Panikstörung mit Agoraphobie

Jahresarbeit eines psychischen und psychosozialen Störungsbildes


Diplomarbeit, 2000

48 Seiten, Note: 5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Psychiatrische Klassifikation von Angststorungen

1. Der Begriff„Angstst6rungen“ und die Fragwurdigkeit seines theoretischen Hintergrundes

2. Die Klassifikation der Angstst6rung und epidemiologische Ergebnisse

3. Panikattacken

4. Panikst6rung.

5. Agoraphobie (Agoraphobie ohne Panikst6rung ICD-10: F40.00; DSM-IV: 300.22 Agoraphobie mit Panikst6rung ICD-10: F40.01; DSM-IV: 300.21)

6. Resumee Therapeutisches Vorgehen
1. Modelle des Vorgehens
2. Haltung des Therapeuten
3. Therapeutische Schwierigkeiten
4. Therapeutische Strategien zur Bewaltigung der Angst
a) Das ABC der Gefuhle
b) Das halbstandardisierte 5 Phasen Therapieprogramm
1. Psychologische Edukation erganzt durch medizinische Informationen
2. Kognitive Schritte
3. Exposition in vivo
4. K6rperbezogene Verfahren
5. Gruppendynamik und Modellverhalten der Gruppenteilnehmer
c) Anleitung zur Progressiven Muskelentspannung nachjacobson (PME) 22-
d) Die Spontanentspannungstechnik
e) Die systematische Desensibilisierung
f) Modelllernen
g) Angstfrageb6gen fur Panik- und Agoraphobiepatienten
h) kurze Darstellung von medikament6sen Behandlungen

Einige Geschichten

Personliche Stellungnahme zum Arbeitsprozess

Literaturverzeichnis und WWW-Adressen zum Thema

Begriffserklarungen

Anhang I: Das ABC der Gefuhle (ein Arbeitsblatt)

Anhang II: Anleitung zur Progressiven Muskelentspannung (ein Arbeitsblatt)

Anhang III: Angstbeobachtungsblatt (ein Arbeitsblatt)

Anhang IV: Angstfrageb6gen fur Panik- und Agoraphobiepatienten (kurze Erklarungen zu den Frageb6gen)

Vorwort

Angst ist ein lebenswichtiges Gefuhl, das uns auf Gefahren aufmerksam macht. Panische Angstzustande ohne ersichtliche Gefahrenquelle (so genannte Panikstorung) und das Ausweichen von Angstsituationen (Agoraphobie) verschleissen umsonst Energien. Diese sind enorm verbreitet: 15% der Weltbevolkerung erleben im Laufe ihres Lebens spontane Angstanfalle aus heiterem Himmel, sagt uns die neuste Panik- forschung. Gut 6% der Bevolkerung haben Angststorungen. Schlusselt man sie auf, dann leiden etwa 1% der Bevolkerung an Panikstorung und 3 bis 4% an Agoraphobie (fruher Platzangst).[1]

Panikanfalle sind fur Betroffene hochst dramatisch, katastrophale Erlebnisse. Sie kommen bei den meisten Angststorungen vor. Sozialepidemiologischi gesehen gelten sie als Spitzenreiter der in der klinischen Praxis vorgestellten psychischen Storungen.

Unter Panikattacken leiden nicht nur Personen mit Panikstorung und Agoraphobie, sondern auch solche mit spezifischer oder einfacher Phobie, oder mit sozialer Phobie und sogar einige mit Zwangsstorungen. Die uberwiegende Zahl der Panik- und Agoraphobiepatienten wurden durch einen Panikanfall oder einige Angst­zustande traumatisiert. Demzufolge sind Panikattacken der Schlusselbegriff fur Panikstorung und Agoraphobie.[2]

Frauen sind am meisten betroffen. Sie haben doppelt so haufig Furcht wie Manner und weichen auch eher gefurchteten Situationen aus. Viele geben ihren Beruf auf und konnen aus Angst sogar das Haus nicht mehr verlassen. Dadurch sind sie in ihrer Lebenshaltung uberaus eingeschrankt.

Erstaunlicherweise gibt es die diagnostische Kategorie Panikstorung erst seit der Veroffentlichung des DSM- III, der American Psychiatric Association im Jahre 1980. In Deutschland wurde das neue diagnostische Etikett erst 8 bis 10 Jahre spater richtig bekannt. Dazu beigetragen haben Mitarbeiter der Christoph-Dornier- Stiftung, die sich um Offentlichkeitsarbeit in den Medien bemuhen, ebenso wie Margraf & Schneider mit ihrem Buch ,,Panik“ (erste Auflage 1989, zweite 1990), das viel Aufsehen in der Fachoffentlichkeit erregt hat. Davor wurden Patienten, die unter Panikerleben litten, oft diffus mit ,,psychovegetativer Dystonie““ oder ,,psychovegetativem Syndrom“ diagnostiziert und blieben unangemessen behandelt. Leider kommen heute noch genugend Patienten in die psychotherapeutische Praxis, die jahrelang an die Ketten solcher Diagnosen gelegt wurden.[3]

Einleitung

Wie sehen denn solche Angstzustande uberhaupt aus? Kennen Sie, kenne ich vielleicht „Anfalle“ wie die folgenden?

Charles Darwin (1809 — 1882) scheint bereits unter einer derartigen psychologischen ,,IKrankheit“ gelitten zu haben, jedenfalls unter einer, die der panikartigen Angst auffallend ahnelt (Barloon et al., 1997): In Auf- zeichnungen, Briefen und Tagebuchern beschrieb er Attacken, die ganz plotzlich begannen und ihn am Ende vollig ausgelaugt liessen. Zu diesen Anfallen gehorte Herzrasen, Kurzatmigkeit, ,,ein schwimmender Kopf‘, Zittern, Weinen, Magenbeschwerden, das Empfinden, ,,auf Luft und Visionen zu laufen“ und das Gefuhl sterben zu mussen.

,,Die andauernden Attacken... machen das Leben zu einem unertraglichen Argernis und zwingen mich, mit dem Arbeiten aufzuhoren“, schrieb er 1878 an einen Freund.[4]

Frau N. ,, Vor funfjahren — kurz nach Ostern — bekam ich plotzlich Herzschmerzen. Monatelang versuchte ich zunachst, diese Schmerzen als harmlos zu verdrangen, schliesslich hatte ich doch schon immer Sport getrieben und war nie ernstlich krank gewesen. Doch schliesslich kam zu diesen Herzbeschwerden eine solche Unruhe, die sich an einem Wochenende derart steigerte, dass ich mich an meinem Mann klammerte, weil ich meinte, ich musse sterben. Ein Gefuhl von Angst kroch plotzlich in mir von meinen Fussen die Beine hoch, den Rucken entlang in den Nacken, in die Fingerspitzen, in den Kopf. Mein Herz schlug heftig, ich zitterte und bekam Schuttelfrost. Es war, als wenn ich in ein dunkles Loch gestossen wurde. Eine Angst, wie ich meinte, die aus dem Nichts kam. Sie verschwand nach kurzer Zeit wieder, und ich blieb wie vollig er- schopft zuruck. Und von diesem Tag an erlebte ich diese Angstattacken immer und immer wieder; sie uberfielen mich regelrecht beim Einkaufen, auf der Strasse, im Auto, beim Essen, im Bett, bei Besuchen.[5]

Silvia berichtet: ,,Bis zu meinem 26. Lebensjahr verlief eigentlich alles "normal". Verheiratet, guter Job, rundum zufrieden. Die Geburt meines zweiten Sohnes war die so genannte "Kronung!" Als der Kleine drei Monate alt war, da passierte ES! Eines Morgens erwachte ich mit komischen Gefuhlen. Ein Unwohlsein das ich nicht einordnen konnte. Schwindelgefuhle, Herzrasen, Ubelkeit und ein Gefuhl der Unwirklichkeit. Von Tag zu Tag wurde es akuter, was mich dann auch zum Arzt bewog. Dieser schickte mich achselzuckend wieder nach Hause. Organisch alles in Ordnung. Weitere Wochen vergingen. Jeden Abend die Angst, dass es morgen wieder so sein wird. Alleine zu Hause sein war nicht mehr moglich. Dieses Gefuhl man bricht zusammen und niemand ist da der dir helfen kann. Dieses Unwohlsein, dieses Gefuhl im Kopf, als ware alles betaubt. So musste sich das Sterben wohl anfuhlen, war damals mein Gedanke. Weitere Arztbesuche bis hin zu Spezialisten hatten zu nichts gefuhrt.

Niemand wusste was ich habe. Keine medizinischen Befunde. Aber mir war, als hatte ich eine schlimme Krankheit. Niemand konnte mir sagen wie diese IKrankheit heiBt. Ich war nicht mehr in der Lage das Haus zu verlassen und brauchte stets jemand um mich, damit es einigermaBen ertraglich war. Zusatzliche Platzangste plagten mich. Angst vor der Angst saB in meinem Nacken! Ich verlor meinen Job und musste zusehen wie meine Selbstandigkeit und Spontaneitat dahin schwand.

Die Jahre vergingen und die Panik-Attacken wurden immer weniger. Durch Zeitschriften und Fachlekture konnte ich endlich erfahren, um welche Krankheit es bei mir ging. Endlich konnte ich es beim Namen nennen und reagieren. (Panikstorung mit Verlauf zur chronischen Agoraphobie) Ich weigerte mich stets Psychopharmaka einzunehmen, stattdessen versuchte ich es mit ,naturlichen’ Mitteln. Einiges hatte mir geholfen und ist bis heute noch eine ,Notfallkrucke’. Mein Angstfrei-Radius, so nenne ich das angstfreie Gebiet, wurde immer weiter. Jahrelang begnugte ich mich mit diesen knappen 10 Kilometern. In diesem Radius konnte ich mich wieder einigermaBen frei bewegen und ich war damit zufrieden. Sobald ich diesen uberschreiten wollte, ergriff mich wieder die Panik und so lernte ich, mich und meine Umwelt zu belugen und alles so zu arrangieren damit ich diese Grenze nicht ubertreten musste. In Begleitung von verstandnisvollen Menschen hatte ich keine Panik-Attacken, nur wenn ich alleine war ergriffen sie mich. Also hatte ich stets immer jemand um mich, damit ich wenigstens so tun konnte, als wurde ich ein "normales" Leben fuhren. Diese Angste sind nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Vor etwa 8 Jahren bekam ich noch gesundheitliche Probleme in Form von grossem Gewichtsverlust und Magen-DarmstorungenA[6]

Bei den Fallbeispielen habe ich die Geschichte von Silvia zu Ende gebracht. Personlich hatte ich mit ihr per E-Mail Kontakt. Heute sagt sie, dass sie mit der Angst gelernt hat umzugehen, doch im Griff hat sie es noch nicht!. Selbst sagt sie: ,,Ohne der Glaube an sich selbst und lernen sich zu lieben wie man ist... wird man’s kaum schaffen.“ Fachliche Hinweise bekommt man an der Uni Bern beim Prof. Grawe. Dieser und seine Gattin steuern in Zurich eine Therapiestation fur ,,Angstpatienten“ Selbst hat Silvia drei Sitzungen davon in Anspruch genommen.

Im Prinzip konnte jeder, der fur Angsterleben disponiert ist, vor allem und jedem Angst bekommen. Wovor er sich schliesslich furchtet, hangt weitgehend von den Lebensumstanden und dem kulturellen Umfeld ab. Es scheint jedoch eine Reihe besonders typischer, kulturell gepragter Angstinhalte zu geben, die Menschen leichter erlernen. Es sind immer Situationen und Gegebenheiten, die in Wirklichkeit nicht gefahrlich sind. Besonders haufig furchten Betroffene sich vor Orten, in denen sie sich eingeengt fuhlen. Die unbegrundeten Angste konnen Intensitaten erreichen, die in Lebensfuhrung und Wohlbefinden einengen und behindern, wie bei Darwin. Sie sind damit zur Angststorung geworden.[7]

Psychiatrische Klassifikation von Angststorungen

1) Der Begriff „Angststorung“ und die Fragwurdigkeit seines theoretischen Hintergrundes

Die Benutzung von verschiedenen Begriffen in Beziehung mit Angstphanomenen hat zwei Traditionen erschaffen (Smoller et al., 1998): Die erste Tradition steht der Klinischen Psychiatries nahe und hat ,,katego- rische Diagnosen“ erschafft. Die zweite Tradition geht aus der psychologischen Forschung hervor; bei der Untersuchung von Angstphanomenen liegt die Konzentration zunehmend auf ,,dimensionalen Eigenschaften und dem angstlichen Temperament". Hieraus ist zu erkennen, wie sehr Zufall, Willkur und Festsetzungen die Nosologieiv von Angststorungen beeinflussen.

Unter anderem weil der Begriff ,,psychische Erkrankung" unzumutbar Vorurteilsbeladen erscheint, wurde dieser im ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 1991) durch das Wort ,,St6rung" (disorder) ersetzt — in Abhebung vom ICD-9 und in Anlehnung an das DSM-III-R/IV der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft APA (1987 und 1993, deutsche Version 1993, 1998). Statt ,,psychosomatische Erkrankung" sind Worte wie ,,somatoforme“ oder ,,funktionelle Storung" eingefuhrt worden. Das sind Begriffe, von denen uber verschiedene Kulturen hinweg eine vergleichbare Bedeutung angenommen wird. Daraus wird ersichtlich, dass alle psychologischen und psychiatrischen Klassifikationen eigentlich ganz willkurliche Zasurenv sind.

Die Kulturabhangigkeit und Verganglichkeit von psychiatrischen Klassifikationen lasst sich an dem diagnostischen Etikett ,,Angstst6rung" recht gut ablesen: Es verdrangt mittlerweile auch in Deutschland die Bezeichnung ,,Angstneurose" Gestutzt auf Kleins (1964) Beobachtungen der unterschiedlichen Reaktionen von Angstpatienten auf Psychopharmaka, kam es im DSM-III der APA (1980) zur Umwandlung der fruheren Diagnose ,,Angstneurosevi" in die differenzierteren psychiatrischen Klassifikationen ,,Panikst6rung" und ,,Generalisiertes Angstsyndrom". Nicht ohne Kritik wurde das DSM-III in Europa angenommen. Einmal sei der Zugang zu Symptomen und Syndromen nicht ausreichend theoretisch fundiert, zum anderen wurden quantitativen Aussagen gegenuber Verstandnis und Empathievii bevorzugt. Ausserdem wurde das DSM-III zu sehr von typisch amerikanischen Werten, wie Pragmatismus™ und Glaube an Veranderung, getragen (Pichot, 1997).

Panikattacken und Agoraphobie treten oft gemeinsam auf. Dennoch unterscheiden sich beide Angstpha- nomene deutlich voneinander: Es gibt Panikattacken ohne agoraphobische Angste und umgekehrt Agora- phobiker ohne gegenwartiges Panikerleben.

Nachdem die APA im DSM-R-III (1987) die psychiatrische Klassifikation ,,Agoraphobie mit und ohne Panikstorung" eingefuhrt hatte, konzentrierte sich das Interesse der Angstforscher gegen Ende der 80erjahre vermehrt auf Panikerleben. In den meisten Fallen durfte Panikerleben eine bedeutsame Rolle spielen in der Entstehungsgeschichte einer Agoraphobie. Umgekehrt zeigen viele Panikpatienten in geringfugigem Masse auch Meideverhalten (Salkovskis, 1988).

Trotz aller Fortschritte in der Angst- und Therapieforschung gibt es bislang noch keine allgemeingultige Angsttheorie zur Erklarung der den Angstsymptomen zugrunde liegenden Gesetzmassigkeiten. Verschiedene Entstehungsmoglichkeiten werden diskutiert: Einfluss von Konditionierung, Modelllernen und negativen Informationsprozessen. Sehr wahrscheinlich spielen biologische Bedingungen, eine Sensibilitat fur Angst und personliche Eigenschaften ebenfalls eine fordernde Rolle.[8]

2. Die Klassifikation der Angststorung und epidemiologische Ergebnisse

Entsprechend internationaler Gewohnheit werden die klinisch-diagnostischen Leitlinien von I CD-10 und DSM-IV fur die Diagnose und Behandlung von Angststorungen eingesetzt. Die Angstbeschwerden werden dort jeweils auf mehreren Ebenen beschrieben und zu bestimmten situativen Bedingungen und deren Wechselwirkungen in Beziehung gesetzt (Moller, 1994; Reinecker, 1993). Unbegrundete, storende Angste werden als Panikattacken, Panikstorung, Agoraphobie, einfache und spezifische Phobie, soziale Phobie oder generalisierte Angststorung diagnostiziert. Zwangsstorungen und posttraumatische Belastungssyndrom kon- nen eigentlich nicht als Angststorung im engeren Sinne betrachtet werden (Hand, 1991). Konversions-, Somatisierungs- und hypochondrischeix Storungen werden ab und an mit Angststorungen verwechselt. De­pressive und dysthymiex Episoden sind oftmals die Folge von Angsterleben oder treten zusammen mit Panik auf.

Bei dieser Arbeit werde ich nun bei den ersten drei Angstbeschwerden naher eingehen. Panikattacken, Panik­storung und Agoraphobie. Wobei die Panikstorung mit Agoraphobie den Schwerpunkt ausmachen wird.

Sozial-epidemiologische Erforschungen liefern Informationen uber Entstehung, Verbreitung und Behandlung von psychischen Storungen. In der epidemiologischen Forschung wird zwischen zwei Haufigkeitsbegriffen im Hinblick auf das Vorkommen einer (psychischen) Storung unterschieden: Pravalenz bedeutet das gesamte Dasein der Storung an einem Stichtag, oder innerhalb eines bestimmten Zeitabschnittes. Meist werden Prava- lenzraten von 6 Monaten oder uber die gesamte Lebensspanne angegeben. Bis zu einem gewissen Grad lassen Pravalenzraten somit auch Ruckschlusse auf die Dauer einer Storung zu.

Unter Inzidenz hingegen wird das Neuauftreten einer Storung innerhalb einer bestimmten Periode verstan- den. So werden beispielsweise Neuaufnahmen in eine Klinik als Berechnungsgrundlage herangezogen. Da jede psychische Storung verschiedenartige Haufigkeiten, Geschlechtsverteilungen und Verlaufe offenbart, erscheint es sinnvoll, Pravalenz- und Inzidenzraten getrennt nach einzelnen Storungen anzugeben.

Alle epidemiologischen Daten uber Angststorungen sind Interviewergebnisse und damit im Grunde genommen rein subjektive Erklarungen, denn sie stehen auf retrospektiven Erinnerungen mit entsprechenden kognitiv-emotionalen Verzerrungen (vgl. Essau et al., 1998). Um eine grobe Rahmenvorstellungvon der Fulle des Auftretens psychischer Storungen zu vermitteln, werden die wichtigsten Ergebnisse der beiden renom- mierten amerikanischen Studien ECA (Epidemiological Catchment Area Study) und NCS (National Comorbidity Survey), einer Cross-National Collaborative Panic Study, also einer internationalen epidemiologischen Untersuchung von Angststorungen in 10 Landern (Weissman et al., 1997), darunter Frankreich, USA und Deutschland, sowie der deutschen MFS (Munchner-follow-up-Studie) genannt. In der Regel beziehen sich die hier vorgestellten Daten auf einen Periode von 6 Monaten (6-Monatspravalenzen).

Den Studien zufolge haben 11-12% der Bevolkerung (ECA) eine psychische Stoning. Alkohol- und Drogen- missbrauch nicht mitgerechnet. An reinen Angst­storungen leiden etwa 6-7% der Bevolkerung (6% laut MFS, 7,3% laut ECA), annahrend 3% an reinen depres- siven Storungen und 2% an einem gemischten Angst- und Depressionssyndrom. Auf 400 Millionen schatzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Zahl der Men schen, die unter psychischen Krankheiten leiden. GENF, 5. April: ,,Es gibt keinen ethischen, wissenschaft- lichen oder sozialen Grund, psychisch Kranke aus der Gemeinschaft auszuschliessen“, stellt die WHO fest. ,,Wir durfen keine Angst vor Menschen haben, die unter geistigen Krankheiten leiden. Jedem von uns kann das gleiche geschehen.“ Wichtig sei es, die ersten Symptome nicht falsch zu interpretieren: ,,Wagen wir, die Mythen und falschen Ideen in Frage zu stellen!“ (Weitere Informationen zu diesem Thema — siehe Fuss note).[9]

Die Pravalenzraten fur Angststorungen in den verschie- denen epidemiologischen Studien sind trotz der neuen, international gut angenommenen Klassifikationssysteme nicht ganz kongruent: Fur Panikstorung ohne Agorapho- bie werden 6-Monatspravalenzen von 0,6 bis 1,8% ange- geben und Lebenszeit Pravalenzen von 1,4 bis 2,4% (ECA und MFS). Die entsprechenden Pravalenzraten fur Agora- phobie mit und ohne Panikattacken sind 2,7 und 5,7% (6 Monate) und 3,4 und 9% (Lebenszeit-Pravalenz).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2. veranschaulicht den Teufelskreis von

- korperlichen Symptomen,
- die entdeckt und
- negativ bewertet werden,
- wodurch es zu mehr Panikerleben kommt und vergleichbar zu einer starkeren physiologischen Veranderung.[10]

Als Richtwerte konnen folgende epidemiologische Daten gelten: Agoraphobie mit und ohne Panikattacken kommt bei etwa 3,7% der Bevolkerung vor und eine reine Panikstorung (ohne Vermeiden) bei etwa 1% in den USA (Regier, 1990; Weissmann, 1990). Uber die Staatsvolker hinweg gibt es fur das Auftreten von Panikstorung allerdings eine Streuung von 0,2 in Taiwan bis 1,7% in Deutschland laut der internationalen epidemiologischen Vergleichsstudie (Weissmann et al., 1997). Eine entsprechende Verteilung von Angst- storungen wurde sogar unter 16-75jahrigen in dem zwergenhaften Land Island gefunden (Anarson et al., 1998): Das grosste Risiko fur Panikstorung und Agoraphobie tragen auch dort wiederum die Frauen, speziell Hausfrauen, Geschiedene und getrennt Lebende, Behinderte und Arbeitslose. Die Pravalenzraten fielen deut- lich niedriger aus bei den uber 45jahrigen Befragten, woraus sich ableiten lasst, dass mit zunehmendem Alter panikartige Angst nachlasst (Anarson et al., 1998).

Warum haben Madchen und Frauen mehr Angst und meiden auch mehr Angstbesetzte Situationen?

Dies hat wohl zu tun mit der spezifisch weiblichen Entwicklung, wie sie in unserer Leistungsgesellschaft ublich ist. Madchen werden vom Sauglingsalter an starker als Jungen zu mehr Zuruckhaltung, Unterordnung, weniger Aufbegehren und Aggressivitat angehalten und auf ihre Aufgaben in der Familie vorbereitet: Schon fruh lernen sie, sich auf ihre spatere Rolle als Ehefrau und Mutter, als Hauswirtschafterin und Pflegekraft in der Familie einzustellen. Sie verlassen mit durchschnittlich niedrigeren Abschlussen die Schule als diejungen und durchlaufen auch weniger qualifizierte Berufsbildungsgange.

So wie jede berufliche Sozialisation den Menschen pragt, werden Frauen auch von ihrer familiaren Rolle und den damit verbundenen Stressoren beeinflusst.

Fazit: Die Folgen dieser gesellschaftlichen und kulturellen Einflusse auf die Entwicklung der weiblichen Geschlechtsrolle sind ganz prinzipiell ein geringeres Selbstwertgefuhl. Die Folgen sind aber auch mehr Abhangigkeit, ein grosseres Sicherheitsbedurfnis, mehr Sorgen und Beschaftigung mit Krankheit, weniger Vertrauen in den eigenen Korper und damit eine hohere Angstbereitschaft. Frauen bekennen sich eher zu ihrer Angst, wahrend Manner die Definition ,,Angst“ haufig nicht akzeptieren wollen oder konnen.[11]

Wie sich in jungster Zeit besonders herausgestellt hat, beginnen Angststorungen auch im Kindes- und Jugendalter: Bei 12-13jahrigen Bremer Kindern sind Lebenszeitpravalenzen fur Agoraphobie 2,4% fur 14- 15jahrige Jugendliche bereits 4,9% und fur 16-17jahrige gar 5,2% (Essau et al., 1998). Im Alter von 15-18 Jahren kommt es oft zu Panikanfallen (NCS - Eaton at al., 1994). Global gesehen bricht Panikstorung mit oder ohne Agoraphobie bei Erwachsenen meist anfangs bis Mitte 20 aus, in Deutschland hingegen spater (durchschnittliches Alter bei Beginn 35,5Jahre), ebenso in Korea (32,1Jahre) (Weissmann et al., 1997).[12]

3. Panikattacken

Panikanfalle sind oftmals unerwartet auftretende heftige psychophysiologischeXi Zustande mit intensiver Furcht und Unbehagen, die situationsgebunden, situationsbegunstigend oder unabhangig von einer bestimmten Situation, also spontan, aufkommen konnen (DSM-IV).

Ein Panikanfall wird dann diagnostiziert, wenn mindestens 4 der folgenden 13 Symptome innerhalb von 10 Minuten erlebt werden (DSM-IV):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dreiviertel der Symptome des Angstgefuhls sind korperlich-vegetativer Natur, woruber Angstpatienten immer wieder uberrascht sind. Die physiologischen und motorischen Symptome unterliegen zudem nicht oder nur ganz wenig der bewussten Kontrolle, das sie vom autonomen Nervensystem gesteuert werden. Typisch ist ein Beginn mit Herzklopfen, Schmerzen in der Brust, Erstickungsgefuhl und/oder Schwindel. Fast immer stellt sich daraufhin beim Betroffenen die Befurchtung ein, er konne schwer krank sein, wie in Darwins Fall, oder das er stirbt, die Kontrolle uber sich zu verlieren oder wahnsinnig zu werden.

Da sich viele Angstattacken nicht auf bestimmte Umstande oder eine besondere Situation beschrankt, sind sie haufig auch nicht vorhersehbar. Weil die panikartige Angst oft crescendoartig ansteigt und sehr intensiv wird, verlassen die Betroffenen meist fluchtartig den Ort. Spontan auftretende Panikanfalle werden in meist vorher- sehbarer Weise mit bestimmten Situationen verknupft (McNally, 1990). Daraufhin steigt die Wahr- scheinlichkeit, dass der Betroffene sich vor solchen Situationen noch mehr furchtet, kunftig fluchtet, oder Hilfe sucht. Somit entwickelt er Agoraphobie.

Laut internationaler Panikforschung dauern Panikanfalle Maximum 20 bis 30 Minuten. Meist sind sie kurzer — 10 — 15 Minuten. Langer anhaltende Angstzustande kommen tatsachlich vor: Sie sind in der Regel jedoch nicht ganz so wild und werden zur Unterscheidung als ,,Angstepisoden“ bezeichnet (in Anlehnung an Basoglu et al., 1992).

Im NCS (National Comorbidity Survey) wurde ein reprasentativer Querschnitt der Bevolkerung im Alter von 15-54Jahren nach psychischen Storungen untersucht. 15% der Befragten gaben an, uber die gesamte Lebens- spanne hinweg Panikattacken erlebt zu haben. 3% dieser 8000 Befragten hatten im vergangenen Monat einen Panikanfall gehabt. Panikstorung beginnt haufig im Alter zwischen 15 und 19 Jahren. Das Risikoalter fur Panikerleben erstreckt sich von 15 bis 35Jahren (Eaton et al., 1994).

Eine Panikattacke ist zwar eine psychiatrische Klassifikation, jedoch keine codierbare Storung. Sie wird nur im Rahmen von signifikanten Diagnosen codiert, bei denen Panikanfalle eine Rolle spielen, wie z.B. der Panikstorung (DSM-IV).

4. Panikstorung (ICD-10: F41.0; DSM-IV: 300.01)

Eine Panikstorung wird nach DSM-IV dann diagnostiziert, wenn wiederholt unerwartet spontane, nicht mit einem situativen Ausloser verbundene Panikzustande wie ,,aus heiterem Himmel“ auftreten, gefolgt von der Befurchtung weiterer Panikanfalle uber mindestens einen Monat hinweg, mit anhaltender Besorgnis uber die Begleiterscheinungen oder Konsequenzen der Panikanfalle oder mit deutlichen Verhaltensanderungen als Folge (Kriterium A, DSM-IV, 1998).

Differentialdiagnostisch ist es wichtig, zu uberprufen, ob eine Agoraphobie vorliegt (B — entweder ist eine Panik­storung mit oder ohne Ago­raphobie), die Panikattacken nicht durch eine Substanz, wie Kaffee, Cannabis, Medi- kamente usw., oder durch eine Erkrankung, wie z.B.

Schilddrusenuberfunktion, ausgelost wurden (C) und nicht durch andere Angst- storungen, posttraumatische Belastungsstorung oder eine Trennungsangst, besser er- klart werden konnen (D).

[...]


[1] Angst bewaltigen, Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie S. V

[2] Panikstorung und Agoraphobie, ein Therapiemanual S. 7 erste Spalte

[3] Panikstorung und Agoraphobie, ein Therapiemanual S. 7 erste Spalte

[4] Panikstorungund Agoraphobie, ein Therapiemanual S. 11 zweite Spalte und S. 12 erste Spalte

[5] Angste, verstehen und uberwinden, Gezielte Strategien fur ein Leben ohne Angst S. 13

[6] http.//home.datacomm.ch/symphony/meine_angst.htm

[7] Panikstorungund Agoraphobie, ein Therapiemanual S. 12 erste Spalte

[8] Panikstorungund Agoraphobie, ein Therapiemanual S. 12 und 13

[9] Frankfurter Rundschau vom 06.04.01 / http://www.fr-aktuell.de/fr/102/t102005.htm

[10] Angst bewaltigen, Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie, S. 18

[11] Tiefgehendere Lekture in: Angst bewaltigen, Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie, S. 24ff

[12] Panikstorungund Agoraphobie, ein Therapiemanual S. 13 zweite Spalte und S. 14

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Panikstörung mit Agoraphobie
Untertitel
Jahresarbeit eines psychischen und psychosozialen Störungsbildes
Note
5
Autor
Jahr
2000
Seiten
48
Katalognummer
V149855
ISBN (eBook)
9783640607938
ISBN (Buch)
9783640607563
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schweizer Note 5 entspricht im Deutschen Notensystem einer 2
Schlagworte
Panik, Stoerung, Panikstörung, Agoraphobie, Angststörung, Kognitive Schritte, Angstbeobachtungsblatt, Angstphänomenen, ICD-10, DSM-III-R/IV, Vermeidung, Hyperventilation, Atemtechniken, Kanfers Sieben-Phasen-Modell, ABC der Gefühle, Edukation, Stressregulation, Selbstregulation, Gruppendynamik, Modellverhalten, Progressiven Muskelentspannung, Jacobson (PME), Spontanentspannungstechnik, systematische Desensibilisierung, Angstfragebogen, medikamentösen Behandlungen, Langzeit-Depressionsstudien, Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren, Kognitionen und Vermeidung von Angst, sela
Arbeit zitieren
Milazzo Giuseppe (Autor), 2000, Panikstörung mit Agoraphobie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149855

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Titel: Panikstörung mit Agoraphobie



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