Das sorbische Phonemsystem im Spiegel des Westslavischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

15 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Das sorbische Phonemsystem
1.1 Die sorbischen Vokalphoneme
1.2. Die sorbischen Konsonantenphoneme

2. Phonologische Entwicklungsprozesse des Sorbischen im Spiegel des Westslavischen
2.1 Der Konsonantismus
2.1.1 Die Konsonantenpalatalisierungen
2.1.2 Prothetische Konsonanten
2.1.3 Die westslavische Liquida-Metathese
2.1.4 Die g/h Isoglosse
2.2. Der Vokalismus
2.2.1 Die hohen jer-Vokale
2.2.2 Die hohen Langvokale /ī, y/
2.2.3 Die tiefen Vokale
2.2.4 Die hohen gerundeten Vokale /ū, ǖ/
2.2.5 Die urslavischen Nasalvokale

3 Fazit

0. Einleitung

Das Sorbische, die Muttersprache der indigenen slavischen Bevölkerung auf deutschem Territorium - der Sorben, gliedert sich in zwei Hauptdialekte, den obersorbischen und den niedersorbischen. Das Sorbische bildet unter den westslavischen Sprachen einen Übergang vom Lechischen zum Tschechisch-Slovakischen, wobei das Obersorbische dem Tschechisch-Slovakischen, das Niedersorbische dem Lechischen näher zu stehen scheinen.

Den Kern des Westslavischen bilden das Polnische und das Niedersorbische, mit erfaßt sind auch das Obersorbische, das Polabische und das Pomoranische.

Obwohl die beiden sorbischen Hauptdialekte eine große Anzahl von Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten untereinander und mit anderen westslavischen Sprachen aufweisen, kann man dennoch beträchtliche Unterschiede beobachten.

Die vorliegende Hausarbeit hat einen strukturalistischen Charakter, sie stützt sich auf die Grundlagen der strukturalistischen Sprachlehre, nach der die Sprache ein Zeichensystem mit bestimmten semantischen Funktionen ist. An dieser Stelle wird die phonologische Sprachebene ins Visier genommen. Bei der Darstellung phonologischer Entwicklungsprozesse in den gegebenen Sprachsystemen wird das Phonem wiederum in seinem klassischen "funktionalen" Sinne betrachtet, als „die Gesamtheit der phonologisch relevanten Eigenschaften eines Lautbildes“ (s. Trubetzkoy 1962:35) und kleinste lineare Einheit des Sprachsystems, das zur Bedeutungsunterscheidung dient, definiert. Es werden ebenfalls weitere Begriffe klassischer Phonologie aufgegriffen, wie Opposition - die Gegenüberstellung von Phonemen nach Zahl und Qualität der beteiligten phonologischen Merkmale (vgl. Trubetzkoj 1962:66)[1] - oder Korrelation - die eindimensionale privative Opposition, wobei das Korrelationsmerkmal phonologisch relevant sein muß (s. Bartschat 1986:87).

Im Rahmen dieser Hausarbeit werden das sorbische Phonemsystem und die Besonderheiten seiner phonologischen Entwicklung im Rahmen zweier Lautentwicklungsprozesse, wie Konsonantismus und Vokalismus, im Vergleich zu anderen westslavischen Sprachen dargestellt. Dabei wird sowohl auf die Affinitäten zu anderen westslavischen Sprachen als auch auf die Idiosynkrasien des Sorbischen hingewiesen.

1. Das sorbische Phonemsystem

1.1. Die sorbischen Vokalphoneme

Die sieben Vokalphoneme der beiden sorbischen Sprachvarianten, des Niedersorbischen und des Obersorbischen, sind die gleichen und lassen sich nach der Reihe (nach der Zungenstellung) und nach der Höhe (nach dem Grad der Mundöffnung) klassifizieren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(s. Panzer 1991:78)

Die ober- und niedersorbischen Vokale weisen bestimmte Übereinstimmungen in ihrer Realisierung auf, wie die fehlende phonologische Distinktion nach der Quantität.

Die sorbischen Vokale stehen nie im Anlaut, ausgenommen der Fremdwörter und der vier sorbischen Wörter a, abo, ale, ani. In den Fällen, wo die sorbischen Vokale im Anlaut des Wortes stehen, werden sie aspiriert (vgl. Trofimovič 1974:474).

/i/ wird im Sorbischen nach den weichen Konsonanten und nach /l, x, h, k, g/ realisiert.

/y/ ist die hintere Variante von /i/, die nach den harten Konsonanten auftritt.

/ĕ/ ist in beiden Sprachvarianten diphthongisch [iė, i] und kommt im Sorbischen nach /l, x, h, k/ und den weichen Konsonanten vor.

Die phonologischen Unterschiede zwischen den Vokalen der beiden Hauptdialekte lassen sich anhand ihrer Distribution veranschaulichen:

/ó/ ist im Obersorbischen ein etwa offenes [u] oder leicht diphthongisch [u°]. Im Niedersorbischen ist es diphthongisch [ou] oder [oe] und ist stark distributionell eingeschränkt. Es kommt nur nach den Labialen /b, p, m, w/ und den Velaren /g, k, x/ in betonter Silbe vor, sofern darauf kein Velar oder Labial folgt, z.B. góra. In allen übrigen Positionen steht das /o/. Laut Stone (vgl. 1998:189) ist der Laut /ó/ in den zentralen niedersorbischen Dialekten im Prinzip ungebräuchlich.

/e/ wird im Niedersorbischen vor /ń/ und /j/ sowie zwischen palatalisierten Konsonanten als geschlossenes /ė/ ausgesprochen, z.B. [Źėń, śėle].

Im Obersorbischen tritt vor allen palatalisierten und palatalen Konsonanten ein [j] auf, so daß der vorhergehende Vokal diphthongisiert wird: /dań/ = [dajn], /źeń/ = [źejn].

In unbetonten Silben sind alle Vokale kurz, in betonten Silben sind alle Vokale vor einem weichen oder erweichten Konsonanten gedehnt, vor einem harten Konsonanten dagegen sind /y/ und /o/, meist auch /e/, kurz (vgl. Śẃela 1952:2).

Der Wortakzent liegt in den beiden Sprachvarianten grundsätzlich auf der ersten Wortsilbe, wobei Negationen und Präpositionen den Ton auf sich ziehen.

1.2. Die sorbischen Konsonantenphoneme

Der größte Teil der obersorbischen Konsonantenphoneme deckt sich mit denen der niedersorbischen. Sie weisen Korrelationen nach der Palatalität und der Stimmenbeteiligung auf. Im Niedersorbischen fehlt bloß das weiche /c'/. Die sorbischen Konsonantenphoneme werden nach Artikulationsart und -stelle klassifiziert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(s. Panzer 1991:79)

Die Labio-Dentalen /v, f/ gehören zu peripheren Phonemen, da sie hauptsächlich in Fremdwörtern vorkommen und deutsche Artikulation aufweisen, z.B. fabrika, frizer, aktiwnosć.

Das bilabiale sorbische /w/ ist unsilbisch und wird als /u/ realisiert.

Genauso wie bei den sorbischen Vokalphonemen gibt es gewisse Unterschiede bei der Realisation der Konsonantenphoneme im Obersorbischen und im Niedersorbischen. Diese Differenzen sind ebenfalls durch die Distribution der Phoneme bedingt.

[ , ] kommen im Niedersorbischen nach /z/, nur als Varianten von /z, ź/ vor: pozdźej, w rozdze. Im Obersorbischen wird [ ] in veralteten Formen, wie D. Sg. Jadwidze oder Oldze verwendet.

Die Affrikate /c'/ kommt im Obersorbischen nur selten vor, als tř vor i, e geschrieben: tři, sotře. /z'/ kommt ebenfalls im Obersorbischen vor i vor. Dank ihrer Distribution werden /c'/ und /z'/ nicht als einzelne Phoneme bewertet, sondern nur als Allophone von /c/ bzw. /z/ (vgl. Panzer 1991:79). Im Aufsatz von Stone wird allerdings das /c'/ als ein selbständiges Phonem betrachtet (s. 1998:179).

Laut Panzer (vgl. 1991:79) kommen die Phoneme /ć, ź, ś/ nur im Niedersorbischen vor, im Obersorbischen nur /č, ž, š/, die in der Regel "weich" sind. /č/ kommt im Niedersorbischen selten vor, dafür meist /c/: cysty. Jedoch besitzt das Obersorbische nach Stone (vgl. 1998: 179) die Präpalatalen /ć, ź, ś/, die durch die Grapheme (in třasć) ž bzw. š wiedergegeben werden. Bei dem selben Autor (vgl. 1998:189) wird auch darauf hinwiesen, daß die weichen Präpalatalen /ć, ź, ś/ im Niedersorbischen eine Korrelation zu den harten Palatalen /č, ž, š/ bilden. Graphematisch werden im Niedersorbischen /ć, ź, ś/ als tś-ć, ź, ś bzw. /č, ž, š/ als tš-č, ž, š dargestellt. Was die graphematische Wiedergabe der Phoneme betrifft, besitzt nur das Niedersorbische die Grapheme ć, ź, ś.

[...]


[1] über die Arten von Oppositionen in Trubetzkoj (1962:66ff)

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Details

Titel
Das sorbische Phonemsystem im Spiegel des Westslavischen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Seminar für Slavistik)
Veranstaltung
Sprachkontakt und seine Konsequenzen im Fall Sorbisch
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V14988
ISBN (eBook)
9783638202374
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phonemsystem, Spiegel, Westslavischen, Sprachkontakt, Konsequenzen, Fall, Sorbisch
Arbeit zitieren
Oxana Karpenko (Autor), 2003, Das sorbische Phonemsystem im Spiegel des Westslavischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14988

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