Der Historiker selbst, unabhängig davon wie sehr er sich der Objektivität verschrieben hat, ist
seinem eigenen historischen Hintergrund unterworfen. Sein Beobachtungspunkt ist
determiniert durch Gesellschaft, Sozialisation, Zeitumstände, etc.
Dies gilt für den modernen Historiker mit seinem heutigen Selbstverständnis, wie auch für
historisch schaffende Persönlichkeiten aller vorangegangenen Zeiten. Es ist die Frage nach
der ihm umgebenden Welt, dessen er sich in mehr oder weniger starken Maße bewusst sein
kann.
Neben diesen Aspekt ist es ein weiterer Bestandteil die das historische Forschen ausmacht.
Bezeichnet man den Historiker als das forschende Subjekt ist, so stellt sich die Frage nach
dem zu erforschendem Objekt, denn ohne dies wäre der Historiker noch gar kein solcher.
Dabei wird dieses, vom Subjekt selbst, durch ein Auswahlverfahren ermittelt, welches
selbstverständlich wieder erneut von den Zeitumständen abhängig sein muss- mit der
Biografie wählt man selbstverständlich zu erst genanntes Verfahren.
Diesem Objekt kann sich der Historiker wahlweise über eine biographisch-psychologischen
Betrachtungsweise nähern oder durch eine Erforschung der historischen Struktur, die nicht
auf den zeitlichen und kausalen Zusammenhang des Individuums beschränkt sein muss.
Dieses stark vereinfachte Gedankenmodell folgt der Idee Fitz Fischers und ist in seinem
Aufsatz „Aufgaben und Methoden der Geschichtswissenschaft“ wesentlich komplexer
nachzulesen.
Der Grund, warum ich diese Gedanken, der Hausarbeit zur „Vita Caroli Magni“ von Einhard
voranstelle ist, dass sie eine Erklärung für die Systematik meines wissenschaftlichen
Arbeitens liefern sollen.
Zunächst soll eine kurze Biografie Einhards dazu dienen eine genauere Vorstellung von seiner
ihn umgebenden Welt als Historiker zu erlangen. Der Anspruch einer alles umfassenden
Biografie ist dabei nicht gegeben, würde den Rahmen dieser Arbeit auch überschreiten. Für
eine vollständige und umfangreiche Auseinandersetzung mit Einhards Vita Empfehle ich …
Berücksichtigt werden sollen hier nur relevanter Zeitumstände und ideengeschichtlicher
Strömungen, die für die weitere Arbeit von Relevanz sind. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Einhards Leben und Zeitumstände
3. Historisches Erbe und literarisches Neuland
4. Einhards Beweggründe und Motivation
5. Die „Vita Caroli Magni“ ein kritisches Zeugnis ihrer Zeit
6. Nachwort
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist die Analyse der „Vita Caroli Magni“ von Einhard unter Berücksichtigung des historischen Kontextes und der Motivation des Autors. Die Forschungsfrage untersucht, inwiefern Einhards Biografie als literarische Neuschöpfung sowie als ein kritisches Zeugnis gegenüber der Regierungszeit Ludwigs des Frommen zu interpretieren ist, indem sie ein idealisiertes Gegenbild zu Karl dem Großen entwirft.
- Einhards Biografie und sein Verhältnis zu Karl dem Großen
- Rezeption und Adaption antiker literarischer Vorbilder (Sueton)
- Rhetorische Mittel, Topoi und die Motivation der Niederschrift
- Historische Genauigkeit und die Rolle des Autors als „forschendes Subjekt“
- Spannungsfeld zwischen karolingischer Tradition und der Epoche Ludwigs des Frommen
Auszug aus dem Buch
3. Historisches Erbe und literarisches Neuland
Mit der „Vita Caroli Magni“ unternahm Einhard einen Schritt in literarisches Neuland und griff zu gleich auf ein großes historisches Erbe zurück. Eine Aussage die zunächst vielleicht widersprüchlich erscheint, aber tatsächlich den wahren Kern zu treffen vermag.
Mit dem historischen Erbe ist in diesem Falle vor allem das Werk Suetons, ins besondere sein bekanntestes und fast vollständig erhaltenes Werk „De vita Caesarum“, also die Kaiserbiographien, gemeint. Es ist davon auszugehen, dass Einhart Chance hatte dieses acht Bücher umfassende Werk in Fulda einzusehen und daraus Inspiration für seine Karlsvita zu schöpfen.
Dieses antike Erbe ist es auch, welches spätestens seit Rankes Auseinandersetzung mit der Thematik die Wissenschaft immer wieder beschäftigte. Während Ranke aber in dem Werk Einhards noch eine bis ins Detail reichende Nachahmung Suetons sah, versuchte Hellmann viel mehr das Individuelle und das Abgewandelte an der Vita zu pointieren.
Auch wenn die römische Kaiserzeit eine große Fülle an biographischer Literatur hervorgebracht hatte, waren diese mit Ausnahme der Agricola, nur Biographiereihen und keine Einzeldarstellungen. Nepos, die „Scriptores Historiae Augustae“ und auch Sueton schrieben alle Biographiserien.
Diese Tradition setzte sich im Christentum mit den Reihen der „Vitas patrum“ und den „Passiones apostolorum“ fort. Aber die mittelalterliche Historiographie, auch wenn die Persönlichkeit eines Menschen noch immer starken Reiz ausübte, ließ die Biographie als Historischegattung weitestgehend ganz fallen ließ. Hellmann stellt richtiggehend fest, „[i]n der Historiographie also verschwand die Persönlichkeit hinter den nackten Tatsachen. Sie hielt sich an einer anderen Stelle, in einer Literaturgattung, die Sinn und Daseinsberechtigung nur aus ihr zog, der Hagiographie.“
Damit sollte auch die Frage nach der Daseinsberechtigung des Begriffs des „Literarisches Neulands“ weitestgehend erklärt sein, denn die „Vita Caroli Magni“ behandelt anders als Seutons Werk der „De vitae Caesarum“ nur eine Biografie und nicht mehrere Darstellungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Dieses Kapitel erläutert die methodische Herangehensweise des Autors und legt dar, dass die Untersuchung Einhards als „forschendes Subjekt“ im Kontext seiner Zeit zu verstehen ist.
2. Einhards Leben und Zeitumstände: Es wird die Biografie Einhards skizziert, wobei sein Aufstieg am Hofe Karls des Großen und die politische Umbruchphase unter Ludwig dem Frommen im Zentrum stehen.
3. Historisches Erbe und literarisches Neuland: Dieses Kapitel analysiert die literarischen Vorbilder Einhards, insbesondere das Werk Suetons, und begründet, warum die Vita eine innovative Abkehr von hagiographischen Traditionen darstellt.
4. Einhards Beweggründe und Motivation: Hier werden rhetorische Topoi wie der „Demutstopos“ untersucht und Einhards Wunsch nach der Bewahrung des Andenkens Karls des Großen als zentrales Motiv hervorgehoben.
5. Die „Vita Caroli Magni“ ein kritisches Zeugnis ihrer Zeit: Das Kapitel arbeitet heraus, wie Einhard durch die Idealisierung Karls eine subtile Kritik an der Regierungsweise Ludwigs des Frommen übt und gesellschaftspolitische Reformen reflektiert.
6. Nachwort: Das abschließende Kapitel bündelt die Ergebnisse und diskutiert die historische Glaubwürdigkeit Einhards sowie die Herausforderungen einer modernen Quellenkritik.
Schlüsselwörter
Einhard, Vita Caroli Magni, Karl der Große, Ludwig der Fromme, Sueton, Karolingische Renaissance, Geschichtsschreibung, Mittelalterliche Biografie, Historische Quelle, Hagiographie, Forschungskontroverse, Politische Polemik, Herrscherbild, Zeitzeugenschaft, Tugendbegriff
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Einhards „Vita Caroli Magni“ als bedeutendes Werk der mittelalterlichen Biografik und untersucht den Entstehungskontext sowie die Intention des Autors.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen das Leben Einhards, sein Verhältnis zu antiken literarischen Vorbildern, die Motivation hinter der Schrift und der politische Kontext der Regierungszeit Ludwigs des Frommen.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die Vita lediglich als historische Quelle dient oder als politisches Statement zu verstehen ist, mit dem Einhard Karl den Großen idealisiert, um den damaligen Zeitgeist unter Ludwig dem Frommen zu kritisieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es wird eine quellenkritische Analyse unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur (u.a. von Beumann, Tischler und Hellmann) angewandt, um Einhard als historisches Subjekt zu begreifen.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil behandelt die literarische Einordnung gegenüber Sueton, die rhetorische Gestaltung durch Topoi und die Säkularisierung des Herrscherbildes im Vergleich zur hagiographischen Literatur.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören „Karolingische Renaissance“, „Säkularisierung“, „Gegenbild“, „Historische Quelle“ und „Vita Caroli Magni“.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des „forschenden Subjekts“?
Die Autorin betont, dass sowohl der Historiker Einhard als auch der moderne Forscher durch ihren jeweiligen zeitgenössischen Standpunkt geprägt sind, was bei der Interpretation von Quellen stets reflektiert werden muss.
Warum wird die „Vita Caroli Magni“ als kritisches Zeugnis ihrer Zeit bezeichnet?
Weil Einhard durch die bewusste Aussparung oder subtile Kritik an Ludwig dem Frommen und die Hervorhebung der „alten“ Werte Karls ein literarisches Gegenmodell entwirft, das aktiv in die zeitgenössische politische Debatte eingreift.
- Quote paper
- Magistra Artium Catrin Altzschner (Author), 2008, Die „Vita Caroli Magni“ Von Einhard zwischen historischem Vorbild und literarischen Neuland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149673