Im Zentrum der hier vorliegenden Analyse steht Benjamin Lee Whorfs sogenanntes linguistisches Relativitätsprinzip, das in weiteren Wissenschaftskreisen auch als Sapir-Whorf-Hypothese bekannt geworden ist. Whorfs Relativitätshypothese, also sein Postulat, Denken sei abhängig von Sprache, soll sich hier einer kritischen Prüfung unterziehen. Exemplarisch sollen Komplexe zur Zeitlichkeit und Pluralität verdeutlichen, dass Whorfs Argumentation eine nicht unerhebliche Unschärfe aufweist, insofern er die Begriffe Sprache und Denken nicht hinreichend differenziert. Grammatische Differenz meint nicht kogitative Differenz. So bedeutet z. B. das Fehlen der Zeitkategorie in der Grammatik der von Whorf untersuchten Hopi-Sprache nicht, dass die Hopi Zeitkategorien nicht denken können - und ebensowenig vermögen die vielen Ausdrücke für verschiedene Arten von Schnee in der Eskimo-Sprache zu begründen, dass in anderen Kulturen diese verschiedenen Schneearten nicht gedacht bzw. unterschieden werden können. Was wäre der Mensch ohne seine Sprache? Wie würde er sich die Welt (er)denken, wenn ihm die Worte fehlten? Und wie würde sie ihm erscheinen, wenn er nicht denken könnte? Was meinen wir eigentlich, wenn wir vom Denken sprechen? Können wir sprechen ohne Gedanken bzw. denken ohne Sprache? Denken wir in einer Sprache? Gibt es kultur- bzw. sprachrelatives Denken? Fragen wie diese richten den philosophischen Kompass auf den Konnex von Sprache und Denken, pointiert auf die Leitfrage: Bestimmt Sprache unser Denken?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sprache und Denken und Physik
2.1 Linguistische Relativität vs. linguistischer Determinismus
2.2 Whorfs Thesen zur sprachlichen Relativität
2.2.1 Zeitlichkeit in der Hopi-Sprache
2.2.2 Pluralität und Zählbarkeit
2.2.3 Massentermini
2.2.4 Substantive vs. Verben
3. Relativierung der linguistischen Relativität
3.1 Physikalische oder psychologische Zeit
3.2 Zirkularität
3.3 Hermetische vs. kommunikative Wirklichkeiten
3.4 Denken in einer Sprache
3.5 Eskimo-Wörter für Schnee
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das linguistische Relativitätsprinzip, insbesondere in der Form der Sapir-Whorf-Hypothese, um die Forschungsfrage zu beantworten, ob die Sprache das menschliche Denken determiniert bzw. maßgeblich beeinflusst.
- Grundlagen des Verhältnisses von Sprache, Denken und physikalischem Weltverständnis
- Analyse und Kritik der Thesen Benjamin Lee Whorfs am Beispiel der Hopi-Sprache
- Gegenüberstellung von sprachlichem Determinismus und linguistischer Relativität
- Untersuchung von grammatischen Strukturen als mögliche Einflussfaktoren auf das Weltbild
- Kritische Revision der Annahme, dass Denken in einer Sprache stattfindet
Auszug aus dem Buch
3.4 Denken in einer Sprache
Man mag meinen, was begriffen wird, findet seinen sprachlichen Ausdruck im Begriff. Doch bedeutet das, dass wir ohne Begriffe nicht begreifen können? Diese Paradoxie zeigt sich, wenn im alltäglichen Sprachgebrauch Begriff und Wort synonym verwendet werden. Beides gilt es voneinander zu unterscheiden, wenn geprüft werden soll, ob Denken an Sprache gebunden ist. Während Worte bloße Symbole bzw. Zeichen (Signifikanten) sind, beinhalten Begriffe das semantisch Aufgeladene, sind das Bezeichnete (Signifikate) selbst. Man könnte salopp formulieren, das Wort ist die „Hülse“, der Begriff der Inhalt. Mit Begriff als bloßen Inhalt verstanden lässt sich nicht sinnvoll die Notwendigkeit einer Sprachgebundenheit ableiten, denn das würde bedeuten, dass es kein außersprachliches Begreifen gäbe. Wie würden Tiere die Welt begreifen, sich in ihr orientieren? Die vor allem in der Ethik viel diskutierte Frage, ob Tiere denken können, ist schnell mit „nein“ beantwortet, wenn man Sprachfähigkeit der Denkfähigkeit voraussetzt.
Mit der Differenzierung von Wort und Begriff nähern wir uns den Argumenten, die gegen Whorfs Behauptung sprechen, dass das Denken selbst in einer Sprache geschehe. Analog zur Wort-Begriff-Trennung lässt sich sagen: Sprache und Denken ist nicht dasselbe. Sprechen ist nicht gleich Denken und umgekehrt. Wir sprechen und wir denken – und manchmal auch beides gleichzeitig. Wer denkt, muss nicht notwendig sprechen. Und wer spricht, muss nicht notwendig denken oder gedacht haben – man denke an sinnloses Nachplappern bei Papageien. Denken meint den kogitativen Prozess, der Sinn stiftet. Denken zeigt sich im Verhalten, und zwar nicht bloß in linguistischem Verhalten, also nicht bloß in der Sprache.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob Sprache unser Denken bestimmt, und stellt Benjamin Lee Whorfs Werk als zentralen Untersuchungsgegenstand vor.
2. Sprache und Denken und Physik: Dieses Kapitel definiert die grundlegenden Konzepte wie den linguistischen Determinismus und die linguistische Relativität und erläutert Whorfs Thesen anhand spezifischer grammatischer Merkmale der Hopi-Sprache.
3. Relativierung der linguistischen Relativität: In diesem Kapitel werden Whorfs Thesen durch kritische Einwände, wie das Problem der Zirkularität und der Differenzierung von Wort und Begriff, hinterfragt und kontextualisiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Sprache das Denken zwar beeinflussen kann, aber nicht in einem deterministischen Sinne bestimmt, da das Denken nicht notwendigerweise an eine Sprache gebunden ist.
Schlüsselwörter
Sprache, Denken, Linguistische Relativität, Determinismus, Whorf, Sapir-Whorf-Hypothese, Hopi, Weltbild, Physikalische Zeit, Grammatik, Übersetzbarkeit, Kognition, Begriff, Semantik, Kommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken unter besonderer Berücksichtigung der Thesen von Benjamin Lee Whorf.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören das Prinzip der linguistischen Relativität, Whorfs Thesen zu grammatischen Strukturen, Unterschiede zwischen indoeuropäischen Sprachen und der Hopi-Sprache sowie erkenntnistheoretische Fragen zur Sprachgebundenheit des Denkens.
Was ist das primäre Ziel bzw. die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu überprüfen, ob das sprachvermittelte Weltbild des Menschen seine Denkweise bestimmt und ob Whorfs Schlussfolgerungen einer kritischen wissenschaftlichen Prüfung standhalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine analytisch-kritische Auseinandersetzung mit der Fachliteratur und dem Werk Whorfs, die durch logische Argumentation und den Einbezug linguistischer sowie philosophischer Positionen (u.a. P. M. S. Hacker) die Theorie hinterfragt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Whorfs Thesen – einschließlich Aspekten wie Zeitlichkeit, Pluralität und Wortarten im Hopi – und die anschließende kritische Relativierung dieser Thesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Linguistische Relativität, Determinismus, Weltbildkonstitution, Sapir-Whorf-Hypothese und die kognitive Unterscheidung zwischen Sprache und Denken.
Warum wird Whorfs These zur Unübersetzbarkeit der „Hopi-Zeit“ kritisiert?
Der Autor argumentiert, dass Whorfs Annahme einer „zeitlosen“ Hopi-Sprache logische Widersprüche enthält, da bereits die Verwendung von Ordinalzahlen und grammatischen Strukturen auf ein zeitliches Verständnis hindeuten.
Gibt es einen theoretischen Ausweg aus der von Whorf postulierten „hermetischen Wirklichkeit“?
Ja, der Autor führt die kommunikative Realität an, in der Übersetzung und interkultureller Austausch stattfinden, sowie die These, dass Denken als eigenständiger kognitiver Prozess nicht vollständig in einer Sprache gefangen ist.
Wie bewertet der Autor Whorfs berühmtes Eskimo-Beispiel?
Der Autor kritisiert das Beispiel als oberflächlich und weist darauf hin, dass unterschiedliche Wortbildungen (Suffixe vs. einzelne Wörter) lediglich morphologische Eigenheiten darstellen und nicht zwingend auf eine grundlegend andere Art des Denkens schließen lassen.
- Arbeit zitieren
- Thorsten Schmidt (Autor:in), 2023, Das linguistische Relativitätsprinzip nach Whorf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1497462