Gegenüberstellung zentraler Unterschiede der Theorien in den internationalen Beziehungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einführende Vorbemerkung

2. Theorien internationaler Beziehungen
2.1. Realismus
2.1.1. klassischer Realismus (Carr und Morgenthau)
2.1.2. Sicherheitsdilemma (Herz)
2.1.3. Neorealismus (Waltz)
2.1.4. Bilanz: Vorteile und Probleme des Realismus
2.2. Institutionalismus
2.2.1 normativistisch-reflexiver Institutionalismus
2.2.2 utilitaristisch-rationalistischer Institutionalismus
2.2.3 Bilanz: Vorteile und Probleme des Institutionalismus
2.3. Liberalismus
2.3.1. drei Ausprägungen nach Andrew Moravcsik
2.3.2. Abgrenzung von Realismus und Institutionalismus
2.3.3. These des demokratischen Friedens
2.3.4. Grenzen der liberalen Friedenstheorie
2.4. Konstruktivismus
2.4.1. zentrale Aspekte und Abgrenzungen
2.4.2. Perspektiven und Probleme des Konstruktivismus
2.5. Andere Theorien und Denktraditionen
2.5.1. Thukydides
2.5.2. Idealismus
2.5.3. (Neo-)Marxismus
2.5.4. Feminismus
2.5.5. Politische Psychologie

3. Zusammenfassende Schlussbemerkung

Anhang: Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitende Vorbemerkung

Es erscheint schwierig, im Rahmen einer Hausarbeit in einem Proseminar vier vollständige Theorien der internationalen Beziehungen vorzustellen, nach ihren zentralen Unterschieden zu suchen und diese sogar noch durch weitere Theorieansätze zu ergänzen. Leicht könnte man fragen, ob ein solches Unterfangen überhaupt einen Sinn macht und ob es nicht sinnvoller wäre, sich auf die Untersuchung einer Theorie zu beschränken. Für den Verfasser liegt jedoch gerade darin die Herausforderung: die vorliegende Arbeit soll in verständlicher Sprache einen sehr kompakten, dennoch aussagekräftigen Überblick der Theorien internationaler Beziehungen bieten, mit Hilfe dessen sich auch der politologische Laie innerhalb kürzerer Zeit ein erstes, einführendes Bild von den wissenschaftlichen Erklärungsansätzen internationaler Beziehungen machen kann.

Die bestimmende Untersuchungsfrage lautet dabei: worin liegen die zentralen Unterschiede der Theorien internationaler Beziehungen und welche Erklärungskraft haben sie (noch) heute für die Realität der internationalen Politik? Dabei ist eine These des Autoren, dass jede Theorie zunächst in ihrer jeweiligen Zeit, in einer bestimmten Konstellation des Staatensystems entstanden ist und dementsprechend ihre Erklärungskraft in einem historischen Zusammenhang gesehen werden muss. Darüber hinaus wird vermutet, dass sich die unterschiedlichen Theorien der internationalen Beziehungen in Teilaspekten gegenseitig sehr gut ergänzen, dass auch gerade in moderneren theoretischen Annahmen und Überlegungen Ansätze enthalten sind, die sich durchaus mit Perspektiven traditioneller Theorien verknüpfen lassen. Methodisch wird ein deskriptiver Ansatz gewählt, das heißt die Kerngedanken der einzelnen Theorien werden zunächst beschrieben und dann in ihren Differenzierungen analysiert.

Zunächst werden dabei die vier Theorien Realismus, Institutionalismus, Liberalismus und Konstruktivismus chronologisch in ihren jeweiligen Ausprägungen anhand der Hauptvertreter vorgestellt. In jedem Kapitel wird sich dann eine Bilanz anschließen, die versucht, die Vorteile, die Widersprüche und die ungelösten Probleme der einzelnen Theorien aufzuzeigen. In diesem Zusammenhang werden auch deren Unterschiede herausgearbeitet. Im Anschluss soll ein kurzer Überblick über weitere Theorien das Gesamtbild vervollständigen.

2. Theorien internationaler Beziehungen

2.1. Realismus

Der klassische Realismus geht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts davon aus, dass das Machtstreben der Menschen zu einem Machtstreben der Staaten führt. Der sich anschließende Neorealismus hingegen vertritt die These, dass die Gewährlei-stung von Sicherheit für die Staaten zum Motor der Machtinteressen wird.

Als erster Vertreter des politischen Realismus wird in der Regel der britische Politologe Edward Hallett Carr genannt. Er veröffentlicht 1946 ein Werk[1], in dem er sich mit dem vorangegangenen Idealismus (vgl. Kapitel 2.5.) kritisch auseinandersetzt und dessen Zielsetzung vom internationalen Frieden verwirft. Die Wissenschaft müsse zwischen dem, was sein soll und dem, was tatsächlich ist, also der Realität unterscheiden. Er fordert ein Gleichgewicht zwischen Utopie und Realität und stellt die Herrschaftsinteressen der Mächtigen in den Vordergrund seiner Betrachtungen. Gleichzeitig fordert er ein Zusammenwirken von Macht und Moral im politischen Handeln.

Der bekannteste klassische Realist ist Hans Joachim Morgenthau. Als deutscher Jude ist er schon seit der Schulzeit in den 20iger Jahren ständiger Diskriminierung ausgesetzt. Die politischen Interessen des Juristen und Politologen beginnen mit den schrecklichen Erlebnissen des Ersten Weltkrieges. In seinem Hauptwerk[2] formuliert er die Grundsätze des Realismus. Auch er grenzt sich vom Idealismus ab und möchte das Wesen und die Geschichte des Menschen, so wie sie tatsächlich sind, als Grundlage seiner Theorie betrachten. Politik werde von objektiven Gesetzen bestimmt, deren Ursprung in der Natur des Menschen liege. Das Gute lasse sich nicht verwirklichen, denn –so seine zentrale Annahme- der Mensch sei in erster Linie vom Machttrieb bestimmt. Macht sei auch in der internationalen Politik die zentrale Kategorie , dadurch unterscheide sie sich von Ökonomie, Recht und Ethik. Dem Menschen verbleibe nur, diese Gesetzlichkeit der Macht anzuerkennen und mit dem Ziel der Mäßigung zu verbinden. Morgenthau definiert Macht als Herrschaft von Menschen über Menschen und unterscheidet jedoch dabei zwischen der Macht von demokratischen und schrankenloser Barbarei in nichtdemokratischen Staaten. Auch wenn er nachdrücklich vor Moralisten warnt, fordert er selbst, dass das Abwägen der Folgen politischer Handlungen die höchste Tugend der Politik sein müsse. Er unterscheidet deutlich zwischen schrankenloser Gewalt und sittengebundener Macht. Dabei fordert er von den außenpolitischen Akteuren das sorgfältige Abwägen alternativer Handlungsoptionen im Sinne des Nationalinteresses. Entscheidende Instrumente dafür sind bei Morgenthau die Diplomatie und die „Ballance of Power“.

Im klassischen Realismus sind Staaten und Staatsmänner die politischen Akteure, die zentrale Kategorie ist das Machtinteresse. Da es in der internationalen Politik keine Entscheidungs- und Sanktionsinstanz gibt, befinden sich die Staaten auf internationaler Ebene im Zustand der Anarchie, in dem sie versuchen, ihre Macht zu erhalten oder zu vermehren.[3],[4]

Genau hier setzt die Theorie von John Herz[5] an, die in den 1970iger Jahren vor dem Hintergrund des Rüstungswettlaufs ein internationales Sicherheitsdilemma konstatiert: auf der Strukturebene des internationalen Systems gebe es für die einzelnen Staaten keine übergeordnete Ordnungs- und Sicherungsinstanz. Aus dem Bestreben nach Sicherheit und dem Schutz vor Angriffen anderer sehe sich ein Staat gezwungen, immer mehr Macht zu akkumulieren. Dies verunsichere wiederum die übrigen Staaten und führe letztlich zu einem Wettlauf um die Macht. Dabei ist jedoch nicht das bloße, natürliche Interesse an Macht, wie beispielsweise bei Morgenthau, sondern das Bedürfnis nach Sicherheit die zentrale Kategorie. Die internationale Machtkonkurrenz ist also kein biologisches, sondern ein soziales Problem. Die Angst voreinander, nicht die reine Herrschsucht ist bei Herz der Motor der Machtpolitik.

Diesen Gedanken greift der Hauptvertreter des Neorealismus (oder auch strukturellen Realismus) Kenneth Waltz auf. 1979 formuliert der amerikanische Politologe seine systemtheoretischen Überlegungen in einer eigenen Theorie der internationalen Politik. Demnach gibt es für politische Systeme nur zwei Ordnungsprinzipien, nämlich Hierarchie und Anarchie. Einzelstaaten sind zentralistisch und hierarchisch geordnet, sie bleiben jedoch in der Theorie eine „Blackbox“. Das internationale System hingegen ist dezentral und anarchisch. Hieraus resultiert das Risiko der Gewalt, das zu einer potentiellen Gewaltbereitschaft (Abwehr) der einzelnen Staaten führt. Verteidigungsbereitschaft und Abschreckung zum eigenen Überleben sind also die Folge. Die internationale Interaktion der Akteure kann sich aber auch in Form von Bündnissen ausdrücken. Es gibt jedoch ein unterschiedlich starkes Kräfteverhältnis zwischen den Einzelstaaten, das zu unterschiedlichen Konfigurationen des Gesamtsystems führt. Nach Walz konkurrieren Staaten um Sicherheit und Macht, in erster Linie jedoch um Sicherheit. Hier liegt die deutliche Abgrenzung des Neorealismus von seiner klassischen Variante. Das internationale System ist ein Selbsthilfesystem, und die differenten Machtpotentiale, die den Staaten jeweils zur Selbsthilfe zur Verfügung stehen, bilden den relevanten Unterschied der staatlichen Einheiten untereinander. Nach Walz ist zwischenstaatliche Interaktion dadurch geprägt, die eigene Autonomie zu wahren und im Falle einer Kooperation bei der Gewinnverteilung nicht weniger zu erhalten, als der Partnerstaat. Neorealistisch sind drei Machtverteilungen der internationalen Politik denkbar: uni-, bi- und multipolar. Die sicherste ist die bipolare, da sie weniger konfliktanfällig ist, als die beiden anderen. Sicherheit entsteht mit einem möglichst großen Machtgleichgewicht.[6],[7]

Der Realismus, so kann man zusammenfassend festhalten, erinnert an das Macht- und Gewaltpotential in der Politik. Eine Stärke des Neorealismus ist seine Sensibilität für die Konkurrenz zwischen Staaten und die Zwänge des internationalen Systems. Außerdem seine ideologischen Aspekte, die eine kritische Reflexion über Macht und politische Interessen fordern. Außenpolitik kann jedoch heute nicht auf eine (bei Morgenthau angenommene) Diplomatie des 19. Jahrhunderts reduziert werden und muss in demokratischen Systemen auch die jeweilige Gesellschaft und ihre Interessen einbeziehen. Die einzelnen Staaten können keine „Black-Box“ bleiben. Das Sicherheitsdilemma mag zur Erklärung internationaler Konflikte einen wichtigen Beitrag leisten, es allein reicht jedoch dazu nicht aus. Werte und Normen gelten heute nicht nur in den Einzelstaaten, sondern auch auf internationaler Ebene: das Menschenrecht beispielsweise stellt einen solchen, ausgesprochen zentralen Wert der Staatengemeinschaft dar. Eine weitere Kritik am Realismus ist, dass er die Wahlmöglichkeiten für politisches Handeln einschränke. Außerdem nehmen die Vertreter dieser Theorie einen Objektivismus an, den sie letztlich selbst nicht einhalten: auch die Realisten interpretieren die Welt und übersehen dabei zum Teil, dass der Mensch eben nicht nur ein Machtwesen, sondern auch ein soziales ist.[8]

[...]


[1] Carr, Edward Hallett (2. Auflage, 1966)

[2] Morgenthau, Hans Joachim (1963)

[3] vgl. Jakobs, Andreas: Realismus, in: Schiedler, Siegfried und Manuela Spindler (Hrsg.) (2003, S. 35-58)

[4] vgl. Krell, Gert (2003, S. 138-147)

[5] Herz, John: Idealistischer Internationalismus und das Sicherheitsdilemma, in: ders. (1974)

[6] vgl. Schörnig, Niklas: Neoliberalismus, in: Schiedler, Siegfried und Manuela Spindler (Hrsg.) (2003, S. 83 ff)

[7] vgl. Schiedler, Siegfried und Manuela Spindler (Hrsg.) (2003)

[8] vgl. Krell, Gert (2003. S. 158-164)

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Gegenüberstellung zentraler Unterschiede der Theorien in den internationalen Beziehungen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Politik- und Sozialwissenschaften - Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Sicherheitspolitik in Osteuropa
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V149689
ISBN (eBook)
9783640604852
ISBN (Buch)
9783640604975
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit bietet einen guten Überblick zu den diversen Theorien in den internationalen Beziehungen. Besonders hervorzuheben sind die sehr gute Gliedrung und ein gelungenes Literaturverzeichnis.
Schlagworte
Internationale Beziehungen, Theorien, Realismus, Institutionalismus, Konstruktivismus, Liberalismus
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Helmut Schäfer (Autor), 2005, Gegenüberstellung zentraler Unterschiede der Theorien in den internationalen Beziehungen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149689

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