Darstellung österreichischer Autoren von Kinder- und Jugendliteratur

Christine Nöstlinger, Mira Lobe, Renate Welsh und Thomas Brezina


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

27 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorwort

1. Drei Lebenswege
1.1. Die Pionierin Lobe
1.2. Nöstlinger stellt uns Friederike vor
1.3. Brezinas „mäuschenhafter“ Start

2. Werkcharakteristik
2.1. Lobe: Logik und Geschlossenheit
2.1.1. Insu-Pu. Die Insel der verlorenen Kinder
2.2. Nöstlinger: frech, witzig, lieb: Franz & Co
2.3. Brezina: der Medienmagnet
2.3.1. Scharfe Kritik
2.3.2. Sorge um zukünftige Leserschaft
2.3.3. Stil und Fehler
2.3.4. Positive Worte

3. Die phantastische Erzählung in drei Variationen
3.1. Lobe: Geburt des phantastischen Moments
3.2. Nöstlingers revolutionärer Hugo
3.3. Brezinas „Hexenklatsch“

4. Aktualität: Renate Welsh als neue IG-Präsidentin
4.1. Brisantes Interview
4.2. ÖJBP für Dieda oder Das fremde Kind.

5. Das schwarze Loch: kein klassisches Kinderbuch aus Österreich
5.1. „Periphere Genese“
5.2. Keine Chance für Brezina

6. Nachwort

7. Literaturverzeichnis
7.1. Primärliteratur
7.2. Sekundärliteratur

0. Vorwort

Ich habe drei österreichische Schriftsteller gewählt, nämlich Christine Nöstlinger, Thomas Brezina und Mira Lobe, die wohl unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich finde es spannend hier nach Gemeinsamkeiten zu suchen, die vielleicht in ihrer Herkunft und Lebenszeit in Österreich liegen. Während Nöstlinger und Brezina nach wie vor (zumindest zeitweise) in Österreich leben, ist die in Schlesien geborene Mira Lobe bereits 1995 in Wien verstorben. Dennoch sind ihre Kinder- und Jugendbücher bis heute in aller Munde geblieben und werden noch in diesem Jahre mit Sicherheit an Aktualität gewinnen, aufgrund der Neuauflage ihres Jugendromans Insu-Pu im Verlag Jungbrunnen, unter der Mitarbeit ihrer Tochter Claudia Lobe. Dieses Frühwerk ist insofern spannend einmal näher zu betrachten, weil es eine sehr komplexe Entstehungsgeschichte aufweist. Die ursprüngliche, israelische Fassung unterscheidet sich immens von der österreichischen, und noch mal mehr von der im März 2006 erschienenen.

Christine Nöstlinger wiederum gelang der Durchbruch mit Die feuerrote Friederike im Jahre 1970, doch in die Herzen ihrer jungen Leser schrieb sie sich mit den zahlreichen Geschichten über einen Schuljungen namens Franz. Die Fortsetzungen folgten beispielsweise mit Feriengeschichten vom Franz und Liebesgeschichten vom Franz Schlag auf Schlag, sodass eine preisgeehrte Kinderbuch-Reihe entstand. Dieses Phänomen der sich verselbstständigenden Serienproduktion ist Christine Nöstlinger und Thomas Brezina, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise, gemeinsam. Mit Rätsel um das Schneemonster, dem ersten Teil der Serie Die Knickerbocker-Bande fing alles an und scheint auch noch kein Ende zu nehmen. Es steht keineswegs zur Diskussion, dass es sich bei den beiden Autoren um erfolgreiche Schriftsteller handelt, die sich auf ihrem Gebiet mit zahlreichen Preisen etablieren konnten. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit der literarische Anspruch im Angesicht der kommerziellen Vermarktung und starken Pädagogisierung erhalten geblieben ist. Es lässt sich die Entwicklung einer Tauschszene feststellen, in der ein spezieller Autor serienmäßig produziert, mit dem Clou, dass eigentlich nichts Neues geschrieben steht.

Es handelt sich immer um dieselbe Grundsituation, die durch äußere Faktoren variiert werden kann. Die Qualität der Bücher nimmt aufgrund der quantitativen Dominanz rapide ab.

Dieser Tauschcharakter trifft vor allem bei Brezina zu. Das phantastische Erzählen kommt im bisherigen Werk aller genannten Schriftsteller vor, allerdings auf unterschiedliche Art und Weise.

Österreichs „Schwarzes Loch“ in der kinder- und jugendliterarischen Tradition, womit ich das Fehlen eines nationaltypischen Klassikers meine, können diese zeitgenössischen Autoren allerdings nicht füllen – oder etwa doch? Der mögliche Klassiker der Gegenwartsliteratur scheitert hier offenbar am Kriterium der Singularität der Kinderfigur, obwohl der Anspruch der Internationalität besonders bei den in China so zahlreich übersetzten Büchern Brezinas, gegeben wäre. Die „Periphere Genese“ ist ein Erklärungsversuch, warum Österreich keinen Klassiker in der Vergangenheit aufzuweisen hat.

Dennoch gibt es sehr wohl seit rund 30 Jahren eine engagierte Kinder- und Jugenbuchszene in Österreich, in der nach aufkommenden Talenten gesucht wird, um diese dann mit dem ÖJBP, dem Österreichischen Jugendbuchpreis auszuzeichnen. Dazu zählt beispielsweise die 1937 in Wien geborene Renate Welsh. Sie schrieb unter anderem Dieda oder Das fremde Kind und erhielt 2003 den genannten Preis. Interessant ist, dass sich die Faktoren für die Vergabe dieser Auszeichnung in den vergangenen Jahren neu kategorisiert haben.

Nach meiner Vorstellung der drei oben genannten Autoren, möchte ich kurz auf den fehlenden Klassiker und Renate Welsh eingehen.

1. Drei Lebenswege

1.1. Die Pionierin Lobe

Sie wurde 1913 als Hilde Mirjam Rosenthal in Görlitz, Schlesien geboren. Schon in ihrem Vornamen lässt sich ein Wortspiel entdecken: „Mir“ ist das russische Wort für „Friede“, „Mira“ ist der Genetiv. Sie ist eine „des Friedens“. Sie war gewiss vorbelastet was ihr künstlerisches Talent betrifft, weil ihre Mutter Mitglied der literarischen Gesellschaft und im Kunstverein war. Die Schülerin Mira Lobe bekam für ihre Geschichte Das Schwalbenkind zum Thema Tiermärchen eine schlechte Note, die später vom Direktor revidiert wurde. Er sprach ihr sogar eine literarische Begabung zu. Gerne hätte sie an der Universität Germanistik und Kunstgeschichte studiert, doch war es für die Jüdin im nationalsozialistischen Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit. Ihr Traum vom Journalistenberuf nahm ein Ende. Stattdessen schloss sie eine Ausbildung zur Maschinenstrickerin ab, ehe sie 1936 nach Palästina flüchtete. Zusammen mit ihrem Ehemann Friedrich Lobe, dem Schauspieler und Regisseur, bekam sie zwei Kinder. Ab 1950 lebten sie in Wien, wo sie am 6.2.1995 starb. Ihre Entwicklung zur Schriftstellerin ist eine österreichische Geschichte, da sie ihr halbes Leben hier verbrachte und sich als Österreicherin fühlte. Im Ausland hatte sie stets Heimweh nach Wien.

Ihre zahlreichen Kinder- und Jugendbücher sind noch heute in aller Munde und wurden mit Preisen und Auszeichnungen gewürdigt. Sie hat als erste 1980 den „Österreichischen Würdigungspreis für Kinder- und Jugendliteratur“ erhalten. Die (scheinbar) simple Geschichte über ein Stofffetzerl, das seine Identität sucht mit dem Titel Das kleine Ich bin Ich (1972) hat heute wie damals einen fixen Platz in jedem Kindergarten. Ihr Erstlingswerk

Insu-Pu (1951) wurde in diesem Jahr 2006 von ihrer Tochter Claudia mit dem Verlag Jungbrunnen neu aufgelegt.

Im Gegensatz zu dem medienpräsenten Thomas Brezina, entzog sich Lobe stets Gesellschaftsereignissen in der Öffentlichkeit und setzte alles daran, ihre Privatsphäre zu wahren. Sie bevorzugte einen oberflächlichen Kontakt, außer mit einigen wenigen Partnern, zu denen allen voran Susi Weigel, dann Angelika Kaufmann, Christina Oppermann-Dimow und Winfried Opgenoorth zählten. Ihre zeitgenössischen Kollegen der „Gruppe“, wo man gemeinsam sinnierte und produzierte und des „PEN-Clubs“ schätzten ihre dezente, aber aufgeschlossene und liberale Haltung. Daher gibt es nur wenig, wirklich fundierte Information zu ihrem Leben. Wolf Harranth hat sich dankenswerterweise intensiver mit ihr auseinandergesetzt und er ist es, der in ihrem Zusammenhang von einem „Phänomen“ spricht.

1.2. Nöstlinger stellt uns Friederike vor

Sie wurde 1936 als Tochter einer Familie im Arbeitermilieu in Wien, wo sie heute noch lebt, geboren. Sie studierte Gebrauchsgrafik an der Akademie für angewandte Kunst. Bevor ihr 1970 mit

Die feuerrote Friederike als Schriftstellerin und Illustratorin der Durchbruch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur gelang, war sie als Journalistin tätig. Sie heiratete und bekam zwei Kinder. Den in der Oetinger Kinderbuch-Reihe Sonne Mond und Sterne erschienenen Geschichten vom Franz, dem wohl bekanntesten Protagonisten Nöstlingers, folgten zahlreiche Bücher, für die sie unter anderen mit dem Österreichischen Würdigungspreis und dem Friedrich-Bödecker-Preis ausgezeichnet wurde. Im phantastischen Roman Hugo, das Kind in den besten Jahren (1983) greift Nöstlinger das Rebellenmotiv auf, indem ein Kind versucht, gegen eine phantasielose Erwachsenenwelt aufzubegehren.

Die Motivation für Kinder zu schreiben sei zufällig gekommen und diene der reinen Unterhaltung. Doch so simpel, wie es die Autorin gerne darstellt, ist ihr Gesamtwerk keineswegs zu fassen. Dafür gibt sie sich im Gegensatz zu Mira Lobe keineswegs medienscheu.

1.3. Brezinas „mäuschenhafter“ Start

Er wurde 1963 in Wien geboren, wo er heute noch größtenteils lebt, zeitweise nämlich auch in London. Im Alter von acht Jahren schrieb er seine erste Geschichte über eine Maus auf dem Jupiter. Das Studium der Theaterwissenschaft hat er nicht abgeschlossen, sowie er nie vorhatte ein literaturwissenschaftliches Studium in Angriff zu nehmen. Er machte eine Regieassistenz beim ORF und wurde daraufhin 1988 Moderator des Kinderfernsehens. Begonnen hat seine Karriere mit dem ersten Band der Knickerbocker-Bande Rätsel um das Schneemonster im Jahre 1990, das passend im Monat Jänner im Neuen Breitschopf Verlag erschienen ist. Hinzu kamen der Knickerbockerfilm Das sprechende Grab und die Juniordetektiv-Zeitung Das Knickerbocker-Bandenblatt. Heute ist er sowohl Autor von TV-Drehbüchern, Hörspielen, Comics, Musicals als auch von Krimis und Abenteuergeschichten. Mit der Schöpfung des Wunderrads Tom Turbo sicherte sich Brezina eine Fülle an jungen Zusehern vor dem Fernseher, während sich die selbige Buch-Reihe nicht minder erfolgreich zeigte. Brezinas unaufhaltsame Fortsetzungsabenteuer überschritten oder besser gesagt überfluteten die europäischen Grenzen, bis nach China. Dort hält er sich heute noch eisern mit den Abenteuern Ein Fall für dich und das Tiger-Team an der Spitze der Bestsellerlisten. Darüber freut sich der Verlagsleiter des Zhejiang Childrens Publishing House Chen Chunyue, der Brezina in China betreut. Hierbei sei erwähnt, dass die Taschenbücher jeweils zwischen einem und zwei Euro kosten. „Literarische Qualität ist denn auch keineswegs die Ursache für Thomas Brezinas kometenhaften Aufstieg am chinesischen Kinderbuchhimmel.“[1] meint Stephanie von Selchow dazu treffend in ihrem Artikel Kotau für Meistel Blezina. Von seinen chinesischen Fans wird er der „Meister der Abenteuer“ genannt. Für sie bieten die seichten Geschichten eine willkommene Ablenkung zum strikten Ablauf ihres Schulalltages. Zurück nach Österreich, wo der Autor dieses Jahr im Rahmen des neu eingeführten Wettbewerbes „Buchlieblinge 2006“ zum Autor des Jahres gekürt wurde und für Forscher-Express: Tolle Experimente in der Kategorie Kinderbuch (6-8 Jahre) den Titel „Buchliebling“ erhielt. Allerdings handelt es sich hierbei, wie bei den meisten Preisen, die bisher an Brezina verliehenen wurden, um einen publiken. Das Publikum hatte die Möglichkeit mittels Internet oder Stimmzettel daran teilzunehmen, im Gegensatz zu Preisvergaben, die von ausgewählten Juroren getroffen werden. Anbei sei erwähnt, dass Christine Nöstlinger bei diesem Wettbewerb nur einmal vorkam, und zwar mit Quatschgeschichten vom Franz an zweiter Stelle nach dem „Buchliebling“ Brezina.

Ich möchte noch anmerken, dass in der Kategorie Verlag der Ravensburger Buchverlag gewonnen hat, der Brezina ediert, während Nöstlingers Werk im Oetinger Buchverlag erscheint.

2. Werkcharakteristik

2.4. Lobe: Logik und Geschlossenheit

Die Leitmotive Wärme, Zuneigung, Ungeduld, Verständnis, Engagement und Toleranz finden sich in ihrem Erstlingswerk mit dem Titel Insu-Pu. Die Insel der verlorenen Kinder ebenso wie in ihrem letzten und den zahlreichen, die dazwischen entstanden sind. Der moralische Anspruch kommt dabei nie zu kurz. Ihre Leitfiguren sind Vertreter sozialer Randgruppen, Außenseiter, Ausreißer aus Neugierde oder Kummer, Unangepaßte und der Schwache.

Im Zuge eines Entwicklungsprozesses lernen sie, sich zu behaupten und ihre Rolle zu verteidigen. Ihre Gestaltung der Figuren geht mit der Typologie nach Eduard Spranger einher und seinen sechs Lebensformen[2]. Außer dem religiösen Protagonisten sind in Insu-Pu alle fünf bereits vertreten. Lobes gemeindeutscher Ausdruck macht ihre Bücher für alle lesbar und richtet sich an keine spezielle Leserschaft. Damit ist allerdings weder ein grammatikalisch noch gestalterisch einfacher Gebrauch gemeint, sondern vielmehr, eine Leichtigkeit, mit der sie es sogar schafft, Lyrik für Kinder zugänglich zu machen. Um den sprachlichen Zugang zu erweitern, wählte Lobe Susi Weigel, die mir ihren Illustrationen den Text nicht nur untermalte, sondern weiterentwickelte. Die Lobe-Weigel-Bücher haben eine eigene Dynamik, weil sich zwei Dimensionen zu einer vereinen. Weigels Bilder erzählen eine eigene Geschichte, die mit dem Text Lobes einhergeht, aber auch darüber hinaus reichen kann.

[...]


[1] Stephanie von Selchow: Kotau für Meistel Blezina: Thomas Brezina überrollt nun auch den chinesischen Buchmarkt. – In: Bulletin Jugend + Literatur 35 (2004) Heft 3, S.9.

[2] Theoretischer, ökonomischer, ästhetischer, sozialer, politischer und religiöser Typ

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Darstellung österreichischer Autoren von Kinder- und Jugendliteratur
Untertitel
Christine Nöstlinger, Mira Lobe, Renate Welsh und Thomas Brezina
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Note
3
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V149640
ISBN (eBook)
9783640604814
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Autoren, Kinder-, Jugendliteratur, Christine, Nöstlinger, Mira, Lobe, Renate, Welsh, Thomas, Brezina
Arbeit zitieren
Monika Slunsky (Autor), 2006, Darstellung österreichischer Autoren von Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149640

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