Man nehme an, man sei noch nie in Berlin gewesen und möchte diese Stadt anhand von Literatur kennen lernen. Natürlich würde es sich hierfür anbieten, eine Großstadtlyrik- Anthologie zu besorgen. Doch würde man hier ein klares Bild von Berlin vorgezeichnet bekommen? Wahrscheinlich nicht, denn in über 100 Jahren deutscher Großstadtdichtung hat sich die Stadt verändert, ebenso wie der Blick, der auf sie geworfen wird. Rückten Expressionisten wie Arno Holz das Elend der Arbeiterschicht noch in den Mittelpunkt, bekommen wir in den Werken neuerer Dichter wie Durs Grünbein beispielsweise einen Eindruck vom Geschehen in einer Berliner U-Bahn. Doch die Großstadt dient in der Lyrik nicht nur als Schauplatz vielfältigster menschlicher Erscheinungen, sondern auch als Projektionsfläche für Träume und Hoffnungen sowie für Albträume und Abgründe des Menschen.
Diese Themen der Großstadtlyrik mischen sich in den Gedichten von Günter Kunert unter den Eindruck der bewegten Geschichte Berlins, die der Autor am eigenen Leib erfahren hat.
Kunert und Berlin sind durch dasselbe Schicksal verbunden. Es sind die Narben der deutschen Geschichte, die sich sowohl an den Gemäuern der Großstadt, als auch am Werk des Dichters ablesen lassen. Der deutsche Schriftsteller und Essayist wird 1929 als Sohn des Kaufmanns in Berlin geboren. Da seine Mutter Jüdin ist, wird er von den Nationalsozialisten als „wehrunwürdig“ erklärt und nicht zum Krieg eingezogen. Bereits 1947 erscheint sein erstes Gedicht in der Berliner Tageszeitung. Der junge Autor wird von Johannes R. Becher und Bertholt Brecht gefördert und erlangt in der DDR rasch Anerkennung. Doch schon bald eckt Kunert mit seinen zunehmend kritischen Werken bei der Parteiführung an. Bis zu seiner Ausbürgerung 1979 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin.
Heute wohnt er mit seiner Frau in Schleswig-Holstein und kann auf ein umfassendes Werk an Gedichten, Kurzprosa, Reiseskizzen, Hörspielen und einen Roman zurückblicken. Das Thema der deutschen Großstadt Berlin taucht in allen Schaffensphasen Kunerts auf. In der vorliegenden Arbeit werden die Gedichte „Es sind die Städte“ und „Vision an der Oberbaumbrücke“, deren Erstveröffentlichungen dreiunddreißig Jahre auseinander liegen,
gegenübergestellt. Dabei soll geklärt werden, inwiefern sich die persönliche Entwicklung des Autors in seinem Bild der Stadt Berlin niederschlägt und welche Motive dabei eine Rolle spielen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Es sind die Städte
2.1. Historische Einordnung
2.2. Thematik
2.3. Form
2.4. Inhaltsanalyse
3. Vision an der Oberbaumbrücke
3.1. Historische Einordnung
3.2. Thematik
3.3. Form
3.4. Inhaltsanalyse
4. Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel der Darstellung Berlins im lyrischen Werk von Günter Kunert, indem sie die Gedichte „Es sind die Städte“ und „Vision an der Oberbaumbrücke“ einer vergleichenden Analyse unterzieht, um den Einfluss der persönlichen Entwicklung des Autors auf sein Stadtbild aufzuzeigen.
- Vergleichende Analyse zweier Gedichte von Günter Kunert
- Untersuchung des Wandels der Berlin-Wahrnehmung des Autors
- Betrachtung historischer Kontexte und persönlicher Schaffensphasen
- Analyse von Form, Metaphorik und Symbolik
- Einordnung in den sozialgeschichtlichen Kontext der DDR
Auszug aus dem Buch
3.2. Thematik
Die neugotische Oberbaumbrücke spannt sich seit 1896 über die Spree und verbindet die beiden Berliner Stadtteile Kreuzberg und Friedrichshain.
Beim Mauerbau 1961 wird die Brücke gesperrt; Die deutsch-deutsche Grenze verläuft hier und die Brücke verliert damit ihre Aufgabe, nämlich die Ufer zu verbinden. Zwar ist sie seit 1963 wieder als Fußgängerbrücke geöffnet, bleibt jedoch ein Symbol für das geteilte Berlin.
In „Vision an der Oberbaumbrücke“ geht es, wie der Titel schon verrät, nicht um eine konkrete Begebenheit oder Handlung an der Oberbaumbrücke, sondern um eine Vision des Lyrischen Ichs.
Die Stimmung des Gedichts erwächst […] aus der Diskrepanz zwischen dem Einst und Jetzt, zumal wenn diese Schmerzlich empfunden wird. […] Aber der Ausdruck sehr lebhafter Empfindungen bleibt nicht lange richtungslos. Das lyrische Ich möchte sich mitteilen […].
Die Stadt Berlin wird, wie in „Es sind die Städte“, personifiziert und in diesem Gedicht direkt angesprochen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Berliner Großstadtlyrik und Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Entwicklung im Werk Günter Kunerts.
2. Es sind die Städte: Untersuchung des Gedichts im Kontext des frühen DDR-Aufbaus, geprägt von sozialistischem Optimismus und einer aktiven Stadt-Metaphorik.
3. Vision an der Oberbaumbrücke: Analyse des späteren Werks, das Berlin als „Totenstadt“ und Symbol für Hoffnungslosigkeit sowie den Zerfall darstellt.
4. Schluss: Synthese der Ergebnisse, die den Wandel der Gedichte als Spiegel der persönlichen Entwicklung Kunerts und seiner veränderten Haltung zur Gesellschaft identifiziert.
Schlüsselwörter
Günter Kunert, Berlin, Großstadtlyrik, DDR-Literatur, Gedichtanalyse, Es sind die Städte, Vision an der Oberbaumbrücke, Sozialismus, Totenstadt, Mauerbau, Metaphorik, Formanalyse, Identitätsfindung, Gesellschaftswandel, Lyrikvergleich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Wandel in Günter Kunerts lyrischer Darstellung Berlins anhand zweier exemplarischer Gedichte aus unterschiedlichen Schaffensphasen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themen umfassen die Großstadtlyrik, das Verhältnis von Autor zu seinem historischen Umfeld, die Symbolik von Orten wie der Oberbaumbrücke und den Wandel von Utopie zu Resignation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, inwiefern sich die persönliche Entwicklung des Autors in seinem Bild der Stadt Berlin niederschlägt und welche Motive diesen Prozess steuern.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Gedichtanalyse mit einem Fokus auf historischen Kontext, Form, Wortwahl und inhaltliche Metaphorik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse von „Es sind die Städte“ (historische Einordnung, Thematik, Form, Inhaltsanalyse) sowie der entsprechenden Untersuchung von „Vision an der Oberbaumbrücke“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen unter anderem Günter Kunert, Sozialismus, Totenstadt, gesellschaftlicher Wandel und der Vergleich der beiden Gedichtbände.
Warum wird Berlin in „Es sind die Städte“ als aktiv beschrieben?
Aufgrund des sozialistischen Hintergrunds des Autors im Entstehungsjahr fungiert die Stadt als Hoffnungsträgerin, von der der Neuanfang ausgeht.
Was symbolisiert die „Totenstadt“ in Kunerts späteren Werk?
Die „Totenstadt“ ist ein Symbol für die Hoffnungslosigkeit, das Verstummen von Träumen und den gesellschaftlichen sowie physischen Zerfall Berlins.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Sprechers in beiden Gedichten?
Während der Sprecher in „Es sind die Städte“ eine optimistische, visionäre Kraft vermittelt, nimmt er in „Vision an der Oberbaumbrücke“ einen melancholischen, abschiednehmenden Standpunkt ein.
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- Sabrina Roy (Author), 2008, Inwiefern schlägt sich der Wandel Günter Kunerts in seinem Berlin-Bild nieder?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149601