auf ein umfassendes Werk an Gedichten, Kurzprosa, Reiseskizzen, Horspielen und einen Roman zuruckblicken.

Das Thema der deutschen GroBstadt Berlin taucht in allen Schaffensphasen Kunerts auf. In der folgenden Arbeit werden die Gedichte „Es sind die Stadte“ und „Vision an der Oberbaumbrucke“, deren Erstveroffentlichungen dreiunddreiBig Jahre auseinander liegen, gegenubergestellt. Dabei soll geklart werden, inwiefern sich die personliche Entwicklung des Autors in seinem Bild der Stadt Berlin niederschlagt und welche Motive dabei eine Rolle spielen.

2. „Es sind die Stadte“

2.1. Historische Einordnung

Gunter Kunert veroffentlicht „Es sind die Stadte“ in seinem ersten Gedichtband „Wegschilder und Mauerinschriften“ funf Jahre nach Kriegsende.

Der junge Autor, bekennender Marxist, tritt 1945 in die SED ein. Wie viele seiner Zeitgenossen setzt Kunert groBe Hoffnungen auf die neu gegrundete „Deutsche Demokratische Republik“.

Dazu Kunert in seinen Frankfurter Vorlesungen:

Worauf es zuallererst ankam, war, den Zusammenbruch zu uberwinden, wiederaufzubauen, und nicht nur die zerstorten Stadte, sondern vor allem eine bessere, namlich freiere, gerechtere, friedlichere Gemeinschaft, Dazu fuhlte man sich aufgerufen. Man empfand es als moralische Verpflichtung, sich dem Gemeinwohl zu unterwerfen. Die Utopie schien sich verwirklichen zu wollen. Nur ein kleiner Schritt war noch notwendig um eine neue Gesellschaft zu betreten. [...] Unpolitisch wollte man nie wieder sein, und politisch sein hieB: agitatorisch und aufklarerisch. Selbstverstandlich machte ich keine Ausnahme.[2]

Die Partei der DDR ist es auch, die das Genre, dem Kunerts erste beide Gedichtbande zugeschrieben werden, propagiert.

„Das Zentralkomitee der Partei setzte sich immer klarer als die allein bestimmende Instanz durch. Von hier wurde denn auch die Kulturpolitik bestimmt und programmatisch festgelegt. »Programmiert«, in Ziel und Methode festgelegt, wird von nun an alles, auch und gerade die Literatur, deren Bedeutung fur die Bildung des neuen »BewuBtseins« sogleich erkannt wurde. Politik und Literatur sind seitdem unlosbar mit einander verbunden.“ [3]

Das „Sozialistische Aufbaugedicht“ geht aus dem „Sozialistischen Realismus“ hervor und zeichnet sich durch eine prosahafte und einfache Sprache sowie durch seinen politisch- didaktischen Anspruch aus.[4] Zunachst geht es um die „Identitatsfindung des sozialistischen Menschen“[5], doch generell sollen Dichter genauso wie Arbeiter und Bauern am Aufbau des Staats mitarbeiten.

Der Geschichtsprozess ist ein steiniger, aber zielgerichteter Weg, das Wirken des Menschen eine beschwerliche, aber sinnvolle Reise. Dabei hilft das Gedicht als Wegweiser. Die Bildlichkeit und epigrammatische Form der Gedichte haben vor allem didaktische Funktionen: Sie wollen klaren und aufklaren.[6]

Der Blick ist in die Zukunft gerichtet. „Die Gegenwart wird wiederholt als Provisorium dargestellt, deren Losungswort »vorwarts « heiBt“.[7]

2.2. Thematik

Das Gedicht „Es sind die Stadte“ hat die Form einer Vision:

„Angesichts der noch kaum geraumten Ruinen von Berlin, Dresden und Frankfurt (am Main wie an der Oder) verblufft jedoch, in welch hohem Grad der Verfasser des Gedichts von eben dieser Trummerrealitat absieht - abstrahiert! Von >Stadten< oder >Stadt< ist ja fast ausschlieBlich in abgeleiteten Bildern, in metaphorischen Wendungen, aber nicht realistisch-direkt und konkret die Rede...“[8]

Das Bild der Stadt ist also abstrakt gehalten. Auch ein lyrisches Ich taucht nicht auf.

Mit den ersten Zeilen („Die Stadt fangt an“) und aus dem historischen Kontext heraus lasst sich auf den Anlass des Gedichts schlieBen. Es ist die „Stunde Null“. Jene Nachkriegszeit, in der sich das alte System selbst zerstort hat und die Menschen noch kein neues errichtet haben. In einem solchen Moment findet ein Innehalten statt und Fragen, was geschehen soll und wer den Neuanfang wagen wird, tauchen auf.

„Es sind die Stadte“ scheint die Antwort Gunter Kunerts auf diese Fragen zu sein.

2.3. Form

Die 21 Zeilen des Gedichts „Es sind die Stadte sind in sechs unterschiedlich lange Abschnitte eingeteilt.

Der erste Abschnitt ist vier Verse; der zweite Abschnitt funf Verse lang. Der dritte Abschnitt besteht wiederum aus vier Versen, der vierte Abschnitt aus sechs Versen und die letzten beiden sehr kurzen Abschnitte bestehen jeweils nur aus einem Vers.

AuBer den Versen „Uberall Tragheit lockernd“, „Banner roter Farbe und „Fahne, Rot, Frische“ beginnen alle Verse mit einem Auftakt.

Ansonsten lassen sich keine metrischen RegelmaBigkeiten erkennen. Die Verse haben durch ihre unterschiedliche Lange zwei bis funf Hebungen, wobei im ersten und dritten Abschnitt Kurzverse mit zwei Hebungen uberwiegen.

Weiterhin enthalt das Gedicht keine regelmaBigen Kadenzen und nur einen Reim. Dieser mannliche Paarreim, „Die Stadt ist der Mund./Die Stadt ist Faust und“ befindet sich im dritten Abschnitt.

Die aufgezahlten UnregelmaBigkeiten lassen darauf schlieBen, dass das Gedicht in „freien Rhythmen“ verfasst wurde.[9]

Bei der Wortwahl des Gedichts fallen die Dominanz der Substantive, sowie zahlreiche Wiederholungen auf. Das Wort „Stadt“ taucht im Gedicht acht mal auf, „Stein“ dreimal, „Frische“, „Faust“, „Erregung“ und „Mund“ jeweils zweimal.

Weitere Substantive sind „See“, „Kreis“, „Flache“, „Wasser“, „Tragheit“, Banner“, „Farbe“, „Land“, „Auflockern“, „Fahne“, „Frische“ „Rot“ und „Welle“ und „Uberall“, welches durch seine GroBschreibung zum Substantiv erhoben wurde. Diese Hervorhebung konnte die Bedeutung des Gesagten unterstreichen und als Ersatz fur eine lange Aufzahlung von Orten dienen.

Auffallig ist, dass im zweiten Abschnitt mit „See“, Stein“ und „Wasser“ die Natur beschreibenden Substantive uberwiegen, wahrend im vierten Abschnitt mit „Mund“ und „Faust“ den Menschen beschreibende Substantive eingefuhrt werden.

Ab dem vierten Abschnitt wiederholen sich mit Ausnahme von „Land“, „Fahne“ und „Uberall“ die bereits aufgezahlten Substantive.[10]

[...]


[1] Witt, Hubert (Hrsg.): Gunter Kunert. Auskunfte fur den Notfall. Munchen: Carl Hanser 2008, S.251.

[2]

Kunert, Gunter: Vor der Sintflut. Das Gedicht als Arche Noah. Frankfurter Vorlesungen. Munchen/Wien: Carl Hanser 1985. S.31f.

[3]

Lernen, B./ Loewen, M: Lyrik aus der DDR. Exemplarische Analysen. Paderborn: Schoningh 1987. S.14.

[4] Vgl. Barner, Wilfried (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart. 2., erweiterte Auflage. Munchen: C.H. Beck 2006. S.144.

[5] Kasper, Elke: „Wie ein Gedicht also/ das nicht mehr ist als ein Gedicht“. Zur fruhen Lyrik Gunter Kunerts. In: Breuer, Dieter (Hrsg.): Deutsche Lyrik nach 1945. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988.

[6] Bekes, Peter: Gunter Kunert. In: Heuenkamp, Ursula/Geist, Peter (Hrsg.): Deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts. Berlin: Erich Schmidt 2007.

[7]

Kasper, Elke: „Wie ein Gedicht also/ das nicht mehr ist als ein Gedicht“. Zur fruhen Lyrik Gunter Kunerts. In: Breuer, Dieter (Hrsg.): Deutsche Lyrik nach 1945. Frankfurt am Main:

Suhrkamp 1988. S.24.

[8]

Riha, Karl: Deutsche GroBstadtlyrik. Eine Einfuhrung. Munchen: Artemis 1983 (Artemis Einfuhrungen, Bd. 8). S.129.

[9] Vgl.Burgdorf, Dieter: Einfuhrung in die Gedichtanalyse. 2., uberarbeitete und aktualisierte Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 1997 (Sammlung Metzler, Bd. 284). S.121ff.

[10] Die Substantivierung „Auflockern“ wird im zweiten Abschnitt bereits als „lockernd“ erwahnt und darum zu den sich wiederholenden Wortern gezahlt.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Inwiefern schlägt sich der Wandel Günter Kunerts in seinem Berlin-Bild nieder?
Untertitel
Ein Vergleich der Gedichte „Es sind die Städte“ und „Vision an der Oberbaumbrücke“
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Großstadtlyrik
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V149601
ISBN (eBook)
9783640602988
ISBN (Buch)
9783640602162
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lyrik, Großstadt, Berlin, Günter Kunert, DDR, Geschichte, Gedicht, Literatur
Arbeit zitieren
Sabrina Roy (Autor), 2008, Inwiefern schlägt sich der Wandel Günter Kunerts in seinem Berlin-Bild nieder?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149601

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