Integration, aber wie?

Assimilation und Binnenintegration - ein Vergleich.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
21 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definitionen „Integration"
1.1 Integration nach Esser
1.2 Integration nach Elwert

2. Definitionen „Assimilation" und „Binnenintegration"
2.1 Assimilation nach Esser
2.2 Binnenintegration nach Elwert

3. Wege und Ziele der beiden Ansätze
3.1 Binnenintegration
3.2 Assimilation

4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Theorien

5. Bewertung der Ansätze: Chancen und Probleme

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Integration von Migranten ist notwendig. In dieser Aussage stimmen die Ansätze von Hartmut Esser und Georg Elwert überein. Doch wie wird Integration definiert? Auf welchem Weg soll sie erreicht werden? Was soll sie bewirken? Diese Fragen offenbaren deutliche Unterschiede zwischen Esser einerseits und Elwert andererseits: Während Esser die Assimilationstheorie vertritt, befürwortet Elwert die Integration durch Binnenintegration.

In der vorliegenden Hausarbeit sollen die beiden Ansätze - hauptsächlich anhand der Veröffentlichungen der genannten Wissenschaftler - miteinander verglichen werden. Die Vergleichbarkeit ist dabei aufgrund der Gemeinsamkeit, dass beide Autoren die Integration per se als notwendig und wünschenswert erachten, gegeben. Zunächst soll daher auf die jeweilige Definition von Integration eingegangen werden. Im Hauptteil dieser Arbeit sollen die Ansätze, die Wege zur und die Formen der Integration sowie die Ziele, die mit ihr verfolgt werden, gegenübergestellt werden. Nach Feststellung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten soll eine Bewertung der Ansätze folgen: Wo liegen jeweils die Chancen und Probleme dieser sozialwissenschaftlichen Integrationstheorien?

1. Definitionen „Integration“

1.1 Integration nach Esser

Integration definiert Esser zunächst allgemein als „Zusammenhalt von Teilen in einem „systemischen" Ganzen" (Esser 2001: 1). Die Grundvoraussetzung jeder Integration ist demnach die Interdependenz der einzelnen Teile. Esser unterscheidet zwischen zwei Perspektiven, der Systemintegration und der Sozialintegration:

„Die Systemintegration bezieht sich [.] auf die Integration des Systems einer Gesellschaft als Ganzheit, die Sozialintegration dagegen auf die der Akteure (bzw. der von ihnen gebildeten Gruppen) „in" das System hinein." (Esser 2001: 3).

Für die Thematik der Integration von Zuwanderern ist demnach vor allem die Sozialintegration von Bedeutung. Untersucht wird die Integration einzelner Akteure resp. einer Gruppe von Akteuren, den Zuwanderern. Diese kann laut Esser zwar Auswirkungen auf die Systemintegration haben, jedoch seien Sozial- und Systemintegration logisch und empirisch voneinander unabhängig (vgl. Esser 2001: 5f.). Die Integration des gesellschaftlichen Systems der Bundesrepublik Deutschland wird jedoch nicht hinterfragt, sodass an dieser Stelle lediglich die Sozialintegration genauer definiert werden soll.

Esser unterscheidet vier Dimensionen der Sozialintegration:

(1) Kulturation als Erwerb von Wissen und kulturellen Fertigkeiten, v.a. der Sprache des aufnehmenden Landes,

(2) Platzierung als Besetzung von beruflichen und gesellschaftlichen Positionen sowie als Verleihung von Rechten (beispielsweise Staatsbürgerschaftsrecht),

(3) Interaktion als Aufbau und Erhalt von sozialen Beziehungen im Alltag sowie

(4) Identifikation als emotionale Zuwendung, Unterstützung oder Hinnahme des sozialen Systems der Aufnahmegesellschaft (vgl. Esser 2001: 8-14).

Zwischen diesen Dimensionen konstatiert Esser einen kausalen Zusammenhang. So bedinge eine erfolgreiche Platzierung beispielsweise eine Form der Kulturation, v.a. den Spracherwerb. Die Platzierung ermögliche wiederum die Aufnahme sozialer Beziehungen, die Identifikation folge schließlich meist zuletzt (vgl. u.a. Esser 2001: 73).

1.2 Integration nach Elwert

Während Esser in seiner Begriffsdefinition explizit auf die Dimension der kulturellen Kompetenzen verweist, favorisiert Elwert die Variante eines „weitgehend kulturfreien Konzepts, das eher sozialstrukturell orientiert ist" (Elwert 1982: 719). Integration sei demnach die „Teilhabe an den gesellschaftlichen Gütern" (Elwert 1982: 719). Gesellschaftliche Güter können dabei die Chance zur beruflichen Mobilität sein, allerdings auch beispielsweise die Garantie gewaltfreier Räume. Elwert betont außerdem konkret, dass nach seiner Definition die Integration keine Anpassung der Muttersprache oder der Religion erfordere (vgl. Elwert 1982: 720).

Notwendig sei hingegen der „Zutritt zu den „Statuslinien der aufnehmenden Gesellschaft““ (Elwert 1982: 720)[1].

2. Definitionen „Assimilation“ und „Binnenintegration“

Als weitere Grundlage für die folgende Betrachtung der von den beiden Soziologen jeweils favorisierten Theorien sollen die jeweiligen Definitionen dienen.

2.1 Assimilation nach Esser

Im Allgemeinen beschreibt Esser Assimilation als „die „Angleichung“ der verschiedenen Gruppen in bestimmten Eigenschaften“ (Esser 2001: 21). Angestrebt werde dabei aber nicht die Gleichheit aller Akteure, sondern „die Angleichung in gewissen Verteilungen der verschiedenen Gruppen“ (Esser 2001: 21). Assimilation beschriebe folglich den Zustand, in dem es zwischen Migranten und Einheimischen keine systematischen Unterschiede auf Gruppenebene gibt.

In Anlehnung an die vier Dimensionen der Sozialintegration (vgl. 1.1) unterscheidet Esser zwischen kultureller, struktureller, sozialer und emotionaler resp. identifikativer Assimilation (vgl. u.a. Esser 2001: 22). Zwischen den vier Dimensionen existieren kausale Beziehungen (vgl. auch 3.2).

2.2 Binnenintegration nach Elwert

Elwert definiert Binnenintegration als den „Zustand, in dem für das Glied einer durch emische (kulturimmanente) Grenzen definierten Subkultur der Zugang zu einem Teil der gesellschaftlichen Güter [...] über soziale Beziehungen zu anderen Gliedern dieser Subkultur vermittelt ist“ (Elwert 1982: 720). Zu den gesellschaftlichen Gütern, die über die Integration in die eigene ethnische Gemeinde erlangt werden, zählt Elwert explizit auch Gebrauchswerte wie Hilfe, Vertrauen und Solidarität. Außerdem wird hervorgehoben, dass die Grundlage der Binnenintegration die Abgrenzung der ethnischen Subkultur durch emische[2] Grenzen sei (vgl. Elwert 1982: 720).

3. Wege und Ziele der beiden Ansätze

3.1 Binnenintegration

Elwerts Ausführungen zur Binnenintegration beruhen auf der folgenden These: Eine verstärkte Integration der Migranten in ihre ethnische Gemeinde innerhalb der Aufnahmegesellschaft wirkt sich - unter bestimmten Voraussetzungen[3] - positiv auf die Integration in die Aufnahmegesellschaft aus (vgl. Elwert 1982: 718). So entstehe mit der Abgrenzung als Gruppe eine Solidarität unter den Akteuren, die laut Elwert in drei verschiedenen Zusammenhängen an Bedeutung gewinnt. Außerdem werden hierbei Gebrauchswerte vermittelt. Zum Ersten betont Elwert die Auswirkungen, die eine Binnenintegration auf das Selbstbewusstsein von Migranten habe: „Selbstbewusstsein kann man weitaus leichter unter denen bewahren oder erwerben, die die gleiche kulturelle Identität und den gleichen sozialen Status haben und mit denen man in den gewohnten kulturellen Verhaltensmustern verkehren kann.“ (Elwert 1982: 721).

Dem Selbstbewusstsein und die kulturelle Identität konstatiert Elwert dabei eine wichtige Bedeutung für die Integration in die Aufnahmegesellschaft. Nur selbstbewusste Migranten könnten sich demnach die neuen Verhaltensweisen aneignen, weil sie „den Mut haben, etwas falsch zu machen, und [...] dabei ein Verhalten verändern können, ohne daß gleich das gesamte Selbstbewußtsein damit in Frage gestellt wird“ (Elwert 1982: 721).

Zum Zweiten sieht Elwert in der Vermittlung von Alltagswissen eine Leistung der Binnenintegration: Im Umgang mit Institutionen, Organisationen oder auch einzelnen Akteuren der Aufnahmegesellschaft müssen nicht nur formal, sondern auch praktisch Verhaltenskodizes beachtet werden. Das relevante Alltagswissen zu vermitteln sei vor allem über diejenigen möglich, die es sich - nach ähnlicher Migrationsgeschichte - schon angeeignet haben. Bei dieser Unterstützung von Teilen der ethnischen Gemeinde handele es sich also um ein Element von Selbsthilfe (vgl. Elwert 1982: 722).

Zum Dritten verweist Elwert auf die Möglichkeit, über die Binnenintegration eine „pressure-group" (Elwert 1982: 722), eine Interessengruppe, zu konstituieren. So könnten die Teilhabe an gesellschaftlichen Gütern weiter gesichert und die Interessen der Gruppe gegenüber politischen Entscheidungsträgern vertreten werden. Diese Organisation würde der Gruppe demnach nicht nur eine größere Macht verleihen, sondern auch einen neuen Kommunikationsweg zwischen ethnischer Gemeinde und Aufnahmeland schaffen (vgl. Elwert 1982: 722f.).

Elwert plädiert auf der Grundlage der von ihm genannten Leistungen für eine Stärkung der jeweiligen Migrantengruppen, wozu auch eine räumliche Ballung beitragen könne (vgl. Elwert 1982: 720). Eine starke ethnische Gemeinde, schließe dabei die Übernahme kultureller Fertigkeiten der Aufnahmegesellschaft nicht aus (vgl. Elwert 1982: 726)[4]. Allerdings verweist er auf drei Bedingungen, die erfüllt werden müssen, um positive Effekte der Binnenintegration zu ermöglichen: Die

Binnenintegration dürfe erstens nicht zu einer Aufhebung des gesellschaftlich kontrollierten, zentralen Gewaltmonopols führen, wie es beispielsweise in Mafia-Strukturen der Fall sei. Zweitens müsse gewährleistet sein, dass es innerhalb der Migrantengemeinschaft nicht zur Bildung von sozialen Isolaten komme. Elwert führt hier das Beispiel einiger türkischer Frauen, die sich vorwiegend im eigenen Wohnraum aufhalten, an. (vgl. Elwert 1982: 724ff.). Drittens müsse „das System der Informationsaufnahme, Informationsverarbeitung und Ausbildung von Gesellschaftsbildern [.] ein lernfähiges System bilden" (Elwert 1982: 726). Dies sei insofern wichtig, als dass das Wissen über die Aufnahmegesellschaft stetig mit der Realität verglichen und gegebenenfalls angepasst werden müsse, beispielsweise um Vorurteile zu verhindern resp. abzubauen.

[...]


[1] Elwert bezieht sich an dieser Stelle auf Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (1973): Soziologie des Fremdarbeiterproblems. Stuttgart.

[2] Elwert bezeichnet Grenzziehungen als emisch, wenn sie der jeweiligen Kultur oder Sprache selbst entstammen. Hierbei beruft sich Elwert auf Pike, Kenneth (1967): Language in relation to a unified theory of the structure of human behavior. The Hague. Die Originalquelle konnte nicht beschafft warden.

[3] Auf die Bedingungen soll an späterer Stelle näher eingegangen werden (vgl. S. 5).

[4] Elwert verweist hier u.a. auf die sprachliche Assimilation der Iren vom Gälischen zum Englischen. Angemerkt sei hier, dass er sich bezieht in seiner weiteren Argumentation auf Literatur und Studien aus den 1960er und 70er Jahren bezieht; das aktuellste Werk wurde im Jahr 1975 veröffentlich, Elwerts Aufsatz im Jahr 1982.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Integration, aber wie?
Untertitel
Assimilation und Binnenintegration - ein Vergleich.
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Sozialwissenschaftlice Theorien der Integration von Zuwanderern
Note
1,00
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V149796
ISBN (eBook)
9783640606542
ISBN (Buch)
9783640606825
Dateigröße
1258 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Esser, Elwert, Integrationstheorien
Arbeit zitieren
Magistra Artium Maike Falkenberg (Autor), 2007, Integration, aber wie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149796

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