[...] Aber worin besteht dieser Zusammenhang, weist doch der zweite Blick in das Inhaltsverzeichnis auf, dass für Texte eine Reihe von Autoren angegeben sind. Weiter weist der Blick auf, das es sich um verschiedene Typen von Texten handeln muss, denn ein Evangelium ist allein vom Begriff her ein Anderes als ein Brief, beide anderes als eine Geschichte, alle drei anderes als eine Apokalypse. Oder gar doch nicht? Oder sind die verschiedenen Autoren nur scheinbar verschieden; also letztlich doch alles ein einziger, tatsächlich zusammengehörender Text? Viele Fragen. Warum heißt dieses Buch Testament, da wir Heutigen doch unter dem Begriff Testament sicher eines gerade nicht verstehen; nämlich ein Buch. Können wir aber so ohne Weiteres unseren Begriff von „Testament“ auf die Zeiten übertragen, in denen die Texte des neuen Testamentes verfasst worden sind? Wann sind die Texte überhaupt verfasst worden; sind sie zeitgleich, zumindest annähernd zeitgleich verfasst worden oder liegen so große Zeiträume zwischen den Entstehungszeiten der einzelnen Texte, dass ein einheitlicher Inhalt des Begriffs Testament auch bei den Autoren nicht mehr vorausgesetzt werden darf? Überhaupt: warum „Neues Testament“: gibt es ein „Altes“? Was aber ist mit diesem Alten: bleibt es gültig, wenn es jetzt doch ein Neues gibt? Alle für das Neue Testament gestellten und noch darüber hinaus möglichen Fragen können mit gleichem Recht für das Alte Testament gestellt werden.
Im Folgenden sollen einige dieser Fragen aufgegriffen werden. Da ist zum ersten die Frage nach den im neuen Testament zu findenden Textformen (Abschnitt 2.). Da ist zum zweiten die Frage danach, ob die gefundenen Textformen einen Zusammenhang bilden, wie welche Textformen zusammenhängen und warum. In den Vordergrund rücken dabei die formale Betrachtungsweise, analog zu den formal zu bestimmenden Textformen. (Abschnitt 3). Schließlich soll dann noch ein Blick auf die Inhalte geworfen werden; konkret: können die Formen für sich gelesen werden oder dürfen, müssen sie gar zusammen gelesen werden, um ihren eigentlichen Sinn dem Leser frei zu geben? (Abschnitt 4) Abschließend sei in (Abschnitt 5) versucht, ein Ergebnis zu formulieren, bevor in (Abschnitt 6) die Ausführungen kurz zusammengefasst werden sollen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Gattungen / Formen
2.1 Großformen
2.1.1 Evangelium
2.1.2 Apostelgeschichte
2.1.3 Briefe
2.1.4 Apokalypse
2.2 Kleinformen
2.2.1 Wundergeschichten
2.2.2 Gleichnisse
2.2.3 Metapher, Parabel und Allegorie
2.2.4 Anekdote
3 Zusammenhänge zwischen den Gattungen / Formen
3.1 Die Formen untereinander
3.1.1 Kleinformen zu Kleinform
3.1.2 Großformen zu Großform
3.2 Zusammenhänge zwischen den Gattungen / Formen
3.2.1 Kleinformen zu Großformen
3.2.2 Großformen zum Neuen Testament als Ganzes
4 Kanonische Lesart als Hilfe zum Verständnis des NT
4.1 formaler Bezug von AT und NT
4.2 Inhaltlicher Bezug des NT zum AT
4.3 Inhaltliche Bezüge zwischen den Texten der jeweiligen Formen
5 Ergebnis
6 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen literarischen Gattungen und Formen innerhalb des Neuen Testaments und analysiert deren inhaltliche sowie formale Zusammenhänge. Ziel ist es aufzuzeigen, wie eine kanonische Lesart, die Bezüge zwischen den Texten und zum Alten Testament einbezieht, zu einem vertieften Verständnis der biblischen Schriften führt.
- Analyse der Großformen (Evangelium, Apostelgeschichte, Briefe, Apokalypse)
- Untersuchung der Kleinformen (Wundergeschichten, Gleichnisse, Anekdoten)
- Interdependenz und Strukturzusammenhänge der neutestamentlichen Texte
- Bedeutung der kanonischen Lesart für das Verständnis des Vollsinns (sensus plenior)
- Bezugnahme zwischen dem Alten und Neuen Testament
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Evangelium
Die literarische Form des Evangeliums ist eine ureigentliche „Erfindung“ der christlichen Autoren. Zwar gab es den Begriff auch vor seiner literarischen Verwendung als Ausdruck einer mündlich überbrachten >frohen Botschaft<, vor allem wohl bezogen auf das jeweils regierende Kaiserhaus in Rom. Markus greift diesen Begriff auf, leitet er doch sein Evangelium eben mit diesem Begriff ein. Ob bereits Markus mit dem Begriff eine literarische Form, gar Großform meinte, ist nicht beweisbar. Die Verwendung des Begriffs des Evangeliums stellt in jedem Fall eine Spitze gegen das – im römischen Kultus als göttlich angesehene – Kaisertum in Rom dar, als frohe Botschaften nun nicht mehr vor allem von ihm ausgehen, sondern auch von einem, der mit dem Kaisertum sehr wenig gemein hat.
Mit diesem >Einem< können zwei Personen gemeint sein: einmal derjenige, der die „frohe Botschaft“ bringt, zum anderen derjenige, der über diesen Boten und seine Botschaft berichtet. Evangelium ist im Kern beides gleichzeitig und in einem: es ist „in sich geschlossene Jesusgeschichte“, die von einem Autor, der sich als Zeuge sieht und später von der entstehenden Kirche als Zeuge bestätigt wird, aus seiner Sicht erzählt wird. Evangelium ist biographische Erzählung; Evangelium ist Memoirenliteratur. Evangelien können als Memoiren des Autors gesehen werden, in denen der Hauptperson, eben des Boten des frohen Botschaft, des Jesus und seines Handelns memoriert wird. Im Text des Evangeliums tritt der Autor selbst folglich so wenig auf wie der Adressat der frohen Botschaft (mit wenigen Ausnahmen, z.B. Mk 13,14). Autor und Adressat sind dennoch immer in entscheidender Position gegenwärtig, als der Autor nicht für sich schreibt, sondern für einen Leser- und Hörerkreis, andererseits als der Autor nicht historisch berichtet, sondern als er seine eigenen, ganz persönlichen >Memoiren< beschreibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung hinterfragt die Begrifflichkeit des „Neuen Testaments“ als Buch und thematisiert die Fragestellung nach der Einheit und den Zusammenhängen der darin enthaltenen Texte.
2 Die Gattungen / Formen: Dieses Kapitel klassifiziert die Texte in Groß- und Kleinformen, wie Evangelien, Apostelgeschichte, Briefe, Apokalypse sowie Wundergeschichten und Gleichnisse.
3 Zusammenhänge zwischen den Gattungen / Formen: Hier wird analysiert, wie die verschiedenen Textformen miteinander verwoben sind und in welcher Beziehung sie zueinander sowie zum Neuen Testament als Ganzes stehen.
4 Kanonische Lesart als Hilfe zum Verständnis des NT: Das Kapitel erläutert die Notwendigkeit, das Neue Testament in Bezug zum Alten Testament zu lesen, um den tieferen Sinngehalt der Texte zu erschließen.
5 Ergebnis: Das Ergebnis fasst zusammen, dass die Struktur der Bibel auf verschiedenen Ebenen basiert und erst das Zusammenlesen der Texte den Vollsinn der Heiligen Schrift offenbart.
6 Schluss: Der Schluss resümiert, dass eine kanonische Lesart, welche formale und inhaltliche Bezüge berücksichtigt, die Grundvoraussetzung für ein gründliches Verständnis der Bibel darstellt.
Schlüsselwörter
Neues Testament, Altes Testament, Evangelium, Literarische Gattungen, Kanonische Lesart, Vollsinn, Sensus plenior, Jesus Christus, Apostelgeschichte, Briefliteratur, Apokalypse, Wundergeschichten, Gleichnisse, Theologie, Textanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Struktur und den Gattungen des Neuen Testaments sowie der Frage, wie diese Texte untereinander und mit dem Alten Testament in Beziehung stehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Definition und Einordnung von Textformen wie Evangelien, Briefen und Apokalypsen sowie deren Zusammenhänge und die Bedeutung der kanonischen Interpretation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie eine kanonische Lesart der Texte das Verständnis der Bibel vertieft und warum eine isolierte Betrachtung der Textformen nicht ausreicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse literarischer Textformen (Gattungskritik) und untersucht die formalen sowie inhaltlichen Bezüge innerhalb der biblischen Texte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die verschiedenen Groß- und Kleinformen definiert, danach deren inhaltliche Verflechtungen analysiert und abschließend die kanonische Lesart als hermeneutisches Instrument vorgestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Kanonische Lesart, Vollsinn, Textgattungen, Evangelien, Altes Testament und Intertextualität geprägt.
Inwiefern beeinflusst das Alte Testament die Interpretation des Neuen Testaments?
Der Autor argumentiert, dass das Neue Testament nur vor der Folie des Alten Testaments vollständig verstanden werden kann, da es sich inhaltlich auf dieses bezieht und erst durch den Zusammenblick beider Teile ein Vollsinn entsteht.
Warum unterscheidet der Autor zwischen „Formen“ und „Gattungen“?
Der Autor orientiert sich an Marius Reiser und bevorzugt den Begriff „Formen“, um sich von terminologischen Definitionen der Biologie oder Erkenntnistheorie abzugrenzen und die literarische Besonderheit der biblischen Texte hervorzuheben.
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- dipl.-ing.agr. Paul Klünemann (Author), 2010, Gattungen und Formen im Neuen Testament, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149832