Das Bild im Medium Bildergeschichte oder –Buch ist mehr als Illustration, Verzierungen oder schöne Begleiterscheinungen der schriftlich fixierten Geschichte. Es besitzt viel mehr eine eigene teils den Text begleitende, teils unabhängige narrative Qualität. Erst durch die Verzahnung von literarischer Erzählstruktur und narrativer Struktur des Bildes, an der Schnittstelle der beiden Ebenen, erschließt sich das ästhetische Potenzial des Bilderbuches.
Dies ist die Kernthese der vorliegenden Arbeit, die es in den folgenden Kapiteln am Beispiel des Bilderbuches „Der rote Wolf“ von Karl Waechter zu erklären und beweisen gilt.
Dazu sollen zunächst, im ersten Kapitel, einige grundsätzliche Aussagen über visuelle Narrativität getätigt werden. Wie funktioniert erzählen in Bildern? Was sind Besonderheiten, Übereinstimmungen und Abweichungen zum poetischen Erzählen? Und welche Rolle hat der Rezipient? Dann in einem zweiten Schritt soll die Frage noch konkretisiert werden. Was macht überhaupt Bild und was macht Text? Wie ist ihre Wechselwirkung. Dies ist die Frage der Bild-Text-Interpendenz. In der Aktuellen Forschung ist das Thema der visuellen Narrativität in den letzten zehn Jahren wieder vermehrt in die Diskussion gerückt. Diese Entwicklung geht auf das wachsende Interesse an einem weiteren Medium, das ebenfalls im Zeichen des Bild-Text-Diskurses steht, zurück: Dem Comic. Autoren und Herausgeber wie Gisela Vetter-Liebenow, Michael Hein und Bernd Dolle-Weinkauf sind wichtige Vertreter dieser Debatte.
Aber auch zur Problematik der Erzählform Bilderbuch selbst haben sich in jüngerer Vergangenheit Autoren wie Jens Thiele oder Franziska Herlinger-Fuchs zu Wort gemeldet. In der vorliegenden Arbeit werden sich Anleihen von Fachtermini aus den Bereich der darstellenden Künste, dem Theater und dem Film, finden lassen, da diese eine gewisse Parallelität zum Illustrierten Buch in der Art des Erzählens und in der Dramaturgie aufweisen, wie sich weiteren Verlauf noch zeigen wird.
Kapitelübersicht
1. Einleitung
2. Visuelle Narrativität
2.1. Bild Denotation und Konnotation
2.2. Bild und Handlung in Zeit und Raum
2.2.1 „Der rote Wolf“: Analepse, Parapsychologisches Lebensresümee
3. Bild-Text-Interpendenz
3.1.Potenzierung
3.2. Modifikation
3.3. Parallelität
3.4. Divergenz
4. Nachwort
5. Bibliographische Angaben
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das ästhetische Potenzial und die narrative Qualität von Illustrationen im Bilderbuch "Der rote Wolf" von Karl Waechter, wobei der Fokus auf dem komplexen Wechselspiel zwischen Bild und Text liegt.
- Analyse der visuellen Narrativität und ihrer Wirkungsweise im Vergleich zum poetischen Erzählen.
- Untersuchung von Denotation und Konnotation in der Bildsprache.
- Erforschung der Bild-Text-Interpendenz anhand filmtheoretischer Grundmuster.
- Analyse spezieller erzählerischer Techniken wie Analepse und Prolepse im Kontext visueller Darstellungen.
- Vergleich der Emotionsvermittlung durch Text versus Bild.
Auszug aus dem Buch
2.2.1. „Der rote Wolf“: Analepse, Parapsychologisches Lebensresümee
Ein Rückblick ist der reflexive Bezug einer Figur auf ihre Vergangenheit. Sie repräsentieren zurückliegende Zeit, stehen aber im Zusammenhang mit aktueller Erzählzeit. Verwiesen wurde auf einen Abschnitt aus „Der rote Wolf“, konkret ist damit eine mehrseitige Bildfolge, die sich gestalterisch deutlich von den restlichen Bildern abhebt, gemeint. Sie beginnt im Moment des kommenden Freitods des Hundes, nach dem sich dieser von der Klippe gestürzt hat und sich nun im freien Fall befindet.
Bis dahin spielt die Handlung noch in der aktuellen Erzählzeit. Der auf der nächsten Seite einsetzende Rückblick spielt sich im Zeitfenster des freien Falls, also dem Moment zwischen Sprung und Tod, ab. Das Bild des fallenden Hundes stiftet eine assoziative Verbindung zwischen Realität und Erinnerung.
Dann folgen auf den nächsten fünf Seiten fünfundvierzig seriell angeordnete Einzelbilder in einem Viereck von je drei mal drei Bildern. Also neun auf jeder Seite. Abgebildet sind nur Bilder die bereits auf den vorherigen Seiten abgedruckt waren. Teilweise sind es aber nur Fragmente und fokussierte Ausschnitte von diesen.
Der zurückführende Satz „ Mein Leben zog noch mal an mir vorbei, und ich freute mich an meinem langen wunderbaren und reichen Leben.“ dient hier als Vehikel um in die Vergangenheit zurück zu kehren.
Im Gegensatz zu dem Text dehnt die große Flut von Bildern die Realzeit (die Zeit zwischen Sturz und Aufprall) bzw. rafft die erinnerte Zeit (zwischen erster Wahrnehmung und Tod).
Aus psychologischer Sicht ist der Rückblick an so genannte Nahtod oder Transzendenzerfahrungen angelehnt. Menschen welche dem Tod nur knapp entgangen sind berichten von Tunneln mit hellen Licht oder das vorbeirasen ihres ganzen Lebens in Sekundenschnelle. Wie in einem Film scheinen die Bilder vor dem inneren Auge des Hundes vorüber zu schießen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt die Kernthese auf, dass Bilder im Bilderbuch eine eigenständige narrative Qualität besitzen, die erst in Verzahnung mit dem Text ihr volles Potenzial entfaltet.
2. Visuelle Narrativität: Dieses Kapitel erläutert, wie Geschichten durch Bilder erzählt werden, wobei Denotation und Konnotation als Analysekategorien dienen.
2.1. Bild Denotation und Konnotation: Es wird dargelegt, wie Bilder analog zu Texten eine beschreibende und eine interpretative Ebene besitzen, was anhand von historischen Symbolen im Werk belegt wird.
2.2. Bild und Handlung in Zeit und Raum: Dieses Kapitel untersucht, wie durch die Anordnung von Einzelbildern im Bilderbuch Zeitfolgen und narrative Abläufe für den Betrachter rekonstruierbar werden.
2.2.1. „Der rote Wolf“: Analepse, Parapsychologisches Lebensresümee: Hier wird der Rückblick des Hundes während des freien Falls als visuelle Entsprechung einer Nahtoderfahrung analysiert.
3. Bild-Text-Interpendenz: Unter Rückgriff auf filmtheoretische Modelle wird das Verhältnis von Bild und Text als Zusammenspiel oder Widerspruch untersucht.
3.1. Potenzierung: Untersucht wird die gegenseitige Steigerung von Bild und Text zu einem übergeordneten Gesamteindruck.
3.2. Modifikation: Analysiert wird die gegenseitige Einschränkung von Bild und Text, die häufig dazu dient, eine emotional distanzierte Sprache durch bildliche Innensicht zu relativieren.
3.3. Parallelität: Betrachtet wird das Phänomen der inhaltlichen Verdopplung von Bild und Text.
3.4. Divergenz: Untersucht wird die Konstellation, in der Bild und Text keine gemeinsame Zuordnung finden, jedoch neue Bedeutungssysteme schaffen.
4. Nachwort: Das Fazit bestätigt, dass die besondere Interaktion von Bild und Text den ästhetischen Reiz des Bilderbuches ausmacht und dieses literaturwissenschaftlich analysierbar ist.
5. Bibliographische Angaben: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Bilderbuch, visuelle Narrativität, Bild-Text-Interpendenz, Denotation, Konnotation, Analepse, Nahtoderfahrung, Modifikation, Potenzierung, Parallelität, Divergenz, Erzählstruktur, Illustration, Karl Waechter, Medienwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die narrative Qualität von Illustrationen im Bilderbuch "Der rote Wolf" von Karl Waechter und analysiert, wie Bild und Text gemeinsam eine komplexe Geschichte entfalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die visuelle Narrativität, die filmtheoretisch fundierte Bild-Text-Interpendenz sowie die Analyse spezifischer narrativer Verfahren wie der Analepse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte beweisen, dass Bilder im Bilderbuch weit mehr als nur Illustrationen sind und eine eigenständige, narrative Funktion innehaben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden Fachtermini aus den darstellenden Künsten, insbesondere dem Film und dem Theater, auf das Medium Bilderbuch übertragen, um deren Interferenz von Bild und Sprache zu kategorisieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung visueller Narrativität (Denotation/Konnotation, Zeit/Raum) und die Kategorisierung der Bild-Text-Beziehungen anhand von Begriffen wie Potenzierung, Modifikation, Parallelität und Divergenz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind visuelle Narrativität, Bild-Text-Interpendenz, Erzählstruktur, Konnotation, Analepse und Medieninterdependenz.
Wie modifizieren Bilder den nüchternen Text in "Der rote Wolf"?
Der Text ist in einem distanzierten, berichtartigen Stil verfasst. Die Bilder ersetzen fehlende emotionale Verben und stiften durch ihre aquarellierte, pastellfarbene Gestaltung die für die Geschichte notwendige Innensicht und Empathie.
Was macht die Bildfolge des Falls in der Erzählung besonders?
Die Bildsequenz fungiert als visuelles Analogon zu einer Nahtoderfahrung, bei der das gesamte Leben der Figur in Sekundenschnelle "vorbeizieht", was den Übergang von der Realzeit in die erinnerte Zeit markiert.
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- Magistra Artium Catrin Altzschner (Author), 2008, Der rote Wolf – Nahtoderfahrung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149674